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Headergrafik: Gedenkort „Passagen“, Portbou. Foto: Beate Kortendiek

Frauenwiderstand in Europa würdigen! Zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus

05. Mai 2020 Florence Hervé

Der deutsche Frauenwiderstand gegen die Naziherrschaft soll in den nächsten Jahren in der politischen Kultur der Bundesrepublik endlich stärker Beachtung finden. Ende Juni letzten Jahres hat der Bundestag auf Antrag von SPD und CDU einen erstaunlich guten Beschluss gefasst: „den Mut und die Leistungen der Frauen im Widerstand gegen die NS-Diktatur“ anzuerkennen und zu würdigen. Der Beschluss fordert, die „Bedeutung von Frauen im Widerstand stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken“, und will dies mit Projekten, Veranstaltungen und Sonderbriefmarken unterstützen. Das Engagement ist zwar spät, aber begrüßenswert. In der Öffentlichkeit und in den Medien wurde es kaum wahrgenommen.

Allerdings steht in Deutschland eine Anerkennung des Frauenwiderstands aus anderen europäischen Ländern noch aus. Obwohl Hunderttausende Frauen u. a. in der Ex-Sowjetunion, in Polen, Griechenland, Frankreich, den Niederlanden, Italien oder Norwegen entscheidend dazu beigetragen haben, dass 1945 zum Jahr der Befreiung wurde. Dieser Widerstand, wenn man von wenigen Biografien absieht, ist hierzulande kaum bekannt.

Unterschiedliche Situationen

In den einzelnen europäischen Ländern gab es unterschiedliche Ausgangsbedingungen, unterschiedliche Motive (patriotische, religiöse, weltanschauliche, humanistische), unterschiedliche Tätigkeiten im Widerstand sowie verschiedene Zeiträume, in denen er schwerpunktmäßig geübt wurde. In besetzten Ländern ging es um die Befreiung vom äußeren Feind, in nicht besetzten Ländern um die Unterstützung u. a. von Verfolgten, in Deutschland um den Widerstand gegen den eigenen Staat – jeder Widerstand galt als Verrat. Dort begann er auch bereits 1933, während er in anderen Ländern erst Ende der 1930er-Jahre oder später einsetzte.

Frauen waren Verbindungsagentinnen, Fluchthelferinnen, Partisaninnen, Kombattantinnen (Angehörige der regulären Streitkräfte), ob in riesigen Armeen unter staatlicher Führung wie in der Sowjetunion, in revolutionären Bewegungen, in kleinen oder großen Widerstandsgruppen, in Zweckbündnissen politisch unterschiedlicher Kräfte – jedoch geeint im Ziel der Befreiung.

Zunächst waren es meist politisch organisierte Frauen aus der Arbeiter*innenbewegung, die sich gegen die Naziherrschaft- und Besetzung wehrten, insbesondere Kommunistinnen und Sozialdemokratinnen. Auch Christinnen und andere humanistisch gesinnte Menschen gehörten dazu. Mit der Ausweitung von Terror, Verfolgung und Mord, aber u. a. auch nach dem Überfall Nazideutschlands auf unzählige Länder erfasste der Widerstand weite Teile der Bevölkerung in beinahe ganz Europa.

Es waren übrigens nicht nur die bekannten und in ihren Ländern gefeierten „Heldinnen“ des Widerstands wie die Partisanin Soja Kosmodemjanskaja (Sowjetunion), die kommunistische Zahnärztin und Vorsitzende der Union junger Frauen Danielle Casanova (Frankreich) oder die christliche Studentin Sophie Scholl, sondern es waren auch „die vielen kleinen Hände der Résistance, welche die kaputten Netze heimlich wieder zusammenflickten“, wie es die Résistance-Kämpferin und Dichterin Madeleine Riffaud formulierte.

Gemeinsame Merkmale

Bei aller Unterschiedlichkeit der Situationen verband die Frauen der Wunsch nach Freiheit. Sie ließen sich nicht unterkriegen, wählten den aufrechten Gang, kämpften, trotz alledem, für Frieden und Freiheit, für Gleichheit und Menschenwürde, übten Solidarität über alle Grenzen hinweg.

Im Widerstand zu sein war für die meisten sicher kein Abenteuer; und es war für viele Aktive schon gar nicht eine schöne Zeit. „Es waren schreckliche Zeiten“, schreibt unter anderen die italienische Schriftstellerin und Feministin Rossana Rossanda. Und die griechische Kapetanissa Maria Beikou: „Der Krieg nahm uns unsere Jugend“. Doch betrachteten sie sich nicht als Opfer. In den schwierigsten und schlimmsten Situationen, so Madeleine Riffaud, „muss man sich sagen: ich bin kein Opfer! Ich bin eine Kämpferin! Das ändert alles!“ Heute ist sie noch geplagt von den Verletzungen und Traumata erlittener Folter, aber ungebrochen. So wie Anna Seghers in „Das siebte Kreuz“ schrieb: „Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.“

Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass viele Widerstandskämpferinnen die Verfolgungen und die Hölle der Konzentrationslager nicht überlebten. Es gibt inzwischen zahlreiche Autobiografien und Biografien von und über wunderbare Widerständlerinnen, es fehlen aber diejenigen, deren Leben durch das Erlittene zerstört wurde.

Einige Auswirkungen

Widerstand und Befreiung haben zwar die Situation der Frauen und die kapitalistisch-patriarchalischen Verhältnisse in vielen Ländern West- und Südeuropas nicht grundlegend verändert, sie haben sich aber als wichtige Faktoren für Emanzipation und Demokratisierung erwiesen:

So erhielten Frauen nach der Befreiung in mehreren Ländern endlich das Wahlrecht: Frankreich 1944, Ungarn, Slowenien und Bulgarien 1945, Italien und Portugal 1946, Belgien 1948. Man berief sich dabei ausdrücklich auf das bedeutende Frauenengagement im Widerstand. Außerdem war der Ausschluss von Frauen aus dem Wahlrecht für Demokratien nicht länger vertretbar.

Es gab auch eine verbale Anerkennung der Rolle und Bedeutung der Frauen im Widerstand, die sich allerdings nach der Befreiung nicht in den vergebenen Auszeichnungen widerspiegelte. In Frankreich wurden nur sechs Frauen nach 1945 zum „Ritter der Befreiung“ in Frankreich ernannt, jedoch 1.024 Männer! Und von 11.657 „Helden der Sowjetunion“ aus der Zeit des Krieges sind bisher nur 90 Frauen bekannt, die diese Auszeichnung erhalten haben. Dies lässt sich u. a. auf die nach dem Krieg gängige Definition und Bewertung des Widerstands zurückführen, die diesen meist unter dem militärisch-bewaffneten Aspekt betrachtete. Und weil Frauen meist eine spezifische Form des Widerstands leisteten, indem sie das Überleben der Familien sicherten, Verfolgten und Unterdrückten halfen.

Bemerkenswert sind länderübergreifende Frauenfreundschaften, die in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Auschwitz entstanden und oft ein Leben lang dauerten. Zum Beispiel zwischen der französischen Ärztin Adélaïde Hautvall und der niederländischen Zeichnerin und Widerstandskämpferin Aat Breur-Hibma, der französischen kommunistischen Journalistin Marie-Claude Vaillant-Couturier und der deutschen Sozialistin Irmgard Konrad, zwischen der deutschen Publizistin Margarete Buber-Neumann und der tschechoslowakischen Schriftstellerin Milena Jesenská, der polnischen Widerstandskämpferin Krystyna Wituska und der deutschen katholischen Jurastudentin Marie Terwiel. Solche Frauenfreundschaften über die Grenzen hinaus waren nicht nur überlebenswichtig im KZ, sie bildeten oft die Grundlage für widerständiges Verhalten. Und sie tun es noch heute.

In vielen Frauenbiografien zeigt sich eine Kontinuität des widerständigen Engagements. Nach der Befreiung entwickelten ehemalige Deportierte und Widerstandskämpferinnen vielfältige Aktivitäten gegen Rassismus, Kolonialismus und Krieg sowie gegen Frauendiskriminierung – auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Viele spielten in Parlamenten, im öffentlichem Leben oder in Frauenorganisationen und Bewegungen eine bedeutende Rolle: die französische Geschichtslehrerin Lucie Aubrac, die italienische feministische Gewerkschafterin und Journalistin Teresa Noce, die luxemburgische Ravensbrück-Deportierte und Generalsekretärin der Frauenunion Yvonne Useldinger, die österreichische Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die jugoslawische Partisanin und Politikerin Neda Božinović, oder die niederländische Journalistin, Ravensbrück-Deportierte und Aktivistin für Frauenrechte Stennie Pratomo-Gret. Und sie waren wichtige Zeitzeuginnen.

Getragen von Solidarität über alle Weltanschauungen hinweg

Ein neues Frauenbewusstsein lässt sich an ihren Biografien ablesen, der Widerstand erwies sich als identitätsstiftend. Dies zeigte sich ebenfalls in der Gründung der Internationalen Demokratischen Frauenorganisation IDFF in Paris Ende November, Anfang Dezember 1945 durch Antifaschistinnen aus aller Welt, unter ihnen die italienische Partisanenpädagogin Ada Gobetti, die Französinnen Eugénie Cotton (Wissenschaftlerin) und Marie-Claude Vaillant-Couturier (Zeugin bei den Nürnberger Prozessen), die Russin Nina Popova, die an der Verteidigung Moskaus beteiligt gewesen war, die spanische Pasionaria Dolores Ibárruri. Das Ziel der IDFF war klar und deutlich formuliert: die Vernichtung des Faschismus, die Sicherung von Demokratie und Frieden und einer glücklichen Zukunft für die neuen Generationen, die Verbesserung der Lage der Frauen

Auch an diese internationale Frauenorganisation auf Grundlage von Solidarität und über alle Weltanschauungen hinaus sollte erinnert werden. Wie sich der bald einsetzende Kalte Krieg auf diese Vernetzung auswirkte, ist ein anderes, noch kaum aufgearbeitetes Kapitel der Frauengeschichte.

Anmerkungen der Redaktion:
Die meisten der in diesem Beitrag erwähnten Frauen werden in dem Buch von Florence Hervé „Mit Mut und List“ porträtiert. Vgl. dazu auch den Videopodcast: https://www.youtube.com/watch?v=0F6d-6CTFlQ.

Das Titelbild zu diesem Beitrag zeigt das 1990/1994 von Dani Karavan (*1930) geschaffene Denkmal „Passagen“ im katalanischen Portbou. Bis hierher hatte die österreichische Widerstandskämpferin Lisa Fittko den vor den Nationalsozialisten flüchtenden Philosophen Walter Benjamin (1892–1940) über die Pyrenäen gebracht. Auch zu Lisa Fittko gibt es in „Mit Mut und List“ ein kenntnisreiches Porträt von Ulrike Müller (S. 185–190).

Literatur

Florence Hervé (2020), Mit Mut und List. Europäische Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Krieg. Mit 75 Frauenporträts aus mehr als 20 Ländern, Köln.

Florence Hervé (1997), Wir fühlten uns frei. Deutsche und französische Frauen im Widerstand, Essen.

Mechtild Gilzmer (2004), Widerstand und Kollaboration in Europa, Münster.

Ingrid Strobl (1989), Sag‘ nie Du gehst den letzten Weg. Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung, Frankfurt/M.

Ingrid Strobl (1998), Die Angst kam danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939–1945, Frankfurt/M.

Zitation: Florence Hervé: Frauenwiderstand in Europa würdigen! Zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 05.05.2020, www.gender-blog.de/beitrag/frauenwiderstand_in_europa/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200505

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© Headergrafik: Gedenkort „Passagen“, Portbou. Foto: Beate Kortendiek

Dr. Florence Hervé

Dr. Florence Hervé studierte Sprachen in Bonn und Heidelberg sowie Germanistik in den Universitäten Paris VIII (Vincennes) und Paris X (Nanterre). Als Journalistin, Autorin und Dozentin tätig, u.a. Herausgeberin des Kalenders wir frauen seit 1979.

Seit über 50 Jahren in der Frauenbewegung aktiv - u.a. im Arbeitskreis Emanzipation Bonn, Mitgründerin der Demokratischen Fraueninitiative und der Zeitschrift wir frauen, in der Leitung der Internationalen Demokratischen Frauenföderation bis 2004.

 

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