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Das Conni-Problem. Eine Replik

22. September 2020 Heike Mauer

Eigentlich ist sie ein alter Hut, die Debatte über Geschlecht und Vielfalt in Kindertageseinrichtungen. Doch die Inklusionsforscher_innen Bernd Ahrbeck und Marion Felder greifen in einem Beitrag in der FAZ alte Vorurteile auf, die sie mit aktuellen Diskussionen über Transgeschlechtlichkeit und der verstärkten Sichtbarkeit von trans Jugendlichen in der Öffentlichkeit verknüpfen. Die beiden Professor_innen suggerieren, dass Transgeschlechtlichkeit in deutschen Kindertagesstätten zu einem dominierenden Modethema einer diversitäts- und geschlechtersensiblen Bildung avanciert sei.

Dagegen möchte ich halten, dass so vor allem Vorurteile bedient sowie Gleichstellungsfeindlichkeit und insbesondere Trans- und Queerfeindlichkeit propagiert werden. Denn geschlechter- und diversitätssensible Bildung an Kitas leidet nicht an einem ‚Zuviel‘ von trans und inter Inklusivität, sondern an der Übermacht von Conni – einer (Bilderbuch-)Figur, die stellvertretend für Heteronormativität und Dominanzkultur steht.

Das „Problem“

Eigentlicher Aufreger des Artikels von Ahrbeck und Felder ist die von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie geförderte, 2018 in zweiter Auflage erschienene Handreichung „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Themen frühkindlicher Inklusionspädagogik“. Die Broschüre enthält neben wissenschaftlichen Fachbeiträgen zu frühkindlicher Bildung und Vielfalt auch Materialien für die praktische Arbeit in Kitas, darunter ein Medienkoffer „Familien und vielfältige Lebensweisen“, der in den Kindertagesstätten dazu eingesetzt werden kann, die Vielfältigkeit von Familien darzustellen und hierzu Kinderbücher bereitstellt.

Für die beiden Autor_innen ist dies ein Problem, allein der Grund ist nicht wirklich nachvollziehbar. Im Text wird suggeriert, dass Kinder infolgedessen mit Themen konfrontiert werden, die sie überfordern. Zu diesen ‚überfordernden‘ Themen zählen die Autor_innen insbesondere die Erfahrungen und Lebenswelten von queeren Familien sowie von transgeschlechtlichen Kindern. Im Kern dieses Vorwurfs an die geschlechterreflektierte Pädagogik steht die Vorstellung, dass allein solche Bilderbücher normative Vorstellungen über Geschlecht, Familie und Sexualität an Kinder herantragen, die ansonsten behütet und scheinbar völlig frei von normativen Vorgaben aufwachsen.

Fern vom Kinderalltag

Dies entspricht aber nicht der Lebensrealität von (Klein-)Kindern, die in ihrem Alltag ständig ihre persönlichen Lebenswelten und Familienverhältnisse mit gesellschaftlich vorgegebenen und zugleich medial vermittelten Konventionen abgleichen müssen. ‚Deine Mutter geht arbeiten? Sie trägt ein Kopftuch?‘ – ‚Bist Du ein Junge? Nein ein Mädchen‘ – ‚Meine Eltern sind geschieden!‘ – ‚Ich habe zwei Mütter‘ – ‚Ich wohne bei meinen Großeltern‘ – ‚Meine Eltern leben getrennt voneinander‘ – ‚Mein Papa ist zu Hause, Mama geht arbeiten‘ – ‚Bei mir ist das anders/auch so!‘.

In ihrem Alltag werden Kinder praktisch ununterbrochen mit normativen Vorstellungen über Geschlecht, Familie und Sexualität konfrontiert. Und ob sie (aber auch ihre Eltern) dies wollen oder nicht, wird die Normalität von Zweigeschlechtlichkeit und von Mutter-Vater-Kind-Familien durch Alltagspraxen auch in Bildungseinrichtungen wie Kitas verfestigt und als Norm bekräftigt. Eine solche Sichtweise auf den Alltag mag den Autor_innen Ahrbeck und Felder fremd sein. Trotzdem erscheint eine (Selbst-)Distanzierung von einer ‚Normalität‘ – verstanden als eine mehrheitlich geteilte Erfahrung in einer Gesellschaft – notwendig, um zu erkennen, dass das Beklagen eines vermeintlichen ‚Zuviels‘ an Geschlecht, Diversität und Sexualität nicht den realen Erfahrungen in Kitas entspricht.

Conni ist weiß und ihre Eltern sind heterosexuell

Dass nicht die Rede davon sein kann, dass „die klassische Familie in eine Randposition gedrängt wird“, wie die Autor_innen monieren, offenbart schon ein flüchtiger Blick auf den Mainstream von Büchern für das Vorlese- und Kindergartenalter. Diese zeichnen sich gerade durch einen Mangel an Diversität aus. Nicht allein die Darstellung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt fehlt, auch gibt es kaum Identifikationsfiguren mit Behinderung, mit Migrationserfahrung oder nicht-weißer Hautfarbe. Im Genre „Mein erster Tag im Kindergarten“ heißt fast jedes zweite Kind Ben oder Laura, kein einziges Mal taucht eine Canan oder ein Selim auf. Die Familien sind weiß und gehören der Mittelschicht an. Geldsorgen haben sie keine. Sie bestehen zumeist aus einer Mutter, die sich um alles kümmert und einem Vater, der oft abwesend ist. Er arbeitet ja. Ein Paradebeispiel für diese Konstellation ist die Serie „Meine Freundin Conni“, ein multimediales Format, das neben der Buchform auch auf Netflix Erfolge feiert. Diversität? Vollkommene Fehlanzeige!

Retraditionalisierung statt Vielfalt

Dass es sich hierbei nicht um subjektive Eindrücke handelt, zeigen Studien über Geschlecht in Kinderbüchern. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass sich am Buchmarkt derzeit – nicht zuletzt aus Marketinggründen – eine Retraditionalisierung und Verstärkung von Geschlechterstereotypen zwischen Mädchen und Jungen abzeichnet. Dabei wäre es für alle Kinder unabhängig von ihrer eigenen geschlechtlichen Identität und ihrer sexuellen Orientierung wünschenswert, wenn in deutschsprachigen Büchern und Fernsehserien mehr Vielfalt einziehen würde. Denn die Lebensrealitäten von sehr vielen Kindern finden sich im Mainstream der Bilder – und in dem der ersten Lesebücher – nicht wieder. Und bei den wenigen positiven Ausnahmen handelt es sich oft um Übersetzungen aus dem Ausland.

Diese Einseitigkeit setzt sich auch bei den Grundschul- und Jugendbüchern fort – unabhängig davon, ob es um Erzählungen oder Sachbücher geht. Letztere scheinen zum Beispiel keine Naturwissenschaftlerinnen zu kennen. Konsequent wird Wissenschaft von einem Mann betrieben, wenn es um Forschung geht. Eine Auswertung über die Inhalte von Kinder- und Jugendbüchern kommt zu dem Ergebnis, dass männliche Protagonisten überdurchschnittlich oft Abenteuer erleben, während sich Geschichten mit zentralen Mädchenfiguren vor allem um Alltagserfahrungen drehen.

Blase der Unschuld?

Aus dieser Perspektive erscheint die Bereitstellung eines einzigen Koffers mit Kinderbüchern in den Kitas, in denen andere Lebensentwürfe die Hauptrolle spielen, in einem ganz anderen Licht und nicht als Bedrohungsszenario, so wie Ahrbeck und Felder dem FAZ-Publikum glauben machen wollen. Die Autor_innen unterstellen, Kinder befänden sich jenseits dieser vermeintlich fatalen und überfordernden Konfrontation mit Diversität in einer Blase der Unschuld. Dies ist nicht nur sachlich falsch. Eine solche Argumentation erweist sich vielmehr auch als höchst anschlussfähig an rechtspopulistische und antifeministische Diskurse über Geschlecht, die aktuell bis weit in liberale und linke Lager Anklang finden.

Wie Untersuchungen zeigen, ist die Sorge um das Kind eine zentrale Chiffre für die Abwehr von Forderungen nach Gleichstellung (Schmincke 2015). Oberflächlich scheint es, als werde Gleichstellung als Wert formal nicht mehr komplett abgelehnt, denn der Fokus wird auf die vermeintlichen ‚Exzesse‘ gelegt und aktuelle Forderungen dementsprechend als ‚maßlos‘ und ‚übertrieben‘ diskreditiert. Möglicherweise ist diese Strategie einem „liberalen Selbstverständnis der BRD“ geschuldet – und zwar unabhängig davon, ob dieses Selbstverständnis den Tatsachen oder der Fiktion entspricht, das der offenen Ablehnung und Abwertung von Menschengruppen in der ‚Mitte der Gesellschaft‘ entgegensteht (Siri 2015: 242). Statt einer offensiven Ablehnung wird Gleichstellungspolitiken vorgeworfen, sich von ihren einstigen Zielen entfernt zu haben, und auch Ahrbeck und Felder stoßen in diese Kerbe: Eine „ursprüngliche Befreiungsabsicht“ habe sich „in ein neues Machtsystem verkehrt“; es werde nicht mehr nach „Gleichstellung und Integration“ gestrebt, „sondern ihr Gegenteil, Privilegien für das jeweils Eigene und Besondere, ganz im Sinne einer Identitätspolitik“ gesucht.

Eine Politik der Anerkennung

Ein solches Verschwörungsdenken macht die immer noch bestehende Gewalt und Diskriminierung gegen trans Personen unsichtbar. Es ist falsch, Fragen von Repräsentation und Vielfalt unter ‚Minderheitenthemen‘ oder ‚Identitätspolitiken‘ zu subsumieren, die zum ‚großen Ganzen‘ nichts beizutragen haben (vgl. Dormal/Mauer 2018). Auf diese Weise erhalten rechtspopulistische Logiken vermeintlich ‚wissenschaftliche‘ Weihen und Legitimation. Ahrbeck und Felder verkennen die grundlegende Bedeutung einer Politik der Anerkennung für die Verwirklichung von Demokratie, Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit. Dies ist eine Falle, in die auch vermeintlich ‚linke‘ Argumentationen tappen, wenn sie die ‚Soziale Frage‘ in Opposition zu ‚Identitätspolitiken‘ bringen und Umverteilung und Anerkennung gegeneinander ausspielen. Die eigene Sichtbarkeit – d. h. die Anerkennung und Repräsentation von Lebensentwürfen ‚jenseits des Mainstreams‘ ist aber die Voraussetzung für eine gleichberechtigte Partizipation aller Menschen in den pluralen Gesellschaften der Gegenwart – und damit auch für die Vertiefung und Verteidigung der Demokratie.

Literatur

Dormal, Michel & Mauer, Heike (2018). Das Politisierungsparadox. Warum der Rechtspopulismus nicht gegen Entpolitisierung und Ungleichheit hilft. Femina Politica, (1), 22–34. https://doi.org/10.3224/feminapolitica.v27i1.03

Schmincke, Imke (2015). Das Kind als Chiffre politischer Auseinandersetzung am Beispiel neuer konservativer Protestbewegungen in Frankreich und Deutschland. In Sabine Hark & Paula-Irene Villa (Hrsg.), (Anti-)Genderismus (93–108). Bielefeld: transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839431443-006

Siri, Jasmin (2015). Paradoxien konservativen Protests. Das Beispiel der Bewegungen gegen Gleichstellung in der BRD. In Sabine Hark & Paula-Irene Villa (Hrsg.), (Anti-)Genderismus (239–256). Bielefeld: transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839431443-014

Zitation: Heike Mauer: Das Conni-Problem. Eine Replik, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 22.09.2020, www.gender-blog.de/beitrag/conny-problem-replik/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200922

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Dr. Heike Mauer

Heike Mauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW und eine der Sprecher*innen der Sektion 'Politik und Geschlecht' in der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft (DVPW). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Hochschul- und Gleichstellungsforschung, Intersektionalität sowie Rechtspopulismus und Antifeminismus.

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Kommentare

Martin Mair | 24.09.2020

"Eine solche Argumentation erweist sich vielmehr auch als höchst anschlussfähig an rechtspopulistische und antifeministische Diskurse über Geschlecht, die aktuell bis weit in liberale und linke Lager Anklang finden." Das ist natürlich keine Verschwörungsesoterik. Wie ist das denn mit den "doppelten Standards"? Ach ja,, der alte Wettbewerb "wer leidet am meisten" als Variante von "meins ist besser als Deins" (Transaktionsanalyse). Gegen mehr Sorgfalt bei Kinderbüchern spricht nicht. Darüber hinausgehende Pädagogisierung der Kinder mit den Problemen der Erwachsenen halte ich für übertrieben. Hätte mich als Kind auch nicht im geringsten Interessiert.

Zu meiner Zeit war in den Schulen in Österreich noch jede kommerzielle und politische Werbung strikt verboten. Heute ist die Schule schon von Anbeginn offenbar ein Schlachtfeld der Ideologien.

Naja, die Expert*innen und Funktionär*innen müssen sich unbedingt wichtig machen, sei es auf Kosten der Kinder, die natürlich wie so oft nicht selbst befragt werden. Im übrigen bin ich für die Halbierung der Schulzeit, das Leben ist auch in anderer Form möglich, natürlich schwer im neoliberal zugespitzten Kapitalismus - der auf vermehrter Trennung und Ökonomisierung ALLER Lebensbereich Profite steigert - wo die Kinder immer früher und immer mehr zugerichtet werden.

Eigentlich könnten Femistinnen da etwas kritischer sein!

Heike Mauer | 29.09.2020

Der Kommentar zeigt geradezu lehrbuchartig, dass die Figur des ‚bedrohten Kindes‘ auch in ‚linken‘ Diskursen prosperiert. So ist es bezeichnend, dass die Forderung nach einer geschlechter- und diversitätssensiblen Bildung im Kommentar in die Nähe von ‚Werbung‘ oder ‚Lobbyarbeit‘ gerückt wird.

Dies verkennt das Ziel einer solchen Bildung, die gerade nicht Kinder „mit den Problemen der Erwachsenen“ konfrontieren will, sondern sie im Gegenteil dazu befähigen will, bestehenden (Hetero-)Sexismen nicht ohnmächtig gegenüberzustehen. Denn die „Probleme“ sind bereits da und werden, wie der Blogbeitrag gezeigt hat, gerade nicht ‚von außen‘ an die Kinder herangetragen.

Von einer Kita ist bspw. zu erwarten, dass Erzieher_innen darauf reagieren, wenn Kinder sich gegenseitig als ‚schwul‘ oder als ‚Mädchen‘ beschimpfen; wenn sie versuchen, rigide Rollenklischees durchzusetzen. Das ist z.B. der Fall, wenn Jungen, die Kleider oder Röcke tragen, gehänselt werden, weil sich dies ‚für einen Jungen‘ vermeintlich nicht gehört, oder wenn einem Mädchen gesagt wird, ihr dunkelblauer Pulli mit einem Feuerwehrauto oder einem Baukran als Motiv, sei gar keine ‚Mädchenkleidung‘ und sie dürfe so etwas nicht tragen.

Interventionen in solchen Fällen als ‚Werbung‘ für Transsexualität oder Queerness zu labeln, verkennt jedoch vollkommen, dass jedes Kind das Recht hat, sich frei zu entfalten und auszuprobieren. Um dies zu ermöglichen, muss heteronormativen, stereotypen und binären Geschlechterbildern aktiv und konsequent widersprochen werden – selbstverständlich auch in Kita, Schule oder sonstigen Bildungseinrichtungen.

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