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Fußball-WM der Männer: Geschlechtlichkeit im nationalen Gewand

10. Juli 2018 Judith von der Heyde

Alle gucken Fußball, wenn WM ist – das scheint zunächst geschlechtsunabhängig zu sein. Beim Blick auf die Inszenierung des Events „Fußballweltmeisterschaft der Männer“ wird jedoch schnell deutlich, dass Zweigeschlechtlichkeit hierbei eine sehr wichtige Rolle spielt.
Das Fußballevent als Ort geschlechtlicher Bedeutung lässt sich bereits in seiner medialen Inszenierung ausmachen, wenn wir uns neben den klassischen Darstellungen von Fußball als kämpferischem, maskulinem Sport auch die Bilder anschauen, die das Fernsehen den Zuschauer*innen zu Hause übermittelt. Für die Menschen vor den Fernsehern werden auch die Akteur*innen auf den Stadionrängen als Anzeige für besonders spannende, spaßige, tolle oder auch erschreckende oder traurige Momente ins Bild gerückt. Ein Kameraschwenk vom Spielfeld zum Publikum transportiert die Emotionen des Spektakels direkt nach Hause.
Die WM der Männer hat eine große Reichweite und vermittelt ganz spezifische Zugehörigkeitsverpflichtungen und -gefühle. Es werden Zugehörigkeitsgefühle und Gruppenhomogenitäten konstruiert, die auf Ländergrenzen beruhen. Zugehörigkeiten zu Nationen, also Nationalitäten, werden über Körper sichtbar gemacht. Dabei ist die Darstellung nationaler Zugehörigkeiten ohne die Darstellung von Geschlechtszugehörigkeit nicht zu denken, so die These dieses Beitrags.

Frauen als Zuschauerinnen in einer „Arena der Männlichkeit“

Obwohl Frauen als Fußballspielende und -schauende keine Ausnahmeerscheinung (mehr) sind (vgl. Selmer 2004), hält sich doch nach wie vor hartnäckig die Ansicht, Fußball sei eigentlich ein Männersport und könne als eine „Arena der Männlichkeiten“ gelten (Kreisky & Spitaler 2006). Kreisky (2009) spricht überdies von einem Androzentrismus der Fußballforschung, ich würde eher von einem generischen Maskulinum des Fußballs sprechen, welches für Frauen besondere Hürden aber auch besondere Möglichkeiten bietet, weil Gender kontextabhängig hergestellt wird. In Anlehnung an West und Zimmerman (1987), die von einem doing gender while doing work sprechen, habe ich in meinem Buch zu weiblichem Fußballfantum das doing female ultra (von der Heyde 2018) herausgearbeitet. Frauen in der Männerdomäne Fußball, so konnte ich am Beispiel der Ultraszene zeigen, gelingt es, mithilfe von Praxisarrangements sowohl Ultrapraxis als auch Weiblichkeit zu verkörpern. Sie sind nicht Frauen und Ultras, sie sind weibliche Ultras. Die Männerdomäne eröffnet ihnen aufgrund ihrer Beschaffenheit als postmoderne, juvenile und heteronormative Vergemeinschaftungsform die Möglichkeit, sich im zweigeschlechtlichen Gefüge zu verkörpern und gleichzeitig Ultra zu sein. Das doing female ultra beschreibt, wie die jungen Frauen sich heteronormativ weiblich verkörpern und damit die Männerdomäne als solche stützen. Sie bekommen Anerkennung für ihr Ultra-Sein und ihr Frau-Sein in der Männerdomäne, sie werden dadurch gleichzeitig Botschafter*innen für die postmoderne Ultraszene, denn Frauen zulassen ist modern, homosoziale Männerräume gelten dagegen eher als altmodisch und verstaubt.

Der Körper des Publikums

Auch die Körper der Zuschauenden im WM-Stadion werden Botschafterinnen für den Fußball, der gezeigt wird. Hier müssen die Zuschauenden selbstverständlich wissen, was das Doing Nationalmannschaftsfan für ihre Darstellung bedeutet. Ihre Körper stellen das dar, was der Fußball im Stadion ist. ‚Der Zuschauer, der sich die Haare rauft‘ und ‚die Zuschauerin, die tanzt und mit anderen fröhlich in die Kamera winkt‘ fungieren als besonders geeignete Beispiele für die Präsentation des Stadionpublikums. Die Geschlechtszugehörigkeit der Darstellenden, also das Doing Gender der Akteur*innen und ihrer Körper, spielen bei der Fußballinszenierung eine wichtige Rolle. Diese Rolle spielen sie nicht nur für den Fußball, der sein Image (als Arena der Männlichkeiten) pflegen möchte, sondern auch für die gesellschaftliche, soziale Wirklichkeit. Dadurch werden die Körperinszenierungen zu sozialen Inszenierungen, die verschiedene gesellschaftliche Ordnungen und somit Wissensbereiche darstellen. Das Publikum im Stadion ist damit beides: Darsteller*in und Rezipient*in, die Fernsehzuschauenden bekommen nur diese Ausschnitte zu sehen, die Inszenierung der Inszenierung. Diese Reinszenierungen erfüllen einen gesellschaftlichen Zweck, sie sind ein Teil, ein Partikel einer postmodernen gesellschaftlichen Ordnung.

On-Off-Patriotismus

Um sich als zuschauend im Stadion und als Fan der Fußballnationalmannschaft zu inszenieren, braucht der Körper für diese Performanz vor allem ein Wissen über die Praktik des On-Off Patriotismus. Dafür ist besonders wichtig, dass es sich dabei um eine lustige, nicht böse Form des Patriotismus handelt. ‚Partypatriotismus‘ als nationales Gefühl, das an- und abgeschaltet werden kann, ist deshalb gesellschaftlich akzeptiert, weil er sich auf den Fußball bezieht. Die Deutschlandfahnen und T-Shirts werden nach dem Großereignis ja wieder verstaut – bis zum nächsten Mal. Man wird nach außen sichtbar als zu einem Land zugehörig, nicht eigentlich als Fan von einem Fußballverein, die Nationalmannschaft wird dabei zum nationalen Platzhalter. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe qua Nationalität scheint einfach und auch in den Praktiken simpel. Das zeigt sich ebenfalls im Stadion: Die Zuschauenden im Stadion müssen als zu einer Mannschaft dazugehörig erkennbar sein. Bei internationalen Turnieren der Nationalmannschaften ist die Aufteilung der Fans nicht räumlich gegeben, stattdessen sorgen die Zuschauenden dafür, dass ihnen angesehen werden kann, zu welcher Mannschaft sie halten. Bemalte Gesichter, Trikots und erkennbare (manchmal lustige) Kopfbedeckungen sind Teile des Repertoires. Das macht es für die Zuschauenden simpel: eine Fahne ins Gesicht gemalt, eine Alohakette in schwarzrotgold umgelegt oder auf den Kopf gesetzt, schon ist klar, was der Körper darstellen will: Deutsch und Fußballfan.

Normalisierung von inszeniertem Fan-Patriotismus

Das ist in Bezug auf Geschlechterverhältnisse und Genderperformanzen in diversen Hinsichten interessant. Um den On-Off-Patriotismus, der zur Schau getragen wird, als ungefährlich, sauber und zielgerichtet darzustellen, ist es bedeutsam, auch die passenden Körper für diese Performanz ins rechte Licht zu rücken. Auf das Geschlecht bezogen bedeutet es eine Performanz zweier relationaler Geschlechter. Denn dieser Patriotismus ist für alle da. Jede*r darf teilhaben am gemeinsamen nationalen Spaß. Frauen werden dadurch zum normalen Bild im Stadion, gleichzeitig normalisieren sie das nationale Bild. Wichtig ist und bleibt bei der nationalen Performanz das System der Zweigeschlechtlichkeit und ihre angemessene Körperpraxis. Wenn der Fußball nun eigentlich Männern resp. Männlichkeit vorbehalten ist, müssen Frauen in diesem System richtig agieren. Sie stören das Bild des richtigen Fans mit Fußballkompetenz, stören den Mann bei seiner Performanz nicht. Im Gegenteil, sie bilden mit ihrem schönen Körper im zweigeschlechtlichen System den Gegenpart. Fußball bleibt ein harter Männersport. Die Männer – sowohl die Fußballspielenden als auch die Zuschauenden – sind es, die von den Frauen bewundert werden, aufgrund ihres praktischen Körpers. Demnach haben zwei geschlechtliche Körperpraxen ihre Aufgabe in der Darstellung eines nationalen und weiterhin männlichkeitszentrierten Fußballfestes. Frauen bleiben als Subjekte unsichtbar, denn sie existieren nur in der Beziehung respektive in ihrer Abgrenzung zum Mann und somit zur Normalität der Männlichkeit. Sie sind ein für die Inszenierung nützliches Objekt.

Alle im Auftrag für das Land

Fußball bleibt dadurch eine Arena der Männlichkeit und der Heteronormativität. Frauen sind zwar da und werden als Zuschauende inszeniert, ihnen verbleibt aber die Rolle der schönen, schmückenden und harmlosen Anwesenden (vgl. McRobbie 2010: 93). Patriotismus (Nationalismus) und heteronormatives Genderregime gehen in der Arena Hand in Hand, weil sich beide gegenseitig legitimieren: Der Fußball als heteronormativer, männlichkeitszentrierter Raum ist für alle da, zumindest für alle Performanzen von Körpern, die ins heteronormative, zweigeschlechtliche System passen. Die Körper stellen Patriotismus dar und nutzen den Fußball und das Event als Bühne der Darstellung von Gemeinschaft und Geschlossenheit. Alle im Auftrag für das Land. On-Off-Patriotismus ist zudem postmoderner Patriotismus: jung, hip, modern, themengebunden: man findet nicht einfach nur das Land super, es ist toll, wenn alle zusammen für eine Sache sind und gemeinsam feiern. Gleichermaßen funktionieren neoliberale Geschlechterregime auch nur, weil die Geschlechterrollen modern, frisch, unabhängig, aber auch sexy sind (vgl. McRobbie 2010). Dabei werden Heteronormativitäten und Hierarchien reproduziert. Es findet keine Aufwertung der Frau statt, sondern eine Aufwertung der Sexualität der Frau. Weibliche Körper werden demnach dazu genutzt beides korrekt zu inszenieren: den On-Off-Patriotismus und die Geschlechterrelation. Sie sind der Schmuck der neoliberalen und postmodern-patriotischen Inszenierung männlicher Körper, die Sport treiben.

 

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Dr. Judith von der Heyde

ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück (Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind erziehungswissenschaftliche Geschlechterstudien (insbesondere Frauen in Männerdomänen), Jugendforschung, sexuelle Bildung, Praxistheorien, Qualitative Forschungsmethoden (insbesondere Praxeographie).

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