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Verhängnisvolle Bande – Emma Clines Roman The Girls

21. August 2018 Jenny Bünnig

„I LOOKED UP because of the laughter, and kept looking because of the girls“ (S. 3). Mit diesen Worten lässt Emma Cline ihren Roman The Girls beginnen und setzt damit bereits im ersten Satz den Akzent, der den weiteren Verlauf der Handlung bestimmt.

Es wurde viel über das „Charles-Manson-Buch“ geschrieben, über die Ähnlichkeiten mit dem bekannten Sektenführer und über die zahlreichen Details, die mit der Manson Family und den von ihnen begangenen Morden übereinstimmen, aber auch darüber, dass es eigentlich kein „Charles-Manson-Buch“ ist, weil es nicht um ihn (beziehungsweise Russell) geht, sondern um die „Girls“ (vgl. z. B. Kegel 2016). Charles Manson ist dabei nur ein, aber wahrscheinlich das prominenteste Beispiel einer langen Reihe von Männern, die als Gründer von Sekten berühmt wurden. Es scheint selbstverständlich, sich auf diese Menschen zu konzentrieren und danach zu fragen, was sie ausmacht, worin ihre Anziehungskraft (gerade für Frauen) liegt, warum ihnen andere so sehr verfallen, dass sie alles aufgeben und teils schlimmste Verbrechen begehen.

Die Welt der „Girls“

In ihrem Buch ändert Emma Cline die Blickrichtung und konzentriert sich weniger auf den Anführer, als vielmehr auf die, die ihm folgen. Das sind, wie es der Romananfang vermuten lässt, die jungen Frauen, die in der einleitenden Szene die Aufmerksamkeit der vierzehnjährigen Evie erregen, vor allem aber „the black-haired one“ (S. 4), Suzanne, die für die Jugendliche zum Bezugspunkt wird, um den alles und nicht zuletzt sie selbst zu kreisen beginnt. Der Roman handelt jedoch nicht nur von diesen „Girls“; auf einer allgemeineren Ebene geht es um die sehr eindringliche Beschreibung einer Welt unzulänglicher „Weiblichkeit“.

Erzählt wird The Girls aus der Sicht von Evie Boyd – auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen. Auf der einen trifft die erwachsene Evie im Haus eines Freundes auf dessen Sohn und ein Mädchen, das ihn begleitet. Diese unverhoffte Begegnung wird zum Ausgangspunkt für Erinnerungen an ihre Zeit als Teenager und Mitglied in einer später sehr bekannten Sekte Ende der 1960er-Jahre, um die sich der Roman auf der zweiten Ebene dreht. Die Rahmenhandlung scheint vor allem eine dramaturgische Funktion zu übernehmen und durch gezielte Hinweise und Vorausdeutungen Spannung aufbauen zu sollen. Im Mittelpunkt von Emma Clines Debütroman steht dagegen die jugendliche Evie und deren Bekanntschaft mit der „Russell Family“, die Faszination, die diese auf das junge Mädchen ausübt, und ihr schrittweises Hineingleiten in eine Welt aus Drogen, Sex und Gewalt.

Das Leben als Wartezimmer

Im Sommer 1969 ist Evies Leben „just a waiting room until someone noticed you“ (S. 28). Intensiv und detailliert beschreibt Cline die Gefühlswelt des Teenagers, dessen größte Sehnsucht das Gesehen- und Bemerktwerden ist. Während die gleichaltrigen Jungen nach Aussage der Ich-Erzählerin die Zeit nutzen, sie selbst zu sein (S. 28), arbeiten Evie und ihre beste Freundin Connie am „constant project of our girl selves seeming to require odd and precise attentions“ (S. 27). Ihre Gedanken- und Gefühlswelt ist bestimmt durch Bewertungen – die eigenen und die Fremder – und durch Ratschläge (von Magazinen, Kosmetikfirmen, Bekannten, der Familie), wie die zahlreichen Fehler behoben, zumindest aber etwas abgemildert werden können. Und so wartet Evie darauf, „to be told what was good about me“ (S. 28).

Genau darin liegt meiner Meinung nach die eigentliche Stärke dieses Buches, dessen rahmende Erzählebene nicht in gleicher Weise überzeugen kann wie die Binnenhandlung und dessen Sprache durch viele Vergleiche geprägt ist, die nicht immer stimmig erscheinen. Der Autorin gelingt es, das nachdrückliche Bild einer Welt (nicht nur, aber vor allem) „weiblicher“ Makel und Mängel zu zeichnen, in der vierzehnjährige Mädchen ihre Pickel mit Make-up kaschieren (S. 43) und ihr T-Shirt in die Hose stopfen, „to show the tops of my small breasts, the artificial press of cleavage from my bra“ (S. 44), in der sich Mütter so besessen auf die Suche nach sich selbst machen, dass am Ende nichts übrig ist als das Suchen (S. 30), und in der sich Frauen gegenseitig sezieren, „brutal and emotionless“ (S. 34). Wenn Cline schließlich von der Leere schreibt, die ihre Hauptfigur empfindet, „[t]his absence in me that I could curl around like an animal“ (S. 93), dann glauben wir, zu verstehen, welche Folgen es haben kann, wenn Menschen wissen, wie sie diese Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und einem Gefühl von Zugehörigkeit für sich nutzen können – und Russell, aber vor allem auch Suzanne wissen das sehr genau.

Verhängnisvolle Verbundenheit

So ist es Suzanne, die Evie dazu bringt, bereits nach kurzer Zeit ihre Mutter zu bestehlen (S. 159), und die den Missbrauch durch einen älteren Mann einleitet: „‘Come on,’ Suzanne said, and laughed. Her face new in the strange blue light. ‘It’s beautiful,’ she said, ‘you’ll see. He’s gentle’“ (S. 220). Russell mag derjenige sein, dem alle in der Gruppe folgen, an dessen Lippen sie hängen, „nodding like golden retriever“ (S. 132), und der sie dazu bringt, für ihn zu morden, aber für Evie ist es Suzanne, mit der sie sich verbunden fühlt und die dieses Gefühl der Verbundenheit ausnutzt, um die junge Ich-Erzählerin das tun zu lassen, was sie will:

„I was happy to twist the meanings, willfully misread the symbols. Doing what Suzanne asked seemed like the best gift I could give her, a way to unlock her own reciprocal feelings. And she was trapped, in her way, just like I was, but I never saw that, shifting easily in the directions she prompted for me“ (S. 221).

Mit Blick auf die Katastrophe – die brutalen Morde der „Russell Family“ –, auf welche die Handlung im Verlauf zusteuert, ist The Girls auch ein Roman über einen Mann, dem andere Menschen so sehr verfallen, dass sie am Ende schlimmste Verbrechen begehen. Aber noch mehr erscheint Emma Clines Erstlingswerk als Buch über Frauen, deren Anziehungskraft nicht weniger stark und nicht weniger verhängnisvoll ist. Und so lässt die Autorin ihre Hauptfigur auf den letzten Seiten mit den Worten zurückblicken: „No one had ever looked at me before Suzanne, not really, so she had become my definition“ (S. 348).

The Girls von Emma Cline ist im Februar 2018 als Taschenbuch bei dtv erschienen.

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Dr. Jenny Bünnig

Jenny Bünnig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen: Literatur und Kunst der Moderne und Gegenwart, Melancholie, Fremdheit, Zeit- und Raumdarstellungen, "weibliche" Identitätskonstruktionen in der Literatur, Frauendarstellungen in der Kunst.

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