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Headergrafik: Anja Pannewitz, Katja Sternberger, Catherina Sachse, Swantje Reimann; Fotograf: Bertram Haude

„Ein unangenehmer Spagat“ – Die Arbeitsteilung von Doppelkarrierepaaren

30. Oktober 2018 Kathleen Pöge

Wenn Doppelkarrierepaare Eltern werden, kann häufig nur noch eine Person erfolgreich eine Karriere weiterverfolgen. In heterosexuellen Partnerschaften ist das meist der Mann. Dementsprechend steigen in vielen Berufsfeldern Väter weiter auf, während die Karrieren von Müttern stagnieren oder gar abreißen. Meine kürzlich erschienene Interviewstudie Paare in Widerspruchsverhältnissen untersucht den Zusammenhang zwischen der partnerschaftlichen Arbeitsteilung und den Karriereverläufen von Frauen exemplarisch anhand von Ärztinnen und ihren Partnern längsschnittlich über einen Zeitraum von vier Jahren. Wenn beide PartnerInnen eine Karriere anstreben und über vergleichbare Einkommen verfügen, wie kommt es, dass meist Frauen die Kinderbetreuung übernehmen? Was kennzeichnet Paare, die von der ‚traditionellen‘ Arbeitsteilung abweichen?

Ein schwieriger Balanceakt: Karriere und Familie verknüpfen

Die Karrierenormen im medizinischen Feld setzen voraus, dass ÄrztInnen neben dem Beruflichen keine weiteren Verpflichtungen übernehmen. Beispielsweise sollte die fachärztliche Weiterbildung in kürzester Zeit absolviert werden, was aber nur geht, wenn die ÄrztInnen in Vollzeit arbeiten. Darin zeigt sich das männlich codierte Arbeits- und Karrieremodell. Unter den gegebenen strukturellen Bedingungen ist es für die Paare logistisch und karrieretechnisch am einfachsten, wenn eine Person die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung übernimmt und die andere Person weiter erwerbstätig ist – sprich, wenn eine asymmetrische Arbeitsteilung gewählt wird. Wenn Paare sich die Arbeit egalitär aufteilen, ist das mit großen Anstrengungen verbunden. Diese Arbeitsteilung wird häufig als aufwendig und anstrengend empfunden: „Ein unangenehmer Spagat“, was dazu führen kann, dass sie langfristig aufgegeben wird: „irgendwann muss man sich halt für eine Sache entscheiden“. Um auf längere Sicht eine ausgeglichene Arbeitsteilung zu praktizieren, wählen manche Paare die Strategie, sich in der Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung phasenweise abzuwechseln.

Diskriminierungen von werdenden Müttern

ChefärztInnen sind karrieretechnisch Gatekeeper. Dies ist gerade für werdende Mütter problematisch. Im Unterschied zu den Vätern der Studie berichteten fast alle Ärztinnen, dass sie durch Vorgesetzte diskriminiert wurden, nachdem sie die Schwangerschaft bekannt gegeben hatten. Solche Diskriminierungen reichten von abfälligen Bemerkungen wie beispielsweise „oje, naja, ist ja per se keine Krankheit“ bis zum Entzug einer bereits bewilligten Freistellung von der klinischen Arbeit für die Forschung. Diese Umstände legen für Frauen einen Karriereabbruch und die Übernahme der Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung nahe. Einige Frauen der Studie wandten sich von einer weiteren Karriere unter solchen Bedingungen ab und zogen es vor, entweder selbstbestimmter in einer eigenen Praxis oder an einem familienfreundlicheren nicht-universitären Krankenhaus zu arbeiten, in dem keine Forschungstätigkeit vorausgesetzt wird, um beruflich aufzusteigen. Andere hielten an ihren ursprünglichen Karriereplänen fest und wechselten beispielsweise ihre fachärztliche Spezialisierung, um nicht mehr mit den diskriminierenden Vorgesetzen arbeiten zu müssen.

Väter unter Begründungsdruck

Die Paare und ihre Entscheidungen sind in strukturelle Widerspruchsverhältnisse eingebettet. So setzt das Bundeselterngeld und Elternzeitgesetz (BEEG) widersprüchliche Anreize: es legt zwar durch die 12+2-Teilung einerseits eine ‚traditionelle‘ Arbeitsteilung nahe, indem der Mutter zwölf Monate Elternzeit und damit die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung zugewiesen wird. Andererseits wird der Vater durch die nahegelegte Teilung der Elternzeit nicht mehr unhinterfragt von der Kinderbetreuung freigestellt. Väter müssen nun stärker begründen, warum sie keine Elternzeit in Anspruch nehmen:

„Und dann kann man noch zwei Monate als Mann nachbuchen, wenn man das möchte. Möchte ich aber nicht. Also nicht aus Prioritätsgründen, sondern einfach, weil mir das zu wichtig ist, die Projekte, die ich jetzt da laufen habe.“

Das BEEG stützt und labilisiert damit gleichzeitig konservative Vorstellungen von Mutterschaft und Vaterschaft.

Aus der Zeit gefallen

Insbesondere Frauen sehen sich immer noch unvereinbaren normativen Ansprüchen an ihr Handeln gegenüber: Eine Karriere als Ärztin erfordert einerseits die Freistellung von außerberuflichen Verpflichtungen; die gesellschaftliche Vorstellung der ‚guten Mutter‘ erfordert andererseits eine ausschließliche Konzentration auf den familiären Bereich. Dass sich die karriereorientierten Ärztinnen am gesellschaftlichen Bild der ‚Mutter und Hausfrau‘ orientieren, ist anachronistisch und zeigt, dass sich die gesellschaftlichen Vorstellungen nicht mit den Lebensverhältnissen von Frauen mitgewandelt haben. Dass sich die Frauen an dieser Vorstellung orientieren, kann darauf verweisen, dass das medizinische Feld ein traditionell bürgerlich geprägtes Milieu ist und konservative Vorstellungen noch eine größere Selbstverständlichkeit genießen. Das normative Leitbild der ‚guten Mutter‘ passt zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die der Mutter die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung normativ zuweisen.

Kaum positive Rollenmodelle

Allerdings können sich Mütter und Väter auch auf gleichberechtigte Vorstellungen von Elternschaft beziehen, die eine ausgeglichene Arbeitsteilung begründen. Während diese Paare an das gesellschaftliche Ideal der Gleichberechtigung anknüpfen können, verfügen solche Paare, bei denen der Vater hauptverantwortlich für die Kinderbetreuung ist, über keinen positiven Bezugspunkt. In diesem Arrangement sehen sich insbesondere Mütter dem Vorwurf ausgesetzt, eine ‚schlechte Mutter‘ zu sein, während die interviewten Väter sich nicht stigmatisiert sehen, wenn sie keine Karriere machen oder phasenweise weniger zum Familieneinkommen beitragen. Die PartnerInnen verwerfen die gesellschaftlich hegemonialen Vorstellungen ohne sich dabei auf ein positives Rollenmodell beziehen zu können. Es gibt kein gesellschaftliches Wissen, um diese Form der Arbeitsteilung zu benennen und die Paare können dementsprechend nicht positiv darauf verweisen.

Das Schweigen der Paare

Häufig sehen die PartnerInnen die Dinge ganz unterschiedlich, reden aber nicht darüber:

„wir hatten ganz ursprünglich überlegt, dass wir‘s teilen. … Wie das dann kam, weiß ich nich. Das war mehr so mein Vorschlag, zwischendrin … bevor ich dann Elternzeit bin, hab ich mich manchmal so still und heimlich so‘n bisschen geärgert, dass das für ihn so selbstverständlich ist, dass ich zwölf Monate nehme und er nur zwei.“

Besonders in der Zeit, bevor das erste Kind geboren wird, unterscheiden sich die Vorstellungen über die zukünftige Arbeitsteilung der befragten PartnerInnen teilweise deutlich – offen darüber geredet wird jedoch nicht immer. Da Karriere meist eine Freistellung von außerberuflichen Verpflichtungen voraussetzt, stehen die Doppelkarrierepaare beim Übergang zur Elternschaft in einer strukturell bedingten Konkurrenzsituation. Dennoch sprechen die interviewten PartnerInnen häufig nicht offen über ihre Vorstellungen. Das liegt daran, dass das Formulieren und Verhandeln von individuellen Interessen sich nur schlecht mit einem romantischen Liebesideal verträgt, das darauf beruht, dass sich die PartnerInnen quasi blind verstehen.

Strukturelle Bedingungen im Paar reflektieren

Die gesellschaftlichen Strukturen legen eine asymmetrische Arbeitsteilung nahe und normative Leitbilder schließen daran an, indem sie der Frau die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung zuweisen. In den berichteten Diskriminierungserfahrungen der Frauen spiegelt sich ein ‚traditionelles‘ Milieu im ärztlichen Arbeitsfeld, das Müttern eine Karriere erschwert. Gesellschaftlich sind die ‚traditionellen‘ Vorstellungen jedoch auch unter Druck: Die Wirkung des BEEG zeigt, dass Väter nicht mehr völlig von der Kinderbetreuung freigestellt sind. Paare sind zudem in der Lage, sich von den strukturellen Vorgaben und konservativen Vorstellungen von Mutterschaft und Vaterschaft abzugrenzen, indem sie Strategien entwickeln, die Arbeit egalitär zu teilen und sich über gesellschaftlich hegemoniale Vorstellungen hinwegsetzen. Dazu müssen die Paare sich allerdings mit den strukturellen und normativen Bedingungen auseinandersetzen und sie im Paar reflektieren, und das heißt: miteinander darüber reden.

Das Buch von Kathleen Pöge „Paare in Widerspruchsverhältnissen. Die partnerschaftliche Arbeitsteilung von Ärztinnen beim Übergang zur Elternschaft“ ist 2018 im Verlag Springer VS in der Reihe Geschlecht und Gesellschaft erschienen.

 

Headergrafik: Anja Pannewitz, Katja Sternberger, Catherina Sachse, Swantje Reimann; Fotograf: Bertram Haude

Dr. Kathleen Pöge

Dr. Kathleen Pöge forscht gegenwärtig im Bereich Geschlechtertheorie, Intersektionalität und Gesundheitsberichterstattung. Nach ihrem Soziologiestudium in Leipzig und Paris war sie von 2008 bis 2012 Mitarbeiterin im BMBF-geförderten "KarMed"-Projekt. 2017 promovierte sie zur Arbeitsteilung von Doppelkarrierepaaren beim Übergang zur Elternschaft. Sie lehrte an den Universitäten Leipzig und Kassel und war Gastwissenschaftlerin an der Tel Aviv University.

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