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Kein Platz für Jüdinnen? – Antisemitismus und Intersektionalität

03. November 2020 Randi Becker

In den letzten Jahrzehnten sind sich feministische Bewegungen und Theorien auch der Differenzen zwischen Frauen bewusst(er) geworden. Feminismus soll nicht mehr „nur“ für Frauenrechte kämpfen, er soll anerkennen, dass Frauen ganz unterschiedliche Erfahrungen machen und die Intersektionen unterschiedlichster Diskriminierungsformen ernst nehmen. Intersektionalität ist zum Buzzword sowohl feministischer Kämpfe als auch theoretischer Überlegungen geworden und trägt der Tatsache Rechnung, dass die weiße, bürgerliche Frauenbewegung lange die Interessen und Probleme Schwarzer Frauen, Arbeiterinnen, Transfrauen und vieler mehr ausgeblendet und zum Teil auch selbst zu deren Unterdrückung beigetragen hat. Parallel zu diesem Wahr- und Ernstnehmen der Differenzen, dem Thematisieren von Rassismus und Klassismus, tritt aber die feministische Unterstützung antisemitischer Kampagnen und Veranstaltungen immer deutlicher zutage. Trotz des Intersektionalitätsparadigmas scheinen also nicht alle Diskriminierungsformen in den Blick zu gelangen – Perspektiven von Jüdinnen werden häufig ausgespart.

Kein Platz für Jüdinnen?

Antisemitische Anfeindungen, wie etwa beim Chicago Dyke March 2017, machen das Fehlen intersektional-feministischer Sensibilisierung für und Reflexion von Antisemitismus deutlich: Drei Teilnehmerinnen, die mit einer mit Davidstern versehenen Regenbogenfahne am Marsch teilnahmen, wurden nach zahlreichen Anfeindungen anderer TeilnehmerInnen von den OrganisatorInnen gebeten, den Marsch zu verlassen. Eine der Teilnehmerinnen, Eleanor Shoshany Anderson, äußerte sich in der Jungle World zu dieser Erfahrung, die sie explizit mit einer Jüdinnen ausschließenden Idee von Intersektionalität verknüpft:

„In diesem Ausmaß habe ich so etwas noch nie erlebt. Beiläufigen Antisemitismus habe ich allerdings in der Linken schon erlebt, speziell in der queeren Linken. […] Manchmal fühlt es sich so an, als lasse diese Intersektionalität keinen Platz für Juden. Nach der Präsidentschaftswahl war es in der Linken sehr beliebt zu sagen, dass man jetzt für Schwarze, Muslime, Latinos, Frauen, Behinderte, Schwule einstehen würde. Das ist eine großartige Botschaft. Doch während ich das über 100 Mal gehört habe, wurden nur zwei Mal Juden in diese Statements eingeschlossen – und in einem Fall forderte der Sprecher direkt danach noch die Auflösung Israels“ (Schindler 2017).

Antirassismus, Anti-Antisemitismus

Warum erscheint es intersektional-feministischen Aktivistinnen selbstverständlich, ihren Feminismus als anti-rassistisch zu begreifen, ohne aber auch gleichermaßen einen Anspruch auf Anti-Antisemitismus zu formulieren oder zu praktizieren?

Die Zuspitzung von Intersektionalität auf Rassismus, verstanden vor allem als Ausgrenzung Schwarzer Personen und People of Colour, liegt in ihrem Entstehungskontext begründet: Intersektionalität als Idee und Konzept entwickelte sich aus der Feststellung Schwarzer Frauen wie den Aktivistinnen des Combahee River Collectives, dass rassistische, sexistische, heterosexistische und Klassenunterdrückung sich überkreuzen und daraus ganz spezifische Formen der Diskriminierung entstehen. Auch wenn darauf hingewiesen wurde, dass diese vier Kategorien für eine Erfassung aller Diskriminierungsformen nicht ausreichen, ist Antisemitismus als eine Dimension von Intersektionalität bis heute nicht Teil des Kanons. Aus seinen Wurzeln im Schwarzen Aktivismus heraus erklärt sich ebenso die Engführung des Rassismusbegriffs, der theoretisch diverse rassifizierte Gruppen einschließen könnte, auf die Unterscheidung weiß versus Schwarz.

Fallstrick der Intersektionalität

Auf diesen Fallstrick der Intersektionalität wiesen die Autorinnen Floya Anthias und Nira Yuval-Davis schon im Jahr 1983 hin, als sie schrieben:

„We also suggest, however, that the issue of the interrelationship of the different social divisions cannot focus only on black versus white women's position. This has the theoretical effect of singling out 'racism' as applicable only to 'black' women and focusses then on the colour rather than on the structural location of ethnic groups as determinants of their social relations. In addition an exclusive focus on 'racism' fails to address the diversity of ethnic experiences which derive from other factors like economic or political position. The notion of 'black women' as delineating the boundaries of the alternative feminist movement to white feminism leaves non-British non-black women (like us – a Greek-Cypriot and an Israeli Jew) unaccounted for politically“ (Anthias/Yuval-Davis 1983: 63).

Rassismus, gedacht als Unterdrückung Schwarzer durch Weiße, ist eine Facette von Diskriminierung aufgrund ethnischer oder zugeschriebener, religiöser oder kultureller Zugehörigkeit, kann aber in dieser dichotomen Sicht viele andere Facetten von Diskriminierung verdecken. Aus einem solchen Verständnis fallen nicht-schwarze Jüdinnen heraus und werden so per se als weiß und damit privilegiert verstanden. Diese Definition von Rassismus muss (viele Formen des) Antisemitismus also notwendigerweise ausschließen.

Ausbeutung und Vernichtung

Zudem kann Antisemitismus auch nicht ohne weiteres unter Rassismus subsumiert werden, da sich beide Diskriminierungsformen zwar ähneln und auch überschneiden können, aber auch wesentliche Unterschiede aufweisen: Gemeinsam ist beiden der Bezug auf das vermeintlich Naturhafte (Horkheimer/Adorno 1988: 178). Während der Rassismus aber als Legitimierungsideologie von ökonomischer Ausbeutung funktioniert, ist dem Antisemitismus ein Vernichtungswunsch inhärent:

„Den Arbeitern, auf die es zuletzt freilich abgesehen ist, sagt es aus guten Gründen keiner ins Gesicht; die Neger will man dort halten, wo sie hingehören, von den Juden aber soll die Erde gereinigt werden und im Herzen aller prospektiven Faschisten aller Länder findet der Ruf, sie wie Ungeziefer zu vertilgen, Widerhall" (Horkheimer/Adorno 1988: 177).

Im Anschluss an die Kritische Theorie Horkheimers und Adornos führten auch neuere VertreterInnen Kritischer Theorie diesen entscheidenden Unterschied der imaginierten Unterlegenheit oder Übermacht zwischen Rassismus und Antisemitismus weiter aus. Moishe Postone macht deutlich, dass die mangelnde Unterscheidung von Rassismus und Antisemitismus eine Konfrontation (der deutschen Linken) mit der NS-Vergangenheit unmöglich macht:

„Ein wichtiger Aspekt in der Konfrontation mit dieser Vergangenheit wäre der Versuch, sich mit der Beziehung von Antisemitismus und Nationalsozialismus auseinanderzusetzen; zu versuchen, die Vernichtung des europäischen Judentums zu verstehen. Das kann nicht gelingen, solange Antisemitismus als Beispiel für Rassismus sans phrase und der Nazismus als Ausdruck des Großkapitals und eines terroristisch-bürokratischen Polizeistaates verstanden wird. Auschwitz, Chelmo, Majdanek, Sobibor und Treblinka dürfen nicht außerhalb der Analyse des Nationalsozialismus behandelt werden. Sie stellen nicht einfach seine furchtbarste Randerscheinung dar, sondern einen seiner logischen Endpunkte. Keine Analyse des Nationalsozialismus, die nicht die Vernichtung des europäischen Judentums erklären kann, wird ihm gerecht“ (Postone 2005: 176).

Antisemitismus als Welterklärungsideologie

Solange also der Wunsch nach Vernichtung im Antisemitismus nicht ernst genommen wird und der Antisemitismus als bloßer Rassismus begriffen wird, ist Antisemitismus nicht verstehbar.

„Der moderne Antisemitismus […] ist eine Ideologie, eine Denkform, die in Europa im späten 19. Jahrhundert auftrat. […] Nicht nur Ausmaß, sondern auch Qualität der den Juden zugeschriebenen Macht unterscheidet den Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus. Alle Formen des Rassismus schreiben dem Anderen potentiell Macht zu. Diese Macht ist gemeinhin konkret, materiell und sexuell. Es ist die potentielle Macht des Unterdrückten […] in Gestalt des ‚Untermenschen‘. Die den Juden zugeschriebene Macht ist jedoch größer und wird nicht nur als potentiell, sondern als tatsächlich wahrgenommen. Sie ist vielmehr eine andere Art der Macht, die nicht notwendigerweise konkret ist. […] [Sie] wird durch mysteriöse Unfaßbarkeit, Abstraktheit und Universalität charakterisiert“ (Postone 2005: 178f.).

Der Charakter des Antisemitismus als Ideologie, als Denkform, unterscheidet ihn vom Rassismus: „Für den modernen Antisemitismus ist nicht nur sein säkularer Inhalt charakteristisch, sondern auch sein systemartiger Charakter. Er beansprucht, die Welt zu erklären“ (Postone 2005: 179).

Kritischer Feminismus ohne antizionistische Ideologie

Aktuelle Intersektionalitätsverständnisse bilden diese Besonderheit des Antisemitismus nicht ab. Antisemitismus wird bestenfalls als eine Unterform des Rassismus thematisiert, gar nicht mitbenannt oder mitgedacht, oder schlimmstenfalls in Form eines falsch verstandenen Antirassismus reproduziert. Antizionismus als eine Form der feministisch-antirassistischen Artikulation von Antisemitismus (vgl. Bertel/Vranković 2018: 101–117) findet sich zum Beispiel bei Angela Davis (vgl. Stögner 2019: 84–111), die mühelos von der Frage nach einer Definition von Black Feminism zur „Palästina-Frage“ kommt und damit deutlich macht, wie zentral Antizionismus für ihr Verständnis von intersektionalem Feminismus ist:

„Black women were frequently asked to choose whether the Black movement or the women’s movement was most important. The response was that this was the wrong question. The more appropriate question was how to understand the intersections and interconnections between the two movements. We are still faced with the challenge of understanding the complex ways race, class, gender, sexuality, nation, and ability are intertwined – but also how we move beyond these categories to understand the interrelationships of ideas and processes that seem to be separate and unrelated. Insisting in the connections between struggles and racism in the US and struggles against the Israeli repression of Palestinians, in this sense, is a feminist process“ (Davis 2016: 4).

Von identitätspolitischen Kämpfen zu feministischer Theoriearbeit

Intersektionaler Feminismus muss, wenn er seinem Anspruch, alle Diskriminierungsformen in den Blick zu nehmen, gerecht werden will, auch Antisemitismus als eine Dimension der Intersektionalität wahr- und ernstnehmen. Dazu braucht es einen Rassismusbegriff, der nicht nur dichotom in weiß/UnterdrückerInnen versus Schwarz/Unterdrückte unterscheidet. Es braucht FeministInnen, die Antisemitismus erkennen und benennen können, auch in seinen israelbezogenen Ausprägungen. Und es braucht eine Abkehr von ausschließlich identitätspolitischen Kämpfen hin zu feministischer Theoriearbeit, die Arbeit an den Begriffen Rassismus und Antisemitismus leistet. Ob dies im Rahmen des Intersektionalitätskonzepts möglich ist, steht in Zweifel – versuchen wir es trotzdem! Mit Karin Stögner gesprochen: „But instead of discarding intersectionality altogether, this abuse should motivate us to reclaim the concept for a critical feminism that is not driven by anti-Zionist ideology“ (Stögner 2019: 107).

Literatur

Anthias, Floya/Yuval-Davis, Nira (1983): Contextualizing Feminism: Gender, Ethnic and Class Divisions. Feminist Review, 15(1), 62–75. https://doi.org/10.1057/fr.1983.33

Bertel, Lisa/ Vranković, Oliver (2018): Boykott, Sanktionen, Frauenrechte, Antizionistischer Feminismus. In: Vukadinović, Vojin Saša (2018): Freiheit ist keine Metapher, Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik (S. 101–117). Querverlag: Berlin.

Davis, Angela (2016): Freedom is a constant struggle, Ferguson, Palestine, and the foundations of a movement. Haymarket books: Chicago.

Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. (1988): Dialektik der Aufklärung, Philosophische Fragmente. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main.

Schindler, Frederik (2017): Kein Platz für Juden. Jungle World, 26.06.2017. Zugriff am 02.11.2020 unter https://jungle.world/artikel/2017/26/keinen-platz-fuer-juden-0.

Stögner, Karin (2019): New Challenges in Feminism, Intersectionality, Critical Theory and Anti-Zionism. In: Rosenfeld, Alvin H. (Hrsg.): Anti-Zionism as Antisemitism, the dynamics of delegitimization (S. 84–111). Indiana University Press: Bloomingtion.

Zitation: Randi Becker: Kein Platz für Jüdinnen? – Antisemitismus und Intersektionalität, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 03.11.2020, www.gender-blog.de/beitrag/antisemitismus-intersektionalitaet/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20201103

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Randi Becker

Randi Becker studierte Sozialwissenschaften, Soziologie und Politische Theorie in Gießen, Frankfurt und Darmstadt. Sie ist Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und hauptamtliche Dozentin für politische Bilddung in einem Bildungszentrum. Sie promoviert an der Universität Passau und forscht, schreibt und lehrt zu Antisemitismus, Nationalsozialismus, Rassismus, Geschlecht und deren Verknüpfungen.

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