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Frauen an die Macht! Powered by Mary Beard

25. September 2018 Steffi Grundmann

Die britische Altertumswissenschaftlerin Mary Beard hat mit Women & Power ein äußerst anregendes und ebenso gelehrtes wie kritisches Buch über das Verhältnis von Frauen und Macht vorgelegt. Es richtet sich an ein breites Publikum und umfasst zwei gut lesbare und unterhaltsame Essays, die ursprünglich als Vorträge präsentiert worden sind. Mit Rückgriff auf Beispiele aus der griechisch-römischen Antike rekonstruiert die Autorin geschlechtsbezogene Zuschreibungen, die in der europäischen Kultur lang tradiert worden sind. Auf ihnen beruhen wiederum Verhaltensweisen und Mechanismen, die eine umfassende weibliche Teilhabe an der Macht bis heute behindern.

Die öffentliche Stimme von Frauen

Im ersten Essay fragt Beard, warum Frauen nicht öffentlich sprechen (können) bzw. warum sie kein Gehör finden, wenn sie es dennoch versuchen. Mehrere Episoden in den antiken Mythen bzw. der (fiktiven) Frühgeschichte dienen ihr als Beispiele, die dieses Schweigegebot exemplarisch veranschaulichen. Denn dort werden einzelne Frauen vorbildhaft zum Schweigen gebracht oder für ihr Schweigen gelobt. Beard fokussiert zunächst dieses kulturelle Muster, weil es ihres Erachtens eng mit dem Verhältnis von Frauen und Macht in der Gegenwart verbunden ist: Indem sie am Sprechen gehindert werden bzw. ihre Äußerungen unbeachtet bleiben, werden Frauen noch immer von der Macht ausgeschlossen.

Frauen an der Macht

Im zweiten Essay legt Beard die sehr deutliche reale, kulturelle und bildliche Trennung von Frauen und Macht in der europäischen Geschichte dar. Aus der antiken Mythologie führt sie als zentrales Beispiel Medusa an, deren Anblick jede und jeden in Stein verwandelt. Ihr abgeschlagenes Haupt ist als Motiv in der europäischen Kunst äußerst beliebt und ein verbreitetes Vorbild für die diffamierende Darstellung mächtiger Politikerinnen. Sowohl Angela Merkel als auch Hillary Clinton ist diese zweifelhafte Ehre bereits zuteilgeworden: Sie als schreckliche Medusa zu zeigen, ziele zum einen darauf, ihren Machtanspruch ins Lächerliche zu ziehen und ihn so zu delegitimieren. Zum anderen stehe die Enthauptung für eine imaginierte Gewaltanwendung, die nicht nur auf die Politikerinnen als Personen, sondern auf ihr Geschlecht gerichtet sei und sich insofern dagegen wende, dass Frauen überhaupt an der Macht teilhaben.

Was tun?

Beard bleibt in beiden Essays nicht bei diesen Analysen und Diagnosen vergangener und gegenwärtiger Muster stehen, sondern fragt weiter, wie diese verändert und überwunden werden können, um die umfassende Teilhabe von Frauen an der Macht herbeizuführen. Ein möglicher Weg sei es, männliches Verhalten zu imitieren – also beispielsweise tiefer zu sprechen oder sich in Habitus und Bekleidung an die überwiegend männliche Umgebung anzunähern und auf diese Weise an der Macht zu partizipieren. Auch wenn eine solche Anpassung in einem ersten Schritt und für wenige Frauen durchaus erfolgversprechend sei, führe sie jedoch keineswegs zu einer gerechten Teilhabe. Denn die grundlegenden Strukturen und Mechanismen veränderten sich so nicht und sie blieben letztlich Außenseiterinnen.

Deshalb hält Beard es für unverzichtbar, andere Wege zu finden, auf denen Frauen eine eigenständige machtpolitische Position erlangen können. Grundvoraussetzung dafür sei es, zunächst die tradierten Muster zu reflektieren und zu dekonstruieren. Mit diesem Ziel stellen sich Beards Essays der weiterbestehenden Abwertung der weiblichen Stimme und der stets besonders kritischen Sicht auf das öffentliche Auftreten von Frauen entgegen.

Eigene Wege gehen

Außerdem regt die Autorin an, sich weibliche Handlungsmuster neu anzueignen, auch wenn sie bisher mitunter wenig positiv besetzt sein mögen. Nur auf diese Weise sei es möglich, die eigenen Interessen aus einer selbständigen Position heraus erfolgreich zu vertreten, so wie beispielsweise Margaret Thatcher und Theresa May mit ihren Handtaschen bzw. Schuhen eigene Akzente setz(t)en. Aus deutscher Perspektive erinnert diese Anregung an Angela Merkels vermeintlich weibliche Zurückhaltung, die inzwischen seit vielen Jahren äußerst machtvoll wirkt. Auch Beard selbst hält sich bei der Gestaltung des Buchumschlags an diese Maxime: Sein Design ist an ein berühmtes römisches Mosaik angelehnt, in dessen Zentrum Medusa abgebildet ist. Statt ihres Konterfeis ist auf dem Cover jedoch ein Schriftzug mit Beards Namen und dem Titel Women & Power. A Manifesto zu sehen. Auf diese Weise tritt der weibliche Machtanspruch an die Stelle der bestraften und letztlich getöteten mythischen Figur.

Daran anknüpfend hält Beard es für möglich und erfolgversprechend, den bisherigen Ausschluss von einem Nachteil in einen Vorteil zu wenden. Theresa May sei auch deshalb Premierministerin geworden, weil sie nicht zum boys’ club dazugehört habe. Erneut ergibt sich eine Parallele zu Angela Merkel: Auch, weil sie nicht Teil der Seilschaften war, konnte sie sich nach dem CDU-Spendenskandal 2001 glaubwürdig von Helmut Kohl distanzieren und so letztlich an die Macht kommen.

Eigene Ziele verfolgen

Die bisher dargestellte Argumentation fokussiert politische Macht. Beards Ansatz reicht jedoch weiter: Machtvolle Positionen seien nicht nur männlich besetzt, weil sie scheinbar schon immer von Männern belegt gewesen seien. Sie seien es vor allem auch deshalb, weil diese männliche Tradition die Definitionsmacht darüber behaupte, was, wo und wie Macht sei und zu sein habe. Dies möchte Beard ändern und fordert dazu auf, das Ziel selbst kritisch zu betrachten und aus weiblicher Perspektive (neu) zu definieren.

Indem die Autorin selbst eloquent, spitzfindig und überzeugend argumentiert, beweist sie auf eindrucksvolle Weise, dass und wie Frauen öffentlich wirkmächtig sprechen können. Beards Essays verflechten das klassische Erbe sinnstiftend mit den Phänomenen des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie appelliert an alle Leser_innen, von ihren Überlegungen aus weiterzudenken und entsprechend zu handeln, um einen umfassenden Wandel herbeizuführen und so die Trennung von Frauen und Macht aufzuheben.

Frauen & Macht von Mary Beard ist im März 2018 bei S. Fischer erschienen.

Einen weiteren Beitrag zum Thema „Stimmen und Sprechen in der Antike“ in diesem Blog finden Sie hier.

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Steffi Grundmann

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrbereich Alte Geschichte der Bergischen Universität Wuppertal; Promotion über Haut und Haar im klassischen Griechenland; Forschungsschwerpunkte: römische Wirtschaftsgeschichte; Rezeption der Antike; Körper, Sexualitäten und Geschlecht.

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