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Headergrafik: Bergarbeiterin am Leseband der Zeche Wujek in Katowice, 2003. Foto: Dariusz Kantor / LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Witten

Frauen waschen Kohle auf Zeche Nachtigall in Witten

14. August 2018 Uta C. Schmidt

Die Ausstellung mit Bildern des deutsch-polnischen Fotografen Dariusz Kantor zeigt Frauen an ihren Arbeitsplätzen in der obertägigen Kohlenaufbereitung im polnischen Oberschlesien. Sie setzt anlässlich der Feierlichkeiten zum Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland ein markantes Zeichen – nähert sie sich doch dem Thema „schwere Arbeit“ über eine ungewöhnliche Perspektive. Bis zum 2. Dezember 2018 sind die Bilder im LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall in Witten zu sehen.

Frauen waschen Kohle

Die Fotografien zeigen Frauen bei der Arbeit in der Kohlenwäsche. Mit „Kohlenwäsche“ wird einerseits ein Arbeitsprozess bezeichnet, bei dem verunreinigendes Gestein aus der Kohle gelesen wird. Andererseits ist die Kohlenwäsche auch ein Gebäude, in dem dieser staubintensive und ohrenbetäubende Arbeitsprozess über ein verschlungenes Förderband- und Röhrensystem maschinell wie händisch abläuft. Die Säuberung hat durchaus etwas mit Wäsche gemein, denn die mit unbrauchbarem Gestein durchsetzte Kohle wird in ein großes Wasserbecken befördert. Durch die verschiedenen Dichten trennen sich Kohle und Gestein, Kohle schwimmt oben, während das Gestein auf den Boden sinkt. Die Frauen sortieren am Leseband die gereinigte Kohle von Hand vor, bevor sie in anderen Arbeitsschritten gebrochen, gesiebt, klassifiziert und verladen wird.

Das menschliche Antlitz schwerer Arbeit

Die künstlerische Arbeit von Dariusz Kantor geht weit über das Dokumentarischen hinaus: Da ist z. B. ein geradezu abstraktes Bild, das von einer Lichtquelle in der optischen Bildmitte bestimmt wird. Sie lenkt den Blick auf ein angeschnittenes, hinter Stützpfeilern nur halbseitig zu sehendes Frauengesicht mit festem Blick und klar nachgezogenen Augenbrauen, doch oben, am äußersten Bildrand deutet sich ein verschwommenes Frauenporträt an, das an die Gesichtszüge einer Schmerzensmadonna, einer mater dolorosa, erinnert. Die Szene erhält dadurch etwas Sakrales inmitten von abstrakten Flächen und nuancierten Graustufen.

Wir sehen eine Frau im karierten Hemd. Sie sitzt verloren und erschöpft in einer Kabine. Vielleicht verfolgt sie konzentriert einen Produktionsablauf, doch ist ihr die Ermattung ins Gesicht geschrieben. In diesen Momenten zeigt Dariusz Kantor nicht allein Frauenarbeit, sondern das menschliche Antlitz schwerer Arbeit überhaupt. Später, auf der Heimfahrt, wenn diese Bilder nachwirken, fragt man sich, wie zukünftig Arbeit vor- und dargestellt werden kann, wenn die schwere Arbeit in unseren Breitengraden doch zunehmend verschwindet.

Mit Licht gezeichnet

Der Titel Von Kohle gezeichnet verweist einerseits auf die abgebildeten Frauen an ihrem Arbeitsplatz, andererseits aber auch auf die künstlerische Ausdrucksweise, die Dariusz Kantor meisterhaft beherrscht. Denn es gibt in den Bildern immer wieder Bereiche, die wie mit dem Kohlestift angelegt wirken, schraffiert, gekörnt, geschummert, verwischt, akzentuiert. Dies verdankt sich gleichermaßen dem technischen Können und der Intuition des Fotografen im Umgang mit Licht und Dunkelheit. Vielleicht sollte man im Zeitalter der digitalen Fotografie noch einmal daran erinnern, dass der Begriff „Fotografie“, aus dem Griechischen kommend, übersetzt „Zeichnen mit Licht“ bedeutet und eine bildschaffende Methode bezeichnet, bei der Helligkeit eingesammelt und auf einem lichtempfindlichen Material gespeichert wird.

Frauen im Bergbau

Die Werkschau bezieht ihre Anziehungskraft aus dem im Ruhrgebiet noch immer ungewöhnlichen Thema „Frauen im Bergbau“. Damit kommt ihr in dem Jahr, in dem der Steinkohlenbergbau in Deutschland endet, ein besonderer Stellenwert zu. Frauen im Bergbau, so die Erzählung des Ruhrgebiets, hat es nämlich im Ruhrbergbau nicht gegeben, und wenn doch, zum Beispiel am Leseband, dann nur ausnahmsweise, wenn Männer fehlten. In den Bergordnungen waren seit dem Mittelalter „Weiber“ von den Mühen und damit auch von den Ehren des Bergmannsberufs ausgeschlossen. An diesem Status quo suchte der traditionsreiche Berufsstand festzuhalten, auch als Gesetzgebungen im Gefolge der Industrialisierung die beim Bergbau über Tage arbeitenden Mädchen und Frauen den Bergleuten zurechnen wollten.

Keine Frauen in den Uranbergbau

Im Kaiserreich suchten Arbeitsschutzgesetze für Frauen als Gebärende vor allem die Familie als Keimzelle der Nation zu schützen. Doch speist sich das bis heute wirkende Masternarrativ der schweren Männerarbeit im Bergbau nicht allein aus Schutzregelungen im weit zurückliegenden 19. Jahrhundert, sondern vor allem aus Frontstellungen des Kalten Krieges. In der damals noch „Ostzone“ genannten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war zum 1. Mai 1950 die „Magna Charta der Arbeit“ in Kraft getreten, die die Beschäftigung von Frauen unter Tage prinzipiell ermöglichte. Die Überlegenheit des westdeutschen Sozialstaates manifestierte sich seitdem nicht nur in der Familienzentriertheit samt Ernährer-Hausfrau/Zuverdienerin-Modell, sondern auch im Verbot von Frauenarbeit in der Kohlegewinnung und -aufbereitung. Hier in Westdeutschland mussten die Frauen eben nicht in die Urangruben wie „drüben“.

Kontrapunkt zum Heldenepos

Die Medien im Ruhrgebiet quillen zurzeit über von Fotografien mit Erinnerungshall. Sie zeigen Männer unter Tage mit Bohrhämmern und freiem Oberkörper in schrägen Flözen. Es sind zumeist Bilder aus den 1950er/1960er-Jahren oder älter, als die Arbeit vor Kohle noch extrem körperlich und ohne Frage sehr schwer war, bevor durch schrämende Gewinnungsmaschinen das Vielfache an Kohle aus dem Flöz gefördert werden konnte. In diesem hermetischen Bildprogramm setzen die Fotografien von Dariusz Kantor einen anderen Akzent. Auch sie zeigen schwere Arbeit auf Zeche. Sie zeigen das menschliche Antlitz schwerer Arbeit überhaupt. Doch sie haben nichts Heroisches an sich. Sie durchbrechen mit ihrer Erzählweise das Heldenepos.

Headergrafik: Bergarbeiterin am Leseband der Zeche Wujek in Katowice, 2003. Foto: Dariusz Kantor / LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Witten

Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; Arbeiten und Interessen an der Schnittstelle von Raum, Repräsentation, Geschlecht, Macht.

 

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