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Visuelle Codes und Feminismus – Zur Liaison von Visualität und Zugehörigkeit

01. Dezember 2020 Svenja Spyra

Repräsentationen queerer Femmes und queerer Femininität im queeren Feminismus bilden gegenwärtig mehr oder minder eine visuelle wie empirische Ausnahme in deutschen subkulturellen und akademischen Diskursen. Dies verwundert, da Frauenemanzipation und Selbstbestimmung grundlegende Themen feministischer Bewegungen bilden (vgl. z. B. Lenz 2009). Welche soziologischen Erklärungen finden sich also für die Liaison von Visualität und Zugehörigkeit im queeren Feminismus?

Ist Femininität nicht emanzipativ?

Lesbisch-sein wird gesellschaftlich eher mit maskulin wirkenden Frauen assoziiert, die sich nicht schminken, wenig(er) auf Kleidung achten und kaum feminine Züge zeigen. Seit dem öffentlichen Outing von Anne Will zeigt sich, dass dieses Narrativ nicht gänzlich stimmen kann. Dennoch lässt sich eine visuelle Distinktion zur Ab- und Eingrenzung von LGBTIQA+-Personen einerseits und (cis) Heteras andererseits in Gesellschaft und queerem Feminismus ausmachen. Maskulinität und Androgynie erfahren dort eine hohe Relevanz als visuelle Codes der Zugehörigkeit (vgl. z.B. Hark 1989; Engel 1996; Fuchs 2009).

In der Einführung des 2009 von Sabine Fuchs herausgegeben Sammelbands Femme! radikal – queer – feminin zeichnet sich ab, dass Femme(-ininität) derzeit als Teil lesbischer und queerer, feministischer Zusammenhänge ambivalent und wenig sichtbar erscheint (vgl. Fuchs 2009). Der Band ist bisher die einzige deutschsprachige Publikation zum Thema Femme.

Die ersten Ergebnisse meiner eigenen Studie verweisen darauf, dass Maskulinität und Androgynie eine höhere (An-)Erkennung in queeren und feministischen Zusammenhängen finden, denn Femininität. In meiner Dissertation forsche ich dazu, wie sich das Subjekt der (queeren) Femme in subkulturell-politischen Räumen der Gegenwart (selbst) bildet. Spannend erscheint dabei die Frage, wie sich die Dominanz der Repräsentation von Maskulinität und Androgynie im Kontext von Zugehörigkeit erklären lässt.

Code of conduct – Femininität und Visualität als Identitätsmarker

Femininität und Weiblichkeit sind in lesbischen und queeren, feministischen Zusammenhängen in den letzten Jahren (zunehmend) virulent. So erschien 2016 im Magazin an.schläge ein Beitrag zur Abwertung und Unsichtbarkeit queerer Femininität bzw. visuellen Normativität der queeren Szene (vgl. Martin 2016). Das L. Mag (das Magazin für Lesben) titelte 2017: „Weiblichkeit, was ist das überhaupt?“ und thematisierte Körper, Kleiderwahl, Frisuren, lesbische Schönheitsideale und deutsche Emanzipationsbewegungen der 1970er-/1980er-Jahre (vgl. ebd.). Der Queerspiegel griff 2017 die Frage auf, was Femme eigentlich meine und zog eine Differenz zwischen Femme als Chiffre lesbischer Zusammenhänge und Femme als politischem Label (vgl. Kühne 2017). Im Sommer 2019 erschien im Tagesspiegel zudem ein Artikel zur subversiven Kraft des Lippenstifts, in dem es um Fem(me)ininität in der queeren Szene ging (Tepes 2019).

Laut der Kulturanthropologin Gabriele Mentges würden „Mode und Weiblichkeit oft in einem unmittelbaren kausalen Zusammenhang gedacht“ (Mentges 2020, 168). Aus kulturanthropologischer Perspektive lassen sich Kleidung und Mode als „visuelle und materielle Techniken“ (ebd., 169) verstehen. Sie werden zu Körpertechniken und zum Ort der Verhandlung von Geschlecht und der Geschlechterbeziehungen zueinander (vgl. ebd., 169). Mode ist somit aktiv beteiligt an der Hervorbringung spezifischer Geschlechtsidentitäten und dient als Marker einer sozialen, wie kulturellen Zugehörigkeit (vgl. ebd., 169). Mode und Sichtbarkeit bilden also soziokulturelle Voraussetzungen lesbischer und queerer, feministischer Zugehörigkeit.

Debatten in der Wissenschaft – Femme als scientific content?

Sabine Hark befasste sich 1998 im Anschluss an Butler mit Butch/Femme und formulierte Gedanken zur Geschlechterparodie im Kontext dieser Selbstbeschreibungen (vgl. Hark 1998). Die Literaturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert beschäftigte sich 2002 mit lesbischen Inszenierungen und der Abneigung mancher Lesben, sich an Mode und Schmuck zu erfreuen. Zugleich stellte sie in Frage, dass es per se etwas Lesbisches sei, Mode und Schmuck nicht zu mögen (vgl. Lehnert 2002, 12f.). Lehnert verwebt auf unaufgeregte Weise verschiedene Facetten lesbischen Lebens miteinander und resümiert, dass Maskulinität eher als lesbisch betrachtet werde denn Femininität, wenngleich diese schon immer Teil lesbischer Kultur(en) war (vgl. ebd., 26f.). Diese visuelle Chiffrierung begründet Lehnert damit, dass eine traditionell feminin aussehende Lesbe per se erstmal nicht von einer Hetera zu unterscheiden sei (vgl. ebd., 26). Sie fährt fort, dass Wissen die Wahrnehmung bedingt und somit wiederum die Beurteilung des Gegenübers (vgl. ebd.). Ihre Passage zu Butch/Femme endet mit dem Fazit, dass Butch-Lesben es leichter hätten, eine Identität zu kreieren, denn Femmes und feminine Lesben (vgl. ebd., 31).

Arbeit am Körper als Modus Operandi der Zugehörigkeit

Der Körper lässt sich im Kontext von Visualität und Zugehörigkeit als Grundfläche beschreiben. Er bildet gleichsam den Playground als auch das Battlefield von Geschlechtlichkeit und Sexualität, sowohl in subkulturell-politischen Zusammenhängen als auch innerhalb der Gesellschaft als Ganzem.

Die Arbeit am Körper ist immer auch Arbeit am „sozialen Selbst“ (Villa 2008, 8). Somit ist Arbeit am Körper unausweichlich Teil von Prozessen der Vergemeinschaftung und Gemeinschaftsbildung, wie es die Soziologin Paula-Irene Villa in ihrem Text zum „Körper als kulturelle Inszenierung und Statussymbol“ (2007) ausführt. Villa beschreibt den Körper darin als „zentrales Handlungsinstrument“ (Villa 2007, 9) und veranschaulicht anhand verschiedener Beispiele sowohl die Notwendigkeit als auch den Nutzen (sub)kultureller Körpermodifikationen (vgl. ebd., 9ff.). Menschen befinden sich nach Villa zudem stetig in einem ambivalenten Spannungsfeld, zwischen Selbstermächtigung und Unterwerfung unter bestehende Normen (vgl. Villa 2008, 8). Fragen sozialer Zugehörigkeit, Teilhabe und Anerkennung werden somit stetig mitverhandelt, adressiert (vgl. ebd., 11).

Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass wir nicht allein darüber entscheiden, zu welcher Gruppe wir gehören. Wir müssen die Kriterien der Zugehörigkeit erfüllen, die von anderen (an)erkannt werden, um Teil einer Gruppe zu sein und zu werden (vgl. auch Villa 2007). Es handelt sich also um komplexe Prozesse, die je nach Zeit, sozialem Ort und kulturellem Kontext variieren (können). So macht es sozial wie kulturell einen Unterschied, ob wir als lesbische Feministin bzw. queere Aktivistin agieren, oder morgens als Chirurgin im OP stehen. Wir können beides sein, lesbisch-queere feministische Aktivistin und Medizinerin. Schwieriger wird es, beides zugleich zu repräsentieren – Aktivistin und Chirurgin. Um in der jeweiligen Funktion innerhalb des konkreten soziokulturellen Kontextes ernstgenommen und (an)erkannt zu werden, müssen wir – zumindest anteilig, aber überzeugend – die Kriterien jener Zusammenhänge erfüllen, an denen wir teilhaben wollen (vgl. Villa 2007). Um als Lesbe an lesben-bewegten Zusammenhängen teilzuhaben, ist es notwendig, die dortigen (visuellen) Kriterien der Zugehörigkeit zu erfüllen, den dortigen code of conduct.

„Femme Facts“

Meine eigene Studie eruiert, wie erwähnt, Femme als Kategorie im Kontext der Verbindung von Sichtbarkeit und Zugehörigkeit und diskutiert deren Relevanz in sozial-bewegten Diskursen. Eine historische Perspektive auf feminine und maskuline Selbstbeschreibungen in deutschen lesbischen und queeren, feministischen Zusammenhängen zeigt auf, dass Fem(me)ininität stets einen präsenten, wenn auch marginalisierten Status innehat(te) (vgl. z. B. Spyra 2021 i. E.). In den von mir geführten Interviews zur Erforschung der Gegenwart wird deutlich, dass Femme sowohl erotische Präferenzen umfasst als auch der Beschreibung einer Genderidentität dient. Diese wird anteilig in ihrem Begehren auf Maskulinität bezogen, wenn auch nicht ausschließlich. Zudem wird deutlich, dass die Chiffre Femme in Deutschland sowohl historisch als auch aktuell auf lesbische und queere, feministische Geschichte rekurriert.

Eine historiographische Betrachtung der  begrifflichen Entwicklung queerer  fem(me)ininer Selbstbeschreibungen verdeutlicht, dass sich der Femme-Begriff der Gegenwart  in Deutschland (bisher) auf dezidiert lesbische Geschichte rückführen lässt (vgl. Spyra 2021 i. E.). In gegenwärtigen sozial-bewegten Zusammenhängen bleibt allerdings unklar, ob die Selbstbeschreibung Femme an eine (Selbst-)Positionierung als Lesbe gekoppelt ist. Letzteres verweist auf die Jahrzehnte andauernde Debatte darum, wer oder was eine ,Lesbe‘ ist, sowie auf den prekären Status lesbischer Existenzen im Feld der Erinnerungspolitiken (vgl. Hark 2018).

Deutlich wird ein vielschichtiges Verhältnis von Femme zu Gender, Sexualität, Körper, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit. Femme(-ininität) und Feminismus scheinen im Lichte von Visualität und Zugehörigkeit in deutschen lesbischen und queeren, feministischen Zusammenhängen der Gegenwart bislang ein prekäres Bündnis miteinander einzugehen. Die Liaison von Visualität und Zugehörigkeit zu beschreiben, ist ein umfassendes empirisches Projekt, welchem ich mich derzeit in meiner Dissertation widme. Darin untersuche ich subkulturell-politische Räume der Gegenwart und hole empirisch genealogische Perspektiven auf queere fem(me)inine Körper, subkulturell-politische Schönheitsideale, Femmes und feminine Queers in lesbisch-queeren, feministischen Räumen der Gegenwart ein.

Literatur

Engel, Antke (1996): Verqueeres Begehren. In: Hark, Sabine (Hrsg.): Grenzen lesbischer Identitäten. Berlin: Querverlag, S. 73–95.

Fuchs, Sabine (2009): Femme! radikal – queer – feminin. Berlin: Querverlag.

Hark, Sabine (1989): Eine Lesbe ist eine Lesbe, ist eine Lesbe … oder? – Notizen zur Identität und Differenz. In: Sozialwissenschaftliche Forschung & Praxis für Frauen e. V. (Hrsg.): Nirgendwo und überall. Lesben. beiträge zur feministischen theorie und praxis. 12. Jahrgang Heft 25/26, S. 59–67.

Hark, Sabine (1998): Parodistischer Ernst und politisches Spiel. Zur Politik in der GeschlechterParodie. In: Hornscheidt, Antje/Jähnert, Gabi/Schlichter, Annette (Hrsg.): Kritische Differenzen – geteilte Perspektiven. Zum Verhältnis von Postmoderne und Feminismus. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 115–139.

Hark, Sabine (2018): Vom prekären Status lesbischer* Identitäten im Feld der Erinnerungspolitiken. In: Blog feministische Studien. https://blog.feministische-studien.de/2018/06/vom-prekaeren-status-lesbischer-identitaeten-im-feld-der-erinnerungspolitiken/ [Letzter Zugriff 19.10.2020].

Kühne, Anja (2017): Wofür steht die Bezeichnung ‚Femme‘? In: Tagesspiegel 22.02.2017. Online: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/das-queer-lexikon-wofuer-steht-die-bezeichnung-femme/13470636.html [Letzter Zugriff 19.10.2020].

Lehnert, Gertrud (2002): Wir werden immer schoener. Lesbische Inszenierungen. Berlin: Krug & Schadenberg.

Lenz, Ilse (2009): Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Ausgewählte Quellen. Wiesbaden: VS Springer.

Martin, Julia (2016): Queere Femininität. Auch in queer_feministischen Szenen wird Weiblichkeit abgewertet. In: an.schläge, online: https://anschlaege.at/queere-femininitaet/ [letzter Zugriff 19.10.2020].

Mentges, Gabriele (2020): Sichtbar werden: Geschlechterstrategien in der Mode. In: Rendtdorff, Barbara et al. (Hrsg.): Geschlechterverwirrungen. Was wir wissen, was wir glauben und was nicht stimmt. Frankfurt/M: Campus Verlag, S. 168–178.

Spyra, Svenja (2021 i. E.): Butch/Femme als Figuration von Gleichheit und Differenz (nicht-)heterosexuellen Begehrens in lesbischen, queeren und feministischen Zusammenhängen in Deutschland. In: Dill, Katja/ Ebert, Jenny/ Froböse, Claudia et al. (Hrsg.): Interdisziplinäre Beiträge zur Geschlechterforschung. Repräsentationen, Positionen, Perspektiven. Leverkusen: Verlag Barbara Budrich.

Tepes, Eva (2019): Sichtbarkeit von queeren Femmes. Die subversive Kraft des Lippenstifts. Tagesspiegel (26.07.2019), online: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/sichtbarkeit-von-queeren-femmes-die-subversive-kraft-des-lippenstiftes/24701782.html [letzter Zugriff 19.10.2020].

Villa, Paula-Irene (2007): Der Körper als kulturelle Inszenierung und Statussymbol. Sozialwissenschaftlicher Fachinformationsdienst soFid, Kultursoziologie und Kunstsoziologie. 2007/2, S. 9–18.

Villa, Paula-Irene (2008): schön normal: Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst. Bielefeld: transcript, S. 7–20.

Zitation: Svenja Spyra: Visuelle Codes und Feminismus – Zur Liaison von Visualität und Zugehörigkeit, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 01.12.2020, www.gender-blog.de/beitrag/codes-feminismus-visualitaet-zugehoerigkeit/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20201201

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Svenja Spyra

Svenja Spyra ist derzeit Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung und Promovendin am Institut für Soziologie der LMU München. Sie promoviert mit einer Studie zu (queerer) Fem(me)ininität in subkulturell-politischen Räumen in Deutschland und lehrt an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Forschungsschwerpunkte sind u. a. Wissenssoziologie, Körper- und Kultursoziologie, Gender Studies und Subjekttheorien.

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