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Headergrafik: Bettina Marx

Die Neue Frau – Künstlerinnen als Avantgarde in Haus Opherdicke

23. Juli 2019 Uta C. Schmidt

Das 1918 mit dem Sturz der Monarchie gewährte allgemeine, gleiche, freie, geheime Wahlrecht brachte Frauen die politische Gleichstellung. Diese öffnete den zuvor despektierlich „Malweiber“ genannten Frauen zugleich Kunstakademien und -hochschulen als staatliche Ausbildungsstätten, schuf Zugänge zum Kunstmarkt und ließ den Beruf der Künstlerin selbstverständlicher werden. 1919 wurde Käthe Kollwitz an die preußische Akademie der Künste berufen und durfte fortan den Titel „Professor“ tragen. Knapp 100 Jahre später lehren zum Beispiel an der Kunstakademie in Düsseldorf 15 Professorinnen, das sind 37,5 Prozent des Lehrkörpers.

Bekannt und vergessen

Die Ausstellung Die Neue Frau – Künstlerinnen als Avantgarde in Haus Opherdecke in Holzwickede, dem zentralen Ausstellungs- und Veranstaltungsort des Kreises Unna, zeigt vom 17. März bis zum 18. August 2019 berühmte und nahezu vergessene Künstlerinnen, so sind Hannah Höch, Käthe Kollwitz, Jeanne Mammen, Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter, Emy Roeder und Renée Sintenis mit Arbeiten vertreten. Und ein Selbstbildnis der Hagenerin Ida Gerhardi, ohne Genieallüren von der Künstlerin als „Frauenbildnis“ betitelt, ziert das Ausstellungsplakat. Gleichzeitig werden uns Künstlerinnen bekannt gemacht, die hier im Westen nicht zu Ikonen der künstlerischen Moderne avancierten, wie Maria Caspar-Filser, und Künstlerinnen, die im Kunstschaffen der DDR anerkannt waren, wie Tina Bauer-Pezellen, oder die gänzlich dem Vergessen anheimfielen, wie Lieselotte Röwer-Sangerhausen, deren Todesdatum selbst für den Ausstellungskatalog nicht bestimmt werden konnte. Das Publikum aus der Region freut sich, dass Gerta Overbeck-Schenk und Elisabeth Schmitz so prominent in der Ausstellung vertreten sind. Sie alle eint eine selbstverständliche künstlerische Weltaneignung als Zeichnerin, Malerin oder Bildhauerin.

Frauen als Subjekte

An Ida Gerhardi aus Hagen lässt sich sinnlich erfahren, wie sich eine Malerin den Weg von der Gegenständlichkeit hin zum Abstrakten erschließt. In der bezugnehmenden Hängung von Ida Gerhardi und Käthe Kollwitz, die zeitweise Tür an Tür in Paris wohnten, um dort als Künstlerinnen das Leben und die Kunst zu studieren, erschließt sich das zeitgleiche Nebeneinander künstlerischer Ausdrucksformen – hier die Malerei, dort Grafik und Plastik – beide beziehen Position für Frauen ihrer Zeit, Kollwitz für die des Proletariats, Gerhardi für die Prostituierten, Can-Can-Tänzerinnen und Animierdamen in Pariser Etablissements. Da diese normalerweise mit „männlichem" Blick in Szene gesetzt wurden, drängt sich die Frage nach einer eigenen Perspektive der Künstlerin auf die Frauen in den Tanzlokalen und „Apachenkneipen“ geradewegs auf. Wie setzt sie ihre Akzente? Sind sie auch für Ida Gerhardi „Objekt“?

Entdeckungen

Eine große Entdeckung sind die unglaublichen Scherenschnitte von Elisabeth Schmitz, die die Ausdrucksmöglichkeiten des Holzschnitts in eine bewegte Dreidimensionalität übertragen, was man allerdings nur am beeindruckenden Original studieren kann, während die Katalogabbildungen auf den ersten Blick wie Drucke oder Tuschzeichnungen anmuten. Einen unbedingten Höhepunkt stellt die Möglichkeit dar, Lotte Reinigers Animationsfilme sehen zu können: Das Ornament des verliebten Herzens (1919), ihr allererster Animationsfilm in eigener Regie sowie Aschenputtel von 1922 zeigen sie in Opherdicke als Pionierin des Films aus Einzelbildern – Künstlerinnen der Zwanziger Jahre erkannten auch die Möglichkeiten neuer Medien für ihren Ausdruck.

Die Neue Frau

Der Titel der Ausstellung „Die Neue Frau“ präsentiert nicht nur Frauen mit einem neuen Selbstverständnis als Künstlerin, die Großschreibung des Adjektivs problematisiert gleichzeitig den Typus der urbanen „Neuen Frau“ mit Kurzhaarschnitt, Zigarettenspitze, kurzen Röcken, Plattenspielern, schnellen Autos, wie er als medial geschaffener Mythos nicht nur die männliche Fantasie bis heute beflügelt (vgl. Sykora 1993). Was einerseits als massenmedial inszenierte Projektionsfläche für sexuell selbstbestimmte Weiblichkeit in der modernen, konsumorientierten, temporeichen Zeit historisch-kritisch und sozial dekonstruiert werden kann, bietet sich in einer queeren Lesart für aktuelle Identifikationen jenseits binärer Codierungen an – viele der hier präsentierten Künsterlinnen trugen die Haare so, wie die Frauenköpfe von Hanna Koschinski (um 1916–1918), Jeanne Mammens Mädchen (1924/1930) oder Hanna Nagels expressiver Tuschezeichnung von einer Raucherin (1929).

Inszenierungen

Renée Sintenis, 1931 als erste Bildhauerin an die Akademie der Bildenden Künste in Berlin berufen und als Jüdin 1934 zum Austritt gezwungen, war mit ihren Klein-Skulpturen äußerst erfolgreich. Sie inszenierte sich androgyn, mit Schlips, Staubmantel, Hut, Studebaker und Rennpferd (Reimann/ Müller 2019: S. 157, 159, 161). Sie änderte ihren Vornamen Renate in die geschlechtsneutralere französische Form Renée und arbeitete so auf verschiedenen Ebenen an ihrem Branding als Neue Frau, das ihre Marktpräsenz zu steigern half. Ein lesenswerter Aufsatz im Ausstellungskatalog zeigt die Verwobenheit von individueller Inszenierungspraxis und Marktstrategie auf. Wer weiß eigentlich, dass der Berliner Bär, der zu DDR-Zeiten die Autoreisenden am Kontrollpunkt Dreilinden im „Freien Westen“ begrüßte, von Renée Sintenis stammt?

Ausstellungskommentare

Ein Blick in das Gästebuch zur Ausstellung zeigt, dass Frauengruppen, Frauen- und Mädchennetzwerke oder ehemalige Abiturientinnengruppen die Ausstellung als gemeinschaftsstiftendes Kunsterlebnis besuchen. Besucher_innen wünschen sich in der Ausstellung mehr Informationen zu den Lebenswegen der Künstlerinnen. Bei gutem Internetempfang recherchierte das jüngere Publikum selbstverständlich vor den Arbeiten über das Smartphone zu den Künstlerinnen. Unangenehm berührt jedoch der mitunter geradezu feindselige, besserwisserische Ton einiger selbstgefälliger Kommentare.

Kritische Anmerkungen

Die Präsentation bringt viele überraschende Einsichten, neue Erkenntnisse und sinnliche Erfahrungen. Unverstanden bleibt für viele Besucher_innen, dass in die Ausstellung Positionen einer Gegenwartskünstlerin eingewoben wurden: Papierarbeiten und Skupturen der 1981 geborenen Bettina Marx. Und so wünschte man sich in Ausstellung und/oder Katalog Ausführungen zur kuratorischen Arbeit, die Auswahl, Zusammenstellung und Präsentation mit all ihren vermutlich eher begrenzenden Rahmensetzungen nachvollziehbarer gemacht hätten. Dem Katalog hätte zudem ein professionelles Lektorat gutgetan. Und schaut man auf die Zeichnungen von Jeanne Mammen, kommen Zweifel auf, ob sie im Original überhaupt noch präsentiert werden sollten, so verblasst und ephemer wirken die Blätter. Doch gleichzeitig bin ich beglückt, sie gesehen zu haben.

Kissen als Plastik

Während meines Ausstellungsbesuches diskutierte eine Gruppe lautstark die zeitgenössischen Arbeiten von Bettina Marx. Vor allem im Kaminzimmer mit Skulpturen und Zeichnungen von Renée Sintenis und Lieselotte Röwer-Sangerhausen, mit den süßen Rehen und dem kleinen Berliner Bären als Handschmeichler aus Bronze, fand man die Marx’schen Kisseninterventionen banal und unangemessen. Die Diskussion ließ mich zurückkehren zum Ausstellungsanfang und die Arbeiten von Bettina Marx noch einmal in einem eigenen Zusammenhang studieren. Zu Hause habe ich alle meine Kissen auf dem Sofa versammelt und Knicke hineingehauen. Mir war klargeworden, welche plastische und affektive Kraft den Kissen als bildhauerische Arbeit innewohnt.

 

Die Neue Frau - Eine Ausstellung mit Arbeiten von

Tina Bauer-Pezellen, Lilja Busse, Maria Caspar-Filser, Ida Gerhardi, Hannah Höch, Elisabeth Jaspersen, Grete Jürgens, Käthe Kollwitz, Hanna Koschinsky, Elfride Lohse-Wächter, Jeanne Mammen, Hedwig Marquardt, Bettina Marx, Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter, Hanna Nagel, Gerta Overbeck-Schenk, Lotte Reiniger, Emy Roeder, Lieselotte Röwer-Sangerhausen, Elisabeth Schmitz, Martel Schwichtenberg, Renée Sintenis.

Informationen

Die Neue Frau. Künstlerinnen als Avantgarde
17. März 2019 - 18. August 2019
Haus Opherdicke
Dorfstraße 29
59439 Holzwickede
Tel. 02301 / 91 83 97 2 (Kasse)
(während der Öffnungszeiten) Fon 0171 / 7 44 78 53

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag | 10.30 bis 17.30 Uhr
Öffentliche Führungen: Sonntag 11.30 Uhr | 14.30 Uhr
Öffentliche Führungen Skulpturenpark: Sonntag 13.00 Uhr
Eintritt 4 Euro | ermäßigt 3 Euro Familienkarte 8 Euro Kinder unter 14 Jahren frei Jahreskarte 20 Euro
Gruppen ab 10 Personen zahlen den ermäßigten Eintritt

Literatur

Reimann, Arne, Müller, Sally im Auftrag des Landrates, Kreis Unna (Hg.), Die Neue Frau. Künstlerinnen als Avantgarde, Dortmund (Kettler) 2019

Sykora, Katharina (Hg.), Die Neue Frau: Herausforderung für die Bildmedien der Zwanziger Jahre, Marburg (Jonas-Verlag für Kunst und Literatur) 1993

Syré, Christiane, Kleiderwechsel zwischen Kaiserrich und Weimarer Republik, in:
https://www.frauenruhrgeschichte.de/frg_wiss_texte/kleiderwechsel-zwischen-kaiserreich-und-weimarer-republik/?projekt [Zugriff 22.07.2019]

Zitation: Uta C. Schmidt: Die Neue Frau – Künstlerinnen als Avantgarde in Haus Opherdicke, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 23.07.2019, www.gender-blog.de/beitrag/die-neue-frau/

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Bettina Marx

Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; wiss. Mitarbeiterin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW; Kuratorin im DA. Kunsthaus Kloster Gravenhorst; Mitarbeiterin der Website frauen/ruhr/geschichte und Mitarbeiterin des Forschungsprojekts „Auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie.100 Jahre Frauenwahlrecht im Ruhrgebiet“ als Teil des Verbundprojektes „100 jahre bauhaus im westen“; Arbeiten und Interessen an der Schnittstelle von Raum, Repräsentation, Geschlecht, Macht.

 

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