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Forschung

„FÜR DICH liebt Männer“ – Zum Emanzipationsverständnis in der DDR

16. Februar 2021 Sabrina Zachanassian

Nicht die Männer sind das Problem, sondern die Knechtung der Menschheit durch die kapitalistische Klassengesellschaft – so hörte sich die sozialistische Analyse zur Frauenunterdrückung an. In dieser Lesart wurden Frauen nicht einmal mehr erwähnt. Kann das Grundlage für Gleichstellungspolitik sein?

In der Feministischen Bibliothek MONAliesA in Leipzig lagern nahezu alle Ausgaben der DDR-Frauenzeitschriften Lernen und Handeln, Sibylle, FÜR DICH und Zaunreiterin. Ihr unterschiedliches Verhältnis zum DDR-Staat diente uns als Grundlage zur Analyse ihrer Bewertungen der DDR-Frauenpolitik. Neben folgendem Text sind weitere Essays zu den Zeitschriften auf der MonaliesA-Homepage zu finden.

Verwirklichte Gleichberechtigung?

Bereits Mitte der 1970er-Jahre wurde in der DDR die Verwirklichung der Gleichberechtigung postuliert. Ein Grund für diese – gemessen am Zeitpunkt der Staatsgründung – recht rasche Bekundung liegt wohl auch in dem gesellschaftlichen Verständnis von Gleichberechtigung begründet. Danach vollziehe sich die Emanzipation von Frauen vor allem durch deren Berufstätigkeit und „nicht der Mann [ist] Feind Nr. 1, sondern das Monopolkapital“ (Ziegert 1975, 22). Gleichberechtigung realisiere sich demnach durch die Abschaffung diskriminierender Gesetze und des Privateigentums sowie durch gesellschaftliche Partizipation (vgl. Simon 1973, 11). Diese Kriterien habe man Mitte der 1970er-Jahre, so die Staats- und Parteiführung, bereits erfüllt (vgl. Allendorf 1982, 5).

Schon die sozialistischen Vordenkerinnen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg seien davon überzeugt gewesen, dass die Frauenfrage ein Aspekt unter vielen der sozioökonomischen Bedingungen sei und dass sie sich in einer kommunistischen Gesellschaft automatisch erledigt hätte (vgl. Nave-Herz 1997, 16).

Dieser Einschätzung folgte auch der sozialistische Staat und mit ihm die Frauenzeitschrift FÜR DICH, die als repräsentativ für die offizielle DDR-Medienlandschaft gelten kann. Dem Meinungsbild der mit 930.000 wöchentlichen Exemplaren (vgl. Schwarz 1993, 196) auflagenstärksten und regimetreuen FÜR DICH kam eine gesellschaftsrelevante und meinungsprägende Bedeutung zu. Nicht zuletzt deshalb, weil sich mit ihr und der Modezeitschrift Sibylle das Angebot an Frauenzeitschriften in der DDR weitestgehend erschöpfte.

Auch die FÜR DICH war überzeugt, dass die Frauenunterdrückung nichts war, was einer gesonderten Betrachtung bedarf: „Und nicht, ob Mann oder Frau ist entscheidend für eine emanzipierte Lebensgestaltung, sondern einzig und allein die Zugehörigkeit zu der Klasse der Besitzenden und der Besitzlosen" (Ziegert 1975, 22). Mit der Abschaffung der unterdrückenden Produktionsverhältnisse hätte sich in der klassenlosen Gesellschaft die Frauenunterdrückung gleich mit erledigt.

„FÜR DICH liebt Männer“ – sozialistischer Antifeminismus

Da also nicht die Männer das Problem waren, verwehrte sich die FÜR DICH auch gegen einen vermeintlich männerhassenden Feminismus westlicher Couleur: „Es fällt FÜR DICH ja nicht ein, was gegen die Männer zu haben … FÜR DICH liebt Männer“ (Allendorf 1982, 5). Die „Hexen der Hölle“ (Ziegert 1975, 22), wie die Feministinnen aus kapitalistischen Ländern mitunter genannt wurden, verkehrten die patriarchale Unterdrückung irrtümlich zum gesellschaftlichen Hauptwiderspruch und den Mann zum Feind. In der DDR wiederum mache die Freundschaft zwischen den Geschlechtern einen Feminismus überflüssig und verhindere, dass die FÜR DICH ein „Emanzenblatt“ werde (Ziegert 1988, 15).

Im Gegensatz zu jenen ‚Emanzen‘ bekenne man sich zu einer ‚naturgegebenen‘ Weiblichkeit: „Mädchen reden, lachen, singen, gehen, tanzen, turnen, lieben anders – weiblich. Keiner will das bestreiten, keiner möchte das ändern“ (Allendorf 1979, 10).

Frausein ist auch in diesem sozialistischen Verständnis mit Schönheit assoziiert. Der Unterschied zu den kapitalistischen Gesellschaften liege jedoch in der Bewertung weiblicher Attraktivität: So habe es die DDR-Frau nicht nötig, sich wie Feministinnen im Westen zum Protest in ‚Sack und Asche‘ zu hüllen, da sie im Gegensatz zu den Frauen im Kapitalismus vom diskriminierenden Schönheitsideal und der ‚Weibchenrolle‘ verschont bliebe.

Das „Aufhübschen“ (Allendorf 1982, 5) werde so zu einem unverkrampften Bekenntnis zu einer natürlichen Weiblichkeit ohne Fesseln – dafür mit viel zwangloser Freizügigkeit am Ostseestrand. Ein solches Verhältnis zum Frausein könne es nur in einer gleichberechtigten Gesellschaft wie die der DDR geben (vgl. ebd.). Patriarchale Reste gäbe es nur noch in einigen Familienbeziehungen. Diese verweisen jedoch nicht auf patriarchale gesellschaftliche Strukturen, sondern auf individuelle Erziehungsfehler im Elternhaus (vgl. o. A. 1982, 41; vgl. dazu auch Schröter/Ullrich 2005, 80).

„Patriarchalische Gleichberechtigungspolitik“

Nach 1989, als auch in Sachen Frauenpolitik in der DDR plötzlich viel infrage stand, wurden Zweifel laut an der Gewissheit, dass sich die patriarchalen Strukturen automatisch mit der Lösung der Klassenfrage erledigt hätten (Schäfer 1990, 10). Vielmehr wurden nun in diesem Emanzipationsverständnis selbst frauendiskriminierende Elemente aufgespürt. Die Frauen wurden demnach, wie so oft in der Geschichte, gezwungen, ihre Belange wieder einmal einer größeren Sache, hier der Klassenfrage, unterzuordnen. „Emanzipation der Frau: Nebenwiderspruch hat man ihnen lange gesagt“ (Schwarzer/ Morgner 1990, 20). Jener Priorisierung ist es wohl auch geschuldet, dass der Fokus nicht auf der Neugestaltung der Zuständigkeiten im privaten Bereich lag und die Last bei voller Berufstätigkeit weiterhin nur die Frauen zu schultern hatten. Das Hausfrauendasein wiederum war in der DDR keine Option. Sogenannte ‚Kochtopffrauen‘ (o. A. 1963, 3) galten als bourgeois und standen auf der falschen Seite des Klassengegensatzes. Folglich balancierten viele Frauen zwischen Berufstätigkeit, Hausarbeit und Kindererziehung. Weder das ‚Heimchen am Herd‘ noch die ‚egoistische‘, weil kinderlose Karrierefrau entsprach dem sozialistischen Ideal (Schäfer 1990, 10). Wer von dem Leitbild abwich, musste sich zumindest einen parasitären Lebenswandel nachsagen lassen.

Aus der Gleichstellung der Probleme der ArbeiterInnen mit den Problemen der Frauen resultierte eine Gleichbehandlung von Männern und Frauen, die es verhinderte, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu beseitigen. Im Gegenteil klammert dieses Verständnis von der Befreiung der Frau existierende Männergewalt ebenso aus wie die diskriminierenden Zuständigkeiten von Frauen im Beruf und in der Familie. Das Problem war ja die Klassengesellschaft und im Fokus standen die Beförderung weiblicher Berufstätigkeit sowie die Befreiung des Proletariats aus der Knechtung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Das fehlende Verständnis von der spezifischen Qualität der Frauenunterdrückung führte zu einer Politik in der DDR, die man mit der Soziologin Hildegard Nickel als „patriarchalische Gleichberechtigungspolitik“ (Nickel 1990, 74) beschreiben kann.

Literatur

Allendorf, Marlis: „Sei brav, du bist ein Mädchen!“? Sei stolz, du bist ein Mensch! Geschichte der Mädchenerziehung, in: Für Dich, 1979, Nr. 09, S. 6‒11.

Allendorf, Marlis: Tausend Hefte für Gleichberechtigung. Wir blicken in den Spiegel, in: Für Dich, 1982, Nr. 07, S. 2‒5.

Nave-Herz, Rosemarie: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, hg. Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1997.

Nickel, Hildegard M.: Ein perfektes Drehbuch. Geschlechtertrennung durch Arbeit und Sozialisation, in: Schwarz, Gislinde Schwarz/ Zenner, Christine (Hrsg.): Wir wollen mehr als ein ‚Vaterland‘. DDR-Frauen im Aufbruch,  Hamburg 1990.

[O. A.]: Muss eine Hausfrau nur Hausfrau sein?, in: Für Dich, 1963, Nr. 23, S. 3.

[O. A]: Auch der Junge hat zwei Hände, in: Für Dich 1982, Nr. 28, S. 41.

Schäfer, Eva: Frauenfrage gelöst – Die DDR in patriarchalen Zwängen, in: Für Dich, 1990, Nr. 6, S. 8‒11, hier S. 10.

Schröter, Ursula/Ullrich, Renate: Patriarchat im Sozialismus. Nachträgliche Entdeckungen in Forschungsergebnissen aus der DDR, Berlin 2005.

Schwarz, Gislinde: Im Dienste der Frauen? Kühnheit und Anschmiegsamkeit der Frauenzeitschrift FÜR DICH, in: Spielhagen, Edith (Hrsg.): So durften wir glauben zu kämpfen… Erfahrungen mit DDR-Medien, Berlin 1993, S. 191– 200.

Schwarzer, Alice/Morgner, Irmtraud: „Jetzt oder nie! Die Frauen sind die Hälfte des Volkes!“, in: Für Dich, 1990, Nr. 13, S. 20‒23.

Simon, Heinz: Interview mit Marx, Engels und Lenin, in: Für Dich, 1973, Nr. 10, S. 10‒11.

Ziegert, Karin: Sind die Männer schuld? Männerhass – Waffe im politischen Kampf, für wen?, in: Für Dich, 1975, Nr. 35, S. 20‒23.

Ziegert, Karin: Einen Blick zurück und zwei voraus, in: Für Dich, 1988, Nr. 01, S. 14‒15.

Zitation: Sabrina Zachanassian: „FÜR DICH liebt Männer“ – Zum Emanzipationsverständnis in der DDR, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 16.02.2021, www.gender-blog.de/beitrag/frauenpolitik-ddr/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210216

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Sabrina Zachanassian

Studium der Erziehungswissenschaften und Gender Studies in Berlin; langjährige Projektmitarbeiterin in der feministischen Bibliothek MONAliesA in Leipzig; ihre Forschungsthemen umfassen u. a. die Funktionsweise des Patriarchats sowie die Entstehung von Geschlechtsidentitäten.

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Kommentare

Smettbo | 19.02.2021

Danke für den bündigen Überblick!

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