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Alt, schwul, männlich? Positionierungen zu Männlichkeit von älteren schwulen Männern

28. Mai 2019 Lea Schütze

Wie ältere und wie schwule Männer zu sein haben, ist gesellschaftlich umrissen – aber ältere schwule Männer? Sie werden erst seit Kurzem sowohl in Verhandlungen der ‚Community‘, wie auch in altenpolitischen und alterssoziologischen Debatten stärker in den Blick genommen. Subjektivierungsweisen älterer schwuler Männer sind insofern besonders spannend für die Forschung, als sowohl dem Alter(n) wie auch Homosexualität bestimmte normative Texturen inne sind, die aber in der Selbstbeschreibung individuell angeeignet und ausgestaltet werden müssen, um für die Individuen und für andere ‚authentisch‘ und plausibel zu sein.

Hauptachsen der Selbstbeschreibung

Das Buch „Schwul sein und älter werden. Selbstbeschreibungen älterer schwuler Männer“ nähert sich dem Älterwerden schwuler Männer entlang einer Interviewstudie mit homosexuellen Männern zwischen 60 und 90 Jahren (Schütze 2019). Fokus der Studie ist dabei die intersektionale Komplexität der Selbstbeschreibung älterer schwuler Männer. Neben der Zugehörigkeit zu einem Milieu und Aspekten wie Gesundheit/Krankheit sind – wenig überraschend – Deutungen der Kategorisierungen alt/älter und schwul Hauptachsen der jeweiligen Selbstbeschreibungen. Beide sind dabei nicht voneinander zu trennen. Sie sind immer schon verwoben mit Verhandlungen der eigenen Männlichkeit sowie mit einer Abgrenzung zu anderen älteren und/oder schwulen Männern wie auch zu Frauen. Dabei ist die Selbstbeschreibung als Mann sowie als männlich gewissermaßen ‚bedroht‘ durch das (höhere) Alter wie auch durch die Selbstbeschreibung als schwul.

Pensionsschock und Feminisierung

Das Alter(n) kann für Männer insofern eine Herausforderung darstellen, als es sich insbesondere in Veränderungen hinsichtlich des (beruflichen) Status wie auch der körperlichen Verfasstheit zeigt. So wird die Verrentung von Männern viel häufiger als biographischer Bruch erlebt, da dadurch der im Beruf erfahrene Status zugunsten einer gefühlten Bedeutungslosigkeit (vgl. Gildemeister 2008) schwindet. Auch sind beim Ausscheiden aus dem Erwerbsleben soziale und finanzielle Ressourcen bedroht. Diesen Verlust an gesellschaftlicher Anerkennung spüren auch die befragten schwulen Männer in der vorliegenden Studie deutlich. Der „Pensionsschock“ (Gildemeister 2008, S. 202) stellt für die Interviewpartner eine „große Belastung“ dar; die Verrentung wird als „Demarkationslinie“ beschrieben. Ein Befragter verbindet die Erfahrung der Bedeutungslosigkeit im Rentenalter mit der Erfahrung der „Feminisierung“ (Tews 1990) seiner Lebenswelt: Als Hausmann fühlt er sich auf den Haushalt verwiesen, indem er typisch weibliche Tätigkeiten ausführen muss, die sein Selbstverständnis als Mann in Frage stellen. In dieser Verlusterfahrung von Struktur und Anerkennung setzen sich die befragten Männer deutlich in Bezug zur Genusgruppe Mann als Ganzes und grenzen sich von Frauen als den ‚Anderen‘ im Alter ab.

Körperliche Veränderungen im Alter

Neben der Entlassung aus Erwerbszusammenhängen stellen körperliche Veränderungen für alternde Männer häufig ein Problem dar, da sie häufig mit bestimmten Vorstellungen und Symbolen von Männlichkeit verbunden werden. Einschränkungen der Potenz und das Spüren anderer „körperlicher Grenzen“ führen für die Interviewpartner der vorliegenden Studie zu einer verminderten Kontaktsuche nach Sexualpartnern, zugleich wird die Bedeutung sexueller Aktivität für das eigene Selbstkonzept im Alter deutlich abgeschwächt. Zu akzeptieren, dass es körperlich nicht mehr so geht, wird als Ausweis eines ‚guten‘, ‚gelingenden‘ Alter(n)s gesehen, ohne dass die Befragten ihre eigene Männlichkeit dezidiert in Frage stellen. So dienen Vorstellungen hegemonialer Männlichkeit auch im Alter als Referenzfolie, werden aber mit einer gewissen Gelassenheit und Distanz beobachtet. Wie ein Befragter es ausdrückt, sind die Bedeutung von Verrentung und der alternde Körper „nicht nur ne schwule Geschichte, sondern auch ja bei bei heterosexuellen Männern“ eine Herausforderung für die eigene Selbstbeschreibung. So thematisieren sich die Interviewpartner selbst als ‚typische‘ alternde Männer. Zugleich weisen die Befragten damit die Vermutung zurück, dass in schwulen Vergemeinschaftungen das Älterwerden als besonders problematisch verstanden wird, weil die sexuelle Attraktion dort besonders deutlich mit einer gewissen Altersgrenze verknüpft wird.

Alleine alt werden

Gleichzeitig formulieren sie bestimmte Aspekte, über die sie sich klar von (anderen) älteren Männern abgrenzen bzw. über die sie von anderen abgegrenzt werden. Hier wird Homosexualität als deutliche Grenzziehung deutlich, die zur Konstituierung eines spezifischen ‚schwulen‘ Alter(n)s genutzt wird. So hat die normative Verweisung von Männern auf Erwerbsarbeit eine biographisch gewordene Konsequenz für die Lebensphase Alter, die auf einen wesentlichen Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Älteren verweist: Ein Befragter spricht davon, dass schwule Männer, die „alleine alt geworden sind“ es leichter hätten als „einer, der eingebunden war in die Familie, wo sich vieles um ihn gekümmert hatte“. Demnach hätten schwule Männer gelernt, ihr Leben selbstständig zu gestalten, wohingegen Heterosexuelle abhängig von ihren Familien seien, was im Alter zum Problem werden könne. Insbesondere die Angst vor dem Alleinsein sei daher bei schwulen Männern nicht im selben Maße ausgeprägt.

Gutes Altern als Arbeit am Selbst

Neben der Strukturierung des eigenen Lebens und der Organisation alltäglicher Lebensführung wird auch das eigene Identitätsverständnis als gänzlich unterschiedlich zu dem von heterosexuellen Männern erzählt. So passten sich heterosexuelle Männer (auch) im Alter einem „anerzogenen konservativen Stil an“, was bedeutet, dass „sehr viel Fernsehen geschaut, mal schön Essen gegangen wird“, aber dass sich „relativ wenig bewegt, was das eigene Ich betrifft“. Auch hier werden, wie bei den ‚typisch weiblichen Haushaltstätigkeiten‘ relativ stereotype Geschlechterrollen wiederholt, um die (dazu gegensätzliche) eigene Authentizität und Individualität in den Vordergrund zu stellen. So produzieren die Interviewpartner nicht nur eine standardisierte Vorstellung heterosexuellen Alter(n)s, sondern formulieren auch die immanente Gestaltungsfreiheit für das Alter(n) schwuler Männer, für das es keine determinierenden Subjektivierungsweisen gebe. Somit braucht es aber auch eine beständige Arbeit am Selbst, die die Befragten gleichsam zur normativen Richtlinie eines guten Alter(n)s erheben.

Altern abseits konservativer Zwänge

Verschiedene Bezüge zu Geschlecht werden also in Verbindung mit Alter(n) und Begehren für die Selbstbeschreibung bedeutsam gemacht. Dabei erleben die Befragten Geschlecht als Strukturmerkmal in der Hinsicht, dass sie einen typisch männlichen (und mittelschichtszentrierten) Erwerbsverlauf haben bzw. hatten, in dem die eigene (berufliche) Bedeutung und das damit zusammenhängende Prestige als wesentlich erzählt werden. Die Verrentung stellt darin einen Bruch für die Selbsterzählung als Mann dar. Einschränkungen der männlichen Sexualfunktion wie ein geringer werdender Wunsch nach sexueller Interaktion stellen ebenso typische Aspekte des Alter(n)s von Männern dar (vgl. Fooken 1986; 1999; Leontowitsch 2017; Sandberg 2013). Auch darüber erzählen sich die Befragten als ‚normale‘ Männer. Frauen werden als das Andere entworfen, die aufgrund ihrer lebenslangen Gewöhnung an Haus- und Heimarbeit vom „Pensionsschock“ verschont bleiben. In dieser Selbsterzählung als typischer alternder Mann praktizieren die Befragten weniger eine untergeordnete oder ‚schwule‘ Männlichkeit, sondern betonen die geteilten Voraussetzungen des Alter(n)s von homo- und heterosexuellen Männern. Zugleich beschreiben sie sich als explizit nicht-heterosexuell lebend dort, wo es um den Selbstentwurf als alternder Mann geht. Abseits eines konservativen, einengenden Lebensstils wird das schwule Altern als Moment der Gestaltung und Freiheit für das eigene Identitätskonzept erzählt.

Ältere schwule Männer „unter der Treppe“

Auch in Selbstbezügen zu anderen Älteren insgesamt, zu jüngeren und zu anderen schwulen Männern wird die Notwendigkeit einer bestimmten Selbstthematisierung immer wieder sichtbar, die sich aus einem Mangel an be- und anerkannten Subjektpositionen des älteren schwulen Mannes speist. So drückt ein Befragter aus, dass sich ältere schwule Männer diskursiv „unter der Treppe“ befänden, also vor den Blicken der anderen verräumt, aber doch existent. So bewegen sich die befragten älteren schwulen Männer zwar in einem Stadium gesellschaftlicher Unsichtbarkeit, zugleich formulieren gerade diejenigen, die nicht ‚geoutet‘ leben, darin aber eine immanente Freiheit für den Selbstentwurf als schwuler Mann. Sowohl die Subjektivierung als schwuler wie als älterer Mann sowie an der Überkreuzung von Begehren und Altersphase müssen in ständiger Suche nach ‚Authentizität‘ selbstständig ausformuliert und angeeignet werden, was nicht zuletzt auf die vermeintliche diskursive Determiniertheit und subjektive Diffusität beider Kategorisierungen verweist.

Das Buch von Lea Schütze Schwul sein und älter werden. Selbstbeschreibungen älterer schwuler Männer ist 2019 im Verlag Springer VS in der Reihe Geschlecht und Gesellschaft erschienen.

Literatur

Fooken, Insa (1986). Gerontologie – eine Männerwissenschaft oder: Der Mann im Alter – das unbekannte Wesen? Zeitschrift für Gerontologie 19, 221–222.

Fooken, Insa (1999). Geschlechterverhältnisse im Lebenslauf. Ein entwicklungspsychologischer Blick auf Männer im Alter. In Birgit Jansen, Fred Karl, Hartmut Radebold & Reinhard Schmitz-Scherzer (Hrsg.), Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis (S. 441–452). Weinheim, Basel: Beltz.

Gildemeister, Regine (2008). Was wird aus der Geschlechterdifferenz im Alter? Über die Angleichung von Lebensformen und das Ringen um biografische Kontinuität. In Sylvia Buchen & Maja S. Maier (Hrsg.), Älterwerden neu denken. Interdisziplinäre Perspektiven auf den demografischen Wandel (S. 197–215). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Leontowitsch, Miranda (2017). Altern ist nicht nur weiblich. Das Altern als Feld neuer Männlichkeiten. In Tina Denninger und Lea Schütze (Hrsg.), Alter(n) und Geschlecht. Neuverhandlungen eines sozialen Zusammenhangs (S. 108–130). Münster: Westfälisches Dampfboot.

Sandberg, Linn (2013). Just feeling a naked body close to you: Men, sexuality and intimacy in later life. Sexualities 16(3–4), 261–282. https://doi.org/10.1177/1363460713481726

Schütze, Lea (2019). Schwul sein und älter werden. Selbstbeschreibungen älterer schwuler Männer. Reihe Geschlecht und Gesellschaft, Band 74. Wiesbaden: Springer VS. DOI: 10.1007/978-3-658-25712-5

Tews, Hans Peter (1990). Neue und alte Aspekte des Strukturwandels des Alters. WSI Mitteilungen 43, 478–491.

Zitation: Lea Schütze: Alt, schwul, männlich? Positionierungen zu Männlichkeit von älteren schwulen Männern, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 28.05.2019, www.gender-blog.de/beitrag/alt-schwul-maennlich/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20190528

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Dr. Lea Schütze

Lea Schütze ist Lehrbeauftragte an der KSH München im Bereich Gender Studies und Koordinatorin der Bildungsangebote für Neuzugewanderte bei der Landeshauptstadt München. Ihre Forschungsgebiete sind Gender & Queer Studies, Alterssoziologie, empirische Methoden der qualitativen Sozialforschung und Bildungssoziologie.

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