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Interview , Themenwochen , Demokratie

Gender Voting Gap oder: Das Wahlverhalten der Geschlechter

24. November 2025 Ansgar Hudde Sandra Beaufaÿs

Seit ca. 100 Jahren gehen Frauen in Deutschland an die Wahlurnen. Aber was wählen sie dort eigentlich? Unterscheiden sich politische Präferenzen nach Geschlecht? Ansgar Hudde hat sich mit Wahlverhalten und politischen Einstellungen der Geschlechter befasst. Dabei zeigen sich aktuell divergierende Muster, die darauf hindeuten, dass sich vor allem junge Frauen und junge Männer immer weiter auseinanderbewegen. Sandra Beaufaÿs sprach mit dem Soziologen über historische und aktuelle Tendenzen.

Frauen haben 1919 das Wahlrecht erkämpft. Wie würden Sie im historischen Rückblick das Wahlverhalten von Frauen in der Weimarer Republik beschreiben?

Aus heutiger Sicht ist vielleicht überraschend, dass Frauen lange konservativer gewählt haben als Männer. Man hätte ja erwarten können, Frauen wählen die Parteien, die sich auch dafür eingesetzt haben, dass sie wählen können, aber das war eher nicht der Fall. Die Zentrumspartei erhielt mehr Stimmen von Frauen, auch andere Parteien, die im rechten, konservativen, aber nicht rechtsradikalen Spektrum waren, wurden mehr von Frauen gewählt. Bei der SPD und KPD waren dagegen weniger Frauen. Die NSDAP hat sich später aktiv um Frauenstimmen bemüht, indem sie die Angriffe gegen Religion rhetorisch zurückgenommen hat, weil das bei Frauen wohl nicht so gut angekommen ist.

War Religion also ein Faktor, der das damals eher konservative Wahlverhalten von Frauen erklärt?

Das wurde zumindest zu der Zeit so interpretiert. Weitere Einflussfaktoren für Wahlverhalten sind Arbeitsmarkt und Gewerkschaften, die für Frauen aufgrund einer deutlich geringeren Erwerbstätigkeit insgesamt weniger ausschlaggebend waren. Am Anfang wurde auch angenommen, dass Frauen generell vor radikalen Parteien zurückschrecken. Aber dieses Muster „Frauen wählen konservativer“ hat sich ziemlich lange gehalten, eigentlich bis in die 70er-Jahre. Danach gab es erstmal eine ganze Zeit lang wenig Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Das hat sich dann wieder geändert?

Ab den Nullerjahren lassen sich zunächst unsystematische Unterschiede feststellen – also nicht systematisch nach der Links-Rechts-Achse. Die Union war nach wie vor eine häufig von Frauen gewählte Partei, die FDP das Gegenteil, die Grünen erhielten immer mehr Zuspruch von Frauen, während Die Linke noch lange eher eine Männerpartei blieb. Mit den letzten Wahlen, am deutlichsten 2025, sehen wir dann die Ausrichtung nach der Links-Rechts-Achse: Alle Parteien links der Mitte werden eher von Frauen gewählt, rechts der Mitte mehr von Männern. Mit relevanten Unterschieden nach Alter – je jünger, desto größer der Gender Voting Gap, vor allem die Wähler:innen unter 25 stechen deutlich raus.

Bei den Jüngeren gibt es aktuell also ein besonders nach Geschlecht divergierendes Wahlverhalten nach der Links-Rechts-Achse?

Ja. Schon auf der Basis der Zahlen von 2021 sehen wir den größten Gender Voting Gap in dieser Altersgruppe, den wir in der BRD je hatten. Und 2025 hat sich diese Ausprägung deutlich verschärft. Was vorher ein Grüne-versus-FDP-Gap war, hat sich innerhalb von vier Jahren zu einem Linke-versus-AfD-Gap entwickelt: Junge Frauen wählen häufig links, junge Männer häufig rechts.

In der aktuellen Shell Jugendstudie von 2024 heißt es, dass sich jeder vierte männliche Jugendliche als „rechts“ oder „eher rechts“ bezeichnet. Wenn 25 % der jungen Männer so denken, haben wir ein Problem – oder wie würden Sie das beurteilen?

Die Auswirkungen hängen natürlich stark davon ab, was die jungen Männer unter „rechts“ verstehen und wie sich das dann an der Wahlurne äußert. Allgemein haben wir im deutschen Diskurs oft die Gleichsetzung von „rechts“ mit „rechtsradikal“, was in anderen Ländern nicht unbedingt so ist. Es könnte ja auch sein, dass sich Leute als „eher rechts“ bezeichnen, die konservativ sind. Wobei das Wahlverhalten natürlich schon nahelegt, dass viele dann doch bei den Rechtsradikalen landen. Was ich aus anderen Studien weiß, ist, dass sich an der Selbsteinschätzung junger Frauen und Männer gar nicht so viel geändert hat, auch an den Einstellungen der Einzelnen sich gar nicht so viel ändert. Zum Beispiel haben fremdenfeindliche Einstellungen in den letzten Jahren nicht zugenommen, trotzdem haben wir heute eine offen fremdenfeindliche Partei bei 20 %, was wir vorher nicht hatten. Es ist also eher so, dass bestehende fremdenfeindliche Einstellungen von der AfD stärker politisch mobilisiert werden, während diese vorher deutlich mehr eingehegt waren, zum Beispiel in der Union. Es ist nicht schön, dass es solche Einstellungen überhaupt gibt, doch sind sie auf diese Weise weniger gefährlich und prägend gewesen.

Welche Einstellungen und welcher Einstellungswandel lassen sich denn in Bezug auf Geschlechterverhältnisse beobachten?

Wenn es um die Wahrnehmung geht, ob Benachteiligung von Frauen ein gesellschaftliches Problem ist, sehen wir kaum Unterschiede zwischen den Altersgruppen bei Männern. Bei Frauen fällt das auseinander: Junge Frauen sehen da ein viel größeres Problem als die Altersgruppe ihrer Mütter und Großmütter. Der Einstellungsunterschied bei den Geschlechtern unter Jüngeren ergibt sich hier also weniger daraus, dass junge Männer so „rechts“ sind, sondern daraus, dass die jungen Frauen eine starke feministische Einstellung haben.

Was interessiert Sie besonders an dem Gender Voting Gap bzw. an dem Einstellungsunterschied zwischen jungen Frauen und Männern?

Was mich sehr interessiert, ist, wie sich das auswirkt auf persönliche Beziehungen, also heterosexuelle Paarbeziehungen. Denn solche Unterschiede sind eine riesige Herausforderung auf dem sogenannten Partnermarkt vor dem Hintergrund einer zunehmenden Politisierung. Wie gehen junge Leute mit politischen Differenzen in ihrem Dating-Leben um? Zusammen mit Daniela Grunow habe ich z. B. erforscht, wie ähnlich sich Partner:innen in Deutschland im Hinblick auf ihre Parteipräferenz sind und wie die Ähnlichkeit zustande kommt. Grundbefund ist, dass sich Partner:innen relativ ähnlich sind in ihrer Präferenz. Dabei finden wir erstaunlich wenig Evidenz dafür, dass dies darauf zurückzuführen wäre, dass sich Leute in gleichen Kontexten kennenlernen. Und nur bis zu einem gewissen Grad gleichen sich Leute innerhalb der Paarbeziehung an. Es bleibt eine unerklärte Varianz übrig, die bedeuten kann, dass sich Leute entweder direkt nach Politik selektieren oder nach anderen Kriterien, die deutlich enger mit Politik zusammenhängen als mit Bildungsniveau, Religiosität, Stadt/Land usw.

Wie kann ich mir das vorstellen: direkt nach politischer Einstellung selektiert zu werden?

Junge Leute lernen sich heute am häufigsten über Online-Dating kennen, über Dating-Apps. Dort kann man auf die politische Info sofort zugreifen und muss nicht erst bis zum fünften Date warten. Man kann also Leute sofort aussortieren, bevor man auch nur ein Wort wechselt. Dazu habe ich gerade mit einer amerikanischen Kollegin, Shannon Taflinger, einige Arbeiten laufen, bei denen wir jungen Leuten in den USA fiktive Dating-Profile vorlegen. Da stehen dann Infos drin wie Hobbies, Sternzeichen, Alter und auch eine politische Info, die wir zufällig variieren. Dann sollen die Befragten die Profile daraufhin einschätzen, wie ähnlich ihnen die jeweilige Person ist hinsichtlich Lifestyle und Werte, für wie ehrlich und intelligent sie sie halten usw. und ob sie sie kennenlernen möchten. Und wir finden Effekte von der politischen Info auf alles: Leute von der ‚falschen‘ Partei werden nicht nur als anders, sondern auch als dümmer und weniger ehrlich wahrgenommen. Und damit können wir erklären, dass Leute weniger Interesse haben an Dating über Parteigrenzen hinweg.

Was bedeutet das denn dann vor dem Hintergrund des aktuellen Trends, dass junge Frauen eher links, junge Männer eher rechts wählen? Treffen die sich überhaupt noch?

((lacht)) Ja, da gibt es verschiedene Optionen. Es könnte z. B. sein, dass die Leute jeweils toleranter werden, wenn sie feststellen, dass sie nur schwer eine Person aus dem eigenen politischen Lager finden können. Dafür finden wir zumindest in den USA aber bislang keine Belege. Es kann sich auch Frustration aufbauen. Dazu passen unsere Ergebnisse in den USA ganz gut. Es sind vor allem Frauen aufseiten der Democrats, die am schärfsten aussortieren, mehr als Männer aufseiten der Republicans. Damit kann sich vor allem bei jungen Männern der Republicans eine Frustration aufbauen, was auch in den Medien immer wieder thematisiert wird. Natürlich betrifft das nicht alle, denn es gibt ja doch einige, denen Politik egal ist oder die sich im echten Leben begegnen und sich interessant finden, bevor sie die politischen Differenzen bemerken. Sicherlich wird das in einigen Paarkonstellationen zu mehr Konflikten führen und es wird wahrscheinlich auch dazu führen, dass es mehr Leute gibt, die gar nicht oder mit längerer Suchzeit in einer Beziehung landen. Das ist eine große Herausforderung, auf jeden Fall!

Deutet das darauf hin, dass sich im Verhältnis der Geschlechter etwas ändert?

Ja, auf jeden Fall. Was man aber nicht vergessen darf: Junge Männer sind stark zunehmend und deutlicher rechts außen als junge Frauen, aber damit bilden junge Männer keine Ausreißergruppe, sondern sie haben zu mittelalten Männern aufgeschlossen.

Zitation: Ansgar Hudde im Interview mit Sandra Beaufaÿs: Gender Voting Gap oder: Das Wahlverhalten der Geschlechter, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 24.11.2025, www.gender-blog.de/beitrag/gender-voting-gap/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251124

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Dr. Ansgar Hudde

Ansgar Hudde ist Akademischer Rat a. Z. an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Department für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er ist Soziologe und forscht u. a. zum Zusammenhang von politischen Einstellungen, gesellschaftlichem Zusammenhalt und persönlichen Beziehungen. Sein Buch „Wo wir wie wählen: Politische Muster in Deutschlands Nachbarschaften“ ist kürzlich beim Campus Verlag erschienen.

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Dr. Sandra Beaufaÿs

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Wissenstransfer sowie bei den Themen Geschlechterverhältnisse in Wissenschaft, Professionen und Arbeitsorganisationen.

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