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Angst vor einer Mücke? Zu den Verschwörungsphantasien der Sprachfanatiker

12. Juni 2018 Sigrid Metz-Göckel

In der Sprachforschung sind Unworte Ausdrücke, die den Sachverhalt verfehlen oder grob diskriminierend und verletzend sind. Ich habe das Wort Genderterror zum ersten Mal in den „Sprachnachrichten“ gelesen und mich erschrocken gefragt, wofür das Wort steht: „In letzter Zeit ist der Genderterror als weiteres Ärgernis hinzugetreten, dem wir uns mit allen Kräften widersetzen. Auch hier bleibt der Staat als Hüter von Kultur und Bildung weitgehend stumm“ (Sprachnachrichten Nr. 76 (IV/2017: 2).

Der Begriff Terror bezeichnet eine Gewalt, die mit drastischer Rücksichtslosigkeit Menschenleben bedroht, die Staatengemeinschaft in Schrecken versetzt und zu Abwehrmaßnahmen herausfordert. Aber wer übt denn in unserer ‚freiheitlichen’ Gesellschaft, die sich bemüht, die freie Rede und Pressefreiheit zu achten, Genderterror aus, der Menschenleben bedroht oder gar kostet und dem man sich mit allen Kräften widersetzen muss? Ich sehe im demokratischen Spektrum niemanden. Genderterror ist meines Erachtens ein Unwort, weil es ein äußerst brutales Phänomen anzeigt und die imaginäre Vorstellung eines gewalttätigen Sachverhalts formuliert, dem keine Realität entspricht, also irreführend ist. Zudem ist es auch in sprachlicher Hinsicht ein „Wortungeheuer“, zusammengesetzt aus dem Englischen und Lateinischen, und stellt eine Verrohung der deutschen Sprache dar (s. Unworte des Jahres).

Umständlich, unverständlich und teils unschön – aber bedrohlich?

In letzter Zeit werden in der deutschen Sprache Geschlechteraspekte öffentlich diskutiert, weil Frauen nun in vielen Bereichen, die vorher frauenfrei waren, vertreten sind und sichtbar werden wollen. Daher gibt es neue Sprechvarianten, die alle Personengruppen ansprechen, die gemeint sind und sich angesprochen fühlen sollen, z. B. das Erwähnen beider Geschlechter bei der Anrede wie meine Damen und Herrn, Bürger und Bürgerinnen oder auch bei Berufsbezeichnungen wie Lehrerinnen und Lehrer, Staatssekretär und Staatssekretärin oder im Schriftlichen die Schreibweise mit dem großen Binnen I (ProfessorInnen), dem Unterstrich (Politiker_innen) oder dem Mittelsternchen (Assistent*innen), das aus der Informatik stammt u. a. m. Das ist umständlicher als bisher und für viele ungewohnt, teils auch unschön und unverständlich, zugegeben. Es drückt m. E. eine Suchbewegung nach der ‚besten‘ Ausruckweise aus. Aber wessen Leben wird dadurch bedroht oder wem schadet dies?

Sprache verändert sich mit der Gesellschaft

Für Viele irritierend ist in letzter Zeit hinzugekommen, dass die Aufteilung in Männer und Frauen dadurch problematisiert wird, dass die Homosexuellen in die heterosexuelle Struktur des Geschlechterverhältnisses nicht passen, ebenso wenig die Trans-, Inter- und Bisexuellen und Queers (LGBTI). Dies sprachlich zum Ausdruck zu bringen, geht einher mit dem Anspruch, auch Minoritäten sprachlich sichtbar zu machen und hat zu mehr oder weniger einsichtigen und praktikablen Vorschlägen geführt. Wer sich dem anschließen kann, verwendet die neuen Formen, aber keiner wird bedroht oder bestraft, wenn er oder sie es nicht tut. Formen wie Mitgliederinnen oder Deutschinnen habe ich – außer in den Sprachnachrichten (Nr. 71 (III/2016) nirgends gelesen und niemand benutzt sie, der seines Verstandes mächtig ist.

Reale Veränderungen finden in der Regel auch einen Niederschlag in der Sprache, nicht sofort und auch nicht eins zu eins. Aber die Sprache verändert sich im Gebrauch kontinuierlich mehr oder weniger. Auch der Duden reagiert darauf (Duden 2017). Von Sprachpolizei oder geistigem Terror zu reden, erscheint mir verfehlt und maßlos übertrieben. Dass es öffentliche Kontexte wie Verlautbarungen oder Formulare gibt, die z. B. ein drittes Geschlecht vorsehen und damit von der Dualität der Geschlechter abgehen oder das Sternchen verwenden wie neuerdings die GEW (nds 1-2017 und andere Medien), gehört sich eigentlich für eine demokratische Gesellschaft und schränkt die Freiheit Einzelner, die dies anders sehen, nicht ein. Zwar mag es Personen geben, die sich dadurch benachteiligt oder bedroht fühlen, aber ob sie dies nur befürchten oder wirklich Benachteiligungen erfahren, müsste methodisch überprüft und kann nicht einfach behauptet werden.

Information statt Angstmacherei

Ein leichtsinniger Gebrauch des Begriffs Terror, auch als geistiger Terror, erscheint mir als sprachliche Verrohung und Ausdruck von Gewaltphantasien, die andere bedrohen, die diese Phantasien nicht haben. Die Angleichung zwischen Männern und Frauen in der Bildung und Berufsmotivation mag für Teile der Gesellschaft verunsichernd wirken und kann öffentlich diskutiert werden, darauf aggressiv und ärgerlich zu reagieren, ist meines Erachtens kein intelligentes Verhalten. Wer sich seriös über die unterschiedlichen Wirkungen sprachlicher Varianten auf die mentalen Repräsentationen informieren will, sei auf folgende wissenschaftliche Literatur verwiesen:

Literaturhinweise

Ayass, Ruth (2008): Kommunikation und Geschlecht. Eine Einführung, Stuttgart (insbes. S. 32-36).

Duden (2017): Richtig gendern. Wie Sie angemessen und verständlich schreiben. Hrsg. Steinhauer, Anja/Gabriele Diewald.

Günthner, Susanne; Hüpper, Dagmar; Spieß, Constanze (Hrsg.). (2012): Genderlinguistik. Sprachliche Konstruktionen von Geschlechtsidentität. Berlin: De Gruyter.

Heise, Elke (2000): Sind Frauen mitgemeint? Eine empirische Untersuchung zum Verständnis des generischen Maskulinums und seiner Alternativen. In: Sprache und Kognition, 19, 3-13.

Kusterle, Karin (2011): Die Macht von Sprachformen: der Zusammenhang von Sprache, Denken und Genderwahrnehmung. Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel.

Reisigl, Martin und Spieß, Constanze (2017): Noch einmal: Sprache und Geschlecht – Eine Thematik von bleibender Aktualität. In: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie (OBST), Sprache und Geschlecht. Band 2: Empirische Analysen, Heft 91/2017.

Stahlberg, Dagmar und Sczesny, Sabine (2001): Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. In: Psychologische Rundschau, 52(3), 131-140.

Wänke, Michaela; Herbert Bless; Silja Wortberg (2003): Der Einfluss von „Karrierefrauen“ auf das Frauenstereotyp. Die Auswirkungen von Inklusion und Exklusion. In: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 34(3), 187-196.

Weitere Links:

Das Gendersternchen muss noch warten - Beitrag von Tilmann Warnecke auf tagesspiegel.de vom 08.06.2018

Tief in der Sprache lebt die alte Geschlechterordnung fort - Gastbeitrag von Henning Lobin und Damaris Nübling auf sueddeutsche.de vom 07.06.2018

http://feministisch-sprachhandeln.org/

 

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Prof. (i. R.) Sigrid Metz-Göckel

Sigrid Metz-Göckel war von 1976 bis 2002 Professorin an der TU Dortmund und Leiterin des Hochschuldidaktischen Zentrums. Sie ist Mitglied des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW und Mitherausgeberin der Zeitschrift GENDER. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Bildungs- und Hochschulforschung: Koedukations- und Fachkulturforschung sowie Wissenschaftskarrieren in geschlechterdifferenzierender Perspektive. Sie hat 2004 die Stiftung Aufmüpfige Frauen gegründet.

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