22. September 2026 Celina Letzner
Insbesondere in heterosexuellen Partnerschaften mit Kindern ist die Verteilung von Care-Arbeit noch immer ein wesentlicher Verhandlungspunkt im Alltag. Der Gender Care Gap zwischen den Geschlechtern lag laut Zeitverwendungsstudie von 2012/13 im Durchschnitt bei 52,4 %, bei Paarhaushalten, in denen Kinder leben, bei 83,8 % (Klünder 2016). Durch die COVID-19-Pandemie rückte diese Thematik wieder verstärkt in den Fokus soziologischer und feministischer Forschung, da die getroffenen Regelungen zu einer massiven Veränderung der Lebens- und Arbeitsbedingungen führte. In meiner Bachelorarbeit habe ich durch die Analyse vorliegender Studien genauer betrachtet, ob die Pandemie zu einer dauerhaften Veränderung der Rollenverteilung und der Arbeitslasten in heterosexuellen Partnerschaften geführt hat.
Studienauswahl
Die Studienauswahl verbindet theoretische Fundierung mit einer methodisch vielfältigen Evidenzbasis, um ein umfassendes Gesamtbild erzeugen zu können. Die Studien sollten sich theoretisch an bestehende gesellschaftliche Muster von geschlechtsspezifischer Aufteilung von Arbeit und Zuständigkeiten anschließen, ebenso sollten sie auf Deutschland fokussiert sein und Paar- wie auch Familienkontexte mit ihrer Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit in den Blick nehmen. Für die Auswahl war zusätzlich die Größe der untersuchten Datensätze und die mögliche Repräsentativität der Studienergebnisse entscheidend, so wurden ebenfalls Panelstudien einbezogen. Die unterschiedlichen Messkonzepte und Studiendesigns sollten sich zudem in ihren Ergebnissen ergänzen können, um die Aussagekraft der Ergebnisse zu maximieren. Gruppiert wurden die Studien hinsichtlich der untersuchten Zeitabschnitte – vor, während und nach der COVID-19-Pandemie. Im Folgenden werden die analysierten Studien ausschnitthaft thematisiert.
Vor der Pandemie: Strukturen und Muster
Die Erwerbsarbeit von Frauen in heterosexuellen Paarbeziehungen ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen und betrug im Jahr 2016 nahezu 80 % (Samtleben, 2019, S. 140). Neben dem Zeitaufwand für Erwerbsarbeit veränderte sich gleichzeitig die Aufwendung für unbezahlte Arbeit bei Männern und Frauen im geteilten Haushalt: Die Differenz der aufgebrachten Zeit ist zurückgegangen. Die gestiegene aufgebrachte Zeit von Männern in Paarhaushalten für unbezahlte Arbeit ist jedoch nicht auf „ihr gesteigertes Engagement im Haushalt zurückzuführen, sondern resultiert vor allem daraus, dass Frauen immer weniger Zeit für Hausarbeit und Kinderbetreuung aufwenden“ (Samtleben, 2019, S. 141). 2016 verbrachten Männer pro Werktag 52 Minuten mit Arbeit im Haushalt, Frauen hingegen 120 Minuten (Samtleben, 2019, S. 141). Gleichzeitig zeigt sich, dass Frauen und Männer an Wochentagen insgesamt das gleiche Arbeitsvolumen tragen: Frauen arbeiten also mehr unbezahlt (Samtleben, 2019, S. 142). Auch sonntags arbeiten Frauen deutlich mehr unbezahlt: Durchschnittlich verbringen Männer an Sonntagen nur etwa halb so viel Zeit (48 Minuten) mit unbezahlten Tätigkeiten wie Wäsche waschen, Kochen und Putzen wie Frauen, welche für diese Arbeit im Durchschnitt eine Stunde und 42 Minuten aufbringen (Samtleben, 2019, S. 143).
Während der Pandemie: Veränderungen und Belastungen
Zu Beginn der COVID-19-Pandemie übernahmen nach der Auswertung von Kohlrausch und Zucco (2020) Frauen und Mütter den Großteil der anfallenden unbezahlten Sorgearbeit. Nur etwa ein Drittel der Paare berichtete eine egalitäre(re) Aufteilung der Kinderbetreuung. Mütter reduzierten zu dieser Zeit ihre Erwerbsarbeitszeit stärker als Väter, diese Beobachtung blieb zunächst stabil. Kohlrausch (2021) konnte zeigen, dass der Anteil der Männer, der sich überwiegend um die anfallende Sorgearbeit kümmerte, im ersten Lockdown kurzzeitig stieg, danach jedoch wieder auf das vorpandemische Niveau fiel. Während der Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten nahm der Gender Care Gap zu und die Grundmuster der Arbeitsteilung in Paarhaushalten blieben in vielen Fällen bestehen. Zucco und Lott (2021) zeigten, dass die Mehrheit der befragten Frauen zu allen drei beobachteten Messzeitpunkten keine Veränderung in der Verteilung der Kinderbetreuung feststellte. In diesen Haushalten lag die Hauptlast meist bei der Mutter, selten war sie egalitär verteilt oder lag beim Vater. Wo Veränderungen jedoch auftraten, zeigten sich Egalisierung wie auch (umgekehrte) Traditionalisierung. Jessen et al. (2024) kamen ebenfalls zu der Erkenntnis, dass es 2020 kurzfristig zu einer noch ungleicheren Verteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung und somit einer höheren Arbeitslast für Mütter kam, jedoch konnten sich bis zum Winter 2021/22 keine statistisch signifikanten Abweichungen von 2019 beweisen lassen.
Das Ende der Pandemie: Erste Befunde zu Rückkehr oder Wandel
Aufgrund der Tatsache, dass zuvor schon die meisten Einschränkungen und Regeln aufgehoben wurden und der Regelbetrieb in Schulen und Kindertagesstätten 2021 wieder aufgenommen wurde, werden hier Daten und Zahlen ab 2022 betrachtet, auch wenn die COVID-19-Pandemie in diesem Jahr noch nicht als beendet erklärt wurde. Für das Jahr 2022 konnte das Statistische Bundesamt (2024) zeigen, dass Frauen im Schnitt eine Stunde und 19 Minuten mehr unbezahlte Arbeit pro Tag als Männer leisten: Sie arbeiten pro Woche durchschnittlich etwa 30 Stunden unbezahlt, Männer 21. Dies entspricht einem Gender Care Gap von 44,3 %. Jessen et al. (2024) konnten auch weiterhin keine Verschiebung der Muster der Arbeits- und Rollenverteilung nach der COVID-19-Pandemie erkennen. Hipp & Sauermann (2024) konnten mit Daten der Vermächtnisstudie 2023 herausstellen, dass sich Frauen in den meisten Haushalts- und Sorgebereichen häufiger als (überwiegend) zuständig betrachten, Männer schätzen die Zuständigkeit ihrer Partnerinnen systematisch niedriger ein. Generell zeigen sich hier in Bezug auf vorpandemische Strukturen weiterhin traditionelle geschlechtsspezifische Zuschreibung haushaltsbezogener Tätigkeiten und deutliche Wahrnehmungslücken in der Zuständigkeit für diese. Jessen et al. (2024) zeigen, dass Hausarbeit und Kinderbetreuung nach einem kurzfristigen Anstieg der Ungleichheit im Frühjahr 2020 bis zum Winter 2021/22 auf das vorpandemische Niveau zurückgekehrt sind. Es bestehen somit keine statistisch signifikanten und gesicherten dauerhaften Verschiebungen.
Alles wie gehabt?
Die Zeitverwendungserhebung des Jahres 2022 bestätigt einen weiterhin hohen Gender Care Gap mit 44,3 % und ein hohes Niveau unbezahlter Arbeit auf Seiten von Müttern, besonders von jungen bis sehr jungen Kindern. Diese Muster sind identisch mit jenen vor der COVID-19-Pandemie und belegen keine pandemiebedingte Verschiebung. Hipp & Sauermann (2024) dokumentieren Zuständigkeitszuschreibungen des Jahres 2023 innerhalb von Partnerschaften und belegen ebenfalls eine hohe Arbeitslast unbezahlter Arbeit auf Seiten von Frauen sowie Wahrnehmungslücken bei den Männern: Diese schätzen die von ihren Partnerinnen geleistete Sorgearbeit als weniger zeitintensiv ein, als sie tatsächlich ist. Allerdings muss die Heterogenität in bestehenden Partnerschaften erwähnt werden: Während die Arbeitsteilung in einigen Paarhaushalten nachhaltiger egalisiert wurde, traditionalisierte sie sich in anderen umso stärker. Dazu lässt sich jedoch die Vermutung aufstellen, dass diese gegenläufigen Entwicklungen sich im Mittel weitgehend aufheben.
Nach der akuten Phase der COVID-19-Pandemie inklusive der Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten ist die geschlechtsspezifische Verteilung unbezahlter Sorgearbeit im Durchschnitt weitgehend zu den vorpandemischen Mustern zurückgekehrt. Der Gender Care Gap ist weiterhin stark ausgeprägt und die Wahrnehmung von Zuständigkeiten bezüglich unbezahlter Arbeit im Paarhaushalt ist nach wie vor geschlechtsspezifisch zu Lasten von Frauen. Beides spricht für Persistenz statt für strukturelle Verschiebungen.
Literatur
DIE ZEIT, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, & Institut für angewandte Sozialwissenschaft. (2023). Das Vermächtnis. Ergebnisse aus der Vermächtnisstudie 2023. Letzter Zugriff am 25.08.2026 unter https://www.zeit-verlagsgruppe.de/wp-content/uploads/2023/05/Ergebnisse-aus-der-Vermaechtnisstudie-2023_Presse_Langversion-1.pdf.
Hipp, Lena, & Sauermann, Arne. (2024). Wer macht was? Die Verteilung der tatsächlichen und mentalen Sorgearbeit. In Thomas Haustein, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, & Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg.), Sozialbericht 2024: Ein Datenreport für Deutschland (S. 154–157). bpb. Letzter Zugriff am 25.08.2026 unter https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Sozialbericht_2024_bf_k2.pdf.
Jessen, Jonas, Kinne, Lavinia, & Wrohlich, Katharina. (2024). Gender Care Gap in Deutschland: Kein anhaltender Anstieg infolge der Corona-Pandemie. DIW Wochenbericht, 91, 123–130. https://doi.org/10.18723/diw_wb:2024-9-1
Klünder, Nina. (2016). Differenzierte Ermittlung des Gender Care Gap auf Basis der repräsentativen Zeitverwendungsdaten 2012/13. Expertise im Rahmen des Zweiten Gleichstellungsberichts der Bundesregierung. Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. Geschäftsstelle Zweiter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Letzter Zugriff am 25.08.2026 unter https://www.bmfsfj.de/resource/blob/227348/c790e0ef733ffd87812cf24694508ae4/kluender-nina-differenzierte-ermittlung-des-gender-care-gap-auf-basis-der-repraesentativen-zeitverwendungsdaten-data.pdf.
Kohlrausch, Bettina. (2021). Gleichberechtigung während der Pandemie. Wirtschaftsdienst, 101(10), 765–768. https://doi.org/10.1007/s10273-021-3021-3
Kohlrausch, Bettina, & Zucco, Aline. (2020). Die Coronakrise trifft Frauen doppelt – Die Folge der Re-Traditionalisierung für den Gender Care Gap und Gender Pay Gap. Feministische Studien, 38(2), 322–336. https://doi.org/10.1515/fs-2020-0028
Samtleben, Claire. (2019). Auch an erwerbsfreien Tagen erledigen Frauen einen Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung. DIW Wochenbericht, 86, 139–145. https://doi.org/10.18723/diw_wb:2019-10-3
Statistisches Bundesamt. (2015). Zeitverwendungserhebung. Aktivitäten in Stunden und Minuten für ausgewählte Personengruppen. 2012/2013. Statistisches Bundesamt. Letzter Zugriff am 25.08.2026 unter https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/Publikationen/Downloads-Zeitverwendung/zeitverwendung-5639102139004.pdf?__blob=publicationFile&v=4.
Statistisches Bundesamt. (2024). KORREKTUR: Gender Care Gap 2022: Frauen leisten 44,3 % (alt: 43,8 %) mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Pressemitteilung Nr. 073 vom 28. März 2024. Letzter Zugriff am 25.08.2026 unter https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/02/PD24_073_63991.html.
Zucco, Aline, & Lott, Yvonne. (2021). Stand der Gleichstellung: Ein Jahr mit Corona (No. 64; Policy Brief WSI). Hans-Böckler-Stiftung, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI). Letzter Zugriff am 25.08.2026 unter https://hdl.handle.net/10419/232557.
Zitation: Celina Letzner : Care-Arbeit in heterosexuellen Partnerschaften – dauerhafte Veränderung durch COVID? , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 22.09.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/care-arbeit-covid/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260922
Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative
Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz