26. August 2025 Arndt Emmerich
Die öffentliche und akademische Debatte über salafistische Frauen ist oft von Extremen geprägt: Sie werden entweder als unterdrückte Opfer oder kritiklos als ermächtigte Akteurinnen dargestellt. Eine neue Forschungsperspektive, die auf umfangreichen Studien basiert, offenbart jedoch eine wesentlich differenziertere Realität. Dieser Beitrag ordnet die bisherige Forschung ein und präsentiert neue empirische Erkenntnisse.
Einladung zu einem nuancierten Dialog
Salafismus, ein ultrakonservativer Zweig des sunnitischen Islam, wird häufig mit starren Interpretationen von Frauenrollen assoziiert. Dies führt in öffentlichen und akademischen Diskussionen oft zu einer vereinfachten Darstellung salafistischer Frauen, die entweder als passive Opfer oder als unkritisch ermächtigte Akteurinnen präsentiert werden (Inge 2016). Ein tiefergehendes wissenschaftliches Verständnis offenbart jedoch ein weitaus komplexeres Bild: Salafistinnen sind innerhalb ihres gewählten religiösen Rahmens durchaus handlungsfähig und agieren in den vielschichtigen Wechselwirkungen moderner Gesellschaften.
Der hier vorgestellte Forschungsbeitrag, erschienen in dem von der Oxforder Politologin Masooda Bano (2025) herausgegebenen Sammelband „The Cambridge Companion to Women and Islam”, möchte diese Vielschichtigkeit beleuchten und zu einem nuancierteren Dialog beitragen. Der Sammelband führt die Vielfalt der aktuellen Forschung zu Frauen, Islam und Islamismus zusammen und lässt vereinfachte, orientalistische Darstellungen muslimischer Frauen als kollektiv unterdrückt entschieden hinter sich. Unsere Forschung über salafistische Frauen strebt an, das Spektrum weiblicher Erfahrungen im Islam umfassend zu beleuchten und deren Dynamiken zu verstehen (Emmerich und Ebbiary 2025).
Forschung im Kontext von Bedrohung und Extremismusbekämpfung
Historisch wurde die Forschung zu salafistischen Frauen von zwei dominanten, aber begrenzten Perspektiven geprägt, die das öffentliche Bild jedoch maßgeblich beeinflusst haben. Frühere Arbeiten, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entstanden, nahmen oft eine sogenannte „Salafophobie“-Perspektive ein (Al-Rasheed 2013; Zempi und Chakraborti 2014). Diese war stark von Sicherheitsbedenken und Bedrohungsszenarien geprägt. Salafistinnen wurden dabei als homogene Gruppe passiver Opfer dargestellt, die von patriarchalen Strukturen manipuliert und kontrolliert werden.
Ausgehend von Theorien sozialer Benachteiligung wurde argumentiert, dass Frauen aufgrund von Marginalisierung und Entfremdung zum Salafismus hingezogen würden und über nur wenig persönliche Handlungsfähigkeit verfügten. Dieses Narrativ war insbesondere im Diskurs um politische Strategien zur Extremismusbekämpfung weit verbreitet (Emmerich 2020). In diesen Darstellungen galten salafistische Frauen entweder als irrelevant oder sie wurden als „Nährboden“ für Radikalisierung wahrgenommen. Dabei wurden sie als instrumentalisierte Figuren innerhalb einer männlich definierten Bewegung betrachtet. Ein kontroverses Beispiel hierfür war die Gleichsetzung von Frauen, die einen salafistischen Lebensstil annahmen, mit passiven Opfern, die angeblich mit Konzepten wie einem „sexuellen Dschihad” in Verbindung standen – einer umstrittenen Behauptung, wonach Frauen in Kriegsgebiete reisten, um Dschihadisten sexuelle Dienste anzubieten und deren Moral zu stärken. Diese stark vereinfachenden und oft sensationslüsternen Darstellungen trugen maßgeblich zu einem einseitigen öffentlichen Bild bei.
Forschungsperspektiven auf Religiosität und Autonomie
Als Reaktion darauf entwickelte sich die „philo-salafistische“ Perspektive (de Koning 2009; Inge 2016). Dieser Forschungsansatz zielte darauf ab, die Handlungsfähigkeit, Autonomie und Selbstbestimmung salafistischer Frauen hervorzuheben. Mit vor allem qualitativen und ethnografischen Methoden deckten die Wissenschaftler:innen intrinsische Motivationen salafistischer Frauen auf und betonten deren aktive Aushandlungsprozesse innerhalb salafistischer Bewegungen. Diese Perspektive zeigte, dass der Salafismus Frauen ein Gefühl der Zugehörigkeit, einen ansprechenden alternativen Lebensstil und eine gegenkulturelle Identität bieten kann. Für einige bedeutet er Autonomie von restriktiven Familientraditionen und bietet neue Möglichkeiten zur Selbstfindung. Die Betonung individueller Entscheidungen und einer direkten Verbindung zum Göttlichen sowie das einladende Umfeld salafistischer Räume und Netzwerke – oft im Gegensatz zu traditionelleren, ethnisch geprägten Moscheen – trägt zusätzlich zur Attraktivität des Salafismus bei.
So kam beispielsweise in einer Studie zu konvertierten Muslimen in der BRD zum Ausdruck, dass „salafistische Moscheen die einzigen muslimischen Räume in Deutschland sind, in denen Frömmigkeit wichtiger ist als ethnische, oder nationale Herkunftskultur“ (Özyürek 2014, Übers. a. d. Engl. A.E.). Im Jahr 2021 hatten 95 % der salafistischen Moscheen im Vereinigten Königreich einen Frauenbereich, während es bei größeren Verbandsmoscheen nur 49 % waren (Dawood 2021). Hervorgehoben wurde auch, dass „die Entscheidungen salafistischer Frauen, die auf freiem Willen und Authentizität beruhen, höher geschätzt werden als Entscheidungen, die ihnen von ihren Eltern aufgezwungen werden“ (de Koning 2009, Übers. a. d. Engl. A.E.).
Diese Perspektive beleuchtete zwar Aspekte weiblicher Religiosität und Autonomie, neigte aber dazu, die inneren Widersprüche und Herausforderungen der Akteurinnen zu unterschätzen.
Für eine differenzierte Analyse
Es spricht einiges dafür, über einen zu eng gefassten Rahmen der Handlungsfähigkeit hinauszugehen. Die identitätsstärkenden Aspekte des Salafismus können anerkannt werden, gleichzeitig sind aber auch komplexe Aushandlungsprozesse, Widersprüche und Kompromisse, mit denen salafistische Frauen in ihrem Alltag umgehen müssen, in den Blick zu nehmen. Das Ziel unseres Forschungsansatzes ist es, ein umfassendes Verständnis zu erlangen.
Wie andere Gläubige auch, halten sich salafistische Frauen nicht immer starr an religiöse Doktrinen. Sie können salafistischen Ideale in alltäglichen Situationen und zu ihren eigenen Bedingungen hinterfragen, modifizieren oder sogar ablehnen. Eine nuancierte, kontextualisierende Analyse sollte daher das dynamische Zusammenspiel zwischen religiösen Idealen und Alltagspraxis berücksichtigen.
Ein salafistischer Aktivist bemerkte im Rahmen unserer Feldforschung: „Wir sind alle ganz normale Menschen, die versuchen, unsere Religion authentisch zu leben, aber ansonsten bestreiten wir unseren Alltag wie alle anderen auch“ (Emmerich 2020). Diese Aussage, die im Kontext alltäglicher Herausforderungen und Kompromisse getroffen wurde, zeigt, dass das Streben nach doktrinärer Reinheit oft realen Anforderungen weichen muss. Dazu gehört beispielsweise, die Kinder in lokale, nicht salafistisch geprägte Kindergärten zu schicken, da es von letzteren weniger gibt. Solche Beobachtungen widerlegen die Annahme einer rigiden, isolierten und idealistischen Lebensweise. Wie auch Petra Kuppinger argumentiert, „finden religiöse Transformationen nicht isoliert von anderen urbanen Prozessen statt, sondern sie spiegeln diese wider und sind konstitutiv für sie” (Kuppinger 2014, Übers. a. d. Engl. A.E.).
Essenzialismus überwinden
Das Frauenbild im Salafismus ist nicht monolithisch, sondern unterliegt vielfältigen Interpretationen und Anpassungen, die von theologischen Schulen, lokalen Kontexten sowie individuellen Lebensrealitäten beeinflusst werden. Während manche Strömungen des Salafismus besonders restriktive Rollenbilder betonen, zeigen empirische Studien, dass Frauen innerhalb dieser Bewegungen aktiv Wege finden, um sich zu arrangieren, zu widersprechen oder die Lehren sogar neu zu interpretieren und sie so mit ihrem Alltag und ihren Bedürfnissen in Einklang zu bringen (Dawood 2021 und 2025). Dies bedeutet nicht, dass grundlegende religiöse Prinzipien aufgegeben werden, sondern dass ihre Anwendung von einem Spektrum des Pragmatismus bis hin zur persönlichen Aushandlung variiert.
Unsere Forschung hat gezeigt, dass Frauen den salafistischen Geschlechterdiskurs eigenständig und kritisch hinterfragen, wenn sie Elemente des Salafismus als problematisch empfinden. Sie benötigen also keine „Rettung“ von außen, sondern reflektieren ihre Überzeugungen aus einer „internen salafistischen Common-Sense“-Logik heraus (Dawood 2021). Diese im Feld beobachtete Selbstreflexivität ist ein Schlüssel zu einem differenzierten Verständnis von Handlungsfähigkeit salafistischer Frauen.
Zukünftige Forschung sollte prozessuale Ansätze und historisch fundierte Methodologien anwenden (Emmerich 2023). Dazu gehört die Untersuchung der Erfahrungen salafistischer Frauen innerhalb urbaner religiöser Netzwerke und in postsäkularen Landschaften – also städtischen Umgebungen, in denen Religion (wieder) eine sichtbare und aktive Rolle im öffentlichen und sozialen Leben spielt. Sowohl der Einfluss lokaler Gegebenheiten als auch soziale Interaktionen sollten mitgedacht werden. Essenzialistische Darstellungen können so überwunden werden, was zu einem umfassenderen Verständnis des Alltagslebens salafistischer Frauen beiträgt.
Literatur
Al-Rasheed, Madawi (2013): A most masculine state: Gender, politics and religion in Saudi Arabia (No. 43). Cambridge: Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/CBO9781139015363
Bano, Masooda (2025): The Cambridge Companion to Women and Islam. Cambridge: Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/9781009206587
Dawood, Iman (2021): Reworking the common sense of British Muslims: Salafism, culture, and politics within London’s Muslim community (Doctoral dissertation, London School of Economics and Political Science). http://doi.org/10.21953/lse.00004347
Dawood, Iman (2025): Moving out of Salafism: Muslim Women and the Development of a Pious Feminist Consciousness. Gender & Society, 39(2), 257–284. https://doi.org/10.1177/08912432251317157
De Koning, Martijn (2009): Changing Worldviews and Friendship: An Exploration of the Life Stories of Two Female Salafists in the Netherlands. Oxford: Oxford University Press. https://www.researchgate.net/publication/241879613_Changing_Worldviews_and_Friendship_An_Exploration_of_the_Life_Stories_of_
Two_Female_Salafists_in_the_Netherlands (last accessed: 28 July 2025).
Emmerich, Arndt (2020): Salafi youth activism in Britain: a social movement perspective. Journal of Muslims in Europe, 9(3), pp. 273–303. http://doi.org/10.1163/22117954-bja10009
Emmerich, Arndt (2023): ‘Arrival of legal Salafism and struggle for recognition in Germany—reflection and adaptation processes within the German da’wa movement between 2001 and 2022’, Politics and Religion, 16(3), pp. 416–434. https://doi.org/10.1017/S1755048323000056
Emmerich, Arndt and Ebbiary, Alyaa (2025): ‘Becoming Salafi’, in Bano, Masooda (ed.) The Cambridge Companion to Women and Islam. Cambridge: Cambridge University Press, pp. 151–173. https://doi.org/10.1017/9781009206587.008
Inge, Anabel (2016): The making of a Salafi Muslim woman: Paths to conversion. Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780190611675.001.0001
Kuppinger, Petra (2014): ‘One mosque and the negotiation of German Islam’, Culture and Religion, 15(3), pp. 313–333. https://doi.org/10.1080/14755610.2014.949054
Özyürek, Esra (2014): Being German, Becoming Muslim. Princeton: Princeton University Press
Zempi, Irene and Chakraborti, Neil (2014): Islamophobia, victimisation and the veil. London: Palgrave Pivot. https://doi.org/10.1057/9781137356154
Zitation: Arndt Emmerich: Neue Forschungsperspektiven auf die Handlungsfähigkeit salafistischer Frauen, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 26.08.2025, www.gender-blog.de/beitrag/handlungsfaehigkeit-salafistischer-frauen/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20250826
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