Skip to main content
Headergrafik: Banana Images/stock.adobe.com

Forschung

HerStories Matter: Forschung zu Frauen in der Geschichte der Quantenphysik

28. Oktober 2025 Andrea Reichenberger

Die 2025 bei Cambridge University Press erschienene Anthologie Women in the History of Quantum Physics erzählt die Geschichten von sechzehn Frauen, die einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Quantenphysik geleistet haben. Die Beiträge sind das Ergebnis sorgfältiger Recherchen, die vielfach neue Quellen und unbekanntes Archivmaterial erschließen. Damit stellen sie die traditionelle, männlich dominierte Geschichtsschreibung der Quantenphysik auf den Kopf. Die Publikation präsentiert die Ergebnisse der internationalen und interdisziplinären Arbeitsgruppe Women in the History of Quantum Physics (WiHPQ), ein informeller Zusammenschluss von Physiker:innen, Historiker:innen, Philosoph:innen und Wissenschaftspublizist:innen.

Biografien mit Matilda-Effekt in der Quantenphysik

Die Biografien hinterfragen bestehende Stereotype und bieten Einblicke in den Matilda-Effekt, d. h. die systematische Marginalisierung der Beiträge von Frauen und unterrepräsentierter Gruppen in der Geschichte der Quantenphysik. Diese Phänomene und die ihnen zugrunde liegenden Ursachen sind in der Frauen*- und Genderforschung gut untersucht (z. B. Lincoln et al., 2012; Green, 2024; Raerinne, 2025). Für Frauen war eine akademische Karriere aus rechtlichen, sozialen und ökonomischen Gründen ungleich schwerer als für Männer. Eine Untersuchung der Faktoren für eine meist intersektional bedingte Geschlechterungleichheit nicht nur in der Physikgeschichte liefert ein besseres Verständnis für wissenschaftliche Forschungspraxen. Ebenso wichtig ist es, vergessene und wenig beachtete Beiträge, Forschungspublikationen, Manuskripte, Briefwechsel usw. auszuwerten und in die Lehrinhalte der Physikgeschichte zu integrieren. Dazu bedarf es eines Expert:innenwissens sowohl in der Geschlechtergeschichte als auch in der Physikgeschichte.

Und genau diese Brücke wird in dem Band durch Beiträge geschlagen, die physikhistorisches Wissen mit Geschlechterforschung bereichern und vertiefen: von Hertha Sponers Experimenten zur Quantenspektroskopie, Jane Deweys experimentellen Forschungen zum Stark-Effekt, Chien-Shiung Wus Untersuchungen zur Quantenverschränkung, Elizabeth Monroes Bau eines Differentialanalysators zur Lösung der quantenmechanischen Beschreibung einfacher Moleküle sowie Freda Friedman Salzmans Forschungen zu Einzelteilchenaustauschmodellen, Nukleonenkollisionen und den elektromagnetischen Wechselwirkungen von Vektorbosonen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Keine „Nerds“: Mehrfaches Engagement von Physikerinnen

Bemerkenswert an diesen „Herstories” ist die Mehrfachbelastung, der die Physikerinnen während ihrer keinesfalls geradlinigen Karrierewege ausgesetzt waren (Emigration, Scheidung, Pflege von Angehörigen, Verpflichtungen als Mutter etc.). Nicht selten waren diese Physikerinnen auch politisch aktiv. So war Freda Friedman Salzman eine überzeugte Verfechterin der Frauenrechte und eine scharfe Kritikerin der Soziobiologie. Ein gutes Beispiel ist auch Grete Hermann. Sie war nicht nur eine Schlüsselfigur in der philosophischen Grundlagendebatte der Quantenphysik in den 1930er-Jahren, sondern auch Widerstandskämpferin gegen die Nationalsozialisten und überzeugte Sozialdemokratin. Wenn in heutigen Beiträgen in Blogs, in den sozialen Medien sowie in Forschungspublikationen behauptet wird, Grete Hermann sei 1934 nach Leipzig gegangen, um am berühmten Seminar Werner Heisenbergs zur Quantenmechanik teilzunehmen, ist das nicht falsch. Diese Darstellung verschweigt jedoch, dass sie nicht nach Leipzig ging, weil sie Heisenberg bewunderte und von ihm lernen wollte. Tatsächlich ging sie nach Leipzig, um illegale Kaderschulungen durchzuführen, die vom Antifaschistischen Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) organisiert wurden.

Geschlechtersensible Perspektiven für die Forschung

Die Sichtbarmachung von Frauen in der Geschichte der Quantenphysik korrigiert nicht nur das weit verbreitete Bild von der Quantenphysik als Werk einiger weniger männlicher Genies, sondern bietet auch einen kritischen Rahmen, um zu überdenken, wie Physikgeschichte betrieben wird. Darüber hinaus werden die Verflechtungen von wissenschaftlicher Forschung mit politischen Machtstrukturen aufgezeigt. Genderanalysen, insbesondere wenn sie durch intersektionale Perspektiven geprägt sind, können einen transformativen Einfluss auf inklusivere Ansätze der Wissenschaftsgeschichtsschreibung ausüben. Dies erfordert jedoch auch eine kritische Reflexion darüber, wie und warum Quellen gesammelt, archiviert und interpretiert werden.

Das neue DFG-Projekt „Grete Hermanns: From Mathematics and Quantum Physics to Politics and Ethics“ baut auf den Arbeiten der Arbeitsgruppe WiHQP auf. Ziel des Projekts ist es, die Arbeiten zu Frauen in der Geschichte der Quantenphysik fortzusetzen, zu erweitern und zu vertiefen, um aus intersektionalen Genderperspektiven zu einer verantwortungsvollen physikhistorischen Forschung beizutragen und der tief im Matilda-Effekt verwurzelten epistemischen Ungerechtigkeit entgegenzuwirken. Um geschlechtsspezifische Voreingenommenheit in der Physikgeschichte besser zu identifizieren und zu korrigieren, fehlt bislang eine gendersensible Physikdidaktik in enger Kooperation mit einer Wissenschaftskommunikation, die die Geschichte der Quantenphysik aus Geschlechterperspektive beleuchtet und die Ergebnisse in Lehr- und Lernmaterialien integriert.

Wissenschaftsgeschichtsschreibung transformieren!

Digital History und Big Data Science eröffnen auch neue Möglichkeiten für die Geschichtsschreibung. So ermöglichen sie etwa die Analyse großer Datensätze und die Visualisierung komplexer historischer Phänomene wie Korrespondenz- und Wissensnetzwerke. Diese Methoden spiegeln jedoch oft tiefgreifende kulturelle Ungleichheiten, Vorurteile und Stereotype wider und verstärken diese. Allzu leichtfertig stützen sich viele heutige Forschungen auf digitale Daten und Datenanalysen, ohne diese zu hinterfragen und gendersensibel weiterzuentwickeln. So verfügen wir beispielsweise oftmals nicht über Suchmaschinentools zu wissenschaftlichen Forschungsjournalen, die es erlauben, Beiträge von Frauen aus Zeiten vor der Digitalisierung zu eruieren. Archivrecherchen vor Ort sind nötig, etwa in Privatnachlässen und an anderen schwer zugänglichen Orten. Das ist kostspielig und zeitaufwendig und kann von einigen wenigen nicht geleistet werden.

Um in diesem Bereich Fortschritte zu erzielen, muss die Geschlechterforschung in der Wissenschaftsgeschichte besser institutionalisiert und gefördert aber auch nach außen über die Wissenschaftskommunikation besser transportiert werden. Um das zentrale Ziel für nachhaltige Entwicklung (SDG 5) der Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, müssen nicht nur systemische Barrieren wie die ungleiche Aufteilung unbezahlter Pflegearbeit und Diskriminierung in Beschäftigung, Bildung und öffentlichem Leben angegangen werden. Was wir auch – und dringender denn je – brauchen, ist eine grundlegende Transformation der Wissenschaftsgeschichtsschreibung. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, um sie besser zu machen. Geschichte ist jedoch nicht die Vergangenheit selbst, sondern die Art und Weise, wie wir über sie berichten und sie erforschen. Alle sind herzlich eingeladen, sich am Projekt WiHQP zu beteiligen. Wir brauchen ein umfassenderes und differenzierteres Verständnis der komplexen Geschichte der Quantenphysik.

Literatur

Charbonneau, Patrick; Frank, Michelle; van der Heijden, Margriet & Monaldi, Daniela (Hrsg.). (2025). Women in the History of Quantum Physics: Beyond Knabenphysik. Cambridge: Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/9781009535816

Green, Monica H. (2024). “Trotula” is not an example of the Matilda effect: On correcting scholarly myths and engaging with professional history: A response to Malecki et al. 2024. Science Education, 108, 1725–1732. https://doi.org/10.1002/sce.21897 

Lincoln, Anne E.; Pincus, Stephanie; Koster, Janet Bandows & Leboy, Phoebe S. (2012). The matilda effect in science: awards and prizes in the US, 1990s and 2000s. Soc Stud Sci., 42(2), 307–320. https://doi.org/10.1177/0306312711435830

Raerinne, Jani. (2025). The Matilda Effect and Women's Representation in Biology. Bull Ecol Soc Am, 106(3), e70014. https://doi.org/10.1002/bes2.70014 

Zitation: Andrea Reichenberger: HerStories Matter: Forschung zu Frauen in der Geschichte der Quantenphysik, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 28.10.2025, www.gender-blog.de/beitrag/frauen-in-quantenphysik/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251028

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Banana Images/stock.adobe.com

Dr. Andrea Reichenberger

Andrea Reichenbergers Forschungsschwerpunkte liegen auf Frauenforschung und Geschlechteranalysen an der Schnittstelle der Philosophie und Geschichte der Physik, Mathematik, Informatik und KI. Sie leitet derzeit ein DFG-Projekt am STS Department (Lehrstuhl Technikgeschichte) der Technischen Universität München (TUM), welches die Rolle von Frauen in der Geschichte der Quantenphysik untersucht.

Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Es sind max. 2000 Zeichen erlaubt.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.