14. April 2026 Petra Nabinger
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) berichtet zum Frauenanteil in Spitzengremien großer Unternehmen: „Der Finanzsektor holt auf – insbesondere die 100 größten Banken haben ihren Anteil an Vorständinnen zwischen 2022 und 2024 überdurchschnittlich stark erhöht (von 14 auf 21 Prozent)“ (Kollmann, 2025).
Dies könnte den beiden Führungspositionen-Gesetzen I und II zu verdanken sein, die in den Jahren 2015 (FüPoG I) und 2021 (FüPoG II) in Kraft getreten sind. Mithilfe gesetzlicher Vorgaben sollten demnach die Anteile von Frauen in den Aufsichtsräten und den Vorstandsgremien der DAX-Unternehmen erhöht werden. Das zeigt, dass solche Vorgaben richtungsweisend sind und eine Wirkung entfalten können.
Doch bei genauerer Betrachtung ergibt sich ein differenzierteres Bild der Finanzbranche: Bei Großbanken sind Frauen zwar zu 21 Prozent in den Vorständen vertreten, dem steht jedoch ein Anteil von nur 8 Prozent bei den Sparkassen gegenüber (Atzler, 2024). Hier gibt es offensichtlich Nachholbedarf, insbesondere, da Vorbilder von Frauen in Führung fehlen.
Führungsfrauen als Role Models
Nach wie vor sorgt der von der AllBright-Stiftung sogenannte „Thomas-Kreislauf“ dafür, dass Manager bei Nachbesetzungen eher ein Spiegelbild von sich auswählen. Oftmals werden daher Vorstandspositionen wieder mit ähnlichen Kandidaten nachbesetzt und Frauen dadurch weniger berücksichtigt. Auch führt die Gründung einer Familie für Frauen aufgrund der weiterhin tradierten Rollenverteilung zu einem Karriereknick. Dabei gibt es einen bemerkenswerten Unterschied zwischen Vätern und Müttern in Vorstandspositionen. So wurde festgestellt, dass Frauen an der Spitze signifikant weniger Kinder haben als Männer in solchen Positionen. Möglicherweise verzichten Frauen zugunsten der Karriere auf Kinder (vgl. Internationale Hochschule 2023).
Deshalb ist es wichtig, Frauen sichtbar zu machen, die es bis in die obersten Chefetagen der Finanzinstitute geschafft haben. Um die Geschlechtergleichstellung im Management des Finanzsektors voranzubringen, habe ich das Buch Frauen in Spitzenpositionen – Role Models der Finanzbranche (2025) veröffentlicht. Darin sprechen Führungsfrauen im Interview sehr offen über ihre Motivation, über Hindernisse, die sie überwinden mussten und darüber, wie sie ihren beruflichen Weg erfolgreich gegangen sind. Ihre Karrieren werden damit für die Leser_innenschaft nachvollziehbar. Ihr Vorbild kann andere Frauen ermutigen, eine Karriere in der Finanzbranche anzugehen.
Konkrete Schritte zugunsten der Vereinbarkeit
Eine Vorständin erzählt im Interview, wie sie bestehende Strukturen verändert hat, um die Management-Tätigkeit mit familiären Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Sie sagt:
„In meinem Setting habe ich zunächst ganz simple Dinge verändert: Das ´Sales Performance Meeting´ wurde von 18:00 Uhr auf 16:00 Uhr vorgezogen und klar kommuniziert, dass das Meeting nur die vereinbarte Zeit in Anspruch nehmen kann, und somit die Effizienz von Meetings gesteigert werden muss. Spannend ist, dass man in kürzerer Zeit gleiche oder sogar bessere Ergebnisse erzielt.“ (Nabinger, 2025. S.26)
Aus ihrer Sicht sollte es auch der Vergangenheit angehören, dass Frauen die Entscheidung treffen müssen, ob sie Kind oder Karriere wählen. Zudem hat sie selbst festgestellt, dass eine einzelne Frau im Vorstandsgremium keinen Change in der Art und Weise bedeutet, wie Entscheidungen getroffen werden. „Mittlerweile, mit vielen großartigen Kolleginnen in meinem direkten Umfeld, spüre ich den Unterschied, den wir machen können, wenn wir eben nicht alleine argumentieren“ (Nabinger, 2025. S. 28).
Eine weitere portraitierte Frau schildert, wie wichtig es ist, die Karrierepläne in der Partnerschaft gemeinsam abzustimmen. Auf die Frage nach der Bedeutung einer solchen Vereinbarung im familiären Kontext berichtet sie: „Die Rückendeckung meines Partners ist essenziell! Ich glaube nicht, dass ich meinen Weg hätte derart konsequent gehen können, wenn mein Partner und ja – die gesamte Familie im Grunde genommen – dies nicht mit unterstützt hätten“ (Nabinger, 2025. S. 47).
Karrierewege und Hürden
Die aus der Ukraine stammende Direktorin Medien und Kreativwirtschaft bringt ihre Perspektive als Zugewanderte mit ein. Die Studiengänge zum Lehramt/Pädagogik und der Betriebswirtschaftslehre schloss sie jeweils mit dem Bachelor of Arts und Science in Kiew ab. Nach dem Master of Science in Kiew folgte der Master of Science in Frankfurt/Oder. Im Interview beschreibt sie ihren Werdegang von der Werksstudentin bei der Berliner Sparkasse bis zur Leitungsstelle. Dabei betont sie, wie wertvoll es ist, Unterstützer auf diesem Weg zu haben.
„Für mich haben Mentoren eine enorme Bedeutung. Ich hätte mir nie so viel zugetraut, wenn ich alleine diesen Weg gegangen wäre. Man kann viele Bücher lesen, aber die Umwandlung des Wissens in die Praxis und die Selbstreflexion sind um einiges einfacher, wenn man einen guten Wegbegleiter hat, der zum richtigen Zeitpunkt gute Tipps gibt.“ (Nabinger, 2025. S. 133)
In ihrem Portrait werden auch die zusätzlichen Hürden deutlich, die sie anfangs zu der Zeit als Werksstudentin nehmen musste, als die deutsche Sprache in der Schriftform noch etwas herausfordernd für sie war.
Insgesamt ziehen sich sowohl durch ihren Lebensweg wie auch durch den der weiteren porträtierten Frauen die eigentlichen Erfolgsfaktoren der Karriere, die nicht nur für die Finanzbranche von Bedeutung sind.
Erfolgsfaktoren für die Karriere
Die im Buch vorgestellten Frauen bilden unterschiedliche Lebensmodelle ab, sodass eine große Bandbreite an Karrierewegen erlebbar wird. Frauen mit familiären Verpflichtungen geben wertvolle Tipps, wie sich Familie und Karriere vereinbaren lassen. Alle Frauen betonen die große Bedeutung von Netzwerken, in denen ein vertrauensvoller Austausch auf Augenhöhe möglich ist. Netzwerke bieten auch den Raum, um sich gegenseitig zu ermutigen und über berufliche Herausforderungen auszutauschen. Wie ein roter Faden zieht sich durch viele Porträts der Vergleich mit einem Marathonlauf. Es wird deutlich, dass es einen langen Atem braucht und Neujustierungen oftmals unabdingbar sind.
Aber auch Unternehmen tun gut daran, die eigene Perspektive beim Recruiting zu vervielfältigen. In einem Gastbeitrag eines Recruiter-Teams der in der Finanzbranche etablierten Egon Zehnder International GmbH werden die unterschiedlichen Herangehensweisen von weiblichen und männlichen Bewerbern für Vorstandspositionen erläutert und konkrete Handlungsempfehlungen gegeben. Weitere Gastbeiträge, u. a. zu erfolgreichen Mentoringprogrammen, ergänzen die Interviewreihe und vervollständigen das Buch zu einem wertvollen Karriereratgeber.
Literatur
Atzler, Elisabeth 2024. „Öfter Michael oder Thomas als eine Frau im Vorstand.“ Zugriff am 11.03.2026 unter https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/banken/sparkassen-oefter-michael-oder-thomas-als-eine-frau-im-vorstand/100084657.html.
Internationale Hochschule 2023. Arbeit und Karriere. Gleiche Chancen für alle? Erfurt: IU Internationale Hochschule GmbH. Zugriff am 11.03.2026 unter https://static.iu.de/studies/Studie-Arbeit-und-Karriere-Gleiche-Chancen-fuer-alle.pdf.
Kollmann, Sebastian 2025. „Frauenanteil in Spitzengremien großer Unternehmen: Weiterer Schritt nach vorn, aber Weg zur Geschlechterparität bleibt weit“, DIW-Pressemitteilung. Zugriff am 11.03.2026 unter https://www.diw.de/de/diw_01.c.932652.de/frauenanteil_in_spitzengremien_grosser_unternehmen__weiterer___itt_nach_vorn__aber_weg_zur_geschlechterparitaet_bleibt_weit.html.
Nabinger, Petra 2025. Frauen in Spitzenpositionen – Role Models der Finanzbranche. Frankfurt am Main: Frankfurter Allgemeine Buch.
Zitation: Petra Nabinger : Perspektivenvielfalt ist gefragt: Vorbilder für Frauen in der Finanzbranche , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 14.04.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/frauen-in-der-finanzbranche/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260414
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