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Antifeminismus – ein neuer alter Hut?! Ein Kommentar

02. Oktober 2018 Heike Mauer Uta C. Schmidt

Bereits 1902 veröffentlichte Hedwig Dohm (1831-1919) Überlegungen zum Antifeminismus, die bis heute aktuell sind. Erst eine historische Perspektive eröffnet den Blick dafür, dass das Aufkommen von Emanzipationsbewegungen mitunter Gegenbewegungen zu mobilisieren scheint und dass wir es nicht mit einem vollkommen neuen Phänomen zu tun haben. In einer solchen Lesart kann der gegenwärtige, sogenannte ‚neue‘ Antifeminismus auch als ein Zeichen für den Erfolg feministischer Politiken interpretiert werden. Dohms Intervention gegen den Antifeminismus ist daher nicht nur historisch von Interesse, sondern sie kann zugleich das Verständnis von – und die Intervention in – der Gegenwart leiten.

Die Motive des Antifeminismus sind noch aktuell

Der Begriff Antifeminismus wurde von Hedwig Dohm in Analogie zum Begriff des Antisemitismus geprägt (Maurer 2018, 43). Zugleich entwickelte Dohm eine Typologie, um Motive, Milieus und Diskurskontexte des Antifeminismus analysierbar zu machen: „Dem Ansturm gegen die Frauenbewegung liegen die verschiedensten Motive zugrunde. Sie klar zu stellen nehme ich vier Kategorien der Antifeministen an. 1. Die Altgläubigen. 2. Die Herrenrechtler, zu denen ich die Charakterschwachen und die Geistesdürftigen zähle. 3. Die praktischen Egoisten 4. Die Ritter der mater dolorosa. (Unterabteilung: die Jeremiasse, die auf dem Grabe der Weiblichkeit schluchzen.).“ (Dohm 1902)

Mit dieser Typologie machte Dohm die Vielschichtigkeit antifeministischer Motivlagen sichtbar: Sie folgte dabei nicht einer Abstraktion, sondern „Akteurstypen“, die ihr Denken interessensgeleitet positionieren: aus Angst vor Konkurrenz, vor dem Verlust angestammter Privilegien oder aus Selbstüberschätzung. Dohms „Ritter der mater dolorosa“ proklamieren einen vermeintlich positiven Bezug auf die Differenz der Geschlechter, um so Geschlechterungleichheiten festzuschreiben. Man findet diese Akteurstypen in modernisierter Form auch heute noch/wieder.

Antifeminismus ist mit anderen autoritären Ideologien verflochten

Es ist ebenfalls nichts vollkommen Neues, dass – z. B. im Kontext nationalistischer Politiken – antiemanzipatorische Ideologien miteinander verknüpft werden. Antifeminismus und Antisemitismus jedenfalls sind zwei ineinandergreifende Ideologien, die beide der Verkörperung des ‚Anderen‘ und der Konstruktion eines ‚reinen‘ Volkskörpers dienen. So werden dem ‚Juden‘ im rassistischen Antisemitismus spezifische Elemente des Weiblichen zugeschrieben, die auch im Antifeminismus geradezu obsessiv bearbeitet werden. In der Tradition des Christentums verkörpert die biologisch ‚andere‘ Frau das ‚Fleisch‘ und die ‚Materie‘, die dem männlichen ‚Geist‘ gegenüberstehen: „Durch die Zuschreibung von Weiblichkeit wird auch der ‚Jude‘ zu einer Gestalt aus Fleisch und Blut“ (von Braun 2015, 295), die nun auch leiblich als ‚Anderes‘ wahrgenommen werden kann. Mit dieser Effeminisierung geht eine spezifische Sexualität einher, die die biologistisch legitimierte heteronormative Geschlechterordnung als Grundeinheit nationalistischer Politiken zu zersetzen droht (vgl. Stögner 2017).

Antifeminismus als konstitutiver Teil rechtspopulistischen Denkens

Aktuell bricht sich diese Furcht vor einer ‚gesellschaftlichen Zersetzung‘ im Kampf rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen gegen das Gender-Mainstreaming Bahn, die sich europaweit in einem Aufwind befinden. Deshalb ist es wichtiger denn je, Antifeminismus nicht losgelöst von anderen antiemanzipatorischen und autoritären Strömungen und Ideologien zu betrachten und ihn in seiner Bedeutung für rechtspopulistische Bewegungen zu beschreiben.

Mit dem Kampfbegriff ‚Genderwahn‘ macht sich der Rechtspopulismus einen aggressiven Antifeminismus zu eigen, der gegen die Gleichheit der Geschlechter und gegen sexuelle Selbstbestimmung agitiert. Zu seinem Repertoire gehören die biologistische Festschreibungen von Zweigeschlechtlichkeit, die Ablehnung von Gleichstellungsmaßnahmen, eine radikale Gegnerschaft zu Abtreibung ebenso wie vehementer Widerstand gegenüber einem Dritten Geschlechtseintrag sowie der Ehe für alle. Geschlechterpolitische Errungenschaften werden jedoch zugleich instrumentalisiert, als ‚westliche Lebensweisen‘ kulturalisiert und in einem völkisch-rassistischen und islamfeindlichen Diskurs gegen Flüchtlinge und Migrant*innen gewendet.

Dies bedeutet, dass antifeministisches Denken nicht nur mit anderen Ideologien verknüpft, sondern durch konstitutive Widersprüche und Ambivalenzen gekennzeichnet ist, die sich in rechten und antifeministischen Lebenspraxen wiederfinden. Zugleich verweisen diese Ambivalenzen auf verschiedene Funktionen des Antifeminismus in nationalistischen Diskursuniversen und gesellschaftlichen Prozessen. In ihrer Widersprüchlichkeit nehmen antifeministische Diskurse eine zentrale Stellung in einer Politik des Autoritären ein, die nicht nur die Geschlechterverhältnisse stillstellen und dem demokratischen Handeln entziehen will, sondern gesellschaftliche Pluralität als „Wesensmerkmal politischer Gesellschaften“ insgesamt leugnet (Graf et al. 2017, 73).

Hochschulen waren und sind nicht frei von antifeministischen Ideologien ...

Hedwig Dohm hat sich ausgiebig mit Autoren auseinandergesetzt, die ihren Antifeminismus mit Mitteln der Wissenschaft zu legitimieren suchten und dabei auf ein ‚Alltagswissen‘ über die Geschlechter zurückgriffen. Sie kritisierte insbesondere Autoren, die, wie etwa Paul Julius Möbius oder Max Runge, biologistische und vermeintlich ‚medizinische‘ Argumentationen bemühten, um Frauen aus Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit auszuschließen. Dabei bediente sie sich wissenschaftskritischer Methoden wie die der Antiphrasierung, mit der bereits Vordenkerinnen in Mittelalter und Renaissance frauenverachtende Denksysteme zu dekonstruieren und zu ironisieren wussten (Schmidt 1994, 146ff). Auch damals war Geschlechterwissen ein umkämpftes Terrain.

Die gegenwärtig geführten Kämpfe und die diskursiven Arenen, in denen sie ausgetragen werden, sind jenen um 1900 zugleich in Bezug auf Argumentationsstrukturen und Funktionslogiken ähnlich und – werden politische Systeme, rechtliche Normen, aber auch gesellschaftliche Wertvorstellen und Gleichheitsorientierungen betrachtet – von ihnen verschieden. Zugleich stellen antifeministische Diskurse der Gegenwart nicht allein den Status und die Wissenschaftlichkeit der Geschlechterforschung in Frage, sondern sind Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit als Ganze. Denn letztlich propagieren sie ein reduktionistisches und rein szientistisches Verständnis von Wissenschaft, das die Methodologien und Epistemologien von Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften insgesamt in Frage stellt. Auch die Interpretationsleistungen und normativen Setzungen, die in den Natur- und Technikwissenschaften geleistet werden, werden verleugnet.

… die es wissenschaftlich zu analysieren und politisch zu bekämpfen gilt

Hedwig Dohm empfiehlt sich als frühe Medienkritikerin, wenn sie scharfzüngig analysiert, wie Äußerungspraktiken die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen, wenn sie zudem aufzeigt, wie diese die Vor- und Darstellungswelt prägen, mit der wir Wahrheit und Wirklichkeit erkennen. Sie beschrieb zudem luzide, die Medienwelt ihrer Zeit im Blick, ein Phänomen, das wir heute als „Echokammer“ oder „Filterblase“ bezeichnen. So schrieb sie 1902: „Solche unentwegt wiederholten Behauptungen wirken beinah wie die Riesenreklamen für irgendein Mittel, die uns in großen Städten oft jahrelang von allen Mauern, Säulen, Zäunen entgegengrinsen, bis sie uns förmlich hypnotisieren und – fast gegen unsern Willen – kaufen wir. Eine schlaue Taktik, die Begründungen und Widerlegungen der Frauenpartei zu ignorieren, denn – die Leute lesen in der Regel nur diejenigen Zeitungen, Journale, Bücher, die ihren Anschauungen entsprechen“ (Dohm 1902).

Warum drängen sich diese strukturellen Ähnlichkeiten zwischen der Zeit um 1900 und der Gegenwart auf? Was ist das Neue oder das historisch Spezifische an der aktuellen Situation? Und was lässt sich dem gegenwärtigen Antifeminismus entgegensetzen? Auch für die Geschlechterforschung gilt, diese Fragen unablässig zu verfolgen und historisch, gesellschaftstheoretisch, aber auch empirisch sozialwissenschaftlich auszubuchstabieren. Im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW hat eine Arbeitsgruppe zum Thema ‚Antifeminismus‘ gerade ihre Arbeit aufgenommen, die von den Autorinnen dieses Beitrags koordiniert wird.

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Dr. Heike Mauer

Dr. Heike Mauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Hochschul- und Gleichstellungsforschung, Intersektionalität sowie eine Politische Theorie des Rechtspopulismus.

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Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; Arbeiten und Interessen an der Schnittstelle von Raum, Repräsentation, Geschlecht, Macht.

 

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Kommentare

Christian | 07.10.2018

Wie grenzt ihr denn Kritik an feminismus von antifeminismus ab?

Heike Mauer | 09.10.2018

Feministische Politiken zielen darauf, soziale, aber auch staatsbürgerliche Gleichheit zwischen den Geschlechtern herzustellen. Damit dieses Projekt nicht in Androzentrismus umkippt, debattieren Feminist_innen auch untereinander, wie hierbei sozial, politisch, historisch-kulturell hergestellte, aber auch biologisch hergeleitete Geschlechterdifferenzen berücksichtigt werden müssen.

Insofern gehört die Kritik an ‚anderen‘ Feminismen, Kontroversen und Debatten immer schon zum Feminismus – oder besser den Feminismen – dazu. Der Unterschied zum Antifeminismus liegt hierbei jedoch auf der Hand: Antifeminismus lehnt die Ziele des Feminismus rundheraus ab, und delegitimiert feministische Anliegen. Zugleich nutzt der Antifeminismus die Kritik an einer bestimmten Form des Feminismus oftmals dazu, feministische Theorien, Politiken und Bewegungen als Ganze abzulehnen, zu dämonisieren und verächtlich zu machen. Und last but not least umfasst Antifeminismus – im Gegensatz zur kritischen Debatte über Feminismus – verbale oder sogar tätliche Angriffe auf feministische Akteur_innen: auf Frauen*, LGTBQIs und auf diejenigen, die sich für feministische Ziele einsetzen.

Antifeminismus befindet sich also in einer radikalen Gegnerschaft zu den Zielen von Feminismus, die bell hooks schon vor einer Weile in ein prägnantes Zitat zusammengefasst hat:

“Feminism is a movement to end sexism, sexist exploitation, and oppression.” (bell hooks: Feminism is for Everybody. Pluto Press 2000).

 

 

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