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Chick Lit, eine neue Welt-Frauen-Literatur?

03. September 2019 Sandra Folie

Vom rosafarbenen Sammelband Chick Lit. The New Woman’s Fiction (2006) blickt uns eine stilisierte Frauenfigur in hochhackigen Schuhen, Minirock und mit Handtasche entgegen. Sie lehnt lässig zwischen den Titelwörtern „Chick“, einem Slangwort für ‚junge Frau‘, und der zu „Lit“ verkürzten Literatur. Dagegen zeigt das Cover von Dudens Klassiker der Weltliteratur. Bücher, die man kennen muss (2015) eine Selektion der angekündigten Meisterwerke (allesamt von Männern) auf vornehm zurückhaltendem Grau.

Zwei Buchcover, deren Konnotationen unterschiedlicher kaum sein könnten und die eine immer noch weit verbreitete Vorannahme vermitteln: „Die romantischen G’schichterln sind für Frauen. Alles andere sind die richtigen Bücher“, so Susanne Hochreiter (in Nigischer 2013). Doch inwiefern berühren sich diese auf den ersten Blick so konträren Diskurse von Welt- und ‚Frauenliteratur‘ in der Chick Lit?

Frauenliteratur

Der Begriff ‚Frauenliteratur‘ weist einerseits seit dem 18. Jahrhundert die Literatur von, über und für Frauen als wenig ernstzunehmende Subkategorie der ‚richtigen‘, meist von Männern verfassten, Literatur aus, fungiert andererseits aber auch als selbstermächtigender Gegenbegriff. Die in den 1970ern aufgekommene feministische

Bildnachweise unter dem Beitrag

Literaturwissenschaft versuchte den Begriff in diesem Sinne für ihre Vorhaben produktiv zu machen – zunächst v. a. für die Sichtbarmachung vergessener Autorinnen. Während feministisch orientierte Literaturwissenschaftler*innen sich heute meist auf die Erkenntnisse von Gender und Queer Studies – im Wesentlichen auf die Konstruiertheit von Geschlecht – berufen und nur noch unter Vorbehalt von ‚Frauenliteratur‘ sprechen, arbeitet der Buchhandel nach wie vor recht freimütig mit dem Label. ‚Frauen‘-Regale in Buchhandlungen oder geschlechtsmarkierte Kategorisierungen auf Webseiten wie Amazon gibt es immer noch, wenn auch teils unter wechselnden Bezeichnungen; solch eine, v. a. im anglo-amerikanischen Raum populäre Genrebezeichnung ist chick lit – die sogenannte „neue Frauenliteratur“ (Ferriss/Young 2006). Darunter wurde zunächst vor allem Unterhaltungsliteratur von, über und für Frauen im Stil von Helen Fieldings Bridget Jones’s Diary (1996) und Candace Bushnells Sex and the City (1996) verstanden, in deren Mittelpunkt junge, urbane, berufstätige Frauen auf der Suche nach ‚dem Richtigen’ stehen (Folie 2016).

Weltliteratur

Weltliteratur stellt ein traditionelles Forschungsfeld der Komparatistik dar, das sich in zwei sehr unterschiedliche Richtungen denken lässt. In einem qualitativen Sinne bezieht sich der Terminus auf einen über nationale Grenzen hinweg anerkannten – über lange Zeit primär weißen und männlichen – „Kanon“ (vgl. Duden 2015). In einem quantitativen Sinne würde Weltliteratur die Menge aller Literaturen umfassen. Beide Definitionen sind aus literaturwissenschaftlicher Sicht problematisch. Die erste zu eng und exklusiv, die zweite zu weit und inklusiv. Folglich hat sich eine dritte Definition des Begriffs durchgesetzt, der zufolge alle Literaturen, die über ihren Produktionskontext hinaus zirkulieren, Weltliteratur sind (vgl. Damrosch 2003). Dass trotz dieser Öffnung des Diskurses bestimmte Autor*innen, Literaturen und Themen Bevorzugung erfahren, bestätigt ein Blick auf gängige Best-of-Listen, Weltliteratur-Anthologien und internationale Literaturpreise, die nach wie vor von weißen Männern dominiert und angeführt werden (vgl. Folie 2019). Obgleich anglo-amerikanische chick lit wie Bridget Jones’s Diary und Sex and the City in zahlreiche Sprachen übersetzt und in unterschiedlichen Ländern adaptiert wurde, kam das Genre bislang nicht mit dem angesehenen Label der Weltliteratur in Berührung. Vielmehr war ironisch von einer ‚Pandemie‘ – per Definition eine „sich weit ausbreitende, ganze Landstriche, Länder erfassende Seuche“ (Duden 2019) – die Rede.

Die Chick Lit-Pandemie

Rachel Donadio hatte mit ihrem Artikel „The Chick-Lit Pandemic“ (2006) in der New York Times die Diskussion um eine globale chick lit angestoßen. Zehn Jahre nach Bridget Jones’ Premiere seien überall auf der Welt – von Mumbai bis Mailand und von Danzig bis Jakarta – regionale Varianten der chick lit entstanden. Bei den Protagonistinnen wie auch Leserinnen handle es sich um 20- bis 30-jährige Frauen mit Vollzeitjobs und dem Wunsch nach Unabhängigkeit und Glamour. Das Genre wird, um es überspitzt zu formulieren, als erfolgreiches, wenn auch wenig prestigeträchtiges Exportprodukt vom Westen in den Rest der Welt, vom Zentrum in die Peripherien ausgewiesen. Ich möchte diese auch in der Forschung vorherrschende anglozentrische Perspektive in Frage stellen und lokale Eigenheiten hinter dem globalen Labeling sichtbar machen. Dafür lege ich in meinen Publikationen den Fokus auf bislang wenig beachtete literarische Phänomene aus Afrika, der Arabischen Welt (vgl. Folie 2018), China und Indonesien, die (auch) unter dem chick lit-Label vermarktet wurden. Die indonesische sastra wangi (dt. „duftende oder parfümierte Literatur“) fand neben zahlreichen europäischen Beispielen sogar Eingang in Donadios Artikel. Obgleich es sich bei dieser „gewagten Literatur junger Frauen aus einer unerwarteten Ecke der Welt“ (Donadio 2006; Übersetzung S. F.) nicht um chick lit per se handle, bestünden hinsichtlich der offenen Beschreibung von Sexualität und Politik große Ähnlichkeiten.

Indonesische Sastra Wangi als Chick Lit

Als erstes und international bekanntestes Beispiel der sastra wangi gilt Ayu Utamis Roman Saman, der 1998, kurz vor dem Sturz des autoritären Suharto-Regimes, erschien. Bereits ein Cover-Vergleich der indonesischen mit der englischen (2007) Erstausgabe deutet an, wie unterschiedlich das Werk präsentiert wurde.

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Auf dem düsteren Cover des Originals ist der Kopf eines Mannes zu sehen, dem ein kahlköpfiger Engel die Stirn beschreibt. Im Hintergrund steht ein Soldat mit Gewehr. Optisch wird keinerlei Verbindung zum chick lit-Genre nahegelegt, das sich durch Pastellfarben und stilisierte Darstellungen, „die auf das urbane Umfeld und den Lebensstil der Protagonistinnen schließen lassen“ (Peitz 2010, 65), auszeichnet (vgl. Ferriss/Young 2006). Die in Abendrot gehüllte Szenerie auf dem englischen Cover, das eine junge Frau im Central Park vor der Skyline Manhattans zeigt, nähert sich dieser Konvention hingegen an.

In der Rezeption wurde in Anlehnung an Sex and the City v. a. die sexuelle Explizitheit des Romans hervorgehoben, obwohl Religion und Politik – Themenkomplexe, die als untypisch für chick lit gelten – mindestens ebenso viel Raum einnehmen. Dass der Titelheld und Erzähler Saman ein Mann ist, erschwert den Vergleich mit der chick lit zusätzlich. Der katholische Priester und spätere Widerstandskämpfer weist nicht nur keinerlei Ähnlichkeit mit Bridget Jones und Carrie Bradshaw auf, sondern unterscheidet sich auch grundlegend von Mark Darcy und Mr. Big.

Eine globale Chick Lit?

Bereits ein exemplarischer Blick auf die indonesische sastra wangi lässt die chick lit-Analogie, wie sie durch die Covergestaltung und Rezeption im anglo-amerikanischen Raum nahegelegt wurde, etwas konstruiert erscheinen – eine Beobachtung, die auch auf weitere internationale, mit chick lit in Verbindung gebrachte Literaturen zutrifft. Die Proklamation einer globalen chick lit erweckt den Eindruck, dass junge Frauen auf der ganzen Welt dieselben Themen verbinden. Obgleich es durchaus Parallelen gibt, kann eine einseitige Fragestellung bzw. die Erwartung, Ähnlichkeiten aufzuspüren, das Erkennen von Differenzen und spezifischen Eigenheiten erschweren. Da Vergleiche in der Regel von prototypischer anglo-amerikanischer chick lit ausgehen, ähneln die Ergebnisse teils selbsterfüllenden Prophezeiungen: Werden chick lit-Aspekte gesucht, werden sie auch gefunden. Der Fokus scheint dabei recht einseitig auf der Kategorie Gender zu liegen, die in anglo-amerikanischer chick lit v. a. über das Spannungsfeld der Vereinbarkeit von Beruf, Selbstverwirklichung und traditionellen heteronormativen Beziehungsmodellen verhandelt wird. In vermeintlich globalen Varianten der chick lit wie der indonesischen sastra wangi scheinen hingegen – je nachdem, ob sie ausschließlich im Produktionsland spielen, Auslandsaufenthalte oder Migrationserfahrungen thematisieren – die Verschränkungen von Gender, Sexualität, Nationalität, Ethnizität und/oder Religion oft eine weitaus tragendere Rolle zu spielen.

Literatur

Damrosch, David (2003): What is World Literature? Princeton: Princeton UP.

Donadio, Rachel (2006): „The Chick-Lit Pandemic.“ In: The New York Times (19.3.2006), http://www.nytimes.com/2006/03/19/books/review/the-chicklit-pandemic.html [17.8.2019].

Duden (2019): „Pandemie“, https://www.duden.de/rechtschreibung/Pandemie [17.8.2019].

Duden (Hrsg.) (2015): Klassiker der Weltliteratur. Bücher, die man kennen muss. Berlin: Bibliographisches Institut GmbH.

Ferriss, Suzanne; Young, Mallory (Hg.) (2006): Chick Lit. The New Woman’s Fiction. New York: Routledge.

Folie, Sandra (2016): „Frauenliteratur.“ In: Gender Glossar (7 Absätze), https://gender-glossar.de/glossar/item/56-frauenliteratur

Folie, Sandra (2018): „Chick Lit Gone Ethnic, Chick Lit Gone Global?! Die Rezeption eines transnationalen Genres im plural-queeren Vergleich.“ In: Open Gender Journal, https://doi.org/10.17169/ogj.2018.21

Folie, Sandra (2019): „Of Outer and Inner Gatekeepers. An Intersectional Perspective on ‚New World Literature‘.“ In: Textpraxis – Digitales Journal für Philologie 16, https://dx.doi.org/10.17879/5912956899

Nigischer, Sandra (2013): „Manche mögen’s seicht.“ In: dieStandard (10.01.2013), https://www.derstandard.at/story/1356427176175/manche-moegens-seicht [15.8.2019].

Peitz, Annette (2010): Chick Lit: Genrekonstituierende Untersuchungen unter anglo-amerikanischem Einfluss. Frankfurt am Main et al.: Peter Lang.

Bildnachweise

Duden (Hrsg.) (2015): Klassiker der Weltliteratur. Bücher, die man kennen muss. Berlin: Duden Verlag (Taschenbuchausgabe). Copyright: Duden. Quelle: https://cdn.duden.de/public_files/2019-01/weltliteratur.jpg?null

Ferriss, Suzanne; Young, Mallory (Hg.) (2006): Chick Lit. The New Woman’s Fiction. New York: Routledge. Copyright: Routledge. Quelle: https://books.google.at/books?id=ZCY3umAgMMUC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

Utami, Ayu: Saman. Jakarta: Kepustakaan Populer Gramedia 1998. Copyright: Kepustakaan Populer Gramedia. Quelle: https://www.goodreads.com/book/show/1337759.Saman 

Utami, Ayu: Saman. Aus dem Indones. übers. v. Pamela Allen. Jakarta: Equinox 2005. Copyright: PT Equinox Publishing Indonesia. Quelle: https://www.goodreads.com/book/show/21339173-saman

Zitation: Sandra Folie: Chick Lit, eine neue Welt-Frauen-Literatur?, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 03.09.2019, www.gender-blog.de/beitrag/chick-lit-welt-frauen-literatur/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20190903

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Sandra Folie

Sandra Folie ist Universitätsassistentin an der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien und promoviert zum Thema "Beyond Ethnic Chick Lit. Labelingpraktiken neuer Welt-Frauen*-Literaturen im transkontinentalen Vergleich". Ihre Forschungsgebiete sind Komparatistik und Gender Studies, Intersektionalitätstheorie, Weltliteraturen und zeitgenössische Literaturen von Frauen*.

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