Skip to main content
Headergrafik: richterfoto/Adobe Stock

Hat die EU ein Geschlecht?

11. Juni 2019 Uta C. Schmidt

Forschung zum europäischen Integrationsprozess kann ergreifend, bildend – um nicht zu sagen sexy sein. Dies zeigt überzeugend der Band L’Europe, une chance pour les femmes? Le genre de la construction européenne. Im deutschsprachigen Kontext ist dieses historische Forschungsfeld noch nicht wirklich entdeckt worden und so folgt man gespannt den Autor*innen, die nach einem Europa der Frauen und für Frauen ebenso fragen, wie sie das Geschlecht der europäischen Gemeinschaftskonstruktion insgesamt in den Blick nehmen.

L’Europe, une chance pour les femmes? versammelt 19 Beiträge von Autor*innen aus Frankreich, Italien, Deutschland, den USA, Belgien, Griechenland, Spanien, Luxemburg. Die Herausgeberinnen Anne-Laure Briatte, Éliane Gubin und Françoise Thébaud haben sie in vier Kapiteln zusammengefasst und mit einer kontextualisierenden Einleitung versehen. Die Kapitelüberschriften unterbreiten gleichzeitig einen Vorschlag zur Epochenbildung, der die Phasen der europäischen Formierung mit Fragen zum Geschlechterverhältnis verknüpft und somit die Entwicklung von Gleichstellung als Form und Inhalt des europäischen Integrationsprozesses begreift. So fragt das erste Kapitel nach den „Müttern Europas“ und dem Geschlecht der europäischen Idee zwischen 1919 und 1957. Das zweite Kapitel befasst sich mit den Frauen im Schatten der männlichen Institutionen von den 1950er- bis hinein in die 1970er-Jahre. Das dritte Kapitel thematisiert den Diskurs um ein feministisches Europa am Ende der 1970er-Jahre. Das vierte Kapitel untersucht mit einem vergleichenden Ansatz die deutsch-französischen Initiativen in der Gleichstellung. Der Band schließt mit einem Schlusswort der Herausgeberinnen sowie mit einer äußerst nützlichen Chronologie zur Orientierung.

Eine Dame namens Europa

Eine Karikatur von Manfred Oesterle aus dem Simplicissimus 1962 führt in die Vielschichtigkeit des Themas ein: Sie zeigt den britischen Premierminister Harold MacMillan mit Bowler-Melone, Charles de Gaulle in Zivil mit Fliege sowie Konrad Adenauer, zu erkennen an seinem karierten Freizeithut, wie sie begehrend und angewidert zugleich einer hochgewachsenen Frau hinterherstarren, die sich, einen kleinen Stier als Schoßhündchen an der Leine führend, auf High Heels anschickt, einen Zebrastreifen zu überqueren. Die Betitelung lautet: „Eine Dame namens Europa – Enormes Weib – aber teuer, sündhaft teuer!“ Während zu dieser Zeit die drei Protagonisten hart um den Kurs der zukünftigen Gemeinschaft stritten, reduziert die Karikatur Realpolitik auf sexuelles Begehren und den männlichen Blick auf einen Frauenkörper. Europa wird zur Verführerin, der sich der Stier willig unterwirft – eine Umkehrung der ursprünglichen Erzählung, nach der Zeus in Gestalt eines Stieres die phönizische Prinzessin Europa bekanntlich nicht nur verschleppte.

Europas Mütter

Bereits das erste Kapitel zu Europa- und Friedenskonzepten 1919 bis 1957 zeigt, was eine Verbindung von Biografieforschung mit Institutionengeschichte, gerahmt durch eine geschlechtersensible Diskursanalyse, zu leisten vermag. In Frankreich liegt es nahe, ganz anders als in Deutschland, die politischen Ideen und Friedensaktivitäten von Frauen nach dem Ersten Weltkrieg als Vorgeschichte der europäischen Gemeinschaft zu erzählen: Schließlich trägt das Hauptgebäude des Europaparlaments in Straßburg den Namen von Louise Weiss (1893–1983), Journalistin, Autorin, Wahlrechtsaktivistin und europäische Politikerin. Und die Französin Simone Veil (1927–2017) bekleidete von 1979 bis 1982 als erste Frau überhaupt das Amt der Präsidentin des Europäischen Parlaments. Deshalb interessieren in Frankreich eher die politischen Kontexte hagiografischer Narrationen und deren geschlechtliche Implikationen. Eine vergleichende Perspektive auf die Vorgeschichte zeigt, dass europaweit das politische Wirken „der Frau“ mit einer wesensmäßig friedliebenden Mütterlichkeit legitimiert wurde. Hier lassen sich Verknüpfungen mit deutschen Geschlechterkonstruktionen herstellen.

Frauen im Schatten der männlichen Institutionen

Der zweite Teil erstreckt sich von der Gründung der Montanunion 1951 über die ersten Richtlinien zur Gleichstellung bis hinein in die 1970er-Jahre, als ein günstiges Klima in Bezug auf Frauenforderungen und Frauenrechte herrschte, bereitet durch neue Frauenbewegungen sowie das UN-Jahr der Frau. Angesichts der ausschließlich männlich besetzten Gremien, die ab 1951 die Verträge zur europäischen Integration verhandelten, erweitert es den Horizont, nach jenen Frauen zu fragen, die in Familien- und Arbeitsbeziehungen dieses öffentliche Wirken der Männer erst ermöglichten. Geradezu ikonischen Charakter für diese kreative Forschungsperspektive kommt der Fotografie einer Pressekonferenz von 1953 zu: Zwischen acht krawattenbewehrten Herren erscheint das zugewandte Profil der Dolmetscherin Ursula Wenmakers. Sie ist das Medium der Diplomatie. Im Hintergrund der Vertragsverhandlungen arbeiteten in den Büros Dolmetscherinnen, Stenotypistinnen, Sekretärinnen, Bürokräfte, Telefonistinnen, Reinigungsfrauen, und zu Hause, in der Familie, hielten die Ehefrauen den Rücken frei und webten belastbare soziale Netzwerke.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Artikel 119 in den Römischen Verträgen hält den Grundsatz des gleichen Entgelts für Männer und Frauen bei gleicher Arbeit fest. Dieser historische Artikel, der die Grundlage für spektakuläre Arbeitskämpfe und juristische Auslegungsprozesse bildete, entstand als arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Kompromiss zwischen Frankreich und Deutschland. Was eigentlich als ein ökonomisches Wettbewerbsprinzip gedacht war, entwickelte dank Aneignung durch kluge Protagonistinnen eine nicht mehr einzudämmende Eigendynamik, die die politische Durchsetzung von Fraueninteressen in Europa voranbringen sollte. Als 1966 die Frauen der belgischen Waffenfabrik Herstal zwölf Wochen für höhere Löhne streikten, bezogen sie sich auf eben diesen Artikel 119. Auch wenn statt der geforderten fünf Franc mehr am Ende nur zwei Franc herauskamen, so zeigte sich Artikel 119 als belastbare Grundlage für zukünftige Gleichstellungsforderungen.

Ein „Goldenes Zeitalter“

Der dritte Teil umfasst das „Goldene Zeitalter“ der europäischen Gleichstellungspolitik zwischen Ende der 1970er-Jahre und dem Vertrag von Amsterdam 1997. Letzterer garantierte zum ersten Mal die Gleichheit zwischen Frauen und Männern, verzahnte die Gleichstellungspolitik mit der Beschäftigungspolitik und machte die Umsetzung der Gleichstellung als gender mainstreaming zu einer Querschnittsaufgabe aller Bereiche der Gemeinschaft. Doch gleichzeitig öffnete er sich in seinen Aktionsprogrammen einem Diversitätsansatz. Viele ProtagonistInnen für Fraueninteressen sehen darin eine Verwässerung, die dem Kampf für die Rechte der Frauen letztlich schadet.

Politikerinnen an den Hebeln der Macht

Ab 1979 mischten Frauen auf der obersten Ebene der Gemeinschaft mit: Margaret Thatcher als Premierministerin, Simone Veil als Präsidentin des europäischen Parlaments. Die erste Direktwahl des Europäischen Parlaments ermächtigte Frauen als Wählerinnen und Abgeordnete, die Geschicke der EU mitzubestimmen. Auf verschiedenen Ebenen der EU schlossen sie sich zusammen und schufen Rahmenbedingungen für die Gleichstellung von Mann und Frau. Der Aufsatzband stellt Akteurinnen und Netzwerke vor, deren Repräsentations- und Legitimationsfunktionen jedoch kritisch hinterfragt werden. Er öffnet einige Fenster in diese fruchtbare Zeit. Die EU positionierte sich zur Gewalt gegen Frauen, der Aufsatz zu diesem Thema macht deutlich, wie die europäischen Initiativen vom Zusammenspiel internationaler Initiativen und nationaler Debatten beeinflusst werden und auf diese zurückwirken. Ein Beitrag befasst sich mit dem richtungweisenden Urteil des Europäischen Gerichtshofes in der Sache Kalinke gegen die Freie Hansestadt Bremen aus dem Jahre 1995, in dem es um das Bremer Gleichstellungsgesetz ging. Das Urteil wird im Spannungsverhältnis von Gleichheit und Gerechtigkeit diskutiert.

Das deutsch-französische Verhältnis

Das vierte Kapitel thematisiert die gemeinsamen Aktivitäten von Deutschland und Frankreich hin zu einer europäischen (Gleichstellungs-)Politik. Während in Frankreich die Kooperation beider Staaten in Metaphern der Paarbeziehung gefasst wird, als „relation amoureuse“ mit Höhen und Tiefen, benutzt man in Deutschland ein technisches, mechanisches Vokabular und spricht von einem „Motor“ mit Pannen, Fehlzündungen oder Antriebsdynamiken. Seit 1963 bildet der Élysée-Vertrag die Grundlage für dauerhafte bilaterale Beziehungen. Deshalb problematisiert das vierte Kapitel mit einer vergleichenden Perspektive, inwieweit das deutsch-französische Tandem in diesem Rahmen die europäische Gleichstellungspolitik für den Arbeitsmarkt, mehr noch, für ein soziales Europa vorangetrieben hat, das nach wie vor als Anhängsel ökonomischer Interessen gilt.

Auf in die transnationale EU-Forschung

Der Aufsatzband zeigt überzeugend, wie fruchtbar eine Verschränkung von frauen- und geschlechtergeschichtlichen Fragestellungen zur Erforschung von europäischen Institutionen, internationalem Austausch, politischen Praktiken, von Orten, Milieus und Repräsentationen sein kann. Schmerzlich macht er deutlich, wie national begrenzt eigene Wissenshorizonte und Fragestellungen sind. Er ist ein Plädoyer dafür, sich um die (Gleichstellungs-)Politik der Europäischen Gemeinschaft und die Vergeschlechtlichung ihrer Strukturen nicht nur wissenschaftlich zu kümmern, gerade jetzt, da das unabgeschlossene soziale Projekt Europa durch das ökonomische mehr und mehr unter Druck gerät.

Literatur

Anne-Laure Briatte, Éliane Gubin, Françoise Thébaud (Hrsg.) (2019). L’Europe, une chance pour les femmes? Le genre de la construction européenne. Mit Unterstützung der Forschungskommission der Universität Paris 1 Panthénon-Sorbonne und der Forschungsplattform EHNE (Écrire une histoire nouvelle de l’Europe). Editions de la Sorbonne, ISBN: 979-10-351-0286-9, ISSN: 0768-1984., 23,00 €

Mit Beiträgen von: Carlos-Manuel Alves, Anne-Laure Briatte, Mauve Carbonell, Christel Chaineaud, Fanny Cohen, Barbara Curli, Corine Defrance, Yves Denéchère, Frederica Di Sarcina, Mariette Fink, Laura L. Frader, Éliane Gubin, Maria Kyriakidou, Claire Lafon, Frédéric Mertens de Wilmars, Gwenaëlle Perrier, Ulrich Pfeil, Ferruccio Ricciardi, Mechthild Roos, Anne Salles, Rebecca Shriver, Françoise Thébaud, Marion Uhle.

Zitation: Uta C. Schmidt: Hat die EU ein Geschlecht?, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 11.06.2019, www.gender-blog.de/beitrag/geschlecht_europa/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20190611

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: richterfoto/Adobe Stock

Dr. Uta C. Schmidt

Historikerin und Kunsthistorikerin; wiss. Mitarbeiterin im Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW; Kuratorin im DA. Kunsthaus Kloster Gravenhorst; Mitarbeiterin der Website frauen/ruhr/geschichte und Mitarbeiterin des Forschungsprojekts „Auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie.100 Jahre Frauenwahlrecht im Ruhrgebiet“ als Teil des Verbundprojektes „100 jahre bauhaus im westen“; Arbeiten und Interessen an der Schnittstelle von Raum, Repräsentation, Geschlecht, Macht.

 

Zeige alle Beiträge
Netzwerk-Profil Dr. Uta C. Schmidt

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.