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Birgit Riegraf – Ein Interview zum Verhältnis von Organisation und Geschlecht

12. Februar 2019 Beate Kortendiek

Im Januar 2018 wurde mit der Soziologin und Geschlechterforscherin Birgit Riegraf zum ersten Mal eine Präsidentin der Universität Paderborn gewählt. Nach dem ersten Jahr ihrer Amtszeit sprach Beate Kortendiek vom Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW mit ihr über Wissenschaft als System und den praktischen Nutzen von Forschung zur Organisation und Geschlecht.

Das Verhältnis von Organisation und Geschlecht steht im Zentrum Ihrer soziologischen Forschung. Was ist für Sie so spannend an diesem Zusammenhang?

Wir alle bewegen uns als Gesellschaftsmitglieder von Anbeginn und tagtäglich in Organisationen wie Verwaltungen, Wirtschaftsunternehmen, Hochschulen oder Diskotheken. In einer Behörde verhalten wir uns ganz selbstverständlich anders als in einer Diskothek. Gemeinsam haben diese Organisationen, dass sie alle in hohem Maße nach Geschlecht segregiert sind: Nach wie vor finden sich weibliche Beschäftigte in der Mehrzahl auf den unteren Hierarchieebenen, vorwiegend im Bereich des Service und selten in technischen Bereichen und Berufen. Weibliche Pflegekräfte sind häufig, weibliche Pilotinnen selten. Über diese Zuweisungen werden Lebenschancen, Einkommen und Reputation zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt. Warum und wie geschieht diese Zuweisung auf formeller und informeller Ebene? Welche Mechanismen kommen hier zum Tragen? Was bedeutet dies für die jeweiligen Identitäten? Das sind Phänomene, die unsere Gesellschaft tiefgreifend prägen. Sie zu verstehen ist zentral, um das gesamte gesellschaftliche Geschlechterverhältnis analysieren zu können.

Nun leiten Sie selbst eine Organisation – eine Wissenschaftsorganisation. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem Perspektivenwechsel gemacht?

Manchmal überrascht es mich dann doch, mit welcher Klarheit und Offenheit sich vieles von dem, was wir in der Geschlechterforschung und Organisationssoziologie über das Wissenschaftssystem in den letzten Jahrzehnten erarbeitet und erforscht haben, im Alltag von Wissenschaftsorganisationen und Wissenschaftssystemen immer noch wiederfindet. Vieles scheint sich über die Jahre trotz aller Diskussionen kaum verändert zu haben. Ich bin aber zugleich überrascht, wie viele offene und verdeckte Gegenbewegungen es gegen die geschlechterbezogenen Zuweisungen und Zumutungen auf allen Ebenen in den Wissenschaftsorganisationen inzwischen gibt.

Nützt Ihnen Ihr Fachwissen aus der Geschlechterforschung?

Ja, auf jeden Fall. Über die Geschlechterforschung bin ich hochgradig sensibel geworden gegenüber Diskriminierungsprozessen im Wissenschaftssystem und in den Wissenschaftsorganisationen, nicht nur aber vor allem gegenüber geschlechterbezogenen Ab- und Ausgrenzungsprozessen. Sie sind mir in all den Jahren in den verschiedenen wissenschaftlichen Kontexten und in den verschiedenen Positionen immer wieder in der einen oder anderen Weise begegnet. Die Analyseinstrumente der Geschlechterforschung erleichterten es mir, viele offene und verdeckte Mechanismen der Abwertung der Leistung von Wissenschaftlerinnen zu durchschauen und zu benennen und ihnen damit nicht so leicht auf den Leim zu gehen. Das heißt nicht, dass ich immer Handlungsrezepte hatte, um Abwertungs- und Ausgrenzungsprozessen pro-aktiv begegnen zu können. Die Geschlechterforschung hat aber immer Netzwerke und Kontext geboten, um sich gegenseitig zu stärken und aufzubauen. 

Sie waren zuvor Vizepräsidentin Ihrer Hochschule – welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Funktion gemacht?

Ich war als Vizepräsidentin für Lehre und Studium an einer Stelle, die für Wissenschaftlerinnen im Wissenschaftssystem nicht mehr ungewöhnlich ist. In der Verantwortung von Lehre und Studium befinden sich inzwischen häufiger Wissenschaftlerinnen. Präsidentinnen sind demgegenüber noch eher die Ausnahme und wie wir aus der Organisationsforschung wissen, sind sie daher nicht nur per se sichtbarer, sondern sie werden genauer beobachtet, unterliegen einem stärkeren Rechtfertigungsdruck und sind damit auch angreifbarer. Der eine oder die andere musste sich schon an eine Präsidentin gewöhnen und einige der Kollegen im Wissenschaftsbereich sind meiner Amtseinführung mit viel Skepsis begegnet.

Schüttelt frau dies so leicht aus den Kleidern?

Nein. Ich habe aber im Laufe der Jahre durch die Geschlechterforschung gelernt, diese Infragestellungen als strukturelles Problem zu begreifen. Im Laufe der Jahre entwickelt frau einen Umgang damit und lässt all die Infragestellungen nicht so nahe an sich heran. Und ich habe auch von einigen männlichen Kollegen Unterstützung erfahren.

Wie ergeht es anderen Rektorinnen oder Präsentinnen? Gibt es einen Austausch zwischen Frauen auf Leitungsebene?

Neben dem informellen Austausch gibt es inzwischen eine Verständigung von Rektorinnen und Präsidentinnen auf Bundesebene – ein Präsidentinnentreffen. Die weiblichen Hochschulleitungen fangen an, sich zu vernetzen und zu organisieren.

Wer hat dieses Präsidentinnentreffen initiiert?

Angestoßen wurde die Initiative von einer Arbeitsgruppe der Hochschulrektorenkonferenz, in der unter anderem die Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen, Ulrike Beisiegel, vieles vorangebracht hat. Anfang 2019 wird es ein Arbeitstreffen an der Universität Göttingen geben, in dem wir uns mit dem Thema Frauen in der Wissenschaft auseinandersetzen. Zugleich bin ich auch auf europäischer Ebene in EWORA, European Woman Rectors Association, organisiert. An diesen Vernetzungen sind auch ehemalige Hochschulleiterinnen beteiligt. Die Veränderung von Hochschulen ist ein Dauerthema. Und vor allem wird diskutiert: Wie kann das Thema Gleichstellung und Gleichberechtigung stärker in die Hochschulen eingebracht werden!?

Und wie sieht es in NRW aus? Aktuell werden 10 Universitäten von Rektoren und 4 von Rektorinnen geleitet. Wie ist hier die Vernetzung?

Der Austausch in Nordrhein-Westfalen geschieht eher auf informeller Ebene.

Welche Initiative kann von Rektor_innen oder Präsident_innen ausgehen?

Zum Beispiel bei der Thematisierung und dem Umgang mit dem Thema Sexueller Missbrauch. Bei diesem Thema hilft eine Stellungnahme „Gegen sexualisierte Diskriminierung und sexuellen Missbrauch an Hochschulen“ der Hochschulrektorenkonferenz, die vor kurzem verabschiedet wurde. Wenn eine solche Initiative dann noch ‚von außen‘ Unterstützung und Rückenwind erfährt, dann ist sie in den einzelnen Organisationen wesentlich leichter durchzusetzen. Diese Initiative ist letztlich auf eine große Akzeptanz gestoßen und im Prinzip haben sie dann am Ende alle in der Hochschullandschaft und in den Universitäten mitgetragen.

Also ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ein Präsident/eine Präsidentin sagen könnte „ich plädiere für Machtmissbrauch“.

Die Initiative richtete sich zunächst gegen sexuelle Übergriffe an den Hochschulen und wird nun um weitere Dimensionen des Machtmissbrauchs ergänzt. Dies ist ein ganz wichtiger Aspekt, da Machtmissbrauch an Hochschulen aufgrund von Hierarchien und ungleichen Geschlechterverhältnissen in vielfältiger Form auf informeller und formeller Ebene geschieht. Diese Initiative hat zum Beispiel an den künstlerischen Hochschulen einiges an Echo hervorgerufen.

Sie sind auch Mitglied des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Was für eine Bedeutung hat dieses Netzwerk?

Das Netzwerk ist unentbehrlich. Neben der Mitgliedschaft im Netzwerk bin in der Redaktion der „feministischen studien“ und die Unterstützung durch diese Initiativen brauche ich auch, das Engagement in diesen Kontexten ist zentral, um sich immer wieder den Rückhalt für das eigene Engagement zu sichern.

Das Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung ist ja in erster Linie ein fachliches Netzwerk.

Ja, ich benötige weiterhin die Analysen und den persönlichen und politischen Rückhalt. Und das nordrhein-westfälische Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung ist ein Vorbild für andere Initiativen. Das Netzwerk hat auch Signalwirkung auf andere Bundesländer zum Beispiel für Berlin oder Niedersachsen.

Das erste Amtsjahr als Präsidentin einer Universität geht zu Ende – was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?

Ich wünsche mir, dass wir in einigen Jahren nicht mehr über die subtilen Formen der Benachteiligung von Wissenschaftlerinnen insgesamt und in Leitungspositionen im Wissenschaftssystem sprechen müssen, sondern dass sie in allen Positionen, auf allen Ebenen und in allen Bereichen des Wissenschaftssystems selbstverständlich sind. Das ist noch ein weiter Weg dahin und manchmal wünschte ich mir, mehr Handlungsrepertoire zu haben, um diesen Prozess zu beschleunigen.

 

Zitation: Beate Kortendiek: Birgit Riegraf – Ein Interview zum Verhältnis von Organisation und Geschlecht, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 12.02.2019, www.gender-blog.de/beitrag/birgit-riegraf--ein-interview-zum-verhaeltnis-von-organisation-und-geschlecht/

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Dr. Beate Kortendiek

Koordinatorin des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW, Universität Duisburg-Essen. Arbeitsschwerpunkte: Vernetzung von Frauen- und GeschlechterforscherInnen an den Hochschulen des Landes NRW; Hochschul- und Wissenschaftsforschung unter Gender-Aspekten; Transfer der Ergebnisse aus der Geschlechterforschung in die Fachöffentlichkeit.

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