16. Juni 2026 Jessica May
Halbnackte Körper, behaarte Brust und atavistisches Gebrüll: Das Social-Media-Phänomen Das Rudel inszeniert die Rückkehr zur vermeintlich ‚echten‘ Männlichkeit als heroischen Ausbruch aus der Moderne. Doch hinter dem zeitgenössischen Trend verbirgt sich ein bewährtes Muster: Bei derartigen Formaten werden nicht nur Körper gestählt, sondern auch traditionelle Geschlechterordnungen neu zementiert. Warum aber fungiert der Naturraum immer wieder als privilegierte Projektionsfläche für die Rückgewinnung verloren geglaubter Maskulinität? Natur wird hier nicht als biologisches Faktum, sondern als historisch fluides Konstrukt verstanden, das als Bühne für die Inszenierung von ‚Authentizität‘ und ‚Ursprünglichkeit‘ dient (Rudel, 10.11.25).
Eine kurze Geschichte männlicher Naturflucht
Mit dem Industriezeitalter avancierte die Natur zum strategischen Korrektiv für Krisen der Moderne. So konzipierte Robert Baden-Powell, der Begründer der Pfadfinder, die Natur bereits in Scouting for Boys (1908) als erzieherischen Kompensationsraum, um einem ‚Mangel an Männlichkeit‘ in der mechanisierten Arbeitswelt entgegenzuwirken (Schäfer 2013, S. 20). Diese Exklusivität beruht auf dem bürgerlichen Konzept der ‚Separate Spheres‘, das den öffentlichen Raum als männliche Domäne zementierte und Frauen auf das Private beschränkte (Rotman 2006). Flankiert durch den Druck der Frauenbewegung wurden Naturräume so zum Rückzugsort vor einer als ‚feminisiert‘ empfundenen Moderne (Kimmel 2013, S. 127). In diesem homosozialen Raum werden unter dem Deckmantel des ‚Abenteuers in der Natur‘ Härte und männliche Solidarität performativ eingeübt, was die maskuline Machtposition nicht bloß abbildet, sondern erst stabilisiert (Connell 2015, S. 127; Hutter 2020, S. 150).
Ab den 1970er-Jahren erfuhren diese Muster durch die mythopoetische Männerbewegung eine Renaissance. Die Naturflucht wurde zum therapeutischen Pfad für die Suche nach einem ‚archaischen Wesenskern‘ (Gremillion 2011, S. 47ff.). In homosozialen Settings wie Initiationsritualen oder Bewährungsproben wird eine heroische Männlichkeit re-naturalisiert und die binäre Geschlechterordnung ideologisch gefestigt. Die Suche nach ‚wahrer‘ Identität arriviert zur ästhetisierten Performance. Das Rudel überführt diesen Diskurs zudem in ein neoliberales Geschäftsmodell (Rudel, 04.12.25).
Natur als Hort ‚echter‘ Männlichkeit
Die Männlichkeitsforschung folgt der These, dass Männlichkeit keine biologische Gegebenheit ist, sondern ein strukturell prekäres Ideal, das permanenter performativer Validierung bedarf (Wedgwood/Connell 2018, S. 119). Diese Konstruktion gewinnt ihre Wirkmächtigkeit durch die Verankerung im männlichen Habitus: Laut Bourdieu schreiben sich geschlechtliche Herrschaftsverhältnisse dem Körper so tief als Dispositionen ein, dass sie den Akteuren nicht mehr als kulturelles Produkt, sondern als ‚natürliche‘ Handlungsmuster erscheinen (Bourdieu 2005). In Bezug auf die untersuchten Männercamps manifestieren sich diese vergeschlechtlichten Dispositionen in einem spezifisch männlichen Habitus, der sich über physische Stärke und die radikale Abgrenzung vom ‚Weiblichen‘ konstituiert (Scholz 2019, S. 422). Dabei wird die eigene Superiorität durch ein paradoxes Verhältnis zur Umwelt konstruiert: Die ‚wilde Natur‘ wird einerseits idealisiert, während gleichzeitig der rituelle Sieg über das ‚Naturhafte‘ als Beweis männlicher Dominanz inszeniert wird (Unger 2014, S. 610ff.).
Während der klassische Naturbegriff der westlichen Kulturgeschichte oft weiblich konnotiert und als passiv konstruiert wurde, erfährt die Natur hier eine funktionale Umdeutung zur ‚archaischen Wildnis‘. Diese dient der Legitimierung einer hierarchischen, instinktgesteuerten maskulinen Ordnung: Die fingierte Natur wird zum authentischen Raum stilisiert, um die männliche Inszenierung als naturgegeben zu naturalisieren (Honegger 1991; Schiebinger 1995). Via Social Media erfährt dieser Raum schließlich eine funktionale Entgrenzung: Die Natur dient nicht mehr als privater Ort der Heilung, sondern wird als digital sichtbare Arena für die ästhetisierte Performance einer ökonomischen Elite vermarktet (Rudel, 30.04.25). Erst durch diesen Rahmen jenseits des profanen Alltags entfaltet die Männlichkeitskonstruktion ihre volle symbolische Wirkung.
Manhood Acts
Als homosoziales Terrain etabliert Das Rudel milieuspezifische Distinktionsmerkmale, um einen wehrhaften Männlichkeitshabitus statusorientiert zu produzieren. Hierzu zählen insbesondere physisch fordernde Rituale wie Eisbäder oder intensive sportliche Herausforderungen, die als demonstrative Akte von Selbstkontrolle, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen interpretiert werden können – Attribute, die das dort propagierte Männlichkeitsideal konstruieren (Das Rudel 2025). Diese Praktiken lassen sich als sogenannte manhood acts fassen: Soziale Handlungen, die darauf abzielen, die Zugehörigkeit zur Kategorie ‚Mann‘ zu behaupten und Dominanzansprüche abzusichern. Ihre volle Wirkung entfalten diese Praktiken erst durch die soziale Lesbarkeit unter Geschlechtsgenossen (Schrock/Schwalbe 2009, S. 279ff.).
Derartige Praktiken werden als Zugang zu einer mythischen Bruderschaft stilisiert, die das Versprechen einer Rückbesinnung auf präzivilisatorische ‚Wurzeln‘ einlöst. Dabei verstehen sich die bewusst archaischen Inszenierungen als kathartischer Akt, der dazu dient, eine verloren geglaubte Männlichkeit rituell wiederherzustellen (Rudel, 10.11.25).
Erwachen in der Natur
Die vom Rudel forcierte Rückkehr zur ‚Animalität‘ bewirkt eine symbolische Aufwertung: Während das Biologische bei Frauen oft als defizitär gewertet wurde, wird die männliche Nähe zum Tierreich hier zur Quelle von Stolz und Triebstärke umgedeutet (Beauvoir 1992, S. 27). Die Natur wandelt sich von der zu beherrschenden Ressource zum heroischen Spiegelbild maskuliner Souveränität. Beim Rudel wird die Trope des „freien Wolfs“ genutzt, um Männlichkeit als biologische Essenz zu rahmen, die aus dem zivilisatorischen „Zoo“ ausbrechen müsse (Das Rudel 2025). Die moderne Welt wird so als Ort der Domestizierung markiert, die den Mann seiner Instinkte beraubt (Rudel, 03.12.24). Diese ‚Rückkehr zur ‚Natur‘-Metaphorik evoziert das Red-Pill-Narrativ: Der Ausbruch aus dem „Zoo“ wird zum heroischen Erwachen aus einer als künstlich und ‚entmännlichend‘ gerahmten Systemrealität.
In dieser Funktion bietet der isolierte Naturraum eine „Heterotopie des Widerstands“ (Klass 2011, S. 306), in der eine vermeintliche Echtheit rekonstruiert werden kann. Das Rudel transformiert den physischen Raum in ein symbolisch aufgeladenes Feld männlicher Selbstherstellung, das jedoch eine klare sozioökonomische Fundierung besitzt: Es lässt sich als zeitgenössische Ausprägung einer „Transnational Business Masculinity“ (Connell 2005, S. 72) lesen, die Anerkennung an unternehmerischen Status knüpft. Die Zulassungsbeschränkung auf Männer mit hohen Jahresumsätzen verdeutlicht, dass die hier verhandelte Rangordnung auf neoliberalen Parametern fußt. Zwar betont der ‚Rudelführer‘ Angelo Carlo, dass Räume für Verletzlichkeit existierten, doch bleibt diese an Momente physischer Bewährung geknüpft: Verletzlichkeit wird erst im Wettkampf als Ausdruck positiver Aggression männlich validiert (Rudel, 20.09.25).
Männercamps als ambivalente Räume
Letztendlich bietet das Rudel ‚verlorenen Wölfen‘ an isolierten Orten eine global austauschbare Naturerfahrung an, in der geografische Besonderheiten hinter der universellen Schablone der ‚Wildnis‘ verschwinden. Diese Räume werden zur bloßen Bühne für die individuelle Transformation funktionalisiert und als exklusives Refugium für ein vor allem weißes, wohlhabendes Publikum vereinnahmt, dessen Erlebnisse via Social Media massenwirksam inszeniert werden. Die Trias aus biologischer Fundierung, körperlicher Idealisierung und performativer Umsetzung durch manhood acts lässt die (Re-)Konstruktion von Männlichkeit dabei als unanfechtbar und naturalisiert erscheinen. Das Rudel ermöglicht somit nicht nur eine Rückkehr zur Natur, sondern forciert auch eine symbolische Re-Naturalisierung binärer Geschlechterdifferenzen: Indem Männlichkeit als archaisches Ur-Wesen behauptet wird, wird sie gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen entzogen und erneut als biologisches Gegenteil zum Weiblichen zementiert. Derartige Formate erweisen sich somit als ambivalente Räume: Während sie einerseits eine affektive Tiefe ermöglichen, die in alltäglichen männlichen Sozialbeziehungen oft fehlt, droht die Suche nach emotionaler Klarheit andererseits, eine Renaissance der Separate Spheres zu forcieren.
Obwohl Das Rudel omnipräsent scheint, handelt es sich m. E. um ein Nischenphänomen, dessen Relevanz erst durch algorithmische Skalierung und mediale Echoräume hypervisibel wird. Die Instrumentalisierung des Krisendiskurses lenkt die Identitätssuche verunsicherter Männer gezielt in kommerzialisierte Coaching-Strukturen. Dennoch offenbart die Analyse eine historische Kontinuität: Die Natur bleibt der konstante Referenzpunkt ‚maskuliner Krisen‘ – ein funktionalisierter Raum, der immer dann reaktiviert wird, wenn tradierte Rollenbilder unter gesellschaftlichem De-Konstruktionsdruck stehen.
Literatur
Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Hamburg 1992.
Carlo, Angelo: Toxische Männercamps für Frauenhasser?! – Statement vom Rudelführer | 2 Bored Guys Reaktion, YouTube-Video vom 20.09.2025. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=Vi96QfzLHvU (abgerufen am 01.06.2026).
Connell, Raewyn: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Wiesbaden 2015. https://doi.org/10.1007/978-3-531-19973-3
Connell, Raewyn: Globalization, Imperialism, and Masculinities, in: Michael S. Kimmel, Jeff Hearn und Raewyn Connell (Hrsg.): Handbook of Studies on Men & Masculinities, Thousand Oaks/London/New Delhi 2005, S. 71–89.
Das Rudel: Website 2025. Online unter: https://dasrudel.org/ (abgerufen am 01.06.2026).
Das Rudel: Glaubst du, du bist ein freier Mann?, in: Instagram, 10.11.2025. Online unter: https://www.instagram.com/p/DQ4YugUDFhd/ (abgerufen am 01.06.2026).
Das Rudel: Warum wir Männer das Feuer brauchen, in: Instagram, 04.12.2025. Online unter: https://www.instagram.com/p/DR2PCPCgjns/ (abgerufen am 01.06.2026).
Das Rudel: Männer müssen wieder Wölfe werden, in: Instagram, 30.04.2025. Online unter: https://www.instagram.com/p/DJEojsDvT8a/ (abgerufen am 01.06.2026).
Das Rudel: Eisbaden und archaische Kraft, in: Instagram, 03.12.2024. Online unter: https://www.instagram.com/p/DDIR4H8MEYY/ (abgerufen am 01.06.2026).
Gremillion, Helen: Feminism and the Mythopoetic Men’s Movement: Some shared concepts of gender, in: Women’s Studies Journal 25(2), 2011, S. 43–55. Oline unter: https://www.wsanz.org.nz/journal/docs/WSJNZ252Gremillion43-55.pdf (abgerufen am 01.06.2026).
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Hutter, Elisabeth: Dem deutschen Abenteuer auf der Spur. Zur Rezeption von Abenteuerliteratur in der Pfadfinderbewegung, in: Abenteuer in der Moderne, Bd. 2, 2020, S. 149–168. https://doi.org/10.30965/9783846765166_009
Kadritzke, Till/Hoops, Erik: Bewegte Männer, in: Feminismus in historischer Perspektive, Bielefeld 2014, S. 221–252.
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Rotman, Deborah L.: Separate Spheres? Beyond the Dichotomies of Domesticity, in: Current Anthropology (47)4, 2006, S. 666–674. https://doi.org/10.1086/506286
Schäfer, Arne: “Teach them to be manly!” Die Pfadfinderpädagogik von Robert Baden-Powell. Eine männlichkeitstheoretische Perspektive, in: Matthias D. Witte und Yvonne Niekrenz (Hrsg.): Aufwachsen zwischen Traditions- und Zukunftsorientierung Gegenwartsdiagnosen für das Pfadfinden, Wiesbaden 2013, S. 19–34. https://doi.org/10.1007/978-3-658-00694-5_2
Schiebinger, Londra: Am Busen der Natur: Erkenntnis und Geschlecht in den Anfängen der Wissenschaft, Stuttgart 1995.
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Zitation: Jessica May : „Das Rudel ruft“: Zur Inszenierung ‚wahrer‘ Männlichkeit im digitalen Raum , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 16.06.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/das-rudel-maennlichkeit-inszenierung/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260616
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