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Sexualität, Disability und Scham im Kurzfilm Hole

11. November 2025 Üfeyra Özdencanli

Kulturelle Normen, medizinische Diskurse und Stigmatisierung tragen dazu bei, dass die Sexualität von Menschen mit Behinderung unsichtbar bleibt, tabuisiert und gar angezweifelt wird. Aufgrund systemischer Barrieren erleben behinderte Personen erhebliche Herausforderungen, wenn es um das Ausleben und Erforschen ihrer Sexualität geht (Allefeld & Richter 2024).

Einer der zentralen Mechanismen, die diese Einschränkungen aufrechterhalten, ist Scham. Scham wird gesellschaftlich instrumentalisiert, um sexuelle Autonomie zu regulieren und zu unterdrücken – sowohl in Bezug auf Behinderung als auch auf Queerness (McRuer 2003). Sie fungiert als Werkzeug, um Marginalisierung in gesellschaftlichen Narrativen zu verstärken. Wenn sich die Kategorien Disability und Queerness überlagern, wirkt dieses Instrument der Scham noch tiefgreifender.

Intersektion Disability/Queerness

Im kanadischen Kurzfilm Hole (2014) wird genau diese Intersektion dargestellt. Das Drama unter der Regie von Martin Edralin erzählt die Geschichte von Billy, einem schwulen Mann mittleren Alters mit Arthrogryposis multiplex congenita (Serafimova 2017). Der Film begleitet ihn durch seine Einsamkeit und dokumentiert seine Sehnsucht nach zwischenmenschlichen Beziehungen und sein sexuelles Begehren. Hole porträtiert Billys Behinderung und seine Isolation mit großer Sensibilität, ohne zu romantisieren oder zu idealisieren. Stattdessen thematisiert der Film die Verflechtung von Macht, Begehren und sozialer Kontrolle, die das Leben marginalisierter Individuen prägt.

Care Politics als Form der Kontrolle

Billy ist einem System medizinischer und sozialer Fürsorge unterworfen, das seine Autonomie begrenzt, während es zugleich Unterstützung verspricht. Seine Abhängigkeit von seinem Pfleger Craig ist nicht nur praktischer Natur, sondern Teil eines biopolitischen Regimes, das Pflege und Kontrolle miteinander verknüpft (Feely 2016). Die Routine des Waschens, Ankleidens und Essens veranschaulicht diese Ordnung: Billys Körper wird zugleich versorgt und überwacht, funktionsfähig gemacht und passiv gehalten – unter dem Deckmantel der Fürsorge (Schweigler 2021). Auch wenn die Momente zwischen Billy und seinem Pfleger eine Form der Intimität bezeugen, bleiben die Interaktionen seitens Billys geprägt von stillem Begehren.

Exploration im Verborgenen

Seine Sexualität exploriert er ausschließlich in nicht sichtbaren Räumen – durch anonyme Begegnungen in einem Pornokino. Die architektonische Struktur des Raumes, das Gloryhole, erzwingt eine Trennung von Körpern und Identitäten. Lust wird hier verborgen und einseitig ausgelebt. Der Akt bleibt anonym und wird auf ein physisches Minimum reduziert. Dort ist es Billy möglich, Oralsex zu praktizieren, allerdings ohne ihn selbst empfangen zu können, da die Aufmachung sich als barrierearm erweist. Dieser Umstand symbolisiert seine Ausgrenzung aus reziproken, sichtbaren Formen von Intimität. Die dargestellte Asymmetrie verweist auf die Unbehaglichkeit und Entfremdung einer Sexualität, die sich aus Scham und Geheimhaltung herleitet. Scham manifestiert sich nicht nur in der Heimlichkeit des Akts, sondern auch in der affektiven Erfahrung, sexueller Selbstbestimmung beraubt zu sein – eine Erfahrung, die nicht nur individuell, sondern strukturell begründet ist und in der kulturellen Desexualisierung behinderter Körper wurzelt. Systeme, die eigentlich Schutz und Unterstützung bieten sollen, reproduzieren demnach Isolation und Machtlosigkeit (Shildrick 2013).

Aufbruch normativ-kultureller Narrative

Im letzten Teil des Films sehen wir dieses Machtgefälle aufbrechen. Craig unterstützt Billy im Akt, sexuelle Lust zu erfahren. Wir sehen eine Szene, in der die Grenzen zwischen Pflege und Intimität, zwischen Subjekt und Objekt, öffentlicher Scham und privatem Begehren kurzzeitig verschwimmen. Doch selbst dieser Moment geschieht in einem anonymen Raum und verweist damit auf die gesellschaftliche Unsichtbarkeit von queerer und disabled Intimität. Die Schlussszene ist zugleich radikal und transgressiv: Sie erscheint weder romantisch noch erlösend. Stattdessen bietet sie ein stilles Bekenntnis dazu, dass behinderte queere Menschen nicht nur begehren, sondern das Recht haben, Lust zu empfinden, berührt zu werden und Zärtlichkeit zu erfahren – und das in all ihrer Komplexität.

Hole stellt eine ehrliche und ungeschönte Darstellung queerer und behinderter Sexualität dar. Der Film bricht mit dominanten Narrativen, die solche Identitäten entweder desexualisieren oder auf Objekte des Mitleids reduzieren. Billy wird als sexuelles Subjekt gezeigt, wobei seine Sexualität weder symbolisch noch metaphorisch ist, sondern konkret und verkörpert. Es wird verdeutlicht, wie internalisierte gesellschaftliche Scham und Stigmatisierung Disability emotional isolieren und den Zugang zu Intimität erschweren.

Neudenken von (queerer) Behinderung

Das Ende bleibt offen: Billy bleibt allein, wenn er auch die Chance ergriffen hat, sich vulnerabel zu machen und darüber einen Teil seiner Subjektivität zurückzugewinnen. Der Film verweigert sich einer simplen Erlösungsstrategie und bietet stattdessen eine eindringliche Reflexion über Isolation, Nähe und den Kampf um sexuelle Selbstbehauptung innerhalb restriktiver sozialer Strukturen. Indem Hole Begehren artikuliert – wenngleich in fragmentierten oder sozial „abweichenden“ Formen –, tritt er für die Selbstbestimmung über den eigenen Körper ein. Indem Pflege und Intimität schließlich verschwimmen, wird die Möglichkeit geschaffen, alternative Diskurse über Sexualität und Disability zu denken. Die Auflösung binärer Kategorien wie „Pflegekraft“ und „gepflegte Person“ erscheint dabei zentral.

Es bedarf inklusiver und intersektionaler Ansätze zu Intimität und Sexualität, die die strukturellen und diskursiven Dimensionen von Marginalisierung berücksichtigen. Wie Hole zeigt, ist Scham kein bloß individuelles Gefühl, sondern ein politisches Werkzeug. Sie dient dazu, Regime von Ableismus und Heteronormativität aufrechtzuerhalten, indem sie nicht-normative Formen des Begehrens unsagbar macht. Behinderte Menschen dürfen aber nicht nur ihre Sexualität ausdrücken – sie müssen aktiv darin bestärkt werden. Sichtbarkeit und Vulnerabilität können dabei als Akte des Widerstands verstanden werden. Filme wie Hole öffnen den dringend notwendigen Raum für derartige Diskussionen.

Literatur

Allefeld, Leah; Richter, Caroline. „Frau mit Behinderung: Online-Pornografie für sexuelle Selbstbestimmung?“ blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 11. Juni 2024. https://www.gender-blog.de/beitrag/frau-mit-behinderung-selbstbestimmthttps://doi.org/10.17185/gender/20240611

Edralin, Martin, dir. Hole. Performances by Sebastian Deery and Ken Harrower. Zero and First Love Films, 2014.

Feely, Michael. “Sexual Surveillance and Control in a Community-Based Intellectual Disability Service.” Sexualities, 19(5–6), 2016, pp. 725–750. https://doi.org/10.1177/1363460715620575

McRuer, Robert. “As Good as It Gets: Queer Theory and Critical Disability.” GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies, 9(1–2), 2003, pp. 79–105. https://muse.jhu.edu/article/40800 (letzter Zugriff: 06.11.2025).

Serafimova, Serafima. “Hole by Martin Edralin. A Short Film About Human Connection.” Short of the Week, 30. Mai 2017. https://www.shortoftheweek.com/2017/05/30/hole (letzter Zugriff: 06.11.2025).

Schweigler, Stefan. “A Politics of Care: Dispositive crip-queerer Zeitlichkeit und Verantwortlichkeit.” Zeitschrift für Medienwissenschaft, 13(1), 2021, pp. 26–37. https://doi.org/10.25969/mediarep/15772

Shildrick, Margrit. “Sexual Citizenship, Governance and Disability: From Foucault to Deleuze.” In Beyond Citizenship? Citizenship, Gender and Diversity, edited by Sasha Roseneil, 167–188. London: Palgrave Macmillan, 2013. https://doi.org/10.1057/9781137311351_7

Zitation: Üfeyra Özdencanli: Sexualität, Disability und Scham im Kurzfilm Hole, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 11.11.2025, www.gender-blog.de/beitrag/disability-kurzfilm-hole/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251111

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Üfeyra Özdencanli

Üfeyra Özdencanli (sie/ihr) ist wissenschaftliche Hilfskraft an der Technischen Universität Dortmund und studiert im Master die Fächer Gender Studies und Anglistik/Amerikanistik an der Ruhr-Universität Bochum.

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Kommentare

Ronnie | 12.11.2025

Super Artikel um erste Eindrücke in die Anwendung von Scham als politisches Werkzeug zu kriegen. :) Ich frage mich ob eine menschenwürdige Care Politik in einem kapitalistischen System, das nicht arbeitsfähige Individuen stigmatisiert, möglich ist.

 

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