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Angst vor einer Mücke? Zu den Verschwörungsphantasien der Sprachfanatiker

12. Juni 2018 Sigrid Metz-Göckel

In der Sprachforschung sind Unworte Ausdrücke, die den Sachverhalt verfehlen oder grob diskriminierend und verletzend sind. Ich habe das Wort Genderterror zum ersten Mal in den „Sprachnachrichten“ gelesen und mich erschrocken gefragt, wofür das Wort steht: „In letzter Zeit ist der Genderterror als weiteres Ärgernis hinzugetreten, dem wir uns mit allen Kräften widersetzen. Auch hier bleibt der Staat als Hüter von Kultur und Bildung weitgehend stumm“ (Sprachnachrichten Nr. 76 (IV/2017: 2).

Der Begriff Terror bezeichnet eine Gewalt, die mit drastischer Rücksichtslosigkeit Menschenleben bedroht, die Staatengemeinschaft in Schrecken versetzt und zu Abwehrmaßnahmen herausfordert. Aber wer übt denn in unserer ‚freiheitlichen’ Gesellschaft, die sich bemüht, die freie Rede und Pressefreiheit zu achten, Genderterror aus, der Menschenleben bedroht oder gar kostet und dem man sich mit allen Kräften widersetzen muss? Ich sehe im demokratischen Spektrum niemanden. Genderterror ist meines Erachtens ein Unwort, weil es ein äußerst brutales Phänomen anzeigt und die imaginäre Vorstellung eines gewalttätigen Sachverhalts formuliert, dem keine Realität entspricht, also irreführend ist. Zudem ist es auch in sprachlicher Hinsicht ein „Wortungeheuer“, zusammengesetzt aus dem Englischen und Lateinischen, und stellt eine Verrohung der deutschen Sprache dar (s. Unworte des Jahres).

Umständlich, unverständlich und teils unschön – aber bedrohlich?

In letzter Zeit werden in der deutschen Sprache Geschlechteraspekte öffentlich diskutiert, weil Frauen nun in vielen Bereichen, die vorher frauenfrei waren, vertreten sind und sichtbar werden wollen. Daher gibt es neue Sprechvarianten, die alle Personengruppen ansprechen, die gemeint sind und sich angesprochen fühlen sollen, z. B. das Erwähnen beider Geschlechter bei der Anrede wie meine Damen und Herrn, Bürger und Bürgerinnen oder auch bei Berufsbezeichnungen wie Lehrerinnen und Lehrer, Staatssekretär und Staatssekretärin oder im Schriftlichen die Schreibweise mit dem großen Binnen I (ProfessorInnen), dem Unterstrich (Politiker_innen) oder dem Mittelsternchen (Assistent*innen), das aus der Informatik stammt u. a. m. Das ist umständlicher als bisher und für viele ungewohnt, teils auch unschön und unverständlich, zugegeben. Es drückt m. E. eine Suchbewegung nach der ‚besten‘ Ausruckweise aus. Aber wessen Leben wird dadurch bedroht oder wem schadet dies?

Sprache verändert sich mit der Gesellschaft

Für Viele irritierend ist in letzter Zeit hinzugekommen, dass die Aufteilung in Männer und Frauen dadurch problematisiert wird, dass die Homosexuellen in die heterosexuelle Struktur des Geschlechterverhältnisses nicht passen, ebenso wenig die Trans-, Inter- und Bisexuellen und Queers (LGBTI). Dies sprachlich zum Ausdruck zu bringen, geht einher mit dem Anspruch, auch Minoritäten sprachlich sichtbar zu machen und hat zu mehr oder weniger einsichtigen und praktikablen Vorschlägen geführt. Wer sich dem anschließen kann, verwendet die neuen Formen, aber keiner wird bedroht oder bestraft, wenn er oder sie es nicht tut. Formen wie Mitgliederinnen oder Deutschinnen habe ich – außer in den Sprachnachrichten (Nr. 71 (III/2016) nirgends gelesen und niemand benutzt sie, der seines Verstandes mächtig ist.

Reale Veränderungen finden in der Regel auch einen Niederschlag in der Sprache, nicht sofort und auch nicht eins zu eins. Aber die Sprache verändert sich im Gebrauch kontinuierlich mehr oder weniger. Auch der Duden reagiert darauf (Duden 2017). Von Sprachpolizei oder geistigem Terror zu reden, erscheint mir verfehlt und maßlos übertrieben. Dass es öffentliche Kontexte wie Verlautbarungen oder Formulare gibt, die z. B. ein drittes Geschlecht vorsehen und damit von der Dualität der Geschlechter abgehen oder das Sternchen verwenden wie neuerdings die GEW (nds 1-2017 und andere Medien), gehört sich eigentlich für eine demokratische Gesellschaft und schränkt die Freiheit Einzelner, die dies anders sehen, nicht ein. Zwar mag es Personen geben, die sich dadurch benachteiligt oder bedroht fühlen, aber ob sie dies nur befürchten oder wirklich Benachteiligungen erfahren, müsste methodisch überprüft und kann nicht einfach behauptet werden.

Information statt Angstmacherei

Ein leichtsinniger Gebrauch des Begriffs Terror, auch als geistiger Terror, erscheint mir als sprachliche Verrohung und Ausdruck von Gewaltphantasien, die andere bedrohen, die diese Phantasien nicht haben. Die Angleichung zwischen Männern und Frauen in der Bildung und Berufsmotivation mag für Teile der Gesellschaft verunsichernd wirken und kann öffentlich diskutiert werden, darauf aggressiv und ärgerlich zu reagieren, ist meines Erachtens kein intelligentes Verhalten. Wer sich seriös über die unterschiedlichen Wirkungen sprachlicher Varianten auf die mentalen Repräsentationen informieren will, sei auf folgende wissenschaftliche Literatur verwiesen:

Literaturhinweise

Ayass, Ruth (2008): Kommunikation und Geschlecht. Eine Einführung, Stuttgart (insbes. S. 32-36).

Duden (2017): Richtig gendern. Wie Sie angemessen und verständlich schreiben. Hrsg. Steinhauer, Anja/Gabriele Diewald.

Günthner, Susanne; Hüpper, Dagmar; Spieß, Constanze (Hrsg.). (2012): Genderlinguistik. Sprachliche Konstruktionen von Geschlechtsidentität. Berlin: De Gruyter.

Heise, Elke (2000): Sind Frauen mitgemeint? Eine empirische Untersuchung zum Verständnis des generischen Maskulinums und seiner Alternativen. In: Sprache und Kognition, 19, 3-13.

Kusterle, Karin (2011): Die Macht von Sprachformen: der Zusammenhang von Sprache, Denken und Genderwahrnehmung. Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel.

Reisigl, Martin und Spieß, Constanze (2017): Noch einmal: Sprache und Geschlecht – Eine Thematik von bleibender Aktualität. In: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie (OBST), Sprache und Geschlecht. Band 2: Empirische Analysen, Heft 91/2017.

Stahlberg, Dagmar und Sczesny, Sabine (2001): Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. In: Psychologische Rundschau, 52(3), 131-140.

Wänke, Michaela; Herbert Bless; Silja Wortberg (2003): Der Einfluss von „Karrierefrauen“ auf das Frauenstereotyp. Die Auswirkungen von Inklusion und Exklusion. In: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 34(3), 187-196.

Weitere Links:

Das Gendersternchen muss noch warten - Beitrag von Tilmann Warnecke auf tagesspiegel.de vom 08.06.2018

Tief in der Sprache lebt die alte Geschlechterordnung fort - Gastbeitrag von Henning Lobin und Damaris Nübling auf sueddeutsche.de vom 07.06.2018

http://feministisch-sprachhandeln.org/

Zitation: Sigrid Metz-Göckel: Angst vor einer Mücke? Zu den Verschwörungsphantasien der Sprachfanatiker, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 12.06.2018, www.gender-blog.de/beitrag/angst-vor-einer-muecke-zu-den-verschwoerungsphantasien-der-sprachfanatiker/

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Prof. (i. R.) Sigrid Metz-Göckel

Sigrid Metz-Göckel war von 1976 bis 2002 Professorin an der TU Dortmund und Leiterin des Hochschuldidaktischen Zentrums. Sie ist Mitglied des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW und Mitherausgeberin der Zeitschrift GENDER. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Bildungs- und Hochschulforschung: Koedukations- und Fachkulturforschung sowie Wissenschaftskarrieren in geschlechterdifferenzierender Perspektive. Sie hat 2004 die Stiftung Aufmüpfige Frauen gegründet.

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Kommentare

Paul Pfeffer | 08.04.2019

Liebe Frau Metz-Göckel,

ich stimme Ihnen zu in Ihrer Kritik an der teilweise verheerenden Diskurskultur zum Thema Gender. Da gibt es auf beiden Seiten zu viel Schaum vorm Mund. Ich stimme Ihnen auch zu in der Aussage, dass Sprachwandel von unten über den Sprachgebrauch stattfindet. Auch finde ich es gut, dass Sie sich gegen die Auswüchse des Genderns aussprechen. Wahrscheinlich wissen Sie aber auch, dass Ihre Meinung in sprachfeministischen Kreisen leider in der Minderheit ist. Die tonangebenden Aktivistinnen sprechen eine ganz andere Sprache. Da wird Diffamierung mit Diffamierung beantwortet, und man kann schlecht feststellen, wer den ersten Stein geworfen hat. Die Beiträge dazu im Netz sind allzu oft zwar meinungsstark, aber beklagenswert argumentationsschwach, und zwar auf beiden Seiten des Meinungsspektrums.

Meine Position zum Gendern ist eine kritische. Ich äußere aber nicht bloß eine Meinung, sondern unternehme den Versuch einer politischen und sprachwissenschaftlichen Begründung meiner skeptischen Einstellung zum Gendern.

 

Selten spricht einmal jemand im Zusammenhang mit den Themen "Gendern von Sprache" und "Geschlechtergerechtigkeit" die Diskrepanz zwischen Wunsch/Ideologie und Wirklichkeit/Alltagserfahrung an. Besonders beim Gendern von Sprache zeigt sich diese Diskrepanz sehr deutlich. Die Gender-Ideologie unterstellt, man könne durch Sprachpolitik eine Veränderung des Bewusstseins der Mehrheit in Richtung mehr Geschlechtergerechtigkeit erreichen. Werch ein Illtum!, möchte man mit Ernst Jandl sagen. Das Verhältnis von Sprache/Sprechen/Sprachgebrauch und Denken/Bewusstsein ist (zum Gück!) wesentlich komplexer, als es sich die Genderistinnen träumen lassen.

Sehr bedenklich finde ich zum Beispiel, dass in der Sprache von Kinderbüchern neuerdings nicht die gesellschaftliche Realität, sondern ein ideologiegetriebenes Wunschbild abgebildet wird. Das könnte man als Fantasiegebilde abtun, wenn es nicht so bierernst gemeint wäre. Was produzieren solche Wunschbilder bei Kindern? Sollen die Mädchen Müllfahrer werden und die Jungs Buchhändlerinnen? Soll ihnen suggeriert werden, was sie wollen sollen? Dazu gibt es sehr interessante Informationen: das norwegische Gender-Paradox (bitte googeln!) Vielleicht kennen Sie das aber schon.

 

Hier noch einige grundsätzliche Gedanken zum Gendern aus sprachwissenschaftlicher und politischer Sicht:

1. Das Gendern der Sprache ist bereits im theoretischen Ansatz falsch, weil der Impuls von der Gender-Ideologie ausgeht, nicht vom tatsächlichen Sprachgebrauch. Sprache verändert sich aber durch den Sprachgebrauch und nicht am sprachfeministischen Reißbrett. Sie verändert sich von unten nach oben, nicht umgekehrt, es sei denn, man betreibt bewusst Sprachpolitik in manipulativer Absicht.

2. In der praktischen Wirkung ist das Gendern der Sprache kontraproduktiv. Mehr Geschlechtergerechtigkeit wird nicht durch Sprachvorschriften erreicht, sondern durch politische und gesellschaftliche Veränderungen, wie sie in den letzten vierzig Jahren verstärkt stattgefunden haben. Dieser Prozess wird weitergehen, und die Sprache wird ihn angemessen abbilden. Das kann vielleicht etwas länger dauern, als bestimmte Aktivisten es sich wünschen. Eine feministische Sprachpolitik braucht es dazu nicht. Es ist – nebenbei bemerkt – schon irritierend, wenn ausgerechnet Menschen, die sich selbst für sensibel und achtsam halten, keine Skrupel haben, die Sprache zu misshandeln.

Letztlich geht es um Deutungshoheit und um Macht. Obwohl die Verfechter des Genderns eine kleine Minderheit sind, haben sie großen Einfluss. Ihr Hebel ist eine bestimmte Moral. Wer sich der neuen Sprachpolitik verweigert, gilt als rechts, frauenfeindlich, reaktionär, gestrig. Sachargumente aus der Sprachwissenschaft haben keine Chance, denn nicht die Sache – die Sprache – ist wichtig, sondern die „richtige“ Gesinnung. Der Mehrheit soll eine Sprachregelung verordnet werden, um das Bewusstsein in Richtung der Gender-Theorie zu verändern. Man kann das auch Manipulation und Bevormundung nennen. Geschlechtergerechtigkeit wird dadurch nicht befördert, eher im Gegenteil. Das Gendern der Sprache durch eine Minderheit erweist der Sache der Frauenemanziation einen Bärendienst, weil die Veränderungen im Kern sprachfremd sind und weil die große Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher Eingriffe „von oben“ in das Sprachsystem ablehnt.

Die Ablehnung ist oft intuitiv, weil die meisten Menschen wenig Einblick in das Sprachsystem haben, aber merken, dass da etwas in die falsche Richtung läuft. Die Zustimmung auf der anderen Seite ist oft blind, weil sie aus einer Mischung aus Unkenntnis über die Funktionsweise der Sprache, schlechtem Gewissen und falscher Solidarität mit feministischen Aktivistinnen erfolgt.

Bei Bedarf kann ich Ihnen die sprachwissenschaftlichen Details in Form eines kurzen Aufsatzes (Grammatik, Gender-Zeichen, Neologismen, Eingriffe ins Sprachsystem) nachliefern.

 

Beste Grüße, Paul Pfeffer

Sigrid Metz-Göckel | 14.05.2019

In den letzten Jahren wurden viele Vorschläge veröffentlicht, die das Geschlecht der Sprechenden und Angesprochenen differenzierter in den deutschen Sprachgebrauch zu integrieren versuchen. Wir befinden uns in einer Experimentierphase auf der Suche nach der besten und praktikabelsten Form, alle Geschlechter einzubeziehen. So gibt es das große Binnen-I, den Schrägstrich, den Unterstrich, das Sternchen (für Unbestimmtes und aus der Informatik stammend) u.a.m. Warum diese Differenzierung, die sich gegen das generische Maskulinum richtet, mit der alle mitgemeint sein sollen?

Das generische Maskulinum ist eine grammatikalische Form der deutschen Sprache, die bisher generalisierend Alle umfasst hat und die auch den Satzbau regiert. Im Unterschied zum Femininum, das sich nur auf Frauen bezieht (die Studentinnen), war das generische Maskulinum (Das Studentenwerk für Studenten und Studentinnen) bisher geschlechtlich unmarkiert. Das generische Maskulinum, so der Sprachforscher Helmut Glück, hat im Laufe der Zeit aber auch eine alltagssprachliche Zusatzbedeutung erhalten, die sich konkret auf die Geschlechter bezieht. Das Maskulinum wurde, so lässt sich folgern, im alltagssprachlichen Sprachgebrauch mit dem Sexus verbunden.

Das generische Maskulinum blieb in einer Zeit unmarkiert, als die Frauen und andere Minoritäten sich kaum an Forschung und kulturellen Diskursen beteiligten. In der Moderne und mit den demokratischen Entwicklungen sind Frauen in die kulturelle und politische Arena eingetreten, und fühlen sich im generischen Maskulinum nicht mitgemeint. Diese sprachkritische Haltung artikulieren im Wesentlichen auch weitere Gruppen, die sich nicht repräsentiert fühlen, und ist ein Ausdruck dessen, dass die grammatische Form des generischen Maskulinums wie das Femininum (inzwischen) geschlechtlich markiert ist.

Dies hat zugleich neue Forschungen angeregt, die empirisch untersuchen, ob Frauen mitgemeint sind. Die Forschungsbefunde zeigen klar, dass Personenreferenzen im generischen Maskulinum zu einem geringeren gedanklichen Einbezug von Frauen führen als alternative Sprachformen. Eine Aufforderung z.B. „Nennen Sie bitte 10 bekannte Schriftsteller oder Nennen Sie bitte 10 bekannte Schriftsteller und Schriftstellerinnen, ergibt unterschiedliche Ergebnisse. Und es werden unterschiedliche mentale Bilder stimuliert, je nach sprachlicher Benennung ob mit Binnen-I oder alternative Formen. Kurz: Das generische Maskulinum „privilegiert Männer“ und „verdrängt“ Frauen.

Der wissenschaftliche Diskurs zur geschlechterdifferenzierten Sprache in der psychologischen Forschung zu Sprachverwendung bzw. Sprachbedeutung ist methodisch kontrolliert (das Untersuchungsziel der Versuchsanlage ist nicht erkennbar) und die Ergebnisse sind in renommierten psychologischen Zeitschriften publiziert. Von Ideologie kann hier daher nicht die Rede sein. Diese ist eher bei denen anzunehmen, die wissenschaftliche Untersuchungsbefunde nicht zur Kenntnis nehmen und persönliche Vorstellungen in irriger Weise (also ideologisch) verallgemeinern.

Dass Sprache und Orthographie auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren und sich weiterentwickeln, wissen wir alle. Dass neue Sprachformen politisch begleitet oder vorangetrieben werden, zeigt die rechtliche Anerkennung eines weiteren Geschlechts. Der neuerliche Verweis auf die Stadtverwaltung in Hannover ist ein Versuch, mit der erweiterten Sprache zu operieren, wobei die Ergebnisse noch offen sind. Mehr Gelassenheit und Toleranz für Experimente in der Sprachverwendung scheinen mir geboten.

 

Literaturhinweise (Auswahl)

Elke Heise: Sind Frauen mitgemeint? Eine empirische Untersuchung zum Verständnis des generischen Maskulinums und seiner Alternativen. In: Sprache und Kognition – Zeitschrift für Sprach- & Kognitionspsychologie und ihre Grenzgebiete, No. 1/2 2000

Stahlberg, Dagmar/Sabine Sczesny: Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. In: Psychologische Rundschau, H.3, 131-140, 2001

Horvath, L. K. (2014). Counteracting or contributing to gender equality? The impact of gender-fair language in the work context. University of Bern, Bern.

Horvath, L. K., Merkel, E., Maass, A., Sczesny, S. (2016). Does Gender-Fair Language Pay Off? The Social Perception of Professions from a Cross-Linguistic Perspective. Frontiers in Psychology 6:2018. doi: 10.3389/fpsyg.2015.02018

Paul Pfeffer | 21.05.2019

Liebe Frau Metz-Göckel,

danke für Ihre Antwort auf meinen kritischen Beitrag zum Gendern von Sprache. Es ist schade, dass wir unseren Disput nicht Auge in Auge austragen können. Die Schriftform ist doch etwas schwerfällig für eine derart komplexes Thema.

Ich finde allerdings, dass Sie es sich in der Auseinandersetzung mit sprachwissenschaftlichen Argumenten zu einfach machen. Deshalb mache ich noch einmal einen Anlauf.

 

Das Gendern von Sprache ist aus folgenden Gründen problematisch:

- Gendern verkennt den Unterschied zwischen grammatischem „Geschlecht“ (Genus) und biologischem Geschlecht (Sexus). Das generische Maskulinum ist m Hinblick auf den Sexus neutral.

- Gendern sieht den Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken zu einfach.

- Gendern macht die deutsche Sprache hässlicher und komplizierter, für Deutsche schwerer lesbar und für Ausländer schwerer erlernbar.

- Gendern ist grammatisch zum Teil widersinnig. Die Neuregelungen sind häufig nicht verallgemeinerbar und schaffen viele neue Unklarheiten.

- Gendern geht in einigen Fällen gar nicht, weil die Begriffe nicht auf den Sexus bezogen werden können.

- Gendern etabliert für die deutsche Sprache eine unnötige Sonderrolle.

- Gendern literarischer Texte ist eine Zumutung für Dichter und Schriftsteller.

- Gendern kostet Geld (für neue Formulare, Broschüren, Anleitungen etc.), das sehr viel sinnvoller für andere Bereiche der Gleichstellungspolitik ausgegeben werden könnte.

 

Einige Bemerkungen zu den ersten beiden Punkten:

Der Zankapfel ist das generische Maskulinum. Die feministischen Sprachwissenschaftlerinnen und die Befürworterinnen des Genderns behaupten, im generischen Maskulinum "die Wähler, (der) Wähler" würden die Frauen unsichtbar gemacht. Bei einem Ausdruck wie "Wähler" würden (ausschließlich) Männer assoziiert. Die Sprachfeministen wirken deshalb darauf hin, dass zukünftig von Wählenden (oder Wähler*innen) gesprochen wird. In der substantivierten Partizipform (oder mit dem Gender-Stern) seien alle Geschlechter angesprochen. Diese Sichtweise ist aber nur nachvollziehbar, wenn man wenig Wissen über das Sprachsystem und die Gender-Brille auf der Nase hat. Sprachwissenschaftlich gesehen sind die generischen Pluralformen im Hinblick auf den Sexus neutral. Sie bezeichnen einfach nur Menschen, die wählen. Dass eine akademische Minderheit das nicht wahr haben will, liegt nicht an der Sprache, sondern an der Wahrnehmung dieser Minderheit.

In der geschriebenen, gegenderten Sprache sind mehrere Varianten im Umlauf:

Wähler(innen), Wähler/innen, WählerInnen, Wähler_innen, Wähler*innen, Wählx, Wählas.

Diese Schreibweisen sind streng genommen Verstöße gegen die deutsche Rechtschreibung. Ein Problem ist auch die Aussprache. Wie sollen z. B. der Gender-Stern, der Gender-Gap oder das x gesprochen werden? Nehmen die Befürworter des Genderns (z. B. Anatol Stefanowitsch) im Ernst an, dass sich bei den Sprecherinnen und Sprechern der deutschen Sprache der stimmlose glottale Verschlusslaut für die Aussprache des Gender-Sterns oder des Gender-Gaps durchsetzen werden?

Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, dass die deutsche Sprache an einigen Stellen männerlastig ist. Dass bei Ausdrücken wie "Ingenieur, Arzt, Experte" fast immer Männer assoziiert werden, liegt jedoch nicht an Böswilligkeit der Männer, sondern an den historisch entstandenen (aktuellen) Realitäten. Das wird sich erst dann ändern, wenn sich die Realitäten ändern, wenn also Frauen z. B. in nennenswerter Anzahl den Ingenieursberuf ergreifen. Bei Erzieher werden fast immer Frauen assoziiert. Auch das wird sich nur ändern, wenn mehr Männer sich für den Erzieherberuf entscheiden. Solche Veränderungen werden aber nicht durch die Sprache induziert, sondern durch politisches Handeln im Hinblick auf die Rahmenbedingungen und persönliche (Berufs-)Entscheidungen.

Die Sprache wird sich dann über den Gebrauch ebenfalls ändern, falls die Sprecherinnen und Sprecher eine Änderung für nötig und praktikabel halten.

 

Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt ist, dass die Gender-Aktivisten den Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken zu einfach sehen und die wahren Faktoren des Sprachwandels verkennen.

Sie unterstellen nämlich einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken nach dem Muster: Die Sprache beeinflusst das Denken, also müssen wir die Sprache ändern, damit sich das Denken ändert. Deshalb kann überhaupt erst die Idee aufkommen, dass über feministische Sprachpolitik (Gendern) ein neues Denken (Geschlechtergerechtigkeit) gefördert werden könnte.

Der Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken ist in Wahrheit wesentlich komplexer. Die Beeinflussung ist mindestens eine wechselseitige. Die Sprache beeinflusst das Denken, das Denken und noch mehr die gesellschaftlichen Realitäten sowie die kommunikativen Erfordernisse beeinflussen die Sprache. Die Sprache verändert sich jedenfalls nicht durch wie auch immer motivierte Eingriffe oder Empfehlungen, sondern durch den Sprachgebrauch. Nicht alle Veränderungen setzen sich durch, manche verschwinden auch wieder.

Festzuhalten ist, dass neue Begriffe und Formen in der Regel nicht durch Verordnung von oben entstehen, sondern auf Grund von Veränderungen in der gesellschaftlichen Realität. Das Internet als neue Technologie hat zum Beispiel in kurzer Zeit eine Menge neuer Begriffe hervorgebracht: "googeln, downloaden, scannen, bloggen usw." Auf der lexikalischen Ebene ist das relativ unproblematisch. Diese Begriffe werden wahrscheinlich in kurzer Zeit zu ganz selbstverständlichen Bestandteilen der deutschen Sprache werden. Auf der grammatischen Ebene ist der Sprachwandel wesentlich komplizierter.

Man darf erwarten, dass sich mit zunehmender Veränderung des Rollenverhaltens von Männern und Frauen auch das Sprachverhalten ändert. Das ist bereits geschehen durch die inzwischen selbstverständlich gewordene Verwendung weiblicher und männlicher Formen (z. B. Wählerinnen und Wähler). Wie sich das in Zukunft entwickelt, ist schwer vorherzusehen.

Oft wird argumentiert, es würden ja lediglich Vorschläge gemacht. Jeder könne es mit dem Gendern halten, wie er wolle. Das verkennt aber die Realität. Abgesehen davon, dass man nicht mehr von „Vorschlägen" sprechen kann, wenn ins Sprachsystem eingegriffen wird, ist das Gendern inzwischen durch feministische Sprachwissenschaftlerinnen sowie Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an Universitäten und anderen Institutionen zum (moralischen!) Standard erhoben worden.

Es ist zu hoffen, dass das Gendern Episode bleibt, weil es von der Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher nicht angewendet wird. Die die deutsche Sprache wird es abschütteln, wie sie schon so einige Eingriffe von verschiedenster Seite abgeschüttelt hat.

 

Fazit:

- Die aktuell geltenden Formen der deutschen Sprache reichen aus, um hinreichend zu differenzieren und auch die Frauen „sichtbar zu machen“.

- Die Sprache wird sich über den Sprachgebrauch in Richtung auf mehr Geschlechtergerechtigkeit wandeln, wenn in der gesellschaftlichen Realität mehr Gerechtigkeit erreicht ist.

- Unbedachte und ideologisch motiverte Eingriffe in das gewachsene Sprachsystem verursachen grammatisches Durcheinander. Sie schaffen viele neue Zweifelsfälle und sprachliche Unklarheiten.

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