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Headergrafik: Paisajes para no colorear, Teatro La Re-Sentida ©, Nicolás Calderón.

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Nicht auszumalende Landschaften – Theater für eine feministische Revolution

28. September 2021 Uta C. Schmidt

Gleich im ersten Jahr ihrer Intendanz hat Barbara Frey ein außergewöhnliches Stück für das Programm der Ruhrtriennale ausgewählt: Paisajes Para non colorear/Nicht auszumalende Landschaften der chilenischen Kompagnie „Teatro La Re Sentida“ unter der Regie von Marco Layera. Es bringt in verdichteter Form die Erfahrungen junger Frauen mit Diskriminierung sowie körperlicher, seelischer und sexueller Gewalt auf die Bühne - Erfahrungen der Schauspieler:innen und 100 weiteren, in der dokumentarischen Entwicklung des Stücks interviewten Frauen: „Wir mussten es ertragen, belästigt, begrabscht, angemacht, beleidigt, diskriminiert, verunglimpft, zusammengeschlagen, vergewaltigt, entführt, aufgespießt und ermordet zu werden, nur weil wir eine Vagina haben und Minderjährige sind“ (Ruhrtriennale 2021, 57). Das Stück trägt die Botschaft hinaus in die Welt: „Als Frau geboren zu sein, bedeutet Widerstand“ (Ruhrtriennale 2021, 163).

Androzentrismus und Adultozentrismus

Bereits eine der ersten Szenen handelt eindringlich vom lateinamerikanischen Machismo mit seinem Dominanzgebaren rund um virile Sexualität. Doch geht es den neun Schauspieler:innen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren nicht allein um den Androzentrismus als Struktur der Gesellschaft, sondern ebenso um den herrschenden Adultozentrismus, der gegenwärtige Bedürfnisse Erwachsener in den Mittelpunkt der Gesellschaft stellt und der permanent Entscheidungen trifft, die Kinder und Jugendliche unmittelbar angehen. Das Stück exponiert die textliche Botschaft, die für das deutsche Publikum in deutsch und englisch auf der Bühnenrückwand übertitelt wird. Doch wird diese dramaturgisch gespiegelt in temporeichem Bühnengeschehen, tiefsinnigen Kostümen, in Musikeinspielungen, Gesang, Choreos und Videoclips auf der Bühnenrückwand.

Musik, Haus, Puppe, Strick

Das Bühnenbild besteht aus einem lachspink-orangefarbenen Haus, das über die Bühne geschoben werden kann, sowie einigen kleinen Stühlen und Tischen, wie sie in Kindergärten stehen. Als zentrale Requisiten fungieren eine mobile Lautsprecherbox, zwei Puppen und ein Strick. Diese wenigen Gegenstände bringen das Spiel in Gang: das Haus als Schutz vor der Gewalt der Straße, als Ort des Feierns, der gegenseitigen Unterstützung, der Angst und Einsamkeit, des Ausrastens – und zugleich ein gefährlicher Ort der Schutzlosigkeit und der häuslichen Gewalt. Die Puppen spielen – ein großartiger dramaturgischer Kunstgriff –  gleich auf verschiedenen Ebenen in diesem Stück eine entscheidende Rolle. Die Schauspieler:innen beschreiben als Zielgruppe für ihr Theater „Frauen, Heranwachsende und kleine Mädchen“ (Ruhrtriennale 2021, 165).

Puppen sind Spielzeuge, mit denen kleine Mädchen auf Mutterschaft und Fürsorge vorbereitet werden. In „Puppe“ als Bezeichnung für junge Frauen manifestiert sich deren Verdinglichung als Spielzeug für Männer. Im Stück muss eine Protagonistin rund um die Uhr eine programmierbare Babypuppe versorgen, eine pädagogische Maßnahme der chilenischen Bildungsbehörde, um junge Mädchen von zu früher Schwangerschaft abzuhalten. Die Babypuppe ist coloured und besonders zeitintensiv programmiert, so erklärt ein Vertreter der staatlichen Behörde in einem Videoeinspieler die Maßnahme. Denn da gerade Schwarze junge Frauen während der Schwangerschaft Drogen nähmen, hätten ihre Babys später harte Entzugserscheinungen und benötigten um so mehr Fürsorge und Zuwendung. Ohne große Erklärungen führt uns das Stück so zugleich in die rassifizierte Struktur der chilenischen Gesellschaft ein. Die Babypuppe wird das Theaterstück über mitgeschleppt, denn das Drehbuch schreibt vor: Die Schülerin braucht eine gute Note in Biologie, die sie nur bekommt, wenn sie die Puppe fürsorglich pflegt.

Sophia gehört zu uns

Die zweite Puppe im Spiel ist eine Sexpuppe von der Statur eines zwölfjährigen Mädchens. Die Schauspieler:innen geben ihr den Namen Sophia, kleiden sie ein und nehmen sie in ihre Gruppe auf. Sophia erfährt Schwesterlichkeit, Freundschaft, Unterstützung, Mitgefühl. Als sie sich eine Geschichte wünscht, um so zu sein wie alle anderen, weisen die Mädchen ihr eine Geschichte zu, allerdings unterscheidet sich diese nicht von den gewaltvollen Erfahrungen so vieler anderer Mädchen. Umso furchtbarer ist es, dass Sophia schließlich Selbstmord begeht und sich an dem Strick erhängt. Die Schauspielerin Danila López Quintera sagt dazu:

„Ich glaube, eines der wichtigsten Momente in dem Stück ist, als Sophia, die aufblasbare Puppe, Selbstmord begeht. Denn für mich ist das ein Beispiel dafür, wie die patriarchale und adultozentristische Gesellschaft, die die Jugendlichen verdinglicht und vergewaltigt, unser Leben zugrunde richten kann. Jugendsuizid ist in unserem Land und in aller Welt ein drängendes Thema“ (Ruhrtriennale 2021, 166).

Kaum auszumalende Szenen

Das Stück entspannt sich als Folge von Szenen. 90 Minuten lang werden sie ohne Pause gespielt, leidenschaftlich, atemlos, mit Tempo, mit Wut, mit Verzweiflung. Die Szenen handeln von Schwangerschaften im Kinder- und Jugendalter, Abtreibungsverboten, Mutterschaft, von der Liebe zu Frauen, der Unfähigkeit der Väter, ihren Töchtern zuzuhören, der Unmöglichkeit, ein Leben jenseits von Heteronormativität zu führen, von Musik, Normen, Traditionen, Rollenbildern und Religion, von „richtigen“ Körpern, „richtiger“ Kleidung und „richtigem“ Verhalten, von gesellschaftlich geschürtem Hass auf LGBTIQ+, von  Männlichkeitswahn und Frauenverachtung, von sexuellem Missbrauch der Töchter und fehlender Unterstützung der Mütter, von körperlicher und sexueller Selbstbestimmung, vom Tod in Erziehungsheimen, von Suiziden unter Jugendlichen… Ich habe noch nie eine so eindringliche Darstellung von Mobbing mit all seinen psychischen Auswirkungen gesehen wie in Paisajes Para non colorear/Nicht auszumalende Landschaften: Aus dem Haus, aus dem sie sich nicht mehr heraustraut, spricht die Protagonist:in in einer auf die Bühnenrückwand projizierten selbst aufgenommenen Videobotschaft über die psychische Gewalt und die Demütigungen, die ihr angetan wurden. Diese begannen grundlos als üble Nachrede: „Du stinkst aus dem Hals nach Penis.“

Fulminantes Furioso

Der dramatische Höhepunkt des Stückes entfaltet sich in der Szene um den nachgespielten Todesprozess der realen Person Lizette Villa, die im Erziehungsheim fixiert wurde und dadurch zu Tode gekommen ist. Er wird durch den Selbstmord von Sophia noch einmal dramaturgisch zugespitzt.

Nun ist es genug der Verzweiflung, es ist Schluß mit Tod, Schmerz und Angst. Es kommt zum fulminanten Furioso. Die Schauspieler:innen treten in Schuluniformen an den Bühnenrand, halten sich an den Händen und formulieren ihre Utopien. Sie danken den Erwachsenen im Publikum, dass sie ihnen so lange zugehört haben, ohne sie zu unterbrechen. Sie fordern offene Gespräche und Zeit, um über ihren eigenen Körper verfügen zu können und nie wieder Angst haben zu müssen. Sie entwerfen einen Weg der Veränderung, der auf Liebe und Achtung beruht. Und sie formulieren als Feministinnen ein starkes historisches Bewusstsein, wie ich es in Deutschland so noch nicht gehört habe:

„Als Frau geboren zu sein, macht mich stark und kämpferisch und lässt mich mit allen fühlen, die vom System unterdrückt werden. Es bedeutet, mich mit den Frauen um mich herum zu vereinigen und schwesterlich zu sein, uns wechselseitig zu begleiten gegen das Patriarchat. Frau zu sein bedeutet für mich, die Geschichte tausender Frauen zu tragen, denen das System Gewalt angetan hat und die gegen dieses System gekämpft haben, denn dank ihnen kann ich heute wählen, mich bilden und arbeiten. Frau zu sein heißt, bereits als Kämpferin und Widerständlerin geboren zu sein, allein aufgrund der Tatsache, in einer Gesellschaft zu leben, die gegen uns ist“ (Ruhrtriennale 2021, 167).

Theater für eine feministische Revolution

Das Stück hat mich mitgerissen – als Spielkunst, als Inszenierung, als Inhalt. Ich saß mit offenem Mund, Herz, Ohren und Geist in Reihe 16 und wollte keine Sekunde von dem Spiel der jungen Protagonist:innen, von ihrem Tempo, ihrer physischen Präsenz verpassen. Die Dringlichkeit ihres Spiels beruhte auf eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen von anderen Mädchen und Frauen in Chile (und anderswo), nicht auf theoretischen Prämissen: Das ist der Schlüssel zur Kraft des Stückes. Mir schien, als aktualisierte der Regisseur Marco Layera ein traditionsreiches lateinamerikanisches Theater der Befreiung, das Möglichkeiten der Auseinandersetzung, der Bewusstwerdung und gesellschaftlichen Veränderung entwickelt. Ich glaube, ich habe bei Paisajes Para non colorear/Nicht auszumalende Landschaften einem Theater für eine feministische Revolution beigewohnt.

Literatur

Ruhrtriennale, Festival der Künste 2021 (hrsg. v. Kultur Ruhr GmbH). Bad Oeynhausen: Kunst- und Werbedruck GmbH & Co. KG.

Zitation: Uta C. Schmidt: Nicht auszumalende Landschaften – Theater für eine feministische Revolution, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 28.09.2021, www.gender-blog.de/beitrag/frau-widerstand/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210928

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© Headergrafik: Paisajes para no colorear, Teatro La Re-Sentida ©, Nicolás Calderón.

Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; Forschungen an den Schnittstellen von Raum, Wissen, Geschlecht und Macht; Publikationen zu Klöstern, Klanggeschichte und Geschichtskultur; wiss. Mitarbeiterin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW; Kuratorin im DA. Kunsthaus Kloster Gravenhorst; Mitherausgeberin von www.frauenruhrgeschichte.de.

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