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Von der Lust zur Gewalt. Feministische Pornografiekritik

28. April 2026 Celina Letzner

Feministische Pornografie – ein Oxymoron oder adäquates Mittel im feministischen Kampf gegen das (Neo-)Patriarchat? Das Feministische Bündnis Heidelberg geht dieser Frage im 2025 erschienenen Sammelband Erregender Frauenhass. Eine Kritik der Pornografie nach. In 15 Beiträgen setzen sich die Autor:innen mit der bestehenden Mainstreampornografie und deren Konsum kritisch auseinander. Darüber hinaus werden weiterführende Themen wie u. a. Sexualität und (weibliches) Begehren und deren Einbettung in gesellschaftliche Machtverhältnisse beleuchtet. Im Folgenden werden anhand der eingangs gestellten Frage einige Beiträge exemplarisch herausgestellt und näher betrachtet.

Die Geschichte der Pornografie

Zu Beginn geht Stefanie Schott in ihrem Beitrag „Einführende Gedanken zur Pornografie“ der Genese des Genres nach. Sie stellt heraus, dass der Begriff Pornografie etymologisch bereits „ein[en] Hinweis auf die Abwertung der Frau“ beinhalte, denn er sei „aus den griechischen Wörtern porné ‚Hure‘ und graphein ‚schreiben, darstellen‘“ zusammengesetzt, wobei der Begriff der porné für Elendsprostituierte verwendet worden sei (S. 15, Herv. i. O.).

Anschließend befasst sich die Autorin stellvertretend für die Epoche der Aufklärung mit den pornografischen Schriften Marquis de Sades. Als Angehöriger des Hochadels habe dieser sich mit seinen Werken „ganz und gar im Rahmen dessen, was zu Hofe sowieso stattfand“ bewegt (S. 16). Gleichzeitig habe er sich jeder gesellschaftlichen Moral widersetzt, weshalb sein Werk im Kontext seiner Zeit zu verstehen sei.

Der aktuelle Diskurs beschäftige sich dagegen mit ganz anderen Themen, z. B. mit der Authentizität filmischer Pornografie und ethischem Konsum. Angesichts der kommodifizierten Sexualität der Prostitutions- wie auch in der Pornoindustrie fragt Schott, „ob es moralisch vertretbar ist, eine Frau für etwas zu bezahlen, das sie ohne Geld nicht tun würde und […] traumatisierend ist“ (S. 25). Eine Frage, die sich jeder Freier und Pornokonsument stellen sollte, auch (und vielleicht gerade), wenn er seinen Konsum für ethisch vertretbar hält.

PorNo – oder PorYes?

Mona Schäck argumentiert in ihrem Beitrag „Leerstelle Pornografiekritik. Oder: Whatever happened to feminism?“, dass eine Kritik der (Mainstream-)Pornografie aus feministischer Sicht und mit emanzipatorischem Anspruch dringend nötig sei. Dabei stützt sie sich auf eine Analyse des Pornofilms Deep Throat (1972) und kritisiert die PorYes-Bewegung, die wiederum eine Antwort auf die PorNo-Bewegung ist.

Weltweit spielte Deep Throat (1972) 600 Millionen Dollar ein. Er ist der bekannteste Film seiner Art und „gilt als Symbol der sexuellen Befreiung“ (S. 54f.). In ihrem 1980 veröffentlichten autobiografischen Buch Ich packe aus (engl. Ordeal) erzählt Linda Lovelace, Hauptdarstellerin des Films, wie sie durch ihren Mann und Zuhälter gewaltsam in die Prostitution und zur Pornografie gedrängt wurde. Nach ihrer Flucht lebte sie mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen in extremer Armut (S. 55–57). Lovelace hält fest: „If you watch the movie, you watch me being raped” (S. 60, original aus Alter 2022). Die Porno-Regisseurinnen und Anhängerinnen der PorYes-Bewegung Paulita Pappel und Annie Sprinkle finden Deep Throat hingegen amüsant. So Pappel: „Ich habe vor allen Dingen viel gelacht beim Schauen von Deep Throat“ (S. 60). Auch Sprinkle ist der Meinung: „Deep Throat ist eine Komödie“ (S. 60).

Schäck resümiert anhand weiterer Aussagen von vorgeblich feministischen Porno-Regisseurinnen, dass diese die Mainstream-Pornografie nicht wirklich kritisieren. Stattdessen gehe es ihnen schlicht darum, neben der im kapitalistischen (Neo-)Patriarchat vertriebenen auch (vermeintlich) feministische Pornografie herzustellen. Wieso es laut der Argumentationslinie der Vertreterinnen der PorYes-Bewegung überhaupt ‚feministische Pornografie‘ braucht, wenn an der Mainstream-Pornografie damit keine tiefergehende Kritik geübt werden soll, lässt der Beitrag leider offen.

Only Fans als vermeintliche Emanzipation

Paula Thöner thematisiert in ihrem Beitrag „Emanzipationslüge Only Fans“ den gleichnamigen Social-Media-Ausläufer der Pornografie und dessen Bedeutung innerhalb kapitalistischer Machtverhältnisse. Only Fans wurde 2016 gegründet und verzeichnet aktuell 305 Millionen Nutzende sowie 4,11 Millionen Creator:innen weltweit, die hauptsächlich pornografische Bilder und Videos von sich selbst teilen. Darauf kann zugreifen, wer bis zu 50 US-Dollar monatlich zahlt (S. 202). Aufgrund der augenscheinlichen Selbstbestimmtheit und Diversität der Anbietenden hat sich Only Fans im feministischen Diskurs als emanzipatorisch etabliert.

Übersehen werde dabei, so Thöner, dass die Entscheidung, seinen Körper auf einer Plattform wie Only Fans zu vermarkten, im Rahmen einer kapitalistischen Wirtschaftslogik getroffen wird. Creator:innen unterlägen dem Preis- und Leistungsdruck der Marktzwänge in dieser Branche, seien zudem meist weiblich und entsprechend sozialisiert worden (S. 207f.). Aktive Creatorinnen auf Only Fans seien davon überzeugt, dass sie „‚zumindest‘ finanziellen Profit und Selbstbewusstsein aus der Sexualisierung und sexuellen Ermächtigung […] ziehen“ (S. 207).

Die Autorin kommt zu dem Fazit, dass eine ‚Befreiung‘ auf Only Fans höchstens eine individualistische und innerhalb der existierenden Verhältnisse strukturell eingeschränkte sein könne – es brauche aber stattdessen universalistische und kollektive Bewegungen (S. 211f.).

Sexuelle Bildung und Prävention

Viele Kinder und Jugendliche werden im digitalen Zeitalter gewollt wie ungewollt schon früh mit Pornografie konfrontiert – auch wenn gesetzlich nicht erlaubt, ist sie schon für Kinder leicht zugänglich. Emma Remisch betrachtet in ihrem Beitrag „Sexuelle Bildung und Prävention im Kontext von Pornografie“, wie das Thema in der schulischen Sexualbildung ausgeklammert wird und entwickelt Folgerungen für die pädagogische Praxis.

Indem sie einen kritisch-reflexiven Umgang mit Pornografie erlernen, was ihnen auch dabei hilft, die dargestellten Machtverhältnisse und misogyne Gewalt als solche einzuordnen, sollen Kinder und Jugendliche ihre eigenen Grenzen stärken. Durch die Vermittlung rechtlicher Informationen sollen Schüler:innen zusätzlich im Hinblick auf ihre sexuelle Selbstbestimmung und Kompetenzen im Umgang mit pornografischen Darstellungen gefördert werden (S. 246, 249).

#darkromance und weibliches Begehren

Der Beitrag „Weibliches Begehren als Tabu? #darkromance als feministische Herausforderung“ von Anna-Lisa Sanders wird besonders Literaturfreund:innen zum Nachdenken anregen. Die Autorin behandelt in ihrem Beitrag das Genre dark romance, welches vorwiegend von (jungen) Frauen konsumiert und publiziert wird. In diesen Büchern reagieren Protagonistinnen auf männliche Gewalt (in jedweder Form bis hin zu sexuellen Übergriffen) „nicht primär mit Ablehnung […], sondern mit sexuell konnotierter Lust und eigenem Begehren“ (S. 269).

Wieso sind diese Bücher so beliebt, obwohl sie zur Romantisierung und Normalisierung männlicher sexueller Gewalt gegenüber Frauen beitragen (S. 274)? Die Antwort finde sich in der psychoanalytischen „Wiederkehr des Verdrängten“ nach Freud, so die Autorin. Sie bezieht sich dabei auf Simone de Beauvoirs Definition der besonderen Unterdrückung der Frau: Diese besteht erstens in der historischen Konstanz der Unterdrückung, zweitens in der Dimension ihrer Leiblichkeit sowie drittens in der gelebten (Liebes-)Beziehung zu ihren Unterdrückern (S. 283). Durch dark romance werde die Unterdrückung unter Frauen öffentlich diskutiert und überhaupt erst gesehen. So könne eine Auseinandersetzung mit männlicher Gewalt angestoßen werden, indem diese über die Lektüre erst ins Bewusstsein gehoben wird (S. 284, 288).

Laut der Argumentation der Autorin kann dark romance durch die Auseinandersetzung mit männlicher Gewalt eine Wiederkehr des Verdrängten auslösen – dies kann jedoch auch auf andere Weise geschehen, weshalb sie das Genre letztlich für verzichtbar hält (S. 288).

Fazit

Der Titel des Sammelbandes gibt zwar implizit eine Antwort darauf, ob Feminismus und Pornografie sich gegenseitig ausschließen, gleichzeitig bieten die Beiträge Argumente und Perspektiven an, um Pornografie (auch) als ein Mittel im Kampf gegen das (Neo-)Patriarchat zu betrachten. Dabei werden nicht nur die filmische Pornografie sowie deren mediale Ausläufer wie Only Fans und dark romance in den Fokus gerückt, sondern ebenfalls Themen wie „Pornografie im Kontext kolonialer Gewaltherrschaft“ (Sophia Middeke) und „Aufwachsen im Internetzeitalter“ (Interview mit Charlotte vom Kolke) beleuchtet. So bietet der Sammelband einen wertvollen Einblick in den aktuellen feministischen Diskurs zur Pornografie und deren Einfluss auf gesellschaftliche und geschlechtliche Machtverhältnisse.

Das Buch Erregender Frauenhass. Eine Kritik der Pornografie des Feministischen Bündnis Heidelberg ist 2025 im Alibri Verlag erschienen.

Literatur

Alter, Ethan (2022): A revolutionary movie or an 'artifact of abuse'? The landmark porn film 'Deep Throat' turns 50. Yahoo Entertainment. https://www.yahoo.com/entertainment/deep-throat-linda-lovelace-debate-legacy-anniversary-180022714.html?guccounter=1 (letzter Zugriff: 27.04.2026).

Feministisches Bündnis Heidelberg (Hrsg.) (2025): Erregender Frauenhass. Eine Kritik der Pornografie. Aschaffenburg: Alibri.

Lovelace, Linda (1980): Ich packe aus. München: Heyne.

Zitation: Celina Letzner : Von der Lust zur Gewalt. Feministische Pornografiekritik , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 28.04.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/feministsiche-pronografiekritik/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260428

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Celina Letzner

Celina Letzner studiert im Master Sociology: Social Research an der Universität zu Köln und ist in der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung als Wissenschaftliche Hilfskraft tätig.

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