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Debatte

Gendern in Japan

23. September 2025 Hayley L. Basler

„Dein Japanisch klingt sehr feminin“ – mit dieser Feststellung werden nicht-muttersprachliche Lerner der japanischen Sprache früher oder später konfrontiert. Dies ist auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zurückzuführen. Zum einen kann es sein, dass die Lernenden ihre Lehrerinnen imitieren, zum anderen ist Japanisch als Sprache hochgradig gegendert. Dieser Beitrag bietet einen Einblick in aktuelle Arbeiten zur Vergeschlechtlichung der japanischen Sprache und wie damit etablierte soziale Hierarchien aufrechterhalten werden.

Von unsichtbar bis mitgemeint

Das Feld der Soziolinguistik bietet umfassende Untersuchungen zur Rolle von Geschlecht und Gender für zahlreiche Sprachen (Ehrlich et al., 2014). Ein bekanntes Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum ist die Berufsbezeichnung und damit verbundene Assoziationen: Wenn von Ärzten oder Schauspielern die Rede ist, werden Frauen unsichtbar gemacht, indem sie ‚mitgemeint‘ sind. Anders verhält es sich im Japanischen: Mangels grammatikalischen Geschlechts wurde bislang oft ein Wort für ‚Frau‘ vor ein Nomen gestellt, um das Geschlecht explizit zu machen. Daraus entstanden Komposita wie Jokyoushi (weiblicher Lehrer) statt Kyoushi.

Mittlerweile zeigt sich allerdings eine langsame ‚Entgenderung‘. Anders als im Deutschen über geschlechtergerechte Sprache, passiert dies im japanischen Kontext durch einen Einschluss von Frauen in den neutralen Begriff. Man könnte also sagen, nun sind Frauen mitgemeint, während sie vorher einem Othering unterlagen. In Bereichen, in denen sie eine deutliche Minderheit darstellen, ist das bis heute so (Ozaki, 2022). Wenngleich sich somit der Einfluss des Geschlechts darauf, wie man über jemanden spricht, geändert hat, verbleibt der Einfluss darauf, wie jemand spricht.

Frauensprache – Männersprache

Im Japanischen haben sich die Begriffe Frauensprache „Joseigo“ und infolgedessen Männersprache „Danseigo“ etabliert. Diese beiden Begriffe beschreiben konkrete sprachliche Mittel, die den Geschlechtern zugewiesen werden (vgl. bspw. Asahi et al. 2022). Die Unterschiede zwischen Frauen- und Männersprache werden in der Literatur üblicherweise anhand der Nutzung von Personalpronomen, unterschiedlichen Vokabeln und Satzendpartikeln illustriert.

Das Beispiel der Pronomen ist das wohl einfachste und deutlichste. So existieren im Japanischen mehrere Möglichkeiten, um das Wort „Ich“ auszudrücken. Diese Möglichkeiten können dabei auf einer Skala angeordnet werden, bei der ein Pol das maskuline und der gegenüberliegende das feminine Ende des Spektrums bildet (s. Abb. 1). Ähnlich verhält es sich mit den Satzendpartikeln und anderen Vokabeln (Shibamoto-Smith, 2021). Bevor auf die tatsächliche Rolle dieser Sprachvariationen im Alltag eingegangen wird, sei erwähnt, dass die im Folgenden genutzten Quellen, ähnlich wie die meisten Untersuchungen in diesem Zusammenhang, sich explizit auf das „Standard-Japanisch“ also den Tokyoter Dialekt beziehen. Regionale Unterschiede sind teils gravierend und der Einfluss von Dialekten und Regiolekten kann nicht untertrieben werden. 

Abbildung 1: Darstellung ausgewählter Pronomen für „Ich“ auf einem Spektrum von maskulin zu feminin (erstellt von H. Basler auf Basis von Ozaki, 2022).

Produktion und Reproduktion von Geschlechterstereotypen

Zusätzlich zu den bereits beschriebenen Unterschieden, lässt sich Joseigo durch weitere verbale und nonverbale Marker charakterisieren. Dazu zählen bspw. Tonhöhe, Füllworte, Gestik und Mimik. Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass Joseigo eine sanftere und höflichere Form annimmt als Danseigo. Im Danseigo werden Wörter verkürzt und härter ausgesprochen, Joseigo nutzt eine höhere Tonlage, was nur in Teilen physiologisch begründet ist. Insgesamt illustriert die Idealform des Joseigo die Geschlechterstereotype der japanischen Gesellschaft in sprachlicher Form. Frauen sollen feminin sein, also höflich, sanft und zurückhaltend. Demgegenüber steht die Männersprache: rau, verkürzt und in einer tieferen Tonlage (Okamoto/Morimoto, 2023; Ozaki, 2022). Dabei handelt es sich natürlich nicht um starre Formen. Die Nutzung von Danseigo durch Frauen und vice versa ist keine Seltenheit. Dieser Stilbruch erfolgt dabei oft bewusst, bspw. um Emotionen Nachdruck zu verleihen, oder sich von bestimmten Zuschreibungen abzugrenzen.

Vergeschlechtlichte Sprache im modernen Japanisch

Heute wird Joseigo hauptsächlich durch die Medien verbreitet, während Untersuchungen seit den 1990ern einen Rückgang der Nutzung im Alltag zeigen. Tatsächlich deuten die Studien auf eine klare Rückläufigkeit in Korrelation mit dem Alter hin. Jüngere Frauen nehmen dabei mehr und mehr Abstand von klassischen Formen des Joseigo, was von der älteren Generation kritisiert wird (Okamoto/Morimoto, 2023). Gleichzeitig zeugt die große Zahl an muttersprachlichen Ratgeberbüchern, die Verwendung in den Medien wie auch das eingangs erwähnte Beispiel der Zweitsprachler davon, dass Joseigo auch heute noch eine Relevanz im Japanischen hat (Nakamura, 2014).

So zeigt die Forschung zwar, dass geschlechtsspezifisches Vokabular weniger genutzt wird und insbesondere Frauen eher zu neutralem Vokabular tendieren, neuere Untersuchungen weisen aber darauf hin, dass unter Einbeziehung weiterer Merkmale wie bspw. Tonhöhe oder Nutzung von Füllworten nach wie vor deutliche Unterschiede festgestellt werden können. Auch wird deutlich, dass die Gruppenzusammensetzung einen Einfluss auf die Verwendung vergeschlechtlichter Sprache hat (Okamoto/Morimoto, 2023).

Sprache als Symptom von Hierarchie und Heteronormativität

Aus Auswertungen kleinerer Datensätze geht hervor, dass bspw. bei gegengeschlechtlichen Konversationspaaren Frauen vermehrt die Konventionen des Joseigo in ihre Sprache integrieren. Hier scheinen also gesellschaftliche Erwartungen an Geschlechterstereotype und Heteronormativität eine Rolle zu spielen (Okamoto/Morimoto, 2023). Es gibt aber auch Anzeichen dafür, dass vergeschlechtlichte Sprache angewendet wird, um bspw. Hierarchien unter Männern zu betonen. Ein Beispiel aus den Arbeiten von Miyazaki (2004) illustriert, wie männliche Jugendliche durch ihre Verwendung der Pronomen Ore und Boku (s. Abb. 1) eine Hierarchie untereinander herstellen, basierend auf der angenommenen Ausprägung von „Männlichkeit“. In Anbetracht dieser nach wie vor latent existierenden Wirkmacht, lässt sich durchaus argumentieren, dass Danseigo und Joseigo auch heute noch an der Festigung der Geschlechterrollen und -stereotype mitwirken.

Sprache als Stilmittel

Danseigo und Joseigo sind jedoch auch ein bewusst genutztes Mittel zur Situierung der eigenen Identität. Zum Beispiel durch Frauen, die bewusst männlich konnotierte Sprache nutzen, um sich in der Arbeitswelt Respekt zu verschaffen, oder sich bewusst von klassischer Weiblichkeit abgrenzen wollen. Auch Mitglieder der LGBTQ+ Community [1] nutzen die verschiedenen Aspekte der vergeschlechtlichten Sprache. So bspw. trans Personen, die die jeweiligen Extreme von Danseigo und Joseigo nutzen, um ihre Geschlechtsidentität zu kommunizieren. Während solches Verhalten im Westen als Reproduktion von Stereotypen kritisiert wird, ist es in einem Land mit einem vergleichsweise höheren Konformitätsdruck eine erwartbare Praxis (Endo/Abe, 2022).

Daneben findet sich aber auch die sogenannte Onē-Kotoba. Dieser gemeinhin als ‚Große-Schwester-Sprache‘ oder Queens' Language bezeichnete Stil kombiniert Aspekte von Danseigo und Joseigo zu einer Sprache, bspw. die Höflichkeit des Joseigo mit den rauen Worten des Danseigo. Die Onē-Kotoba lässt sich dabei in die Queere Szene Japans zurückverfolgen und findet sowohl unter Drag Queens als auch homosexuellen Männern Anwendung. Dieses Stilmittel ruft auch Kritik hervor (Misogynie, Karikierung) und fordert den Status quo nicht heraus, spielt aber auf identitätsstiftende Weise damit (Itakura, 2023; Shibamoto-Smith, 2021).

[1] Queer und LGBTQ+ sind westliche Begriffe, deren Anwendung sich nicht eins zu eins auf die japanische Situation übertragen lässt. Dennoch wird aus Gründen der Verständlichkeit darauf zurückgegriffen.

Literatur

Asahi, Yoshiyuki, Usami, Mayumi, Inoue, Fumio. (Eds.), 2022. Handbook of Japanese sociolinguistics, Handbooks of Japanese language and linguistics. De Gruyter Mouton, Berlin.

Ehrlich, Susan, Meyerhoff, Miriam, Holmes, Janet. (Eds.), 2014. The handbook of language, gender, and sexuality, Second edition. ed, Blackwell handbooks in linguistics. Wiley-Blackwell, Chichester, West Sussex [England] ; Malden, MA.

Endo, Orie, Abe, Hideko. Historical overview of language and gender studies: From past to Future, 2022, in: Handbook of Japanese Sociolinguistics. De Gruyter, pp. 215–237.

Itakura, Kyohei, 2023. Homonational tongue?: Onē-Kotoba (Queen’s Language) among Tokyo amateur gay volleyballers. J. Asian Pac. Commun. 33, 61–86. https://doi.org/10.1075/japc.00071.ita 

Miyazaki, Ayumi. Japanese Junior High School Girls’ and Boys’ First-Person Pronoun Use and Their Social World, 2004, in: Japanese Language, Gender, and Ideology. Oxford University PressNew York, NY, pp. 256–274. https://doi.org/10.1093/oso/9780195166170.003.0015 

Ozaki, Yoshimitsu. Male-female differences in Japanese, 2022, in: Handbook of Japanese Sociolinguistics. De Gruyter, pp. 173–212. https://doi.org/10.1515/9781501501470-007 

Nakamura, Momoko, 2014. Historical Discourse Approach to Japanese Women’s Language, in: The Handbook of Language, Gender, and Sexuality. John Wiley & Sons, Inc, Hoboken, US, pp. 378–395.

Okamoto, Shigeko, Morimoto, Maho, 2023. Gender norms and styling in Japanese conversation: A multilevel analysis. J. Socioling. 27, 42–65. https://doi.org/10.1111/josl.12569 

Shibamoto-Smith, Janet S., 2021. Japanese? Language? and Gender? Gend. Lang. 15, 582–590. https://doi.org/10.1558/genl.21525 

Zitation: Hayley L. Basler: Gendern in Japan, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 23.09.2025, www.gender-blog.de/beitrag/gendern-in-japan/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20250923

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Hayley L. Basler

Hayley Lisa Basler hat an den Universitäten Duisburg-Essen, Bochum und der Sophia Universität Tokyo studiert und einen Master in internationaler politischer Ökonomie Ostasiens erworben. Ihr Schwerpunkt liegt auf der politischen und sozialen Teilhabe von Frauen im modernen Japan.

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