Skip to main content
Headergrafik: Wellnhofer Designs/adobe.stock.com

Forschung

Geschlechterkonstruktionen im öffentlichen Nahverkehr: (K)ein Thema?

18. März 2025 Joana Coppi

In öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen über Geschlechterungleichheiten ist das untersuchte Subjekt häufig weiblich. Seltener wird hingegen beleuchtet, welche Bedeutung gerade männlich geprägte gesellschaftliche Bereiche für den Erhalt von Geschlechterhierarchien haben. In meiner Studie zu Deutungen von Rationalisierung im öffentlichen Nahverkehr rücke ich eine männlich dominierte Branche in den Blick.

An der herkömmlichen Stadt- und Verkehrsplanung lässt sich ablesen, dass androzentrische Logiken das Handlungsfeld öffentlicher Nahverkehr prägen. Wie aber werden diese Logiken von damit professionell befassten Akteur*innen fortgeschrieben? Ist Rationalisierung eine weiterhin unhinterfragte Maxime?

Androzentrischer Bias in Stadt- und Verkehrsplanung

Spätestens seit den 1980er-Jahren werden vermehrt feministische Forderungen an Stadt- und Verkehrsplanungen herangetragen. Vorliegende Analysen verweisen auf die ungleichen Zugänge städtischer Infrastrukturen (Bauhardt 1995; Spitzner 2005). Auf die Belange der Erwerbsarbeitsmobilität hin optimierte Straßensysteme und Verkehrsmittel sind bspw. wenig geeignet, um Sorgearbeiten effizient zu erledigen. Eine Schnellbahn erlaubt die Überwindung langer Distanzen in kurzer Zeit. Kommt zusätzlich zu einer Erwerbsarbeit die Begleitung von Angehörigen zu nahegelegenen Einrichtungen wie Schulen und Kindertagesstätten sowie der tägliche Einkauf hinzu, wird dagegen die zuverlässige Überwindung kurzer Distanzen relevant. Eng getaktete Verkehrsmittel mit vielen Haltepunkten sind aber in deutlich geringerem Ausmaß vorhanden als nötig.

Feministische Analysen führen diese Asymmetrien im Verkehrsangebot auf einen androzentrischen Bias in der Planung zurück (Bauhardt 2007). Männliche Lebenszusammenhänge erscheinen als selbstverständliche Norm, die als Standard für alle Menschen zugrunde gelegt wird. Die Folge ist, dass die Optimierung der Vollzeiterwerbsarbeitsmobilität als selbstverständliches Kernziel vieler Planungsprozesse angesehen wird, während Teilzeitmobilität und versorgungsökonomische Bedarfe als weniger wichtig, irrelevant oder überhaupt nicht betrachtet werden.

Rationalisierung und Gleichstellung

Seit den 1990er-Jahren greifen Reformen im Nahverkehr (RegG): Er sollte stärker regional und kommunal verantwortet, mehr nachgefragt und weniger kostenintensiv gestaltet werden. Feministische Aktivist*innen konnten in diesem Zusammenhang teilweise Gleichstellungsstandards verankern (Spitzner 2005). Gleichzeitig führte ein gestiegener Kostendruck zu einer betriebswirtschaftlich verknappten Betrachtung und damit zu einer Rationalisierung.

Nach feministischen Rationalisierungstheorien ist der Begriff Rationalisierung zwar mit dem Versprechen aufgeladen, mit weniger Aufwand mehr Erträge zu erzielen (Siegel 1993). Historisch betrachtet führen industriegesellschaftliche Rationalisierungsprozesse jedoch lediglich zu einer Verlagerung des Aufwands von der produktiven in die reproduktive Sphäre. Damit ist Rationalisierung vergeschlechtlicht: Das Versprechen des minimierten Aufwands ist androzentrisch verzerrt (Aulenbacher 2005; Becker-Schmidt 2005).

Transformation und Geschlecht

Bisherige Untersuchungen zur Transformation von Wohlfahrtsstaatlichkeit seit den 1970er-Jahren analysieren u. a., wie sich neoliberale Reformen auf die gesellschaftliche Teilhabe von Frauen auswirken (Harris 2009; von Braunmühl 2009), wie sich androzentrisch verzerrte Politikansätze fortschreiben (Elson 1988; Scheele/Kurz-Scherf 2013; Hummel/Stieß/Sauer 2020) und allgemein den Wandel der Vergeschlechtlichung in Organisationen und Berufsfeldern (Aulenbacher/Riegraf 2012; Sauer/Penz 2014). Zudem fragen sie nach der ambivalenten Bearbeitung von Anforderungen durch die Beschäftigten (Davies/Thomas 2002; Dammayr 2019; Nickel et al. 2021).

Meine Untersuchung zu Deutungen von Rationalisierung im öffentlichen Nahverkehr ergänzt diesen Forschungsstand in folgenden Aspekten: Erstens wird eine in weiten Teilen männlich segregierte Branche in den Blick genommen. Damit greife ich die immer wieder erhobene (Scott 1986), aber selten eingelöste Forderung auf, Prozesse der Vergeschlechtlichung nicht nur in jenen gesellschaftlichen Bereichen, die von Frauen geprägt sind, zu analysieren. Zweitens fokussiere ich auf Konflikte um Rationalisierung und die dabei (nicht) artikulierten Geschlechterkonstruktionen. Damit wird nicht nur der Unabgeschlossenheit und Offenheit jeglicher Veränderungsprozesse Rechnung getragen, es werden so auch Ambivalenzen in den Deutungen von Rationalisierung zugänglich.

Methodologisch wollte ich eine einfache Wiederholung der in der Geschlechterforschung bekannten Zuordnungen – also eine Reifikation von Differenz – vermeiden (Hagemann-White 1993; Bereswill/Liebsch 2013; Laufenberg 2018). Die Deutungen von Angestellten in der Verkehrsbranche werden daher z. B. zunächst rekonstruiert, ohne dass deren geschlechtliche Positionierung einbezogen wird. Erst im zweiten Schritt wird geprüft, wie relevant Erfahrungen von Differenz für bestimmte Deutungen sind. Auch geschlechteranalytische Konzepte sollten im empirischen Material nicht einfach ‚wiedergefunden‘ werden. Vielmehr sollte es darum gehen, diese mit Hilfe des empirischen Materials zu befragen und zu aktualisieren (Blumer 1954).

Arbeit am Androzentrismus

In den Interviews mit Triebwagenführenden und Betriebsrät*innen eines Verkehrsunternehmens sowie Angestellten eines Verkehrsverbundes wird ein ambivalentes Bild kollektiver Arbeit am Androzentrismus sichtbar. Die zu Deutungsmustern verdichteten Analysen zeigen zunächst, dass um die ‚richtige Art‘ zu rationalisieren gerungen wird, und das bereits seit der Entstehung des öffentlichen Nahverkehrs Ende des 19. Jahrhunderts. Gemeinsam ist den widerstreitenden Deutungen, dass sich auf Effizienz als wichtige Legitimationsgrundlage bezogen wird. Effizienz dient in den Expert*innendeutungen dazu, Rationalität herzustellen und zu legitimieren, ganz gleich, ob sie die in der Branche durchgesetzten Reformen hin zu einer wettbewerbsorientierten Steuerung befürworten oder ablehnen.

Widersprüche zwischen dem Gleichheitsanspruch und der hierarchischen sozialen Praxis eines ungleichwertigen Zugangs zu öffentlichen Verkehrsmitteln werden in den Deutungsmustern zur Daseinsvorsorge in der Verkehrsplanung explizit und auf ambivalente Weise bearbeitet. Androzentrische Logiken im Planungsverständnis lassen sich zwar rekonstruieren, sie bleiben aber implizit und präreflexiv. Entsprechend spielen Geschlechterhierarchien in den Konflikten um die adäquate Art der Regulierung der Daseinsvorsorge kaum eine Rolle.

Anders wird in den Deutungen zur Erwerbsarbeit im öffentlichen Nahverkehr auf androzentrische Logiken explizit rekurriert, wenn es etwa um die Zurückweisung von Gleichstellungsdiskursen geht. So führt eine im Betriebsrat tätige Person zu den Beschäftigungsbedingungen für Triebwagenführende aus: „Aber die Mutti-Schicht ist ja nicht so, dass ich die Mutti beschäftige, wie die Mutti gerne möchte, sondern die muss sich ja in das Allgemeine eingliedern.“ Eine am männlichen Lebensmodell orientierte, mit einer weitgehenden Freistellung von Sorgearbeiten einhergehende Arbeitszeitregelung wird hier als unveränderbar, allgemeingültig und gerecht legitimiert.

Stabilisierung im Wandel

Das Zusammenspiel verschiedener Modi der (Nicht-)Artikulation von Geschlechterdifferenz im Verkehrssektor und in der männlich segregierten Berufsgruppe der Triebwagenführenden trägt dazu bei, etablierte geschlechtsbezogene Ausschlüsse zu stabilisieren (Bererswill/Liebsch 2019). Gerade darin, dass androzentrische Logiken nicht explizit angesprochen werden, zeigt sich deren unhinterfragte Wirkmächtigkeit (Aulenbacher 2005: 159). Wo sie thematisiert werden, werden Geschlechterhierarchien weitgehend gerechtfertigt, auch indem sie stereotypisiert und neutralisiert werden (Wetterer 2009). Gleichzeitig muss diese Thematisierung auch als Reaktion darauf gelesen werden, dass bestehende Ordnungen, wie etwa männlich segregierte Branchen, unter Legitimationsdruck geraten sind.  

Wie diese Modi der Aktivierung von Geschlechterdifferenz in den Deutungen der professionell mit dem öffentlichen Nahverkehr befassten Akteur*innen zusammenspielen und inwiefern Geschlechterhierarchien auch durchaus kritisch kommentiert werden, ist in dem Buch Der Eigensinn der Triebwagenführenden – Geschlechterkonstruktionen in Rationalisierungskonflikten (Coppi 2025) nachzulesen, das 2025 in der Buchreihe Geschlecht und Gesellschaft erschienen ist.

Literatur

Aulenbacher, Brigitte. 2005. Rationalisierung und Geschlecht in soziologischen Gegenwartsanalysen. Wiesbaden: VS Verlag.

Aulenbacher, Brigitte/ Riegraf, Birgit. 2012. Economical Shift und demokratische Öffnungen. Uneindeutige Verhältnisse in der unternehmerischen und geschlechtergerechten Universität. Die Hochschule: Journal für Wissenschaft und Bildung 21 (2). 291-303. https://doi.org/10.25656/01:16285

Bauhardt, Christine. 1995. Stadtentwicklung und Verkehrspolitik. Eine Analyse aus feministischer Sicht. Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser.

Bauhardt, Christine. 2007. Feministische Verkehrs- und Raumplanung. In: Oliver Schöller/ Weert Canzler/ Andreas Knie (Hrsg.): Handbuch Verkehrspolitik. Wiesbaden: VS Verlag. 301-319. https://doi.org/10.1007/978-3-531-90337-8_14

Becker-Schmidt, Regina. 2005. Rationalisierung und androzentrische Logik. Rationalisierungsprozesse und gesellschaftliche Relationalität. In: Brigitte Aulenbacher/ Frank Beckmann/ Susan Geideck/ Alexandra Rau/ Jens Weber (Hrsg.): Alles nur eine Frage der Effizienz? Denkmuster der Rationalisierung. Frankfurt am Main: Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. 33-48.

Bereswill, Mechthild/ Liebsch, Katharina. 2013. Einleitung. In: dies. (Hrsg.): Geschlecht (re)konstruieren: Zur methodologischen und methodischen Produktivität der Frauen- und Geschlechterforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot. 7-15.

Bereswill, Mechthild/ Liebsch, Katharina. 2019. Persistenz von Geschlechterdifferenz und Geschlechterhierarchie. In: Barbara Rendtorff/ Brigit Riegraf/ Claudia Mahs (Hrsg.): Struktur und Dynamik–Un/Gleichzeitigkeiten im Geschlechterverhältnis. Wiesbaden: Springer VS. 11-25. https://doi.org/10.1007/978-3-658-22311-3_2

Blumer, Herbert. 1954. What is wrong with social theory? American Sociological Review 19 (1). 3-10. https://doi.org/10.2307/2088165

Coppi, Joana. 2025. Der Eigensinn der Triebwagenführenden – Geschlechterkonstruktionen in Rationalisierungskonflikten. Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-47091-3 

Dammayr, Maria. 2019. Legitime Leistungspolitiken? Leistung, Gerechtigkeit und Kritik in der Altenpflege. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Davies, Annette/ Thomas, Robyn. 2002. Gender and New Public Management: Reconstituting Academic Subjectivities. Gender, Work & Organization. 9 (4). 372-397. https://doi.org/10.1111/1468-0432.00165

Elson, Diane. 1988. The impact of structural adjustment on women: concepts and issues. Manchester Discussion Papers in Development Studies. Manchester: University of Manchester. https://doi.org/10.22004/ag.econ.232636

Hagemann-White, Carol. 1993. Die Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen? Feministische Studien 11 (2). 68-78. https://doi.org/10.1515/fs-1993-0208

Harris, Leila M. 2009. Gender and emergent water governance: comparative overview of neoliberalized natures and gender dimensions of privatization, devolution and marketization. Gender, Place and Culture 16 (4). 387-408. https://doi.org/10.1080/09663690903003918

Hummel, Diana/ Stieß, Immanuel/ Sauer, Arn. 2020. Technikfolgenabschätzung und Geschlecht: Bestandsaufnahme und Identifizierung von Diskursschnittstellen mit besonderem Fokus auf Digitalisierung. Expertise für den Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Frankfurt am Main, Berlin: Institut für sozialökologische Forschung. http://dx.doi.org/10.25595/2391

Laufenberg, Mike. 2018. ‚Feminisierung‘ der Wissenschaft? Affektive Arbeit, Geschlecht und Prekarität in wissenschaftlichen Arbeitsgruppen. In: Mike Laufenberg/ Martina Erlemann/ Maria Norkus/ Grit Petschik (Hrsg.): Prekäre Gleichstellung: Geschlechtergerechtigkeit, soziale Ungleichheit und unsichere Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft. Wiesbaden: Springer VS. 279-307. https://doi.org/10.1007/978-3-658-11631-6_12

Nickel, Hildegard Maria/ Hüning, Hasko/ Frey, Michael/ Lill, Max. 2021. Reproduktion. Partizipation. Sozialbeziehungen: Fach- und Führungskräfte in der betrieblichen Transformation. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Sauer, Birgit/ Penz, Otto. 2014. Affektive Subjektivierung: Arbeit und Geschlecht. FZG–Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien 20 (2). 79-94. https://doi.org/10.3224/fzg.v20i2.17136

Scheele, Alexandra/ Kurz-Scherf, Ingrid (Hrsg.). 2013. Macht oder ökonomisches Gesetz? Zum Zusammenhang von Krise und Geschlecht. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Scott, Joan. 1986: Gender: A Useful Category of Historical Analysis. The American Historical Review. 91 (5). 1053-1075. https://doi.org/10.2307/1864376

Siegel, Tilla. 1993. Das ist nur rational. Ein Essay zur Logik der sozialen Rationalisierung. In: Dagmar Reese/ Eve Rosenheft/ Carola Sachse/ Tilla Siegel (Hrsg.): Rationale Beziehungen? Geschlechterverhältnis im Rationalisierungsprozess. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 363-396.

Spitzner, Meike. 2005. Netzgebundene Infrastrukturen unter Veränderungsdruck. Gender-Analyse am Beispiel ÖPNV. Berlin: Deutsches Institut für Urbanistik. Online verfügbar unter https://repository.difu.de/handle/difu/135063 (letzter Zugriff: 07.01.2025).

Von Braunmühl, Claudia. 2009. Gender, Privatisierung der Wasserversorgung und Partizipation. GENDER 1 (2). 107-122. Online verfügbar unter https://www.budrich-journals.de/index.php/gender/article/view/18057/15730 (letzter Zugriff: 20.01.2025).

Wetterer, Angelika. 2009. Arbeitsteilung und Geschlechterkonstruktion. Eine theoriegeschichtliche Rekonstruktion. In: Brigitte Aulenbacher/ Angelika Wetterer (Hrsg.): Arbeit. Perspektiven und Diagnosen der Geschlechterforschung. Münster: Westfälisches Dampfboot. 42-63.

Zitation: Joana Coppi: Geschlechterkonstruktionen im öffentlichen Nahverkehr: (K)ein Thema?, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 18.03.2025, www.gender-blog.de/beitrag/geschlechterkonstruktionen-im-oeffentlichen-nahverkehr/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20250318

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: Wellnhofer Designs/adobe.stock.com

Joana Coppi

Joana Coppi promovierte am DFG-Graduiertenkolleg „Dynamiken von Raum und Geschlecht“ an der Universität Kassel zu Geschlechterkonstruktionen im öffentlichen Nahverkehr.

Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Es sind max. 2000 Zeichen erlaubt.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.