26. November 2025 Ajshe Qerkinaj
Wie demokratisch ist eine Gesellschaft, in der es mehr Bürgermeister gibt, die Thomas heißen, als Frauen, die dieses Amt bekleiden? Der Sammelband Zu anders für die Macht? geht dieser Frage sowie weiteren Herausforderungen in Politik und Gesellschaft nach. In fünfzehn Beiträgen politisch aktiver Frauen werden aus unterschiedlichen Perspektiven verschiedene Hürden und Erfahrungen geschildert. In Form von Essays, Interviews und Berichten erzählen die Autor*innen von Kämpfen und Rückschlägen, aber auch von ihren Erfolgen im politischen Engagement. Alle Beiträge haben gemeinsam, dass die Autor*innen die Unverzichtbarkeit weiblicher Teilhabe, Vielfalt und Inklusion für eine starke Demokratie hervorheben. Denn Demokratie funktioniert nur mit der Teilhabe aller.
Ungleichheit in Politik und Gesellschaft
Die Möglichkeit der politischen Beteiligung von Frauen sei mutigen Vorreiterinnen wie Hedwig Dohm oder Luise-Otto-Peters zu verdanken, so die Herausgeberinnen Tannaz Falaknaz, Stefanie Lohaus und Cécile Weidhofer. Als „die Ersten“ hätten diese Frauen für Meinungsfreiheit und das Recht auf Partizipation gekämpft, doch sei der Weg zur Parität noch immer nicht vollends geschafft. Frauen sind nach wie vor seltener an politischen Prozessen und Entscheidungen beteiligt. Ihr Anteil im Bundestag liegt bei knapp unter 36 Prozent, auf kommunaler Ebene ist er noch geringer. Der Anteil von Bürgermeisterinnen in Kommunen liegt aktuell bei nur 13,5 Prozent. Noch geringer ist die Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte oder einer Behinderung. Der Sammelband gibt deshalb Frauen mit unterschiedlichen Biografien und Lebensrealitäten eine Stimme, um ihre persönlichen Erfahrungen zur politischen Partizipation auszudrücken, denn gefordert ist eine Demokratie, „in der Diversität als Bereicherung und nicht als Bedrohung wahrgenommen wird“ (S. 8).
Demokratie braucht Inklusion
Die Essays von Heike Heubach und Sarah Zöllner zeigen beispielhaft, dass Demokratie die Teilhabe aller Frauen braucht. Heike Heubach, die erste gehörlose Abgeordnete, beschreibt eindringlich, wie essenziell barrierefreie Zugänge und inklusive Bildungskonzepte sind, um echte Chancengleichheit herzustellen. Dafür setzt sie sich auch selbst im Bundestag ein, denn sie weiß aus eigener Erfahrung: Die Partizipation von Menschen mit Behinderung reicht nur so weit, wie Barrieren abgebaut werden. Heubachs Beitrag zeigt darüber hinaus, dass eine inklusive Teilhabe am politischen Geschehen den Blick für neue Perspektiven eröffnet und damit zu einer vielfältigeren Gesellschaft beiträgt.
Sarah Zöllner ergänzt diese Sichtweise um diejenige von Müttern. Sie legt dar, wie familienfeindliche Strukturen die politische Partizipation von Frauen mit Kindern erschweren. Kurze Elternzeiten und fehlende Kinderbetreuung sind nur ein Teil der vielen Hürden für Mütter, die sie von einem stärkeren Engagement abhalten. Das wirkt sich negativ auf eine starke und vielfältige Demokratie aus. Demokratie ist nicht nur ein abstraktes Prinzip, sondern bewährt sich im Alltag. Wenn das Mitwirken von Müttern an politischen Prozessen daran scheitert, dass Betreuungsmöglichkeiten oder hybride Veranstaltungen fehlen, sind klare Defizite im politischen Leben erkennbar.
Zwischen Mut und Anfeindung
Mehrere Beiträge beschreiben die potenziellen Gefahren politischer Beteiligung. So schildert Karoline Preisler, die sich parteipolitisch engagiert, in ihrem Beitrag die Gewalt, der sie als Politikerin ausgesetzt ist. Sie erfährt sexistische Kommentare bis hin zu Morddrohungen und sogar körperliche Angriffe (S. 94f.). Der Rückzug aus dem politischen Engagement ist für sie dennoch keine Option. Trotz der gewaltvollen Konfrontationen hält sie daran fest, dass es wichtig ist, politisch aktiv zu bleiben und sich nicht einschüchtern zu lassen. Sie ist der Auffassung, dass man nur die Möglichkeit hat, Veränderung voranzutreiben, wenn man sich auch selbst engagiert. Mit bedrückender Klarheit macht sie sichtbar, welche Risiken für Politikerinnen bestehen und wie Gewalt das demokratische Selbstverständnis aushöhlt.
Solche Erfahrungen sind keine seltenen Ausnahmen, sie treten regelmäßig auf und bedrohen Demokratie unmittelbar, wenn Menschen durch Hass und Gewalt zum Schweigen gebracht werden sollen. Davon berichten auch Sarah-Lee Heinrich und Ye-One Rhie in ihren Interviews. Sie sind beide politisch aktiv und erleben hass- und hetzerische Angriffe im Internet besonders häufig durch rechtsextreme Personen. Auch sie bekräftigen eindringlich, dass solche Einschüchterungsversuche nicht dazu führen dürfen, dass demokratische Stimmen verstummen. Sie plädieren daher dafür, politisch aktiv zu bleiben oder zu werden, denn alles andere wäre eine existenzielle Gefahr für die Demokratie (S. 132).
Ähnliche Tendenzen sieht auch Tessa Ganserer, eine der ersten transgeschlechtlichen Abgeordneten im Bundestag. Sie verweist auf die Gleichzeitigkeit wachsender Akzeptanz queerer Menschen und zunehmender Gegenbewegungen rechtsextremer Parteien und Gruppen (S. 175). Sie betont, dass zunehmend intersektionale Aspekte in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit berücksichtigt werden müssten. Nur wenn wir uns alle Diskriminierungsformen vor Augen halten, können wir effektiv gegen diese ankämpfen. Fortschritte in diesem Bereich müssen stärker sein als die Gegenbewegungen, sonst bleiben sie instabil und schaden unserer Demokratie langfristig.
Errungenschaften durch weibliche Netzwerke
Gleichzeitig verdeutlichen andere Beiträge des Buches, welchen positiven Einfluss der Zusammenschluss von Frauen haben kann, welche Chancen durch demokratische Verbindungen möglich werden und wie sie Wendepunkte und gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben können. Der Beitrag von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger weist auf Erfolge hin, die nur dank gemeinsamer Zusammenarbeit von Frauen aus unterschiedlichen Parteien möglich waren. Die Autorin beschreibt, wie das Verbot der Vergewaltigung in der Ehe 1997 gegen alle Widerstände durchgesetzt wurde. Dies konnte nur durch das gemeinsame interfraktionelle Zusammenwirken der Frauen im Bundestag realisiert werden (S. 47f.). Heute ruft sie Frauen in der Politik dazu auf, dass sie sich weiter für wichtige Themen interfraktionell zusammenschließen, um für gemeinsame Ziele der Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen.
Rita Süssmuth schließt sich dieser Überzeugung an. Sie unterstreicht die Bedeutung von Frauennetzwerken im Kampf gegen strukturelle Ungleichheiten. Diese sind essenziell, um Fortschritte im Bereich der Geschlechtergerechtigkeit zu erlangen. Sie unterstreicht zudem, dass es sich um ein globales Anliegen handelt, das international gedacht und gestärkt werden muss. Dabei führt sie die Notwendigkeit des Zusammenspiels von Demokratie und Gleichberechtigung vor Augen. Diese beschreibt sie als zwei sich ergänzende Normen (S. 235). Eine vielfältige und gleichberechtigte Gesellschaft ist Voraussetzung für eine starke Demokratie. Süssmuths Beitrag zeigt eindrucksvoll, welche politische Macht Frauen entfalten können, wenn sie sich verbünden und gemeinsam für größere Ziele kämpfen.
Die beiden Beiträge demonstrieren, welche Chancen durch demokratische Verbindungen möglich werden und wie damit Wendepunkte und gesellschaftliche Veränderungen vorangetrieben werden können.
Parität ist unabdingbar für Demokratie
Die Vielfalt der Stimmen im Sammelband verdeutlicht, dass Frauen in der Politik unterschiedliche Erfahrungen machen, aber ähnliche Herausforderungen teilen. So verschieden ihre politischen Vorstellungen auch sein können, sie alle unterstreichen die Bedeutung vielfältiger und inklusiver Teilhabe für Demokratie. Die Beiträge eröffnen neue Sichtweisen, die vielen Leser*innen sonst verborgen blieben, da solche Blickwinkel in der öffentlichen Debatte oft zu wenig repräsentiert sind.
Die Perspektiven stammen überwiegend aus parteipolitischen Kontexten, was durch die Ergänzung der Betrachtungsweise zivilgesellschaftlicher Bewegungen und Organisationen bereichert werden könnte. Außerdem kommt die Analyse systematischer Ursachen an einigen Stellen zu kurz, da viele Beiträge sehr individuelle Eindrücke schildern. Dennoch vermittelt der Band erfolgreich, wie eng Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit verknüpft sind.
Die Botschaft bleibt dabei unmissverständlich: Eine funktionierende Demokratie entsteht nicht von selbst. Sie lässt sich nur erreichen, wenn alle teilhaben können. Demokratie lebt von Parität, während Vielfalt und Inklusion ihr zentrales Fundament sind und unsere Gesellschaft nachhaltig bereichern. Wer Frauen, Mütter, Menschen mit Migrationsgeschichte oder Behinderung und queere Personen ausschließt oder gar anfeindet, schwächt nicht nur einen großen und bedeutenden Teil der Gesellschaft, sondern die Demokratie selbst.
Das Buch „Zu anders für die Macht? Wie mutige Frauen für Gleichberechtigung in der Politik kämpfen“, herausgegeben von Tannaz Falaknaz, Stefanie Lohaus und Cécile Weidhofer, ist 2025 bei Herder erschienen.
Zitation: Ajshe Qerkinaj: Demokratie ist nur mit Frauen stark, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 26.11.2025, www.gender-blog.de/beitrag/demokratie-ist-nur-mit-frauen-stark/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251126
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Kommentare
Petra Nabinger | 26.11.2025
Danke für diesen wertvollen Beitrag und den Buch-Tipp. Besonders beeindruckend finde ich den Satz: "Süssmuths Beitrag zeigt eindrucksvoll, welche politische Macht Frauen entfalten können, wenn sie sich verbünden und gemeinsam für größere Ziele kämpfen." Dies könnte ohne Weiteres als Aufruf verstanden werden, dass es mal wieder an der Zeit ist, interfraktionell für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen, um Frauen Partizipation in Entscheidungspositionen zukommen zu lassen und unsere Demokratie zu stärken.
Barbara | 19.12.2025
Es dürfte einen Zusammenhang zwischen einer höheren Gewalt in der Kindererziehung in manchen Ländern / Kulturen und einer stärkeren patriarchalen Struktur geben. Franz Jedlicka erwähnt das z.B. in seinem recht neuen "Misogynization" Buch. LG Barbara