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Feminismus universell denken – die EU Women’s March-and-Fest-Bewegung

07. Mai 2019 Clara Mavellia

Nach dem Motto „Europa gehört auch uns Frauen“ veranstalten wir vor der Europawahl am Europatag, dem 9. Mai 2019, eine Versammlung in Berlin am Brandenburger Tor. Alle zum demokratischen Spektrum gehörenden Parteien sind herzlich willkommen. Wir möchten alle Menschen aufrufen, wählen zu gehen. Wir möchten alle Menschen aufrufen, Parteien zu wählen, die sich für Demokratie und Frauenrechte einsetzen. Wir möchten alle Menschen aufrufen, zu einer gerechten und florierenden Gesellschaft beizutragen und dazu, dass Frauen und Männer in einer Welt leben können, in der sie sich alle wohlfühlen, entfalten und frei bewegen können, einer Welt von Frauen und Männern für Frauen und Männer. Die Veranstaltung und Bewegung wurde von mir gestartet: Im Februar 2018 wurde der Verein EU Women offiziell in Mailand (Italien) registriert. Wir Bürger*innen sollten ein besonderes Thema auswählen, um die für uns wichtigen Werte zu verbreiten – humanistische Werte, Menschenrechte, die Rechte unseres Planeten u.v.m. – siehe Greta Thunberg in Schweden und ihr Streik für das Klima. Nach dem Brexit-Referendum und der US-Präsidentenwahl 2016 habe ich eine Bewegung der Frauen Europas initiiert: In der Tat wollen toxische Populisten und Diktatoren wie Trump, Putin, Erdogan, Salvini u.v.m. nicht nur die Demokratie, sondern auch die Rechte der Frauen bedrohen bzw. abschaffen.

Warum sollten die Frauen Europas aktiv werden?

Meine Perspektive ist eine feministische und universelle. Als Philosophin und Ökonomin stelle ich fest, dass unsere patriarchalische Gesellschaft gewisse Muster aufweist, die in den unterschiedlichen Ländern mehr oder weniger ausgeprägt sein können. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wurden Frauen bis noch vor wenigen Jahrzehnten von Ausbildung und Berufsausübung, Entdeckungsreisen und Experimenten, Universitäten und Symposien ausgeschlossen. Frauen hatten kaum Chancen, Wissen zu schaffen. Das spiegelt sich bis heute im wissenschaftlichen Betrieb wider. In der Philosophie sind so gut wie alle Denker männlich und Philosophinnen in den höchsten Rankings nach wie vor rar. Sowohl in den Natur- als auch in den Geisteswissenschaften sind diejenigen, die Entscheidungen treffen, vornehmlich Männer. Deshalb sind auch die meisten Nobelpreisträger männlich.

Männlicher Wissenschaft fehlt die Frauenperspektive

Max Tegmark ist ein brillanter Naturwissenschaftler aus Schweden, der am MIT (Massachusetts Institute for Technology) lehrt. Er hat das „Future of Life Institute“ gegründet mit dem Ziel, zusammen mit den besten Köpfen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik die Künstliche Intelligenz für das Wohl der Menschheit zu erforschen und zu gestalten. Er beschreibt das Projekt in seinem fantastischen Buch „Life 3.0“ (Tegmark 2017). Dabei überlegt er auch mögliche Szenarien, wie die Welt in naher und ferner Zukunft aussehen könnte. Von Frauen ist dabei allerdings kaum die Rede: Eine Mitsprache der Frauen bei der Gestaltung der Zukunft wird nicht bedacht.

Wenn wir das ausgezeichnete Werk von Julian Nida-Rümelin – einem der wichtigsten deutschen Philosophen – mit seinen sieben Postulaten für eine Ethik der Migration (Nida-Rümelin 2017) lesen, stellen wir fest, dass Migrantinnen nicht erwähnt werden. Obwohl gerade Frauen auf der Flucht sowie bei der Ankunft ein schlimmes Schicksal erleben, findet sich nicht ein Satz oder ein Gedanke über Frauenrechte oder eine humane Migration aus Frauenperspektive. Frauen werden kaum explizit genannt – weder als Bürgerinnen, Politikerinnen noch als Migrantinnen.

Der US-Politikwissenschaftler Josiah Ober, eine internationale Autorität für politische, wirtschaftliche und intellektuelle Geschichte des alten Griechenlands, hat im Jahr 2015 eine aufsehenerregende Gesamtdarstellung und Deutung des klassischen Griechenlands veröffentlicht (Ober 2015). Dabei erklärt er, wie die florierende Wirtschaft die Basis für die demokratischen Institutionen sicherte und die schlechte Performance zum Fall des klassischen Griechenlands führte. Zwar erwähnt er in einer Fußnote, dass Frauen keine Bürgerrechte hatten und aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen waren; man erfährt ansonsten aber überhaupt nicht, was mit Frauen damals geschah. Wenn man die heutige Situation bedenkt, könnte man sogar die folgende Frage stellen: Hätte der Verfall des klassischen Griechenlands durch Beteiligung und Mitspracherechte der Frauen vermieden werden können?

Der Historiker Yuval Noah Harari hat im Jahr 2011 das wunderbare Werk „Sapiens – Eine kurze Geschichte der Menschheit“ geschrieben. Dabei erzählt er mit breitem Wissen, brillanter Sprache und viel Humor, wie es dazu kommt, dass wir Menschen an Götter, Nationen und Menschenrechte glauben. Tatsächlich geht er auf wenigen Seiten auch auf das Verhältnis von Sex und Gender ein (Harari 2011: 161–178). Er beschreibt überzeugend, warum die biologischen Unterschiede zwischen Frau und Mann die tradierten religiösen und kulturellen Erwartungen nicht rechtfertigen, zumal sie im Laufe von Zeit und Raum stark variieren. Abgesehen von diesen genannten Seiten, gibt der restliche Inhalt des Werkes nur die männliche Version der Menschheitsgeschichte wieder. Von Göttern, Jägern, Priestern, Entdeckern, Kriegern, Kapitalisten ist die Rede, Frauen kommen als Beute oder Schmuck vor. Außer auf Seite 302, wo er Ideologien auflistet wie Liberalismus und Sozialismus und diese in einem Atemzug mit Feminismus nennt (Harari 2011: 302).

Frauenperspektive in der Wissenschaft

Um einen Wandel zu starten, ist es wichtig, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in ihren Forschungen und entsprechenden Publikationen die Perspektiven von Frauen einbeziehen. Auch ist bei allen Texten eine geschlechtergerechte Sprache dringend notwendig, wie es Luise Pusch , Alma Sabatini und viele andere engagierte Sprachwissenschaftlerinnen bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren verlangten. Bei Kongressen, Konferenzen, Symposien und Panels, wo nur Männer auf der Bühne zu finden sind, kann man aktiv etwas bewirken, indem eine Frau aus dem Publikum eingeladen wird. Dies führt ferner dazu, dass sich mit der Zeit Veranstalter*innen verstärkt um Rednerinnen bemühen werden. Um das Thema weiter voranzutreiben, sollten entsprechende Werke besprochen, empfohlen und verbreitet werden. So schreibt und forscht bspw. Cordelia Fine über Sexismus in Biologie, Psychologie und Neurowissenschaft; mit ihrem neuen Werk „Testosterone Rex“ hat sie den Science Book Prize 2017 gewonnen. Angela Saini analysiert in ihrem aktuellen Werk (Saini 2017) die Publikationen und Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften aus der Frauenperspektive und kommentiert mit Kompetenz und Ironie die Misogynie, die das Patriarchat überall hinterlässt.

Europa: Frauen wissen mehr – mehr Frauenwissen

Deutlich wird, dass eine Einbeziehung der Frauenperspektive in der Wissenschaft sowohl die Themen und Inhalte ergänzen als auch die Interaktion der Personen in der Forschung bereichern kann. Die Wissenschaftsfreiheit, die rechtliche Freiheit, die bürgerliche Gleichheit, das Wahlrecht und die freie Wahl der Lebensform sind wichtige Errungenschaften der Neuzeit. Diese können aber jederzeit wieder zur Disposition stehen, sobald rückwärtsgewandte Politiker die Macht übernehmen. Daher ist es enorm wichtig, das Wahlrecht wahrzunehmen und sich aktuell an der Europawahl zu beteiligen. Im Aufruf von eu-women Women for Europe – Europe for Women heißt es hierzu: „Nicht nur werden viele bereits verabschiedete fortschrittliche Gesetze nicht angewandt, vielmehr gibt es noch sehr viel zu tun, um eine nachhaltige Gleichberechtigung zu erreichen und zu sichern.“

Literatur

Fine, Cordelia (2010). Delusions of Gender. The Real Science Behind Sex Differences. London: Icon Books.

Fine, Cordelia (2017). Testosterone Rex. Unmaking the Myths of Our Gendered Minds. London: Icon Books.

Harari, Yuval Noah (2011). Sapiens. A Brief History of Humankind. London: Vintage Penguin Random House.

Nida-Rümelin, Julian (2017). Über Grenzen denken. Eine Ethik der Migration. Hamburg: Körber Stiftung.

Ober, Josiah (2015). The Rise and Fall of Classical Greece. Princeton, New Jersey: Princeton University Press.

Pusch, Luise (1984). Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt: Suhrkamp.

Sabatini, Alma (1987). Il Sessismo nella Lingua italiana. Roma: Presidenza del Consiglio dei Ministri.

Saini, Angela (2017). Inferior. How Science Got Women Wrong ... and the New Research That’s Rewriting the Story. London: HarpersCollins.

Tegmark, Max (2017). Life 3.0. London: Allen Lane, Penguin Random House.

Zitation: Clara Mavellia: Feminismus universell denken – die EU Women’s March-and-Fest-Bewegung, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 07.05.2019, www.gender-blog.de/beitrag/feminismus-universell-denken/

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Clara Mavellia

Dr. phil. Clara Mavellia

Die Mailänderin CM promovierte 1990 an der FU Berlin und ist dort als Wissenschaftlerin und Journalistin tätig. Von 2005 bis 2008 absolvierte sie den interdisziplinären Studiengang Philosophie, Politik, Wirtschaft an der LMU. 2010 gründete sie das Institut für Cultural Entrepreneurship mit dem Ziel, die Anwendung von ethischen Prinzipien in der Wirtschaft und im praktischen Leben zu verbreiten. 2017 gründete sie EU Women mit dem Ziel, Frauenrechte und Demokratie in Europa zu sichern und stärken.

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Kommentare

Dr. Gisela Pravda | 08.05.2019

„... ohne die Reflexion der Kategorie Geschlecht wäre seriöse Forschung in zahlreichen Fächern kaum möglich“ ist die Überschrift meines Wissenschaftskapitels und "Die fortwährende Vermisstenanzeige – Sexismus in der Sprache" die zu meinem Kapitel über sexistische Sprache.

Im Herbst kommt meine Buch beim Schmetterling Verlag raus, es heißt: Sushi auf nackten Damen serviert - 271mal Sexismus aufgespießt. Wir denken an mancher Stelle ähnlich!

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