02. Juni 2026 Julia Teresa Höhl
Das Verhältnis zwischen dem (extrem) rechten Zugriff auf Geschlecht und der Beschaffenheit gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse war das zentrale Thema der Konferenz „Geschlecht als Bühne gesellschaftlicher Kämpfe – ambivalente Phänomene begreifen, emanzipatorische Praxen entwickeln“. Der Forschungsverbund GERDEA lud am 19. und 20. März 2026 Akteur*innen aus Wissenschaft und Praxis nach Darmstadt ein, um Projektergebnisse gemeinsam zu diskutieren und weiterzudenken.
Rechte Ideologien und ihre Milieus als Forschungsgegenstand
Geschlecht ist in den letzten Jahren zunehmend zu einem umkämpften Feld (extrem) rechter Politik geworden. Mit diesem Zusammenhang zwischen rechtem Zugriff auf Geschlechterordnungen und deren gesellschaftlicher Ausgestaltung beschäftigt sich der Forschungsverbund GERDEA seit 2023. Im Zentrum stehen Fragen nach Anschlussstellen rechter Ideologien sowie danach, wie sich diese in Jugendkulturen, Social Media und in Gerichtsprozessen manifestieren und über ihre eigenen Milieus hinaus wirksam werden.
Die vier Teilprojekte untersuchen die Wechselwirkungen zwischen dem Wandel der Geschlechterverhältnisse und dem Handeln der (extremen) Rechten mit dem Ziel, diese Dynamiken sichtbar zu machen und Handlungsmöglichkeiten für demokratische Akteur*innen zu entwickeln. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der engen Zusammenarbeit mit Praxispartner*innen. Das Format der zweitägigen Abschlusskonferenz war bewusst interaktiv angelegt. Ziel war es nicht nur, Ergebnisse zu präsentieren, sondern im Austausch mit den Teilnehmenden gemeinsam Wissen zu diskutieren und weiterzuentwickeln.
Wissensproduktion im Dialog
Die Konferenz begann am Donnerstagmittag mit einer Begrüßung durch Nils Zurawski (Schader-Stiftung) und Michaela Köttig (Frankfurt University of Applied Sciences) sowie einem Grußwort von Clarissa Rudolph (OTH Regensburg).
In der Einführung wurde u. a. darüber reflektiert, inwiefern Forscher*innen, die an der Schnittstelle von Gender Studies und Rechtsextremismusforschung arbeiten, besonders von negativer Aufmerksamkeit seitens der (extremen) Rechten betroffen sind. Auch um sich hier gegenseitig zu stärken, standen die Teilprojekte in kontinuierlichem Austausch. Dabei flossen Erfahrungen und Fragen aus verschiedenen Praxisfeldern in den Forschungsprozess ein. Ziel war es, auf dieser Grundlage konkrete Handlungsempfehlungen für Praktiker*innen aus Bildung, Justiz, Präventionsarbeit und Gewaltschutz zu entwickeln.
Anschließend stellte Ursula Birsl (Philipps-Universität Marburg) zentrale Ergebnisse und offene Forschungsfragen vor und skizzierte zentrale Ergebnisse, die sich im Spannungsfeld von Dynamik und Persistenz in Geschlechterordnungen bewegen. Sie betonte insbesondere die ambivalente Funktion des „Phantasma Gender“ (Butler 2024: 307) als Brücke, über die (extrem) rechte Positionen Anschluss an die bürgerliche Mitte finden.
Geschlechterordnung als autoritäres Zukunftsversprechen in Zeiten sozioökonomischer Krisen
Noch bevor die ersten Dialogforen starteten, konnten die Teilnehmenden in einer Fish-Bowl-Diskussion, ausgehend von Impulsreferaten aus den Teilprojekten, in den direkten inhaltlichen Austausch gehen.
Philipp Polta (Philipps-Universität Marburg) sprach für sein Teilprojekt über Prozessbeobachtungen, aus denen sich Schlüsse ziehen lassen, inwiefern Faktoren wie Geschlecht und sozialer Hintergrund den Umgang mit Angeklagten beeinflussen. Einen anderen Zugang wählte das Teilprojekt unter Leitung von Marie Reusch (Justus-Liebig-Universität Gießen), das den Blick auf Jugendliche und junge Erwachsene richtete. Reusch zeigte, dass junge Menschen in Übergangsphasen, insbesondere unter krisenhaften gesellschaftlichen Bedingungen, verstärkt nach Orientierung suchen und Geschlechterwissen dabei häufig als eine Art „Schablone“ fungiert. Auch die Rolle rechter Zukunftsversprechen wurde thematisiert. Diese seien meist an junge Männer mit der Aussicht auf Erfolg und Zugehörigkeit gerichtet.
Insgesamt wurde in der Diskussion deutlich, dass gegenwärtige Entwicklungen weniger als linearer Rückschritt hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse zu verstehen sind, sondern sich darin vielmehr eine komplexe Dynamisierung zeigt, in der sich alte Persistenzen und neue autoritäre Angebote miteinander verschränken. Auf die Frage, ob die Liberalisierung nicht „zu weit“ gegangen sei und so diese „Reaktion“ hervorgerufen habe, antwortete Ursula Birsl, dass es vielmehr eine falsche Vorstellung davon gäbe, wie liberalisiert die Geschlechterordnung wirklich sei.
Die „selbstbestimmte Unterwerfung“ und ideologische Nähe zur (extremen) Rechten
Eines der fünf Dialogformen des ersten Tages war „Zwischen Inszenierung und Aneignung: Tradwives neu betrachtet“ unter der Moderation von Viktoria Rösch (Frankfurt University of Applied Sciences) und Camila López de Melo (bff Frauen gegen Gewalt e.V.). Im Mittelpunkt des zugehörigen Projektes stand die Frage, warum sich Personen geschlechterpolitisch traditionell oder (extrem) rechts positionieren und wie sie dies in sozialen Medien inszenieren.
Die „Tradwife“ oder Traditional Wife, die ästhetisierte Häuslichkeit mit klaren Geschlechterhierarchien verbindet, wurde dabei als medial erzeugtes Ideal beschrieben, das weniger reale Lebensverhältnisse als vielmehr eine Projektionsfläche darstelle. Zentral war die Paradoxie, in der traditionelle Rollen als Ausdruck von Selbstbestimmung erscheinen, während Feminismus zugleich abgelehnt und für gesellschaftliche Krisen verantwortlich gemacht wird. Die Figur der Tradwife erfüllt dabei mehrere Funktionen: Sie stabilisiert patriarchale Ordnungen und reproduziert Machtasymmetrien, fungiert aber zugleich als Identifikationsangebot und eröffnet (etwa über Online-Communities) auch neue Handlungsspielräume, insbesondere für sozial isolierte Frauen.
Rösch und López de Melo hielten fest, dass Tradwives hinsichtlich der Frage des Gewaltschutzes als vulnerabel zu begreifen sind, da sie in starker ökonomischer und sozialer Abhängigkeit vom (Ehe-)Mann stehen und in dieser Konstellation Gewalterfahrungen individualisiert und heruntergespielt werden können. Interessant war zudem der methodische Zugang: Untersucht wurden bewusst kleinere, nichtmonetarisierte Accounts von „Tradwives“.
Der Gerichtssaal als Ort gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse
Eines der Dialogforen des zweiten Tages war „Theorie und Praxis in Bezug auf Gerichtsprozesse zu rechter Gewalt und Rechtsterrorismus“ bei Philipp Polta und Simon Krugmann (Gesicht Zeigen!). Im Zentrum stand die Frage, wie Geschlechterbilder Gerichtsurteile und deren mediale Darstellung beeinflussen und wie sich Theorie und Praxis in diesem Feld verbinden lassen.
Einer der Ausgangspunkte war, dass der Gerichtssaal bzw. das Gericht als ‚neutral‘ oder gar als ‚objektiv‘ gelten, aber als gesellschaftlich verortet und in gesellschaftliche Verhältnisse eingebettet verstanden werden müssen. Die in dem Projekt durchgeführten Prozessbeobachtungen zeigten, dass Faktoren wie Klasse, Alter und Geschlecht die Behandlung von und Interaktionen mit Angeklagten prägen, insbesondere dann, wenn diese nicht dem stereotypen Bild rechtsextremer Täter*innen entsprachen. Besonders relevant seien zudem institutionelle „Filter“: Ob eine Tat als rechtsextrem gilt, entscheidet sich oft bereits bei der Aufnahme der Tat durch die Polizei, Staatsschutz oder Staatsanwaltschaft. Politische Motive werden dabei nicht immer anerkannt, was zur Entpolitisierung rechter Gewalt beitragen kann.
Perspektivisch wurde eine stärkere Verzahnung von Forschung, juristischer Ausbildung und zivilgesellschaftlicher Praxis, z. B. durch Sensibilisierung von Jurastudierenden oder einen intensiveren Dialog mit der Justiz, als notwendig erachtet.
Zwischen Wandel und Kontinuität, Forschung und Praxis
Über die einzelnen Beiträge und Dialogforen hinweg zeigte sich ein gemeinsamer roter Faden: die Frage nach der Verbindung von Forschung und Praxis. In allen Projekten trat zutage, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht losgelöst von gesellschaftlichen Dynamiken entstehen, sondern selbst Teil davon sind und zugleich praktische Implikationen haben. Zudem zog sich die Frage nach dem ambivalenten Verhältnis von Modernisierung und Retraditionalisierung durch die gesamte Konferenz.
Zentral erscheint die Überlegung, dass es sich aktuell nicht um einen ‚einfachen‘ (extrem) rechten/konservativen „Backlash“ handelt, sondern dass es vielmehr zur Herausbildung alternativer und damit ‚neuer‘ Modernitätsvorstellungen kommt. Zugleich gewinne eine affektive Politik der (extremen) Rechten zunehmend an Bedeutung, mit der gezielt an Verunsicherungen angeknüpft werde und so regressiv-neoliberale sowie autoritäre Männlichkeitsbilder reproduziert würden.
Insgesamt überzeugte die Konferenz durch ihr auf Dialog ausgerichtetes Konzept, das gemeinsame Wissensproduktion in den Mittelpunkt stellte und damit den Anspruch des Verbundprojekts konsequent widerspiegelte. Insbesondere die gemeinsame Moderation der Dialogforen durch Forscher*innen und Vertreter*innen aus der Praxis erwies sich als stimmig und gewinnbringend.
Literatur
Butler, Judith (2024): Who’s afraid of gender? London: Penguin.
Zitation: Julia Teresa Höhl : Gesellschaftliche Kämpfe um Geschlecht: Einblicke in die GERDEA-Abschlusskonferenz , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 02.06.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/gerdea-abschlusskonferenz/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260602
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