Skip to main content
Headergrafik: Jana Bresch, Leonie Rumscheidt

Forschung

Feminismus für alle gestalten und kommunizieren

29. September 2026 Jana Bresch Leonie Rumscheidt

Laut einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2023 bezeichnen sich in Deutschland nur 15 Prozent als Feminist*innen, obwohl über 80 Prozent für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern stimmen. Diese Diskrepanz lässt ahnen, wie groß die Missverständnisse hinsichtlich der Ziele und des Begriffs von „Feminismus“ sind. Auch wenn es nicht ‚die eine‘ allgemeingültige Definition von Feminismus gibt (Lenz 2026), dürfte doch klar sein: Das Ziel des Feminismus ist die Gleichberechtigung aller Geschlechter in sämtlichen Lebensbereichen.

Im Zuge unserer Masterarbeit im Bereich Kommunikationsdesign haben wir uns die Frage gestellt, was wir als Designerinnen tun können, um feministische Themen zugänglich zu kommunizieren. Daraus entstand die Idee eines personalisierbaren Magazins, das feministische Themen beleuchtet. Dabei haben wir uns mit der Funktionsweise (Sozialer) Medien, der Polarisierung unserer Gesellschaft sowie der aktuellen Wahrnehmung des Themas Feminismus beschäftigt.

Was wird mit „Feminismus“ assoziiert?

Um etwas über die Wahrnehmung von Feminismus zu erfahren, haben wir im Vorfeld unserer Gestaltungsarbeit acht Personen im Alter von 20 bis 30 befragt. Die ausgewählte Altersgruppe entspricht der Zielgruppe des Magazins. Themen waren, wie die Befragten den Feminismus wahrnehmen, wie sie Medien nutzen, welche Plattformen sie am häufigsten nutzen und was sie sich für eine neue Plattform wünschen würden.

In den Gesprächen zeigte sich, dass Menschen den Begriff „Feminismus“ als negativ konnotiert wahrnehmen, auch wenn sie dies selbst nicht so empfinden. Danach gefragt, was sie mit Feminismus assoziieren, nannten die Teilnehmer*innen sehr häufig „Gleichberechtigung“, „Frauenrechte“ und „Stärke“. Begriffe wie „aggressiv“, „extrem“, „Drama“ und „Männerhass“ wurden dagegen nur genannt, wenn wir danach gefragt haben, warum Feminismus ggf. Ablehnung erfährt.

Manche der Befragten bezeichnen sich nicht selbst als Feminist*in, weil sie die genaue Definition nicht kennen, die teils negativen Assoziationen dazu allerdings schon. Feminismus wird von ihnen vielfach auch mit Aktivismus verbunden. In diesem Zusammenhang wurde die Sorge ausgedrückt, bei einer Selbstbezeichnung als Feminist*in als „radikal“ wahrgenommen zu werden. Andere wiederum verzichten auf diese Bezeichnung, weil sie das Gefühl haben, sich selbst nicht ausreichend für feministische Anliegen einzusetzen. Vielfach wurde bemängelt, dass Feminismus politisch zunehmend zu einem Konfliktthema aufgebauscht und mit populistischen Strategien dagegen mobilisiert werde. Nicht zuletzt an dieser Stelle kommen Medien ins Spiel. 

Wir stecken alle in unserer eigenen Meinungsblase

Ein großer Teil des Medienkonsums findet heute über Soziale Medien statt, deren Inhalte zunehmend auf die persönlichen Interessen und Vorlieben der Nutzer*innen zugeschnitten sind. Vielen ist dabei gar nicht bewusst, dass sie sich in abgeschotteten Informations- und Meinungsräumen wiederfinden könnten. Zudem ist die algorithmische Personalisierung, die diese Plattformen nutzen, nur schwer nachvollziehbar und kann dazu führen, dass Falschinformationen und polarisierende Beiträge besonders schnell verbreitet werden.

Der Sozialforscher Jochen Roose erläuterte uns in einem persönlichen Gespräch, dass in Deutschland die affektive Polarisierung steigt. Affektive Polarisierung bedeutet, dass Menschen sich nicht nur thematisch, sondern auch auf einer emotionalen Ebene gegenüberstehen und sogar ablehnen. Wenn Menschen dann mit anderen Meinungen konfrontiert werden, lehnen sie diese schneller ab oder schenken ihnen keinen Glauben.

Darüber hinaus fühlen sich viele Nutzer*innen durch die nicht endende und unübersichtliche Flut an Informationen überfordert – die enorme Geschwindigkeit der Medien bestärkt dieses Gefühl noch (Newman et al. 2025, S. 35, 49). Dazu kommt, dass 50 % angeben, Nachrichten eher zu vermeiden, weil diese sich negativ auf ihre Stimmung auswirken; daraus folgt oftmals, dass sie sich Medien und Nachrichten komplett entziehen und sich wenig bis gar nicht informieren (Behre et al. 2025, S. 15f.).

Wie können mehr Menschen mit feministischen Themen erreicht werden?

Aufgrund der entstehenden Filterblasen ist es schwierig, Menschen mit Themen zu erreichen, für die sie sich nicht ohnehin interessieren. Feministische Themen haben es nicht leicht, Aufmerksamkeit zu finden, insbesondere, weil negative Stereotype dazu viel verfügbarer sind. Diese werden sowohl unbewusst als auch bewusst aufrechterhalten, wodurch bestehende Machtverhältnisse gestützt werden.

Der von uns befragte Experte im Bereich Digitale Kommunikation und Medientrends Dominik Ruisinger, Autor des Buches Das Ende von Social Media, gab zu bedenken, dass Labels wie „Feminismus“ Menschen abschrecken und zu kategorischer Ablehnung führen können. Um solche Stoppschilder zu umgehen, könne beispielsweise die eigentliche Botschaft mit anderen Themen von allgemeinem Interesse verbunden werden. So würden Chancen eröffnet, Filterblasen zu durchbrechen.

Um neue Personen für den Feminismus zu gewinnen, ist es also wichtig, Inhalte nicht belehrend darzustellen und stattdessen zugänglich und emotionalisierend zu gestalten. Man muss es schaffen, dass Menschen sich gesehen fühlen und sich darauf einlassen, die Problematik anhand eigener Erfahrungen zu verstehen. Dann ist es eher möglich, ihnen auch systemische Probleme zu vermitteln. Nahbarkeit könnte dabei ein entscheidender Faktor sein.

Eine Einladung, die eigene Blase zu verlassen

Die in den Gesprächen gewonnenen Erkenntnisse haben wir in dem Praxisteil unserer Masterarbeit umgesetzt. Daraus entstanden ist Baseline, ein crossmediales Magazin, das – individuell auf die Leser*innen angepasst – feministische Themen vermittelt. Die Vision des Magazins ist, einer Polarisierung in der Gesellschaft entgegenzuwirken und dem Thema Feminismus ein besseres Image zu verschaffen. Diese Vision soll durch eine bewusste Personalisierbarkeit erreicht werden. Indem Nutzer*innen in ihrem Profil Interessen und ihren Wissenstand zum Thema Feminismus angeben, wird darauf basierend eine ganz persönliche Ausgabe für sie erstellt.

Durch die redaktionell aufbereiteten Inhalte wird außerdem verhindert, dass Menschen in Meinungsblasen geraten. Gleichzeitig sollen die Website und das Magazin zum Stöbern einladen, um die eigene Bubble zu verlassen und neue Themen zu entdecken. Ganz bewusst haben wir uns für ein Print-Magazin entschieden. Der große Vorteil von Print: Die Endlichkeit und die Entschleunigung der Inhalte. Jede*r kann im eigenen Tempo und in der bevorzugten Reihenfolge Artikel lesen.

Feministische Perspektiven als Grundlinie

Baseline möchte eine gemeinsame Grundlage für feministischen Austausch schaffen. Es lädt in einen gemeinsamen Raum ein, in dem Zuhören und das Verständnis für die Erlebnisse anderer im Fokus stehen; einen Ort, an dem Erfahrungen, Wissen und Visionen zusammenkommen und von dem aus neue Perspektiven entstehen können.

Feminismus ist dabei nicht die Ausnahme oder Ergänzung, sondern die Grundlinie, von der aus Gesellschaft, Kultur und Alltag betrachtet werden. Zudem verstehen wir Feminismus stets intersektional, was bedeutet, dass verschiedene Diskriminierungsformen gleichzeitig stattfinden können und somit zu Wechselwirkungen führen. Das Ziel: Miteinander statt gegeneinander kommunizieren und dadurch gerechtere Teilhabe schaffen. Gleichzeitig steht Baseline für eine klare Grenze: Menschenverachtende, diskriminierende oder hasserfüllte Inhalte und Verhaltensweisen haben hier keinen Platz.

Die Gestaltung des Magazins ist bewusst zurückhaltend und soll möglichst viele Menschen ansprechen. Das Wort „Feminismus“ taucht nicht direkt im Namen auf, um Menschen einzuladen, sich vorbehaltlos mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Die Verantwortung der Gestalter*innen

Gestaltung besitzt das Potenzial, gesellschaftliche Entwicklungen sowohl positiv als auch negativ zu beeinflussen. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung für Gestalter*innen, die eigenen Privilegien und Perspektiven kritisch zu reflektieren und bewusst in den Gestaltungsprozess einzubeziehen. Eine verantwortungsbewusste Gestaltungspraxis kann gesellschaftliche Teilhabe fördern, Ausgrenzung entgegenwirken und eine inklusive und gerechte Zukunft mitgestalten.

Wir wissen heute besser denn je: Feminismus ist kein „Frauenthema“. Nicht nur Frauen leiden unter dem Patriarchat, auch wenn momentan vor allem Männer davon profitieren. Es geht darum, Verständnis dafür zu wecken, dass es keine Benachteiligung, sondern Gleichberechtigung ist, wenn eigene Privilegien abgegeben werden. Um es mit den Worten von Kübra Gümüsay (2024, S. 32) zusammenzufassen: „Wir alle sollten für ein gerechteres Leben, Lieben und Beisammensein einstehen.“

Anmerkung und Danksagung

Da wir Designerinnen sind und die Masterarbeit in einem zeitlichen Rahmen von vier Monaten erstellt haben, war es uns nicht möglich, redaktionelle Arbeit zu betreiben oder Texte selber zu schreiben. Wir haben Autor*innen und Blogs angeschrieben, die sich öffentlich mit feministischen Themen auseinandersetzen. Nur durch deren Mitarbeit war es uns möglich, das Magazin mit Inhalten zu füllen. Wir durften u. a. Texte von blog interdisziplinäre geschlechterforschung, PinkStinks und Wer braucht Feminismus? verwenden sowie Videos von den Influencerinnen Zachi Unplugged, Daniela Sepehri und Ella the Bee. Zudem haben zwei Freund*innen sowie die Autorin Zora Alber Texte für uns geschrieben und wir haben Interviews mit u. a. CatCalls of Konstanz und der Psychologiestudentin Johanna geführt. Vielen Dank an alle!

Literatur

Behre, Julia; Hölig, Sascha; Stöwing, Ezra; Möller, Judith (2025). Reuters Institute Digital News Report 2025: Ergebnisse für Deutschland. Hrsg. vom Leibniz-Institut für Medienforschung, Hans-Bredow-Institut (HBI). https://doi.org/10.21241/ssoar.102887

Gümüsay, Kübra (2024). Unlearn Sprache. In: Lisa Jaspers, Naomi Ryland, Silvie Horch (Hrsg.), Unlearn Patriarchy. Berlin: Ullstein.

Königshofen, Lea (2023). Zum Weltfrauentag: 73 Prozent der Frauen in Deutschland sehen hierzulande keine Gleichberechtigung. YouGov, 08.03.2023. Zugriff am 22.09.2026 unter https://yougov.com/de-de/artikel/45358-zum-weltfrauentag-73-prozent-der-frauen-deutschlan. 

Lenz, Ilse (2026). Feminismus. In: Beate Kortendiek, Birgit Riegraf, Katja Sabisch (Hrsg.), Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. 2. Auflage. Geschlecht und Gesellschaft, vol. 65. Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-12500-4_18-2 

Newman, Nic; Ross Arguedas, Amy; Robertson, Craig T.; Kleis Nielsen, Rasmus; Fletcher, Richard (2025). Reuters Institute Digital News Report 2025. https://doi.org/10.60625/RISJ-8QQF-JT36 

Zitation: Jana Bresch, Leonie Rumscheidt : Feminismus für alle gestalten und kommunizieren , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 29.09.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/feminismus-gestalten-kommunizieren/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260929

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Jana Bresch, Leonie Rumscheidt

Jana Bresch

Jana Bresch ist 26 Jahre alt und kommt aus Speyer. Ihren Bachelor hat sie in Ansbach in Multimedia und Kommunikation gemacht und ist dann für ihren Master in Kommunikationsdesign nach Konstanz gezogen. Dort hat sie in ihrer Masterthesis gemeinsam mit Leonie Rumscheidt »Baseline« entwickelt, ein crossmediales Magazin zum Thema Feminismus. Das Ziel der Thesis war es, zu untersuchen, wie feministische Themen ein breiteres Publikum erreichen können.

Zeige alle Beiträge

Leonie Rumscheidt

Leonie Rumscheidt ist 25 Jahre und kommt aus München. Dort hat sie bereits ihren Bachelor in Kommunikationsdesign gemacht. Für das Masterstudium ist sie nach Konstanz gezogen und hat dort, zusammen mit Jana Bresch, ihre Masterarbeit geschrieben. Dabei entstand das crossmediale Magazin »Baseline«, das feministische Themen beleuchtet. Ziel der Arbeit war es, herauszufinden, wie feministische Themen ein breiteres Publikum erreichen können.

Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Es sind max. 2000 Zeichen erlaubt.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.