18. Dezember 2025 Julia Bee Jennifer Eickelmann Sandra Beaufaÿs
Gender Studies gibt es auch zum Hören – zum Beispiel in dem Podcast Gender, Gossip und Gehirn. Themen wie Queer Cinema, Neurodiversität(en) und politische Träume werden hier mit Forschenden vor allem aus dem Feld der Gender Media Studies diskutiert. Mit den Hosts Julia Bee und Jennifer Eickelmann sprach Sandra Beaufaÿs über Humor, Widerstand und Popkultur in Academia.
„Gender, Gossip und Gehirn“ – wie seid ihr auf diesen lustigen Namen gekommen und wofür steht er?
J. B.: „Gossip“, das ist das Konzept der Abwertung des Sprechens von FLINTA untereinander. Es gibt ja so eine Geschichte von Gossip, die sehr diffamierend ist – und wir wollten das aufwerten und diesen informellen Charakter unterstreichen. „Gehirn“, weil es natürlich auch um das Denken geht. Aber das unterstreicht nochmal, dass das was mit Körpern zu tun hat, die denken. Wir sind in den Gender Media Studies eine Community, die viel über Popkultur spricht und forscht. Unser Vorbild war Material Girls, das ist ein Podcast, der sich aus einer marxistisch-materialistischen und Gender-Studies-Sicht über Popkultur unterhält, das fanden wir toll und war eine große Inspiration.
J. E.: Ich glaube, was am Anfang für uns wichtig war, auch bei der Titelsuche, das auch ein bisschen mit Humor zu nehmen, ne? Lachen als feministische Strategie angesichts der Machtstrukturen in Academia, denen wir je nach Position und je nachdem, mit wem wir sprechen, auch ganz unterschiedlich ausgesetzt sind. Das ist uns schon ein Anliegen, uns den Betrieb zum Gegenstand zu machen, um gewisse Absurditäten, die in diesen Macht- und Gewaltstrukturen durchaus enthalten sind, nicht ganz so ernst zu nehmen. In dieser Paradoxie miteinander eine gute Zeit zu haben, einfach auch mal anders sprechen zu können. Bei aller Ernsthaftigkeit – die absolut notwendig ist – uns auch ein bisschen zuzuzwinkern, kann im Sprechen auch eine Überlebensstrategie sein.
In den Shownotes schreibt ihr auch „humorvolle und spannende Geschichten aus dem akademischen Kontext“. Das ist ja recht inklusiv formuliert. Wen wollt ihr ansprechen?
J. E.: Die Frage haben wir uns natürlich auch gestellt und die Arbeitsantwort lautete: Wir wollen ein akademisch interessiertes, durchaus ein studierendes oder auch ein kollegiales Umfeld ansprechen, aber auch eine breitere Öffentlichkeit, so wie es eben gelingen kann. Wir haben ja immer die Aufgabe, uns auch öffentlich auf eine bestimmte Art und Weise zu inszenieren. Und es ist gerade im Feld der Gender Studies, Gender Media Studies, feministische Theorie und Co. nicht so einfach, immer wieder klarzumachen, dass das seriöse Wissenschaft ist. Das ist ein Spannungsfeld, das nicht so leicht zu lösen ist: eine theoretisch fundierte Analyse bestimmter Sachverhalte zu leisten und gleichzeitig auch interessant darüber hinaus zu sein. Jede Folge ist da auch ein bisschen anders, da geht‘s manchmal ernsthafter zu, manchmal lachen wir mehr.
Der Anspruch lässt sich ja vielleicht auch gerade in einem Podcast gut ausbalancieren und kann auch der Grund sein, dieses Format zu wählen.
J. B.: Genau, ein Grund war, zu zeigen, was für eine echt tolle Community wir haben, dass das einfach ein total interessantes Feld ist mit wirklich sehr netten, sympathischen Personen, die diese Zumutung des Anti-Genderismus und Anti-Feminismus auf die eine oder andere Weise navigieren. Zu zeigen, was sie Tolles machen, wie sie darüber reden und was für Persönlichkeiten das sind, eben Menschen, die angegriffen werden, nicht nur irgendwie ein Feld. Und ein weiterer Punkt war auch, dass Podcast als Medienformat sehr stark von der Manosphere vereinnahmt worden ist. Wenn man sich so die zehn US-amerikanischen erfolgreichsten Podcasts anguckt, dann sind da fast überwiegend Männer und davon auch ein nicht geringer Teil eben Leute, die eine Pipeline in die Manosphere bilden oder selber Protagonisten sind. Und dieses Reden unter Frauen oder FLINTA ist einfach krasserweise schon ein politischer Akt. Sich dieses Medium auch ein bisschen zurückzuholen, das fanden wir wichtig.
Ihr seid allerdings nur auf Soundcloud zu finden, habt ihr die Erreichbarkeit bewusst etwas eingeschränkt?
J. E.: Wir haben von Anfang an darüber nachgedacht: Wir laden da Menschen ein und davon sind auch nicht wenige unter Druck aus den schon angeklungenen Gründen und dann werden die so der Öffentlichkeit ausgesetzt. Und dieses Ausgesetzt-Sein heißt eben auch, eine Verletzbarkeit zu evozieren. Das ist ein Dilemma. Und deswegen haben wir uns entschieden, ja, das ist öffentlich zugänglich. Es gibt verschiedene Wege, uns zu finden. Wir wissen aber schon, dass wir nicht leicht zu finden sind. Irgendeinen Berührungspunkt braucht man wahrscheinlich schon.
Welches Feedback bekommt ihr denn konkret?
J. B.: Negatives Feedback haben wir bisher noch nicht bekommen. Vielleicht findet das eher hinter verschlossenen Türen statt. Es gab schon Kolleg*innen, die den Podcast nicht hosten wollten, ne? Also, weil es ihnen zu einseitig war in eine bestimmte Gender-Richtung. Aber es gab auch sehr viel positives Feedback. Manchmal, wenn wir Leute einladen, dann sagen die: „Ich höre euren Podcast und finde den toll!“ Und eine Kollegin hat uns sogar geadelt mit, was hat sie gesagt, Jenny? Wir haben den gewissen Pop-Faktor oder so.
J. E.: Ja, der Podcast mit Pop-Faktor, genau.
J. B.: Und da haben wir gedacht: Okay, das ist natürlich super – aber Wissenschaftskommunikation ist komplex. Die Gender-Studies müssen anscheinend immer noch mal mehr tun als alle anderen, um sich zu vermitteln. Sie kriegen aber immer auch noch mehr Hass ab als alle anderen, politischen Hass und politische Gewalt.
Das ist dann bei dem Konzept sicher auch eine Gratwanderung – es soll humorvoll sein, aber auch ernstgenommen werden und gleichzeitig geschützt stattfinden.
J. E.: Das stimmt. Das ist wirklich so ein Ausprobieren. Ich fände es schon schön, wenn wir auch künftig diese Augenzwinker-Momente beibehalten könnten, dass wir wirklich ein bisschen ins Plaudern kommen mit den Leuten, wo man auch einfach offen über manche Peinlichkeiten des Betriebs spricht. Wie sich das aber zum Problem der Öffentlichkeit verhält, weiß ich jetzt auch noch nicht so genau. Ich erinnere mich an die ersten Folge, die wir aufgenommen haben, ja, da wacht man um vier Uhr nachts auf und denkt sich so: „Oh mein Gott, hab ich das gesagt und was ist, wenn andere Menschen das hören?“ Ich hab mich da jetzt dran gewöhnt. Hast du noch schlaflose Nächte? Hattest du die je?
J. B.: Manchmal merke ich, das ist ein bisschen krass oder dass ich etwas doof ausgedrückt habe, aber dann denke ich: Ja, okay, dann muss das jetzt so stehen bleiben. Dieser Perfektionismus, den wir oft in der Vorlesung haben, sollte an der Stelle mal durchbrochen werden. Es geht ja auch darum, der nächsten Generation zu signalisieren, dass Ausschluss- und Exklusionsmechanismen durch eine bestimmte Form von Sprechen abgebaut werden. Wir sind alle so hochgetrimmte Perfektionistinnen und müssen das dann mal aushalten, dass wir spontan Sachen nicht so toll erklären oder zu viel kichern. Und das ist, glaube ich, das Wichtige trotz allem: Humor als viel in den sozialen Medien ausprobiertes Werkzeug. Am Ende lassen wir uns nicht unterkriegen und sind ein wirklich sehr buntes und lustiges Feld. Diese Widerstandskomponente spielt eine wichtige Rolle. Und das habe ich in den eineinhalb Jahren, die ich jetzt auf dieser Professur Gender Media Studies bin, wirklich mitgenommen. Anders kann man das überhaupt nicht überstehen und überleben!
Wie bringt ihr den Podast in eurem Professorinnenalltag überhaupt unter?
J. E.: Klar, es ist irgendwie Arbeit, aber wir verbringen ja viel Zeit auch mit anderen Arbeitspaketen. Also ich bin danach immer total happy und schwinge nochmal ganz anders als in so manch anderen Verpflichtungen, die man vielleicht so hat, insofern gibt einem das ja auch was, ne? Das ist auch ein kollegialer, ein fachlicher Austausch, hat auch eine Community bildende Funktion und da zehren wir natürlich auch von.
J. B.: Und Kollegin Xenia Waporidis hilft uns ganz viel, sie macht die ganze Postproduktion. Ohne Xenia würde das gar nicht gehen!
Wen möchtet ihr besonders einladen, mal reinzuhören?
J. E.: Alle, die Teil der Gender Studies, Queer-, FLINTA-, Trans-Community sind, alle, die die Community unterstützen wollen. Studierende, die einfach ein bisschen an dieser, wie ich finde, sehr warmen und sehr lustigen Community teilhaben wollen. Und nicht zuletzt auch alle Leute, die Bock haben auf Popkultur.
Der Podcast mit den Hosts Julia Bee, Jennifer Eickelmann, Elisa Linseisen und Leonie Zilch ist hier kostenlos zugänglich:
soundcloud
Zitation: Julia Bee, Jennifer Eickelmann im Interview mit Sandra Beaufaÿs: „Gender, Gossip und Gehirn“ – Podcasts aus der Fachcommunity 3, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 18.12.2025, www.gender-blog.de/beitrag/gender-gossip-gehirn-podcasts/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251218
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