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Ausstieg aus der Wissenschaft – Problem oder gute Idee?

23. Oktober 2018 Sandra Beaufaÿs

Der Ausstieg aus der Wissenschaft sei ein Geschlechterproblem, so heißt es allenthalben. Frauen verlassen nach ihrem ersten Studienabschluss und auch noch nach der Promotion die Hochschulen häufiger als ihre Kommilitonen. Doch ein zweiter Blick lohnt und er sollte sich darauf richten, wohin diese Frauen gehen, welche Unterschiede sich je nach Fach und sozialer Herkunft zeigen und zu welchem Zeitpunkt es zu einem Ausstieg kommt. Zudem erweist sich die wissenschaftliche Laufbahn zunehmend als risikoreiche und wenig planbare Berufskarriere, die – gerade in Deutschland – geringe Gratifikationen bereithält und in der Sackgasse enden kann. Somit muss der „Ausstieg“ aus dem Hochschulsystem nicht notwendig als Problem (von Frauen) gelesen werden, sondern kann auch auf attraktivere Bedingungen in anderen Bereichen zurückgeführt werden.

Ab wann beginnt der „Ausstieg“?

Zunächst ist die Frage, wann überhaupt von einem Ausstieg aus der wissenschaftlichen Karriere gesprochen werden kann. Eine wissenschaftliche Laufbahn beginnt typischerweise mit der Promotion und häufig auch mit einer Anstellung an einer Hochschule oder an einem außeruniversitären Institut als wissenschaftliche_r Mitarbeiter_in. An deutschen Institutionen ist zudem vorgesehen, dass die Laufbahn in eine Professur, d. h. in eine Führungsposition, mündet. Wissenschaftliche Arbeit auf anderen Dauerstellen ist weder während der Qualifizierungsphase noch zu einem späteren Zeitpunkt offiziell vorgesehen. Darin unterscheidet sich das deutsche Hochschulsystem erheblich von anderen europäischen und internationalen Vorbildern (Kreckel/Zimmermann 2014).

Der spezifische Zuschnitt der deutschen Hochschulkarriere hat schon immer eine „Sollbruchstelle“ für die wissenschaftliche Laufbahn bereitgehalten, nämlich die Promotion, bei der sich viele spätestens fragen, ob es für sie in der Wissenschaft oder doch lieber in anderen hochqualifizierten Bereichen weitergehen soll. Bislang gibt es mangels Langzeitstudien (noch) keine verlässlichen Zahlen dazu, wohin Promovierte nach ihrer abgeschlossenen Doktorarbeit gehen, und noch weniger bekannt ist, wie viele Promotionen bereits vor der Zeit abgebrochen werden. Eine neue Untersuchung zeigt allerdings, dass der Abschiedsprozess vom Lebensprojekt Promotion ein äußerst langwieriger und verschlungener sein kann, bei dem sich der endgültige Ausstieg oft erst abzeichnet, wenn er bereits vollzogen ist (Franz 2017). Gerade die informelle, alltägliche Praxis einer Wissenschaftskultur, die Geschlecht üblicherweise nicht thematisiert, um ihre „Neutralität“ nicht zu gefährden, kann durch latente Diskriminierungen zum sukzessiven Ausstieg beitragen (vgl. Beaufaÿs 2004; Böhringer 2017)

Wohin gehen Absolventinnen?

Sicher ist, dass Promovierte langfristig überwiegend nicht an einer Hochschule arbeiten (BuWiN 2017: 187) und dass Frauen häufiger als Männer direkt nach der Promotion gehen (GWK 2018: 8). Am stärksten ausgeprägt ist dies in der Medizin, die Hochschulmedizin verliert die meisten Frauen nach der Promotion bzw. vor der Habilitation (Kortendiek et al. 2017: 378ff.). Nicht geklärt ist, über welche Wege und Umwege Personen eventuell an die Universität zurückkommen. Auch wissenschaftliche Mitarbeiter_innen, die das einzig vorgesehene Laufbahnziel Professur nicht erreichen (werden) – oder dies wohlmöglich nie vorhatten – können weder als ‚potenzielle Aussteigerinnen‘ noch als ‚potenzielle Aufsteigerinnen‘ gewertet werden .

Ein Blick auf den beruflichen Verbleib außerhalb der Wissenschaft zeigt, dass die Aufstiegschancen von Frauen sowohl innerhalb eines Fachs als auch über die Fächer hinweg geringer sind als die ihrer ehemaligen Kommilitonen, dies gilt insbesondere im Hinblick auf die obere Führungsebene (Grotheer et al. 2012: 156, 195). Unabhängig vom Geschlecht führt eine individuelle Karriereorientierung allerdings eher aus der Hochschullaufbahn heraus: Wer Karriere machen will, bleibt nicht in einer wissenschaftlichen Laufbahn (BuWiN 2017: 184). Letzteres trifft vor allem auf Promovierte in MINT-Fächern zu. MINT-Wissenschaftlerinnen, die eine Laufbahn außerhalb der Forschung präferierten, sind gleichzeitig aufstiegswilliger und gehaltsorientierter als ihre forschungsorientierten Kolleginnen (Dautzenberg/Fay/Graf 2013). Man kann also nicht schließen, dass gerade weniger karriereorientierte Frauen die wissenschaftliche Laufbahn verlassen; vielmehr verliert die Hochschule forschungsorientierte Frauen, die nicht lehren wollen, und sie verliert gleichzeitig die Aufstiegsorientierten, die sich attraktivere Bedingungen wünschen.

Geschlecht – Fach – Herkunft: eine aufschlussreiche Mischung von Merkmalen

Fachkulturelle Bedingungen und Karrieremuster bringen sehr unterschiedliche Chancenstrukturen für Frauen in der Wissenschaft hervor, wobei in Fächern mit hohem Männeranteil kontraintuitiv eher begünstigende Faktoren zu wirken scheinen (Lind/Löther 2007). Während die Chancen auf eine Berufung für Frauen in den letzten Jahren allgemein gestiegen sind (vgl. auch GWK 2017), bleibt die Tendenz bestehen, dass gerade Fächer und Fächergruppen mit einem hohen Frauenanteil unter den Studierenden, wie Kulturwissenschaften und Medizin, vergleichsweise viele Frauen verlieren, während Physik und Ingenieurwissenschaften die wenigen Kolleginnen im Fach offenbar bis zur Professur halten können.

Es deutet sich außerdem an, dass Frauen ihre geschlechtsbezogenen Nachteile in der Hochschulkarriere über ihre Herkunft ausgleichen: So stammen Professorinnen häufiger als Professoren aus bildungsaffinen und sozioökonomisch besser ausgestatteten Elternhäusern (Möller 2017: 127) und die von Frauen vergleichsweise stark besetzte Juniorprofessur ist sozial besonders selektiv (Burkhardt/Nickel 2015: 116). Soziale Aufsteiger_innen treten unabhängig vom Geschlecht später ins akademische Feld ein, da ihre Bildungs- und Berufsverläufe weniger geradlinig verlaufen: „Das damit verbundene höhere Lebensalter kann ihnen […] schließlich zum Verhängnis werden, wenn sie – nach langen Jahren unsicherer Karrierewege – spätestens im Falle einer Berufung als zu alt gelten.“ (Möller 2018: 68)

Risiko Hochschulkarriere

Die wissenschaftliche Laufbahn ist damit für bestimmte Personengruppen besonders risikoreich. Die langjährige Höchstqualifizierung geht mit einer engen fachlichen Spezialisierung einher. Eine einseitige Ausrichtung auf die Professur bei gleichzeitig abnehmenden Erwerbschancen außerhalb des Wissenschaftssystems ist die Folge. Die fehlende Laufbahnsicherheit und die starren hochschulgesetzlichen Rahmenbedingungen (WissZeitVG), prekäre Beschäftigungsbedingungen und gesteigerte Mobilitätsanforderungen, die zunehmend als Auslandserfahrungen zum Rekrutierungskriterium werden, ziehen nicht selten biografische Verwerfungen nach sich und widersprechen in vielerlei Hinsicht der Vereinbarkeit von Wissenschaft mit Familie (Metz-Göckel 2017).

Einen Einfluss hat dies vor allem auf den Lebensweg von Hochschulabsolventinnen mit Kindern, während die Berufsverläufe von Akademikern nur wenig durch Elternschaft verändert werden (Brandt 2012). Die meistgenannten Gründe für einen Ausstieg aus dem Wissenschaftssystem gehen daher sehr nachvollziehbar vor allem auf die widrige Karrierestruktur zurück. So stellt die schlechte zeitliche Perspektive – für Frauen noch etwas stärker als für Männer – „mit deutlichem Abstand den zutreffendsten Beweggrund dar“ (Dautzenberg/Fay/Graf 2013: 49). Zudem sind Frauen (mit oder ohne Familie) häufiger befristet und in Teilzeit beschäftigt (Beaufaÿs/Löther 2017) und daher besonders betroffen von den unsicheren Beschäftigungsbedingungen in Hochschulen und außeruniversitären Instituten.

Die Hochschulen haben ein Problem – der Nachwuchs aber auch

Angesichts dieser Ergebnisse muss es verwundern, dass es gerade in der sensiblen Karrierephase nach der Promotion kaum Förderungsangebote seitens der Hochschulen gibt, um Postdocs zu unterstützen. Vorhandene Unterstützungsprogramme adressieren zu über 65 % überhaupt keine Gender- oder Diversity-Aspekte (Böhringer/Gundlach/Korff 2014). Die besonderen biografischen und alltagsorganisatorischen Anforderungen, die die wissenschaftliche Laufbahn gerade an Frauen mit Kindern stellt, werden kaum thematisiert (Baader et al. 2017). Die Hochschulen verschenken damit die Gelegenheit, hochqualifiziertes Personal an den Stellen zu unterstützen, die vor allem aufgrund der eigenen organisationalen Schwächen brüchig sind. Es überrascht nicht, dass promovierte Frauen an Hochschulen und außerhochschulischen Forschungsinstituten bezüglich der Aspekte Aufstiegsmöglichkeiten, Arbeitsplatzsicherheit und Vereinbarkeit unzufriedener sind als ihre Kolleginnen in Industrie und Wirtschaft. Der Ausstieg aus der Wissenschaft mag daher nicht immer freiwillig erfolgen, muss jedoch nicht die schlechtere Alternative für Frauen sein.

Das interdisziplinäre DFG-Netzwerk Ausstieg aus der Wissenschaft beleuchtet die Bedingungen des Ausstiegs auf den unterschiedlichen Stufen wissenschaftlicher Karrieren.

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Dr. Sandra Beaufaÿs

Sandra Beaufaÿs ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft, in Professionen und Arbeitsorganisationen, qualitative Sozialforschung, Sozialtheorie.

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