10. März 2026 Maresa Feldmann
Der Duden beschreibt ‚aufmüpfig‘ als das Sich-Widersetzen gegen Autoritäten oder bestehende Verhältnisse – als aufsässig, widerspenstig. In diesem Sinne waren die Frauenbewegungen in Geschichte und Gegenwart stets zutiefst aufmüpfig. Nicht, weil sie besonders laut gewesen wären, sondern weil sie gesellschaftliche Verhältnisse als Geschlechterverhältnisse infrage gestellt haben.
Aufmüpfigkeit zeigte sich dabei sehr konkret, zum Beispiel in der Benennung sexualisierter Gewalt, lange bevor es gesellschaftliche Begriffe, statistische Erfassungen oder staatliche Zuständigkeiten dafür gab. Sie zeigte sich in der Kritik an einem Arbeitsmarkt, der Frauen systematisch schlechter stellte. Und sie zeigte sich in der Infragestellung von Wissenschaft, dort, wo männliche Perspektiven als allgemein menschliche und als objektiv tradiert wurden.
Diese Themen sind keine abgeschlossenen Kapitel einer Modernisierungsgeschichte: Der § 218 ist bis heute politisch umkämpft. Fragen reproduktiver Rechte, des Schutzes vor Gewalt, der ökonomischen Gleichstellung oder der politischen Repräsentation sind nicht erledigt. Sie markieren fortdauernde Konfliktlinien. Aufmüpfigkeit äußert sich deshalb nicht allein in historischen Ausnahmezuständen, sondern sie ist eine Strategie in dauerhaften Auseinandersetzungen um Macht, Rechte und Teilhabe.
Fragilität institutionalisierter Errungenschaften
Mit der Zeit wurden viele dieser Konflikte politisch bearbeitet und institutionell verankert. Feministische Forderungen fanden Eingang in Gesetze, in Verwaltungshandeln und in politische Programme. Gleichstellungsstellen entstanden, Antidiskriminierungsrecht wurde entwickelt, Gewaltschutzstrukturen aufgebaut (Schmidt 2025). Das war ein großer Erfolg feministischer Kämpfe und zugleich ein ambivalenter Prozess: Denn politische Auseinandersetzungen verschwinden durch Institutionalisierung nicht, sie verändern ihre Form. So wird aktuell vielfach versucht, Gleichstellung wieder aus der Verbindlichkeit zu lösen, wenn Landesgleichstellungsgesetze abgeschafft oder ausgehöhlt werden sollen, wenn – wie in einzelnen Bundesländern – die Bestellung von Gleichstellungsbeauftragten nicht mehr als demokratische Pflicht, sondern als freiwillige Leistung oder als Beitrag zum sogenannten Bürokratieabbau verhandelt wird. In solchen Debatten zeigt sich, wie fragil institutionalisierte Errungenschaften sind.
Eine Frage der Haltung
Was politisch nicht mehr als konflikthaft wahrgenommen wird, gilt schnell als verzichtbar. Und was als erledigt gilt, lässt sich leichter relativieren oder zurückbauen, wenn sich politische Mehrheiten verschieben – nicht, weil die zugrunde liegenden Probleme gelöst wären, sondern weil ihre politische Bedeutung aus dem Blick geraten ist. Genau hier liegt der entscheidende Punkt: Gleichstellung gerät heute nicht deshalb unter Druck, weil sie gescheitert wäre, sondern weil sie wirksam ist: Weil sie Machtverhältnisse und Selbstverständlichkeiten verändert hat. Aufmüpfigkeit motivierte dabei nie nur den Beginn geschlechterpolitischen Wandels. Sie war – und ist – dauerhafter Bestandteil des Prozesses.
Vor diesem Hintergrund ist Aufmüpfigkeit heute neu zu denken. Nicht als Wiederholung früherer Kämpfe, sondern als Haltung unter veränderten Bedingungen: unter Bedingungen, in denen Gleichstellung institutionell, rechtlich und professionell verankert ist – und genau deshalb wieder offen infrage gestellt wird.
Gleichstellungsarbeit unter Druck
Die Verschiebungen gesellschaftlicher Sagbar- und Machbarkeitsgrenzen vollzogen sich lange leise, unauffällig in der Sprache und im Ton. Inzwischen erleben wir, dass diese Verschiebungen deutlich prononcierter werden: Antifeministische Positionen werden offener vertreten, Abwertungen ungenierter ausgesprochen, Grenzverschiebungen offensiver markiert. In kommunalen Gremien sitzen Akteur*innen, die Gleichstellung, Vielfalt und demokratische Selbstverständlichkeiten grundsätzlich infrage stellen. Dies verändert den Ton von Debatten, verschiebt Prioritäten und erhöht den Rechtfertigungsdruck auf gleichstellungspolitische Arbeit – selbst dort, wo Mehrheiten formal noch stabil sind.
Diese Entwicklungen zeigen sich auf der kommunalen Ebene wie im Brennglas. Auf Länderebene wurde z. B. in Bayern als ausdrücklich kulturpolitisches Statement ein Verbot von Genderzeichen in Behörden, Schulen und Hochschulen erlassen. Damit wird das Bemühen um eine geschlechterinklusive Sprache nicht mehr als demokratisches Prinzip verhandelt, sondern als ideologische Störung markiert. Sprache zeigt offen ihre Funktion als Machtinstrument, wer was wie benennt und sichtbar bzw. unsichtbar macht. Auch in Hessen sehen wir Angriffe auf geschlechterinklusive Sprache und auf die Geschlechterforschung (Beck/Haag 2026).
Von der Mikro- bis zur Makroebene
Auf der Bundesebene zeigt sich eine deutliche Verschiebung im Ton. Wenn der Kanzler erklärt, der Bundestag sei „kein Zirkuszelt“, dann wird damit queere Sichtbarkeit herabgesetzt und demokratische Anerkennung relativiert. Wenn von einem angeblichen „Problem im Stadtbild“ gesprochen wird und dabei auf „unsere Töchter“ verwiesen wird, dann werden gefährliche Bilder reaktiviert: Frauen als Projektionsfläche für Angst, Sicherheit als Vorwand für Ausgrenzung. Diese Formulierungen werden bewusst gesetzt und entfalten so politische Wirksamkeit. Wenn Friedrich Merz sinngemäß formuliert, man könne Frauen politische Spitzenämter ‚nicht antun‘, dann gilt politische Verantwortung in der Öffentlichkeit nicht mehr als selbstverständliches, demokratisches Recht, sondern – vergeschlechtlicht – als besondere Belastung, vor der Frauen geschützt werden müssten. Macht steht Frauen nicht zu, sondern wird ihnen zugemutet. Ausgeblendet wird dabei: Wenn Frauen in politischen Entscheidungspositionen fehlen, dann wird Politik ohne ihre Perspektiven gemacht. Eine demokratische Schieflage entsteht.
Auch international lässt sich studieren, wie rasant diese Diskurse in konkrete Politik übersetzt werden. In den USA wurden unter Donald Trump Programme zu Diversity, Equality und Inclusion per Dekret gestoppt. Gleichstellungs- und Menschenrechtsarbeit wurde delegitimiert. HaitAid steht auf einer Liste politisch unerwünschter NGOs. Wir sollten dies nicht als symbolischen Akt abtun. Dies ist eine Machtdemonstration. Engagement wird markiert, eingeschüchtert, delegitimiert, verboten.
Frühzeitig gegenhalten
Diese Entwicklungen werden durch digitale Dynamiken zusätzlich beschleunigt. Soziale Medien erzeugen Echokammern, in denen sich Weltbilder verhärten und Radikalisierung verstärkt. Rechte Deutungen werden normalisiert, während demokratische Komplexität als Schwäche erscheint. Was noch vor 15 Jahren klar als extrem galt, rückt mittlerweile in den öffentlichen Diskurs – und verschiebt die Grenzen dessen, was als akzeptabel gilt. Die gesellschaftliche Mitte hat sich verschoben. Darauf weisen Geschlechterforschung, demokratietheoretische und feministische Positionen bereits seit langem hin (Zick et al. 2025). Wo autoritäre, rechtspopulistische und faschistische Kräfte über längere Zeit an Einfluss gewonnen haben, ist öffentliche Gegenwehr vielfach leiser geworden oder ganz verstummt – nicht, weil es keinen Widerspruch mehr gäbe, sondern weil er als zu riskant, zu kräftezehrend oder als aussichtslos empfunden wird.
Dies zeigt, dass Aufmüpfigkeit als politische Strategie nicht leichter wird, wenn der Druck wächst. Sie wird schwieriger. Sie erfordert mehr Mut. Es ist deshalb auch für den vermeintlich fest institutionalisierten Bereich der Gleichstellungsarbeit entscheidend, frühzeitig aufmüpfig gegenzuhalten – bevor sich Verschiebungen verfestigen, bevor Abwertung zur Normalität und bevor Schweigen zur naheliegenden Option wird. In Nordrhein-Westfalen feiern in diesen Jahren viele Frauen- und Gleichstellungsbüros Jubiläen anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens, nachdem die Gemeindeordnung 1984 die Einrichtung solcher Büros vorsah. Bei den Festivitäten sollten wir heute nicht nostalgisch auf frühere Kämpfe blicken, sondern uns mit Aufmüpfigkeit als zentraler politischer Kategorie vergewissern angesichts einer Gegenwart, in der Gleichstellung, Demokratie und Menschenrechte wieder offen unter Rechtfertigungsdruck geraten.
Eine Aufmüpfigkeit, die stärker ist als Wut
Eine klare Analyse der Relativierung von Gleichstellung kann nicht bei Wut stehenbleiben (Lohaus 2023): Wut darüber, dass Errungenschaften nicht sicher sind. Diese Wut ist psychosozial eine angemessene Reaktion auf reale politische Entwicklungen. Sie speist sich aus Erfahrung, aus Analyse und aus dem Wissen darum, was auf dem Spiel steht. Viele kennen dieses „Das kann doch nicht wahr sein“-Gefühl sehr genau und das Erschrecken darüber, wie schnell sich Gewissheiten verflüchtigen. Diese Wut reicht nicht aus. Wir brauchen eine „konstruktive Aufmüpfigkeit, die stärker ist als Wut“. Dies redet nicht der Relativierung von Wut das Wort und appelliert auch nicht an Selbstkontrolle, sondern macht eine politische Unterscheidung. Wut kann ein Auslöser sein. Aber sie trägt nicht dauerhaft. Aufmüpfigkeit entsteht aus einer Haltung, aus der Klarheit darüber, welche Normen und Werte im Mittelpunkt stehen.
Es braucht Mut, im Alltag Position zu beziehen, zu widersprechen. Deshalb ist diese Aufmüpfigkeit konstruktiv: Sie weiß, warum sie widerspricht. Sie ist dialogfähig, weil sie nicht auf Abwertung setzt. Und sie sucht gesellschaftliche Transformationen anzustoßen, die sich normativ an Menschenrechten und Geschlechtergleichheit orientieren. Aufmüpfigkeit zeigt sich nicht nur im Moment des Widerspruchs, sie entfaltet ihre Energie in der Beharrlichkeit, Themen nicht fallen zu lassen, nur weil sie unbequem werden, Gegenwehr auslösen oder Ermüdung einsetzt.
Literatur
Beck, Dorothee & Hanna Haag (2026). Angriffe auf Geschlechterforschung und geschlechterinklusive Sprache in Hessen, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 10.02.2026, www.gender-blog.de/beitrag/angriffe-auf-geschlechterforschung/. https://doi.org/10.17185/gender/20260210
Lohaus, Stefanie (2023). Stärker als Wut: Wie wir feministisch wurden und warum es nicht reicht, Berlin: Suhrkamp Verlag.
Schmidt, Uta C. (2025). 40 Jahre Gleichstellungspolitik in Dortmund. Gleichstellung verankern, gestalten, leben, https://www.dortmund.de/dortmund/projekte/rathaus/verwaltung/amt-fuer-angelegenheiten-des-oberbuergermeisters-und-des-rates/downloads/frauen-und-gleichstellung/04-01-25_40-jahre-gleichstellungsbuero_web.pdf (zuletzt abgerufen am 25.02.2026).
Zick, Andreas, Beate Küpper, Nico Mokros & Marco Eden (2025). Die angespannte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/2025, hg. v. d. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn, https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=159776&token=c046b94f061255878306ea930e95f1bee68c2006 (zuletzt abgerufen am 25.02.2026).
Zitation: Maresa Feldmann : Gleichstellung unter Druck? Aufmüpfigkeit als Motor feministischer Politik , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 10.03.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/gleichstellung-unter-druck/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260310
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Kommentare
Monika | 13.03.2026
Ich finde den kürzlich erschienenen Artikel von Franz Jedlicka "Hat der Feminismus eine fundamentale Strategie vergessen?" auf Researchgate interessant. Jedlicka erinnert an Zitate von bell hooks, dass sich der Feminismus auch dem Thema Gewalt gegen Kinder (nicht nur gegen Mädchen) widmen muss (er selbst hat ja weltweite Statistiken dazu für seine Friedensforschung analysiert).
Petra Nabinger | 15.03.2026
Danke Maresa Feldmann für diesen Beitrag! Es ist ein Appell an alle, gerade unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen nicht zu verstummen, sondern sich mit klarer Haltung und Beharrlichkeit weiterhin für Chancengerechtigkeit einzusetzen. Und auch dafür, dass die Perspektiven aller Geschlechter an den Entscheidungstischen, insbesondere der Politik, einen Platz erhalten.