14. Oktober 2025 Doris Hermanns Anne Schlüter
Frauenbewegungen aus den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind noch nicht umfassend erforscht, sodass in vielerlei Hinsicht Wissenslücken bestehen. Die Funktion der Frauenbuchläden, der Frauenbibliotheken, Frauenverlage und Frauenarchive für die verschiedenen Debatten in der Frauenbewegung wird von denen, die sich für diese Einrichtungen engagiert haben, als sehr relevant eingeschätzt. Bücher sind einflussreich für die Kommunikation und Verständigung unter Frauen gewesen. Manches Buch hat erst die Augen und Ohren für die diverse Realität der Frauenwelt geöffnet. Anne Schlüter sprach mit Doris Hermanns über ihr neues Buch „Sand im patriarchalen Getriebe. Zur Geschichte der Frauen-Buch-Bewegung“.
Anne Schlüter: Wie kam es zur „Frauen-Buch-Bewegung“ und warum wurden damals überhaupt Frauenbuchläden gegründet?
Doris Hermanns: Die Frauenbuchläden sind aus der Frauenbewegung der 1970er- und 80er-Jahre heraus entstanden. Es ging um Themen, die Frauen betreffen, bis dahin in der Öffentlichkeit aber wenig bis gar nicht wahrgenommen wurden bzw. Tabuthemen waren, wie beispielsweise (sexuelle) Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Körper, Gesundheit, Abtreibung, Arbeit und Entlohnung, Lesben. Zu diesen Themen gab es kaum die Möglichkeit, in den bestehenden Verlagen etwas zu veröffentlichen, was nicht bereits in anderen Ländern Bestseller geworden war. Daher wurden die Frauen- bzw. Lesbenverlage gegründet, dort erschienen die Bücher, die aus der Frauen- bzw. Lesbenbewegung heraus entstanden, die einen anderen Blick auf die Welt boten und neue Impulse für Diskussionen geben wollten. Fast zeitgleich entstanden Frauenbuchläden, denn die Bücher sollten schließlich auch verkauft werden und in anderen Buchhandlungen lagen sie kaum aus – was bis heute mit Büchern aus unabhängigen Verlagen der Fall ist. Aber die Frauenbuchläden waren weit mehr als Buchhandlungen. Dort gab es nicht nur die Bücher der Frauenverlage sondern auch LPs, später CDs und DVDs, lokale feministische Zeitungen bis hin zu Programmen von Frauenwochen, Sommerunis und Lesbenwochen. Allgemein gesagt waren sie Informationsstellen für alles Frauenbewegte – ob lokal, überregional oder international. Und sie waren immer auch Beratungsstellen für Frauen.
Es gab ja noch kein Internet, das zur Verfügung stand. Wie konnten die Frauen sich verständigen und wie haben sie sich verständigt?
Es gab auch ein Leben vor dem Internet! Frauen sind gereist, haben persönliche Kontakte geknüpft, feministische Zeitungen gelesen, sind auf (internationale) Frauencamps und Treffen gefahren, über die Internationalen Feministischen Buchmessen habe ich ausführlich geschrieben. Es lief sehr viel mehr über persönliche Kontakte, über persönlichen Austausch, über intensive Diskussionen vor Ort.
Es gab immer Listen von Frauenbuchläden in den Frauenkalendern sowie auch beispielsweise in der feministischen Zeitung Courage. Die Adressen waren also durchaus bekannt und sie waren immer auch Anlaufstellen, wenn Frauen in eine andere Stadt fuhren. Und Frauenbuchläden und Frauenverlage gibt es bis heute. Es kommt auch immer wieder zu Neugründungen.
Ich habe über die lange Liste der Frauenbuchläden und Frauenverlage gestaunt, die es über viele Jahrzehnte gab. Allein dieses Phänomen ist beachtlich. Gab es so etwas wie ein ansteckendes Virus?
Es gab eine Aufbruchstimmung, Frauen kamen endlich aus ihrer damals üblichen Vereinzelung heraus, tauschten sich über ihre Erfahrungen aus, sahen, dass das, was sie bis dahin als etwas Persönliches gesehen hatten, gesellschaftliche Ursachen hatte und sie haben unzählige Projekte gegründet, um Veränderungen zu bewirken. Nicht nur Frauenbuchläden und Frauen- bzw. Lesbenverlage, sondern auch zahlreiche andere Projekte wie Frauenhäuser, Frauennotrufe für vergewaltigte Frauen, Frauenmitfahrzentralen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Natürlich war das ansteckend, denn Frauen konnten sehen, dass ihr Tun etwas bewirkt. Es ging um ein Miteinander.
Welche Bücher waren ansteckend?
Ganz wichtige Bücher der Anfangszeit waren zum Beispiel das Buch von Verena Stefan „Häutungen“ sowie „Die Scham ist vorbei“ von Anja Meulenbelt, beides persönliche Lebensgeschichten, die im Verlag Frauenoffensive erschienen, in denen sich zahlreiche Frauen wiedererkennen konnten und die aufzeigten, dass Veränderungen möglich sind, dass Frauen nicht in den damals üblichen Rollen steckenbleiben brauchten. Wichtig war natürlich auch das Buch von Alice Schwarzer „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“. Aber auch Bücher wie „Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft“ von Susan Brownmiller, bis heute ein wichtiges Standardwerk. Wichtig für mich – und viele andere auch – war und ist „Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte von Adrienne Rich und Audre Lorde“, das sich mit jüdischen und Schwarzen Perspektiven innerhalb der Frauen- und Lesbenbewegung auseinandersetzt und bis heute nicht an Aktualität verloren hat. Die Frauen-Buch-Bewegung war immer schon international; es war mir in dem Buch sehr wichtig, das herauszuarbeiten, unter anderem ist das Wissen, das vor allem Jüngeren fehlt, wie ich immer wieder bei Veranstaltungen höre.
Heute existieren kaum noch Frauenbuchläden. Warum nicht, gibt es dafür eine Erklärung?
Zum einen hat es etwas damit zu tun, wie sich die Buchhandelslandschaft verändert hat: Es gibt heutzutage weniger unabhängige Buchhandlungen, stattdessen mehr Ketten, die den Einkauf zentral regeln und die eher an Bestsellern interessiert sind als an Büchern aus unabhängigen Verlagen. Zum anderen war es aber auch nicht der Berufswunsch aller Frauen, Buchhändlerin zu werden. Anfangs haben viele Frauen in Frauenbuchläden gearbeitet, die die Begeisterung über all das neu entdeckte Wissen teilen wollten, die aber beispielsweise noch studierten und auf Dauer in einem anderen Beruf arbeiten wollten. Außerdem hat eine Professionalisierung stattgefunden: Beratungsstellen für Frauen und Mädchen in Gewaltsituationen sind heute einfacher zu finden, Informationen werden eher über das Internet ausgetauscht.
Zudem hat sich seit den 1990er-Jahren eine Individualisierung breitgemacht, die auch die Frauenbewegung betroffen hat. Erlebtes wurde wieder mehr als Einzelschicksal oder -problem gesehen, der gesellschaftliche Bezug, der Austausch darüber fiel mehr und mehr weg. Es wurde so getan, als ob „alles“ erreicht wäre. Wenn ich mir jedoch die Themen der Anfangszeit angucke, so sind dies noch immer die gleichen: Wir sprechen immer noch über massive Gewalt gegen Frauen, der Paragraf 218 steht immer noch im Strafgesetzbuch, die medizinische Forschung u .v. a. bezieht sich noch immer hauptsächlich auf Männer. Das wissen wir inzwischen, aber es regt sich kaum noch Widerstand dagegen.
Lässt sich über die Dokumentation der Entwicklung der Frauenbuchläden eine Aussage machen über die Rolle der Frauenbuchläden für die Verständigung über gemeinsame gesellschaftliche Ziele von Frauen?
Eine breite Verständigung über gemeinsame gesellschaftliche Ziele von Frauen, wie es sie in den 1970er- und 1980er-Jahren gegeben hat, findet so nicht mehr statt. Diskussionen haben sich heute eher in kleinere oder beispielsweise berufsorientierte Gruppen verlagert. Es werden eher Einzelthemen behandelt, nicht mal unbedingt mehr aus Frauensicht, die in keinen Zusammenhang mehr gestellt werden. Zudem reicht es natürlich nicht, nur Bücher zu lesen, es geht darum, das Gelesene zu besprechen, sich mit anderen Frauen darüber auszutauschen, Ideen weiterzuentwickeln, Projekte oder Aktionen zu planen. Das braucht Treffen von Frauen vor Ort in Frauenräumen.
Was wollten Frauen damals verändern?
Die Gesellschaft! Wie ich im Buch geschrieben habe, wollen Frauen nicht ein Stück des Kuchens sondern einen anderen Kuchen. Das heißt: eine andere Gesellschaftsordnung. Wir leben noch immer im Patriarchat, daran ändern auch einzelne Frauen in der Regierung nichts Grundlegendes, wie sich derzeit deutlich im Umgang mit Frauen in der Politik zeigt. Die Machtpositionen sind weitgehend mit Männern besetzt und mit der angestrebten Kriegstauglichkeit wird auch wieder eine Verbindung von Männlichkeit und Gewalt verstärkt. Die Kluft zwischen Frauen und Männern geht weiter auseinander, wie sich bei den Wahlen gezeigt hat: Frauen wollen eher Veränderung, Männer lieber den Status Quo.
Welche Bücher sind gegenwärtig für weitere Debatten unter Frauen wichtig?
Ich höre inzwischen wieder häufiger von jüngeren Frauen, dass sie die Klassikerinnen der 1970er- und 1980er-Jahre lesen, von Susan Brownmilller über Andrea Dworkin bis zu Audre Lorde. Wenig erstaunlich, denn grundlegend verändert hat sich unsere Gesellschaft nicht. Aber es gibt auch spannende neue Bücher, die aufzeigen, wie weit das biologische Geschlecht das Leben von Frauen bestimmt, selbst in Bereichen, an die wir früher noch nicht gedacht haben. Beispielsweise „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez, das zahlreiche solcher Beispiele aufzeigt. Nicht zu vergessen auch die Bücher über die Geschichte von Frauen, die immer noch in Schulbüchern und an Universitäten vernachlässigt bzw. ignoriert wird. Seit Jahren zeigt sich, wie viele Annahmen von männlichen Forschern schlichtweg falsch waren und keine Tatsachen, wie uns vorgegaukelt wurde.
Es gibt so vieles, das inzwischen von Frauen über Frauen erforscht wurde, das in Archiven und Bibliotheken gesammelt und aufbewahrt wird, was aber leider noch lange nicht zum Allgemeinwissen gehört und noch nicht zu entsprechenden grundlegenden gesellschaftlichen Änderungen geführt hat.

Das Buch Sand im patriarchalen Getriebe. Zur Geschichte der Frauen-Buch-Bewegung von Doris Hermanns ist im März 2025 im Aviva-Verlag erschienen.
Literatur
Brownmiller, Susan (1975). Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft. Übersetzt von Ivonne Carroux. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch.
Criado-Perez, Caroline (2020): Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. Übersetzt von Stephanie Singh. München: btb.
Hermanns, Doris (2025). Sand im patriarchalen Getriebe. Zur Geschichte der Frauen-Buch-Bewegung. Berlin: AvivA.
Meulenbelt, Anja (1978). Die Scham ist vorbei. Eine persönliche Erzählung. Übersetzt von Birgit Knorr. München: Verlag Frauenoffensive.
Schlüter, Anne (2021). Big Data und das Wissen über Frauenwirklichkeiten, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, www.gender-blog.de/beitrag/big-data-wissen-frauenwirklichkeiten/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210309
Schultz, Dagmar (Hg.): Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte von Adrienne Rich und Audre Lorde. Übersetzung: Renate Stendhal. Erstausgabe: 1983, Berlin, sub rosa Frauenverlag. Erweiterte Neuausgabe: 1993, Berlin, Orlanda Frauenverlag.
Schwarzer, Alice (1975). Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frankfurt am Main: S. Fischer.
Stefan, Verena (1975). Häutungen. Biografische Aufzeichnungen. Gedichte. Träume. Analysen. München: Verlag Frauenoffensive.
Zitation: Doris Hermanns im Interview mit Anne Schlüter: Frühe(re) Frauenräume: Doris Hermanns über ihr Buch „Sand im patriarchalen Getriebe“ , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 14.10.2025 , www.gender-blog.de/beitrag/fruehere-frauenraeume/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251014
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Kommentare
Petra Nabinger | 14.10.2025
Danke für diesen Buch-Tipp und die Einordnung in den historischen Kontext von Frauenbewegung und Frauenbuchhandlungen sowie Verlagen, die sich auf Frauenliteratur spezialisiert haben.
Gerade in Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, in denen die bisherigen Errungenschaften der Frauen von Rückschlägen geprägt werden, ist es umso wichtiger, im historischen Rückblick anzuerkennen, welche Erfolge bereits erzielt wurden.
Sehr interessant finde ich auch, dass mit dem Trend hin zur Individualisierung die Frauenbewegung insgesamt an Kampfkraft verloren hat. Daher erachte ich es für wichtig, sich größeren Verbänden, wie z.B. dem Deutschen Akademikerinnenbund oder FidAR anzuschließen, um deren Wirksamkeit zu stärken.
Danke für diesen wertvollen Beitrag!
Hartmut Hering | 05.11.2025
Vielen Dank für diesen Kurzüberblick über ein wichtiges Kapitel der neuesten deutschen Geschichte, das vielen Jüngeren nicht mehr bekannt sein dürfte. Es scheint mir wichtig darauf hinzuweisen, dass die geschilderten Bewegungen natürlich Teil einer gesamtgesellschaftlichen politisierten Aufbruchstimmung waren und mit deren Abflachung bzw. Unterdrückung im Rahmen der allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung (schrittweise politische Restauration, allgemeine Entpolitisierung, Privatisierungstendenzen usw.) ebenfalls schwächer wurden. Dies ist häufig der Fall, wenn eine Bewegung von einer „Trägergeneration“ geprägt wird, insofern ist die Frauenbewegung kein Einzelfall. Umso wichtiger wäre es, wenn sich die Frauenbewegung ebenso wie andere wichtige gesellschaftliche Bewegungen unter neuen Bedingungen immer wieder neu formiert und aktiviert.
Natürlich sind für die Frauenbewegung die reinen Frauenräume zentral und konstitutiv, ich möchte allerdings noch ergänzen, dass Fraueninitiativen insbesondere in der Provinz und abseits der großstädtischen Milieus auch Unterstützung in anderen fortschrittlichen und linken Projekten fanden, beispielsweise durch Frauenabteilungen und entsprechende thematische Lesungen und Veranstaltungen in fortschrittlichen Buchhandlungen. Hier spielten nicht selten fortschrittlich eingestellte Männer eine unterstützende Rolle. Niemand der selbst dabei war wird bestreiten, dass von den damaligen durch die Frauen angestoßenen, nicht immer einfachen Debatten beide Geschlechter in ihrer politischen Einschätzung profitiert haben. Entsprechendes wäre auch für die Gegenwart und Zukunft zu wünschen.