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Headergrafik: Iris Dullin-Grund, Zeichnung von Lea Grundig,1969, Privatbesitz

Frau Architekt.

15. September 2020 Uta C. Schmidt

Im Foyer der Architektenkammer NRW widmet sich eine Ausstellung den Frauen im Architektenberuf. Seit mehr als 100 Jahren sind sie in diesem Berufsfeld tätig. Ist der besondere Fokus auf Frauen eigentlich noch zeitgemäß? Muss man sie heute wirklich noch der Architekturgeschichte hinzufügen? Offenbar schon, wenn die Interessensvertretung von Architektinnen und Stadtplanerinnen auch im 21. Jahrhundert noch „Architektenkammer“ heißt und selbst anerkannte Architektinnen wie Alison Brooks zu bedenken geben: „Wir wachsen mit Helden und Göttern auf, die allesamt männlich sind.“

Architektinnen der Gegenwart

Die Ausstellung, ein Kooperationsprojekt vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main, dem Museum für Baukultur Nordrhein-Westfalen und der Architektenkammer NRW, stellt im Foyer 21 zeitgenössische Architektinnen vor. An jeweils einem Projekt werden ihre Gestaltungsauffassungen deutlich. Sie prägen Stadtsilhouetten, realisieren Wohnungen, Treffpunkte und Innenräume, Lernorte und Landschaften. Sie perspektivieren das Zusammenleben der Zukunft, forschen, lehren, leiten. Offensichtlich wird: Sie leisten beeindruckende Beiträge zur Entwicklung von Architektur und Stadtplanung.

Historische Vorbilder

Auf der Ebene über der Eingangshalle wird an neun Architektinnen erinnert, die zwischen Kaiserreich und Gegenwart Bau- und Landschaftsgeschichte schrieben: von Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) bis hin zu Verena Dietrich (1941–2004). Wir sehen ein breites Spektrum unterschiedlicher beruflicher Aktivitäten von Architektinnen, Stadtplanerinnen, Innenarchitektinnen und Landschaftsarchitektinnen – zum Beispiel Herta Hammerbacher (1900–1985), die an allen großen Landes- und Bundesgartenschauen der 1950er- und 60er-Jahre teilnahm. Es bedurfte intensiver frauenbewusster Geschichtsschreibung und eines Jubiläumsjahres „bauhaus 100“, bis Lilly Reich (1885–1947) als eigenständige Gestalterin vom Schatten Ludwig Mies van der Rohes befreit war. Wera Meyer-Waldeck (1906–1964) leitete nicht nur ein Planungsbüro für Industriebau – Kokerei, Kraftwerk, Pumpstation und Arbeiterwohnungsbau -, sondern gestaltete später auch den Innenausbau des Deutschen Bundestages. Iris Dullin-Grund (1933) schrieb mit ihrem Haus der Kultur und Bildung, dem Generalbebauungsplan für Neubrandenburg sowie mit der „Wohnungsbauserie 70“ Architektur- und Stadtplanungsgeschichte. Die Ausstellung zu den historischen Persönlichkeiten deutet einige der Widrigkeiten an, die den Architektinnen und Planerinnen entgegenschlugen: So betätigte sich Therese Mogger (1875–1956) selbst als Bauherrin, um ihren Kritikern zu zeigen, dass sie nicht nur Pläne zeichnen, sondern diese auch umsetzen konnte.

Starke Frauen als Vorbild und Inspiration

Konzeptionell und gestalterisch sind beide Ausstellungsteile interessant und materialsicher umgesetzt. Sie arbeiten multiperspektivisch mit Modellen, Zeichnungen, Fotografien und Zitaten, die die Haltungen der jeweiligen Protagonistin deutlich machen. Erklärtermaßen zielt die Präsentation darauf, Frauen im Architekturberuf sichtbar und als Vorbild für zukünftige Generationen von Studierenden erlebbar zu machen. Zugleich liegt in dieser Sichtbarmachung von Vorbildern und der enthusiasmierenden Einführung in ihr Schaffen auch das Dilemma dieser Schau: Sie thematisiert kaum die strukturellen Rahmenbedingungen, die diese geschlechtersensible Fokussierung und frauengeschichtliche Hinzufügung zur allgemeinen Architekturentwicklung gerade jetzt/noch immer/endlich einmal … notwendig machen.

Widrige strukturelle Rahmenbedingungen geraten erst in den Blick, wenn der Ort der Ausstellung mit bedacht wird, das „Haus der Architekten“ am Düsseldorfer Medienhafen. Es ist Sitz der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, die sich als berufliche Repräsentation „ihrer Architekten und Stadtplaner“ versteht, wie es auf der Homepage heißt. Sie sucht die Qualität der gebauten Umwelt zu heben und setzt sich für die Interessen des Berufsstandes ein. Von diesem Auftrag her muss sie sich zwingend mit Fragen nach Frauen in Architektur und Stadtplanung befassen.

Der unaufhaltsame Aufstieg von Frau Architekt?

Ernst Uhling, Präsident der Architektenkammer, begann seine Eröffnungsrede am 11. August 2020 mit einer Gratulation an die irischen Architektinnen Yvonne Farrel und Shelley McNamara, die im Jahre 2020 den Pritzker-Preis erhielten. In den 42 Jahren, in denen dieser Preis verliehen wird, erhielten erst fünf Frauen diese weltweit bedeutendste Auszeichnung für Architektur. Uhling erinnerte an die Diskussionen in der Fachwelt, als im Jahre 2004 – nach 25 Jahren zum ersten Mal – dieser „Architekturoscar“ an Zaha Mohammad Hadi verliehen wurde. Die Architektur ist nach wie vor männlich dominiert. Doch ist es nach Einschätzung des Kammerpräsidenten nur noch eine Frage der Zeit, bis Architektinnen das Berufsfeld bestimmen: So seien von 31.500 Kammermitgliedern mittlerweile rund 12.000 Frauen – Tendenz steigend, im Vorstand der Architektenkammer NRW arbeiten mittlerweile vier Frauen, mit Susanne Crayen eine von ihnen in der Funktion der Vizepräsidentin. Mit Katja Domschky ist im Vorstand zudem die Architektinnen Initiative vertreten, die als Netzwerk für die Anerkennung von Planerinnen im Berufsalltag eintritt.

Fragen von natürlicher Transformation?

In seiner Rede bearbeitete Uhling das Problem von Frauen im Architekturberuf als eine Frage von Zeit und Qualifikation. In der Tat: Im Jahre 2018 schlossen in NRW 63,4 Prozent Frauen das Studium der Architektur ab, in der Innenarchitektur waren es über 90 Prozent. Doch nur 31 Prozent von ihnen finden sich im aktiven Berufstand wieder. Noch wird die Mehrzahl der inhabergeführten Architekturbüros von Männern geleitet, doch Uhling sieht dort zunehmend mehr Frauen in stellvertretenden Leitungspositionen. Sie arbeiten mittlerweile verstärkt in der Hochschullehre und in städtischen Planungsabteilungen. Die Architektenkammer will diesen Prozess weiter befördern, erkennt die gesellschaftspolitische Dringlichkeit von Gleichstellung ebenso wie „das anhaltende Ringen um eine gendergerechte Sprache“ an. Sie dokumentiert diese Bemühungen nicht zuletzt öffentlichkeitswirksam mit dieser Ausstellung zu Frauen im Architekturberuf, den sie begleitenden Veranstaltungen und der strukturellen Implementierung eines Arbeitskreises Chancengleichheit im Rahmen ihrer ständigen Kammeraktivitäten.

Alles nur eine Frage der Zeit?

Bei der Ursachensuche für die Schieflage zwischen hervorragend ausgebildeten und leitend tätigen Architektinnen und Planerinnen nannte Uhling die vergeschlechtlichte „Verteilung von Sorge- und Pflegearbeit in den häuslichen Partnerschaften“. Wird in der Anrufung dieser altbekannten Arbeitsteilung dieses bewährte Ordnungssystem nur wieder in Anschlag gebracht? Dass dort, wo es um Geld, Macht und Einfluss geht, die Männer weiterhin lieber unter sich bleiben wollen, wurde bei der festlichen Eröffnung der Ausstellung „Frau Architekt.“ nicht öffentlich angesprochen, klang jedoch in einer Publikumsreaktion an. Diese machtkritische Position manifestiert sich erst beim zweiten Blick, wenn man das „Haus der Architekten“ verlässt, sich noch einmal umschaut, um die künstlerische Gestalt des Gebäudes von außen zu erfassen und dann eine kleine, aber vielsagende Intervention über dem Eingangsportal entdeckt: Mit fünf Buchstaben aus Pappe und Kabelbinder wurde das Informations- und Kommunikationszentrum der Architektenkammer in „Haus der ArchitektINNEN“ umbenannt.
 

Frau Architekt – Seit über 100 Jahren: Frauen im Architekturberuf
Ein Kooperationsprojekt des Museums der Baukultur Nordrhein-Westfalen, des Deutschen Architekturmuseums und der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Laufzeit: 12. August bis 2. Oktober 2020, Ausstellungsort: Haus der Architekten, Zollhof 1, 40221 Düsseldorf, Öffnungszeiten: Mo–Do: 10–17 Uhr; Fr: 10–13 Uhr, Eintritt frei.
Zur Ausstellung ist ein umfangreiches Begleitbuch „Frau Architekt. Seit mehr als 100 Jahren Frauen im Architekturberuf“ erschienen https://wasmuth-verlag.de/shop/architektur-stadtplanung/architekturgeschichte/frau-architekt/

Zitation: Uta C. Schmidt: Frau Architekt., in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 15.09.2020, www.gender-blog.de/beitrag/frau-architekt/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200915

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Iris Dullin-Grund, Zeichnung von Lea Grundig,1969, Privatbesitz

Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; wiss. Mitarbeiterin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW; Kuratorin im DA. Kunsthaus Kloster Gravenhorst; Mitherausgeberin von www.frauenruhrgeschichte.de; Forschungen an den Schnittstellen von Raum, Wissen, Geschlecht und Macht; Publikationen zu Klöstern, Klanggeschichte und Industriekultur.

 

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