02. Dezember 2025 Yannick Selke
Zur Advents- und Weihnachtszeit zeigen Krippenbilder, wie Jesus ausgesehen haben soll: weiß, ohne sichtbare Beeinträchtigung, mitteleuropäischen Normen entsprechend – und selbstverständlich ein Junge. War es so? Während postkoloniale Studien in Erinnerung rufen, dass Jesus seiner Herkunft nach wohl Person of Color war, und Dis/ability Studies angesichts der Wundmale Jesu über göttliche Solidarität mit menschlicher Verletzlichkeit und Behinderung nachdenken, bleibt das Geschlecht des Menschen aus Nazareth weitgehend unumstritten männlich – eine Zuschreibung, die auch in der Rede vom verkündigten Christus des christlichen Glaubens fortwirkt.
Mit dieser Thematik setzt sich die Studie Christus (m/w/d). Eine Geschlechtergeschichte des evangelischen Theologen und Kirchengeschichtlers Anselm Schubert auseinander. Ausgangspunkt ist die Wahrnehmung, „dass eine vermeintlich selbstverständliche Männlichkeit Christi vermutlich der letzte blinde Fleck der Christentumsgeschichte ist“ (S. 20). Schubert untersucht die Geschichte des Geschlechts Jesu Christi und dessen kulturelle Konstruktionsprozesse vor dem Hintergrund sich verändernder Geschlechterordnungen. Dabei geht es ihm weniger um das Geschlecht Jesu als historischer Person, sondern um das des „geglaubten Gottessohn[s] und seinem, wie man meinte, göttlichen, ewigen, verklärten, unverweslichen Leib“ – wobei Schubert klarstellt, dass es hier nicht um eine kaum vorstellbare „mögliche Biologie dieses übernatürlichen, auferstandenen Körpers“ geht (S. 18).
Die Geschlechtlichkeit Christi angesichts heteronormativer Männlichkeit
Nach einer Einleitung mit terminologischen Klärungen zeichnet Schubert die Konfiguration des Geschlechts Christi epochenbezogen nach – von der Antike bis zur Moderne – und beschreibt sie im Epilog als „sukzessive Überlagerung verschiedener ideengeschichtlicher Traditionsschichten“ (S. 263). Durchgängig prägend ist die Vorstellung von Christus als vollkommenem Mann: In der Antike dominierte die medizinische und philosophische Idee eines Geschlechts, das sich männlich vollkommen oder weiblich defizitär ausbilden und abhängig vom Verhalten wandeln konnte. In der Auferstehung werde jedoch jede Geschlechtlichkeit – so die verbreitete Vorstellung – „aufgehoben“ (S. 45). Christus wurde daher entweder als Mann oder geschlechtslos angesehen.
Im Mittelalter bestanden unterschiedliche Geschlechtermodelle nebeneinander. Zunehmend maßgebend wurde die Vorstellung von zwei Geschlechtern, wobei Geschlechtlichkeit als akzidentelle Eigenschaft galt. Für die Mehrheitskirche bestimmend wurde die Position, die auch Thomas von Aquin einnahm: Es sei schlicht angemessener für Gott, einen männlichen und damit zur Herrschaft bestimmten Körper anzunehmen (S. 84f).
In der Frühen Neuzeit setzte sich die Vorstellung zweier eigenständiger Geschlechter durch. Zumeist wird dabei selbstverständlich die zuweilen als besonders schön betrachtete Männlichkeit Christi angenommen (S. 138ff). Als in der Moderne die Vorstellung von zwei distinkten Geschlechtern mit biologistisch begründeten Eigenschaften bestimmend wurde, wurde Jesus zuweilen als „wahrer Mann“ betrachtet – bis hin zum hypermaskulinen Christus, der mit seinen Muskeln die Kreuzbalken sprengt (S. 209).
Und doch immer präsent: Vom weiblichen oder androgynen Christus
Zugleich gab es immer auch gegenläufige Vorstellungen von Christus, vielfach der metaphorischen Bildrede über das Heilswirken Jesu Christi entstammend: Vom geschlechtslosen Erlöser bei Maximus Confessor (S. 66f), über Christus „als gebärende und nährende Mutter, aus deren Brüsten die Menschen Milch, Weisheit oder Erlösung saugen“ (S. 104), über einen weiblichen oder androgynen Christus, der die Erlösung von Frauen garantierte (S. 199), bis hin zur Kritik der feministischen Theologie an in patriarchalen Deutungen verstrickten Konfigurationen des Geschlechts Christi als männlich (S. 247ff). Karl Rahner erklärt das Geschlecht Christi für heilsgeschichtlich irrelevant (S. 252). Und seit den 1990er-Jahren entwerfen Theolog:innen wie Marcelle Althaus-Reid oder Susannah Cornwall im Anschluss an Judith Butlers Gendertheorie Bilder eines queeren oder intersexuellen Christus (S. 255ff). Schubert zeigt im Blick auf europäische und nordamerikanische Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte, wie neben der Deutung Christi als vollkommenem Mann stets auch alternative Vorstellungen bestanden.
Wer bestimmt das Geschlecht Christi?
Am Ende seiner Studie (S. 274) hält Schubert fest, wie das Geschlecht Christi selbstverständlicher Austragungsort machtpolitischer Körperdiskurse ist. Männliche Theologen schufen sich Christus als vollkommen männlichen Asketen, andere erhofften Christus als Mutter oder weibliche Erlöserin, schwulen Jesus oder verheirateten Christus. Dabei kommt dem Körper Christi als Körper Gottes immer auch eine normierende Funktion zu. In pervertierter Form zeigt sich dies exemplarisch dann, wenn Gruppen den historischen Jesus des heutigen Nahen Ostens in eine „arische“ Person mit blonden Haaren und blauen Augen umdeuten wollen (S. 273), um von daher rassistische Ideologien religiös legitimieren zu wollen. Als Fazit hält Schubert – systematisch-theologisch noch eigens zu diskutieren – fest: „Es ist das eigene Begehren, das sich Christus ‚nach seinem Bilde‘ schafft und ihn mit einer dazu passenden Geschlechtsidentität versieht“ (S. 274).
Diese These hat Schubert in einer detailreichen, verdienstvollen Studie kirchengeschichtlich untermauert. Seine systematische Durchdringung über vier Epochen hinweg überzeugt durch eine bemerkenswerte Quellenbreite. Sie ist damit ein wichtiger Impuls für die Relektüre und ideengeschichtliche Systematisierung christologischer Traditionen im Licht geschlechtstypologischer Diskurse. Aus systematisch-theologischer Perspektive wünscht man sich am Ende eine stärker systematisierend-reflektierende Analyse: Welche Akteure greifen mit welchen Motiven und Begründungsfiguren auf den Körper Christi zu? Eine solche Perspektive könnte die Anschlussfähigkeit der Studie weiter erhöhen.
Was folgt jetzt daraus?
Es spricht meines Erachtens für die Qualität von Schuberts Studie, dass er aus seiner kirchengeschichtlichen Darstellung keine direkten Konsequenzen für aktuelle kirchenpolitische Fragen zieht. So leistet sie, was eine gute kirchengeschichtliche Studie leisten kann: Sie ruft (bewusst) vergessene Stimmen der Geschichte ins Bewusstsein, eröffnet Lernmöglichkeiten für die Gegenwart und irritiert aktuell geführte Diskurse. Einer Spur möchte ich nachgehen: In der Begründung des Ausschlusses von Frauen vom Priesteramt betont das römisch-katholische Lehramt – bei anerkannter Gleichwertigkeit der Geschlechter – aktuell eine „natürliche Ähnlichkeit“ zwischen Priester und dem von ihm als Haupt repräsentierten Jesus Christus. Diese sei bei Frauen nicht gegeben, da sie nicht als Abbild Christi verstanden würden. Schon gendertheoretisch ist diese Argumentationsfigur mindestens diskutabel, da sie sich in problematische Geschlechterstereotype verstrickt, wenn hierbei auf ein aktives und gestaltendes Mannsein rekurriert wird. Zeichentheoretisch ist sie verkürzt, weil Ähnlichkeiten stets kulturell bedingt und relativ sind (Selke 2024; Reményi & Schärtl 2021).
Schuberts Studie zeigt nun, wie das Geschlecht Christi gerade als metaphorisches Bild für das Erlösungsgeschehen immer schon auch weiblich und androgyn gedacht wurde. So wird das Argument einer „natürlichen Ähnlichkeit“ kirchengeschichtlich perturbiert. Systematisch-theologisch betrachtet, wird dem erhöhten Christus eine dezidiert geschlechtliche Vorstellung ohnehin nicht gerecht, bleibt sie doch in ihrer metaphorischen Begrenztheit bei aller potenziellen Erschließungskraft auf die je größere Unähnlichkeit zwischen Gott und den Geschöpfen verwiesen.
Und das Kind in der Krippe?
Der Körper Christi eignet sich deshalb so gut als Projektionsfläche, weil über das Geschlecht des Menschen aus Nazareth fernab seiner Beschneidung (vgl. Lk 2,21) in den Zeugnissen der biblischen Tradition kaum etwas gesagt wird. Schubert stellt heraus, wie trotz eines selbstverständlich als männlich betrachteten Jesus theologisch auch biblisch begründete Bilder eines queeren Jesus entworfen wurden. Sie stützen sich darauf, dass Jesu Handeln zuweilen kaum mit Männlichkeitsvorstellungen seiner Zeit vereinbar ist. Texte des Neuen Testaments unterlaufen „immer wieder die Ideologie ‚imperialer Männlichkeit‘, wenn sie die Verzweiflung Jesu in der Passion beschreiben, seine Armut und Niedrigkeit schildern“ (S. 29). Hieraus ergibt sich kritisches Potenzial gegenüber verbreiteten Männlichkeitsbildern, um Ansichten, die auch gegenwärtig das Geschlecht Jesu Christi instrumentalisieren und damit Ausgrenzungen legitimieren wollen, zu widersprechen. Dies verweist zugleich auf die gegenüber der Geschlechtlichkeit Jesu fundamentalere Frage: Was zeichnet das Handeln Jesu Christi aus und inwiefern wird daran ansichtig, wie Gott ist?
"Christus (m/w/d). Eine Geschlechtergeschichte" von Anselm Schubert ist im August 2024 bei C.H.Beck erschienen.
Literatur
Jagielska, Anna. 2023. Die vom Vatikan gemachte Frau. Der Wandel des Weiblichkeitsdiskurses in den Schriften der katholischen Amtskirche. Feinschwarz. Theologisches Feuilleton. http://dx.doi.org/10.15496/publikation-87350
Reményi, Matthias & Schärtl, Thomas. 2021. Normativität – Plausibilität – Ikonizität. Überlegungen zur Frauenordination. In: Eckholt, Margit & Rahner, Johanna (Hg.): Christusrepräsentanz. Zur aktuellen Debatte um die Zulassung von Frauen zum priesterlichen Amt, 44–75. Freiburg: Herder.
Selke, Yannick. 2024. Frauen im Amt – eine Frage des Geschlechts? Gendertheoretische und semiotische Reflexionen. Berlin, Münster: LIT.
Schubert, Anselm. 2024. Christus (m/w/d). Eine Geschlechtergeschichte. München: C.H.Beck.
Zitation: Yannick Selke: Das Geschlecht Jesu Christi in Körperdiskursen. Anselm Schuberts Christus (m/w/d), in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 02.12.2025, www.gender-blog.de/beitrag/geschlecht-jesu-schubert/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251202
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