27. November 2025 Mina Mittertrainer
Junge Frauen interessieren sich nicht für Politik? Diese Annahme hält sich hartnäckig, besonders wenn es um politische Teilhabe in ländlichen Räumen geht. Doch wie partizipieren junge Frauen auf dem Land wirklich – und was haben Geschlecht, Alter und (Sozial-)Raum damit zu tun?
Jung, weiblich, ländlich – unsichtbar?
Politisches Engagement gilt als demokratisches Ideal – gleichzeitig lässt sich ein deutliches Partizipationsgefälle feststellen, das sich insbesondere anhand der Kategorie Geschlecht nachvollziehen lässt. So sind Frauen in der deutschen Politik auf allen institutionalisierten Ebenen unterrepräsentiert und besonders junge Frauen sind nur selten in politischen Bezügen vertreten (Henrich 2024a, b; EAF Berlin 2025), obwohl sich kein geschlechtsbedingter Unterschied im politischen Interesse nachweisen lässt (vgl. Albert et al. 2024). Die Unterrepräsentanz von (jungen) Frauen verstärkt sich in ländlichen Räumen, da gilt: „Je ländlicher, desto männlicher“ (Friedrich 2019).
In diesen Befunden deutet sich eine politische Distanz dieser Gruppe an, die ich in meiner Dissertation empirisch untersucht habe. Zu der Frage, was politisches Handeln junger Frauen in ländlichen Regionen anleitet, führte ich mit jungen Frauen aus verschiedenen bayerischen Gemeinden Gruppendiskussionen und wertete diese mittels der Dokumentarischen Methode qualitativ-rekonstruktiv aus, um Perspektiven, Deutungsmuster und Handlungslogiken nachvollziehbar zu machen (vgl. u. a. Bohnsack 2008). Dabei lag mein Fokus auf der Intersektion, der Schnittstelle zwischen Geschlecht, Alter und (Sozial-)Raum.
Drei Modi politischen Handelns
Als zentrale Erkenntnis lassen sich drei idealtypische Formen politischen Engagements für die untersuchte Zielgruppe beschreiben: unsicherheitsbehaftet, selbstfokussiert und interessengeleitet.
Für junge Frauen, die sich in ihrem Engagement unsicher fühlen, erscheint politisch zu handeln als moralische Pflicht, gleichzeitig jedoch als angstbesetzt und überfordernd. Ein selbstbestimmtes Engagement bleibt dementsprechend aus, um sich nicht angreifbar zu machen. Politik kann jedoch auch als Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung und Verwirklichung gesehen werden. Vom selbstfokussierten Typ wird dies aber nur angenommen, wenn Engagementstrukturen individuell zu den eigenen Bedürfnissen passen. Die Teilhabe ist daher begrenzt, konsumorientiert und an Selbstentwicklung geknüpft. Erfolgt das Engagement interessengeleitet, also aus intrinsischem Antrieb und dem Wunsch nach Wirkung, führt fehlende Anerkennung der eigenen politischen Arbeit durch Institutionen oder Akteur*innen jedoch häufig zu Frust und dem potenziellen Ausstieg aus institutionalisierten Politikformen.
Die Bedeutung der jeweiligen Strukturkategorien Geschlecht, Sozialraum und Alter für die politische Partizipation der drei Typen spannt sich jeweils spezifisch auf – gleichwohl prägen sie alle die Handlungsorientierungen der untersuchten Gruppe und bestimmen wesentlich mit, ob Beteiligung überhaupt denkbar oder realisierbar ist.
Politische Teilhabe und Geschlecht
Politik gilt für die Zielgruppe meiner Untersuchung als männlich konnotierte Sphäre. Die jungen Frauen gleichen ihr eigenes politisches Handeln also tendenziell mit männlich kategorisierten Idealen der Partizipation ab (bspw. in Bezug auf Durchsetzungs- und Konfliktfähigkeit) und erleben sich selbst oftmals als ‚nicht kompetent genug‘. Es zeigt sich eine ausgeprägte Suche nach Bestätigung von außen, und politische Selbstpositionierung gilt als soziales Risiko. Der Wunsch, sich ‚richtig‘ zu beteiligen, steht dabei im Gegensatz zum anhaltenden politisch-kulturellen Ausschluss von Frauen aus der politischen Sphäre: So zeigt sich ein kategorischer Widerspruch zwischen dem Druck, sich geschlechtskongruent zu verhalten, und dem Druck, sich als politisches Subjekt zu präsentieren.
Intersektionale Verknüpfungen: Alter und Sozialraum
Auch der Kontext Alter zeigt sich für die politischen Orientierungen als relevant, was sich insbesondere in Auseinandersetzungen mit anderen Generationen nachzeichnen lässt: So wird eine stetige Abwertung der eigenen politischen Kompetenz durch ältere Erwachsene beschrieben, von denen sich junge Frauen in ihren Anliegen und Handlungsweisen nicht ernstgenommen fühlen. Dementsprechend grenzen sich alle drei Typen in ihren Erzählungen von als ‚zu alt‘ wahrgenommenen politischen Teilhabestrukturen ab und suchen nach ‚jungen‘ Partizipationsformaten, welchen mehr Anschlussfähigkeit zugeschrieben wird.
Unter anderem dadurch wird auch die Kategorie Raum bedeutsam für das politische Handeln junger Frauen in ländlichen Regionen. Für junge Menschen gibt es hier nur wenige politische Angebote, wodurch es für sie schwieriger wird, sich zu engagieren. Auch fehlen oftmals (sichtbare) weibliche Vorbilder. Insbesondere die für diesen Raum typischen engen Gemeinschaften (‚jeder kennt jeden‘) und die daraus folgende soziale Kontrolle beeinflussen weiterhin die eigenen Lebenswegentscheidungen – auch im Hinblick darauf, ob ein politisches Engagement aufgenommen wird oder nicht.
Implikationen für Partizipationsförderung
Politische Teilhabe folgt also nicht einem einzelnen Ideal, sondern ist immer Ausdruck individueller und kollektiver Erfahrungen sowie struktureller Bedingungen. Aus meinen Ergebnissen lässt sich daher für die politische Bildung ableiten, dass ein erweitertes Verständnis von politischer Partizipation und vor allem auch von deren Förderung notwendig ist: Ein einzelner Ansatz der politischen Bildung wird nie alle Menschen gleichermaßen ansprechen. Vielmehr bedarf es einer Breite an Angeboten, die politische Hürden nicht nur auf individueller, sondern auch auf struktureller und gesellschaftlicher Ebene adressieren. Die Bedarfe lassen sich auf Basis der empirischen Analyse typenspezifisch herleiten:
Junge Frauen des unsicheren Typs brauchen beispielsweise Räume, in denen sie Politik praktisch ausprobieren können – gerade in ländlichen Regionen, in denen das Thema oft als alltagsfern wahrgenommen wird. Planspiele, der Besuch politischer Sitzungen oder einfache Einblicke in Wahlabläufe könnten hier erste Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen. Selbstfokussierte Typen brauchen hingegen eher die Möglichkeit, Verantwortung in konkreten Projekten oder Vereinen zu übernehmen. So lernen sie, ihre politische Neugier nicht nur theoretisch zu pflegen, sondern auch wirklich in konkretes Handeln zu übersetzen. Für die schon sehr engagierten, interessengeleiteten Typen ist dagegen vor allem wichtig, Anerkennung zu erfahren – aber auch, realistisch einschätzen und aushalten zu können, dass Politik oft langwierig und unberechenbar ist. So unterschiedlich die Typen sind: sie alle brauchen Zugänge, die Politik nahbar machen und gleichzeitig Frust vorbeugen. Denn nur wer das Gefühl hat, etwas bewirken zu können, bleibt auch langfristig dabei.
Zwischen Exklusion und Frustration: Wie Ausschluss Populismus begünstigen kann
Partizipationsförderung setzt nicht nur auf individueller Befähigungsebene an, sondern ist auch ein wirksames Mittel gegen politische Exklusion. Fehlen jungen Menschen Möglichkeiten zu Selbstwirksamkeitserfahrungen, steigt das Risiko von Frustration und Entfremdung. Demgegenüber trägt die Stärkung demokratischer Kompetenzen und der Ausbau partizipationsfreundlicher Strukturen nicht nur zu einer ausgewogeneren Repräsentation in der Politik bei, sondern festigt auch das Gefühl politischer Selbstwirksamkeit sowie gesellschaftlicher und politischer Zugehörigkeit.
Gerade im Kontext zunehmender Polarisierung erweist sich dies als zentrale Aufgabe. Besonders in der Intersektion von jung, weiblich und ländlich wird deutlich, dass fehlende Zugehörigkeitstendenzen Politikverdrossenheit und Entfremdung verstärken können. In solchen Phasen wächst das Bedürfnis nach Orientierung und Komplexitätsreduktion – ein Bedürfnis, das rechtspopulistische Akteure gezielt adressieren. Sie profitieren von Exklusion, indem sie Zugehörigkeit ohne konkrete Anforderungen in Aussicht stellen, klare Feindbilder an die Stelle komplexer Strukturen rücken und über emotionale, häufig genderpolitisch aufgeladene Botschaften Anschlussmöglichkeiten schaffen. Politischer Ausschluss kann somit zu einem Nährboden für rechtspopulistische Orientierungsmuster werden (Hampel et al. 2024; Heitmeyer 2014).
Junge Frauen befähigen, Teilhabe ermöglichen
Die politische Teilhabe junger Frauen im ländlichen Raum scheitert also nicht unbedingt am fehlenden Interesse oder Willen, sondern vor allem an strukturellen und kulturellen Hürden. Alter, Geschlecht und (Sozial-)Raum wirken hier als Verstärker von Ausschluss und schaffen Bedingungen, die politische Beteiligung erschweren oder ganz verhindern können. Wer gendersensible demokratische Partizipation fördern (und somit auch populistischen Strömungen wirksam begegnen) will, muss daher Rahmenbedingungen schaffen, in denen junge Frauen nicht nur eingeladen werden, ‚dabei‘ zu sein, sondern tatsächlich eigene Positionen entwickeln und einbringen können. Entscheidend ist eine Öffnung politischer Räume, die Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen, Zugehörigkeit stärken und damit langfristig zur Entwicklung und Anwendung politischer Kompetenzen befähigen.
Literatur
Albert, Mathias/Quenzel, Gudrun/de Moll, Frederick/Verian, Verian (2024). Jugend 2024. 19. Shell Jugendstudie. Shell-Jugendstudie. Shell Deutschland, Holding. Bielefeld.
Bohnsack, Ralf (2008). Rekonstruktive Sozialforschung: Einführung in Qualitative Methoden. Stuttgart, utb.
Friedrich, Clara (2019). Gleichstellung als Regionalentwicklung. Zur Situation der kommunalen Gleichstellungsarbeit in ländlichen Räumen Deutschlands. Unter Mitarbeit von Susanne Löb, Christina Runge. Hg. v. Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen. Berlin. Online abgerufen am 29.09.2025 unter https://www.gleichberechtigt.org/sites/default/files/uploads/downloads/12_projektiv_studie_gleichstellunglaendlicheraeume.pdf.
Hampel, Kilian/Schnetzer, Simon/Hurrelmann, Klaus (2024). Trendstudie Jugend in Deutschland: Erkenntnisse aus der sechsten Befragung 2023. Diskurs 19 (3): 415–419. https://doi.org/10.3224/diskurs.v19i3.08
EAF Berlin (2025). Helene Weber-Kolleg. Online abgerufen am 29.09.2025 unter https://www.eaf-berlin.de/was-wir-tun/modellprojekte/projekt/hwk-frauen-macht-politik.
Heitmeyer, Wilhelm (2014). Rechtsextremismus im ländlichen Raum. In: Dünkel, Frieder/Herbst, Michael/Schlegel, Thomas (Hg.): Think Rural! Wiesbaden, Springer Fachmedien: 131–146. https://doi.org/10.1007/978-3-658-03931-8_13
Henrich, Philipp (2024a). Frauenanteil im Deutschen Bundestag in der 12. bis 20. Wahlperiode. Online abgerufen am 29.09.2025 unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/741896/umfrage/frauenanteil-im-deutschen-bundestag-nach-wahlperiode/.
Henrich, Philipp (2024b). Frauenanteil in den Landesparlamenten der Bundesländer in Deutschland im Jahr 2024. Online abgerufen am 29.09.2025 unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/741909/umfrage/frauenanteil-in-den-landesparlamenten-in-deutschland/.
Zitation: Mina Mittertrainer: Demokratie auf Abstand: Junge Frauen in ländlichen Räumen, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 27.11.2025, www.gender-blog.de/beitrag/demokratie-auf-abstand/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251127
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Kommentare
Katrin Degen | 01.12.2025
Danke für deine so dringend nötige Forschung Mina! Sehr cool hier eine Zusammenfassung deiner Ergebnisse lesen zu können!
Liebe Grüße
Katrin