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Frauenförderung in der Informatik zwischen Empowerment und Stereotypen-Reproduktion

16. Juni 2020 Leonie Dorn Diana Drechsel Anne Jellinghaus

Der Informatik mangelt es an Frauen* – das ist seit Jahren die Ausgangsbasis des Forschungsfeldes „Frauen in der Informatik“. Doch ist es wirklich so einfach: mehr Frauen* = eine bessere Informatik? Sind Fördermaßnahmen, die auf Frauen* als homogene, biologisch determinierte Gruppe abzielen, wirklich geeignet, um nachhaltige Veränderungen in der Informatik zu bewirken?

Geschlechtergerechte Informatik durch Frauenförderung?

Die Geschlechterforschung soll bei der Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit in der Informatik helfen, dabei steckt sie jedoch in einem Dilemma zwischen dem Aufzeigen von Ungerechtigkeiten und dem Verstärken von Stereotypen (vgl. Koch/Winker 2003). Ein Beispiel ist die viel zitierte „Leaky Pipeline” als Ausgangspunkt diverser „Frauenfördermaßnahmen” [1] in der Informatik. Die sogenannte „Pipeline” beschreibt den Weg in und durch die Informatik hin zu gut bezahlten Jobs. Die differenztheoretische Annahme, Menschen seien in dichotome, jeweils homogene Gruppen einteilbar, ist aus Sicht einer dekonstruktivistischen Geschlechterforschung jedoch nicht haltbar. Eine Dramatisierung von Geschlecht durch unreflektierte „Frauenfördermaßnahmen” birgt also die Gefahr der Reproduktion diskriminierender Stereotype und blendet strukturelle Ungleichheitsverhältnisse in der informatischen Fachkultur aus (vgl. Koch/Winker 2003).

Stereotypenreproduktion durch Dramatisierung von Geschlecht

Strukturen der Ungleichheit entfalten sich nicht entlang einer singulären Differenzierung, sondern in Wechselwirkung von gesellschaftsstrukturierenden Kategorisierungen, wie race, Ability, Sexualität oder Bildungsherkunft, wobei die hegemoniale Position des weißen, heterosexuellen, akademischen cis-Mannes [2] als Normalfall angesehen wird.

Die Homogenisierung von Frauen* sowie die unreflektierte Verknüpfung von cis-Männlichkeit mit Technikkompetenz verändern die Strukturen der Informatik nicht. Denn wer sind diese „Mädchen“, die gefördert werden sollen? Wessen „Lebenswelten“ werden imaginiert und von wem? Welche Dynamiken der Ungleichheit bleiben in diesen „Lebenswelten“ unsichtbar? Welche stereotypen Vorstellungen über das Verhältnis von Geschlecht und Technik werden reproduziert? Diese Fragen führen weiter als die Frage nach „Mädchen“ oder „Frauen“ in der Informatik, denn sie zielen auf Strukturen (vgl. Frietze/Quesenberry 2019). Die kritisch-reflexive Verortung der eigenen Positionierung innerhalb gesellschaftlicher Machtstrukturen ist hingegen die Grundlage für Strukturveränderungen, wobei Reflexionswissen in Bezug auf gesellschaftliche Kategorisierungen zunächst bereitgestellt werden muss.

Kritische Reflexionskompetenz als informatische Fachkompetenz

Das BMBF-geförderte Projekt „Fix-IT. Fixing IT for Women“ der Technischen Universität Berlin (TUB) setzt sich interdisziplinär mit informatischer Lern- und Lehrpraxis zu Digitalisierungsthemen auseinander und entwickelt entsprechende Interventionen. Geschlechterforschende und Informatikerinnen* arbeiten gemeinsam an Ideen zum produktiven Umgang mit dem feministischen Dilemma zwischen Stereotypenreproduktion und dekonstruktivistischem Degendering in der Informatik (vgl. Bath 2017). Um Strukturveränderungen auf verschiedenen Ebenen zu initiieren, sind die Zielgruppen der Fix-IT-Produkte einerseits Mitarbeitende informatischer Fachgebiete sowie andererseits Anbietende von Schüler*innenlaboren und Lehrkräfte der Oberstufen.

In Weiterbildungsworkshops werden Fragen rund um Themen der „Mädchenförderung” und Steigerung von Diversität mit Erkenntnissen und Methoden der Geschlechterforschung verknüpft. In Reflexionsübungen erarbeiten sich die Teilnehmenden zunächst Grundlagenwissen über die komplexen, machtvollen Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Kategorisierungen und ihrer eigenen Verortung. Die anschließende Erarbeitung von Ideen für Veränderungen der eigenen Lehre passiert lösungsorientiert, das heißt, es werden keine Vorgaben über die Art der Veränderungen gemacht. Ziel der Workshops ist es, dass die Teilnehmenden individuell passende, konkrete Ideen für eine Veränderung ihrer Lehre entwerfen.

Impulse für die eigene Anwendungspraxis

In Zusammenarbeit mit dEIn Labor, dem informatischen Schülerlabor der TUB, hat das Fix-IT-Team Konzepte für eine geschlechterforschungsbasierte Vermittlung der Digitalisierungsthemen Hacking und Smart Homes entwickelt [3]. Die Angebote richten sich nicht exklusiv an „Mädchen”, sondern basieren auf dem im Rahmen des Projektes entwickelten „Gestaltungs-Toolkit von Sprach- und Bilderwelten der digitalen Berufe”. Dieses umfasst u. a. den Verzicht auf Personendarstellungen, um stattdessen den Fokus auf Tätigkeiten digitaler Berufe sowie deren Zweck und Nutzen zu legen. Ein Fokus liegt außerdem auf der Darstellung von interdisziplinärer Zusammenarbeit. Zum Thema Hacken wurde das Schüler*innenlaborangebot „Hacking als Beruf” [4] entwickelt. Hier werden Prinzipien der Datenverschlüsselung und der Passwortsicherheit erklärt und Ausbildungswege in Berufsfelder wie Cybersecurity oder IT-Forensik aufgezeigt. Des Weiteren wurde bei der Erstellung aller Workshopmaterialien auf eine genderreflexive Sprache geachtet, welche über die Verwendung des Gendersternchens hinausgeht.

Stop Fixing the Women - Fix the System

Die im Fix-IT-Projekt erarbeiteten Konzepte sind Handlungs- und Denkanstöße zur Verknüpfung von Geschlechterforschung und Informatik in der informatischen Lehre.

Da es keine One-size-fits-all Lösungen für Inklusion und Wandel gibt, gilt es, diese Denkanstöße innerhalb der individuellen Arbeits- und Wirkungskontexte anzupassen bzw. zu erweitern. Die Lehrenden sind die Expert*innen für ihre Arbeitspraxis und wissen am besten, wie die genderkompetente Gestaltung ihrer Lehre möglich werden kann: Je individueller die Lösungsansätze, desto nachhaltiger die Veränderungen. Die dafür nötige Reflexion des eigenen Verständnisses von Geschlecht und Technik und das Bewusstwerden über den eigenen Anteil an der Reproduktion von Ungleichheitsverhältnissen ist häufig ein schmerzhafter, jedoch unabdingbarer Prozess.

Faire Digitalisierung braucht eine Informatik, die ihrer Rolle als Innovatorin und Treiberin digitaler Transformationen verantwortungsvoll gerecht wird und allen Menschen die aktive Gestaltung informatischer Produkte ermöglicht. Dafür ist eine Integration machtkritischer Perspektiven in technische Disziplinen und Fachkulturen nötig.

Alle erarbeiteten Materialien sind ab Herbst 2020 auf der Online-Plattform von Fix-IT verfügbar. Hier können Sie sich auch für den Fix-IT-Newsletter anmelden: www.fix-it.tu-berlin.de/newsletter/

 

[1] Aus Sicht der Autorinnen* ist dem Konzept von „Frauenförderung“ ein biologisierendes differenztheoretisches Verständnis von Geschlecht inhärent. Daher setzen wir den gesamten Begriff in Anführungszeichen, ohne dabei die engagierten Bemühungen von Gleichstellungs-Akteur*innen schmälern zu wollen.

[2] Die Autorinnen* verstehen cis an dieser Stelle nicht nur als Benennung der Übereinstimmung von zugewiesenem und gefühltem bzw. gelebtem Geschlecht, sondern auch im Sinne eines „content in stereotypes”.

[3] Ein Angebot zu Virtual Reality ist z. Zt. ebenso in Arbeit wie die Evaluation aller drei Workshops: http://www.dein-labor.tu-berlin.de

[4] Das Konzept „Hacking als Beruf” hat bei der diesjährigen Jahrestagung des Bundesverbands der Schülerlabore e. V. einen Preis als innovatives Konzept zur Vermittlung von Digitalisierungsthemen gewonnen.

Literatur

Koch, Gertraut & Winker, Gabriele (2003): Genderforschung im geschlechterdifferenten Feld der Technik: Perspektiven für die Gewinnung von Gestaltungskompetenz. In Karin Eble & Martin Welker (Hrsg.), Mädchen machen Medien: Stärkung der IT- und Medienkompetenz von Mädchen und jungen Frauen am Beispiel des Landesleitprojekts „medi@girls“, Stuttgarter Beiträge zur Medienwirtschaft Nr. 8 (S. 31–40). Zugriff am 13. Mai 2020 unter https://www.hdm-stuttgart.de/~glaeser/files/beitr%E4ge/Stuttgarter%20Beitr%E4ge%20Nr_8.pdf#page=31.

Carol Frieze, Jeria L. Quesenberry (2019): How Computer Science at CMU Is Attracting and Retaining Women. Communications of the ACM, (62),2, 23–26. Zugriff am 18. Mai 2020 unter https://cacm.acm.org/magazines/2019/2/234346-how-computer-science-at-cmu-is-attracting-and-retaining-women/fulltext.

Corinna Bath (2017): De-Gendering informatischer Artefakte „in a nutshell". In Ute Kempf & Brigitta Wrede (Hrsg.), Gender-Effekte. Wie Frauen die Technik von morgen gestalten, IZG-Forschungsreihe Bd. 19 (S. 39–44). Universität Bielefeld. Zugriff am 25. Mai 2020 unter www.uni-bielefeld.de/IZG/pdf/forschungsreihe/Band-19.pdf.

Zitation: Leonie Dorn, Diana Drechsel, Anne Jellinghaus: Frauenförderung in der Informatik zwischen Empowerment und Stereotypen-Reproduktion, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 16.06.2020, www.gender-blog.de/beitrag/frauenfoerderung-in-der-informatik/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200616

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Leonie Dorn

Leonie Dorn ist Politikwissenschaftlerin sowie angehende Medienwissenschaftlerin und arbeitet seit 2019 im Projekt Fix-IT am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen auf »Algorithmic Bias« sowie Diskurspraktiken und Machtverhältnissen in der digitalen Gesellschaft.

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Diana Drechsel

Diana Drechsel arbeitet zu den Themen Gender und Digitalisierung, genderreflexive Informatik und genderkompetente Lehre. Bei "Fix-IT. Fixing IT for Women" (TU Berlin) erarbeitete sie Weiterbildungskonzepte zur genderkompetenten Vermittlung von Digitalisierungsthemen an Schulen und Hochschulen. Außerdem schlägt Dianas Herz für lösungsorientiertes Coaching und Kampfsport.

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Anne Jellinghaus

Anne Jellinghaus arbeitet seit 2020 im BMBF geförderten Projekt „Fix-IT. Fixing IT for Women“ der Technischen Universität Berlin. Sie hat ein Diplom in Psychologie und studiert derzeit parallel Informatik und Human Factors. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört die Entwicklung von Workshops zur gerechten Digitalisierung und die Koordination des Projekts.

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