12. Mai 2026 Jessica May
„Eine Frau, die aussieht wie ein Kerl! Nein danke!“ – Kommentare wie dieser unter Beiträgen von Bodybuilderinnen wie Lena Ramsteiner sind Alltag auf Social Media und verdeutlichen, wie eng der Diskurs über muskulöse Frauen mit Zuschreibungen von Männlichkeit verknüpft ist. Doch was verbirgt sich hinter der Aversion gegen muskulöse Frauenkörper? Dieser Beitrag zeigt, wie Muskeln zur kulturellen Provokation werden und eine Geschlechterordnung destabilisieren, die hier als historisch gewachsenes und diskursiv produziertes Konstrukt verstanden wird.
Muskeln als Provokation: Die Angst vor dem dicken Bizeps
Die gesellschaftliche Annahme, gezielter Muskelaufbau verleihe Frauen ein ‚unweibliches‘ Erscheinungsbild, ist tief verankert. Wedemeyer-Kolwe spricht hierbei treffend von einer „pathologischen Angst der Frauen vor dem Bizeps“ (Wedemeyer-Kolwe 1996, S. 69). Diese Furcht resultiert u. a. aus einer geschlechtsspezifischen Sozialisierung: Während körperliche Stärke bei Männern als soziales Kapital gilt, widerspricht sie klassischen Weiblichkeitsnormen. Abwertende Kommentare dienen hier als Warnungen, die darauf abzielen, Abweichungen von der heterosexuellen Norm zu verhindern (Bunsell/Shilling 2009, S. 145). Solch medial zelebrierte Kontrolle ist der ultimative Ausdruck einer kulturell und sozial regulierenden Instanz, die Weiblichkeit diskursiv rahmt und diktiert. Die mit diesem Dispositiv einhergehende Sanktionierung der ‚unweiblichen‘ Frau sichert die binäre Differenz traditioneller Machtverhältnisse: Indem Stärke weiterhin männlich und Schwäche weiblich codiert bleibt, wird die gesellschaftliche Dominanz des Mannes als vermeintlich naturgegebene Hierarchie perpetuiert und physisch legitimiert (Lembke 2008, S. 3).
Historisch wurde der weiblich gelesene Körper in Abgrenzung zum Mann als ‚schwach‘ und passiv konstruiert – ein Objekt männlicher Projektionen, das handlungsohnmächtig blieb (Schiebinger 1987). Diese Konstruktion sicherte eine hierarchische Geschlechterordnung ab: Weiblichkeit wurde über körperliche Bedürftigkeit und Gefügigkeit definiert, um das männliche Privileg der Stärke und Dominanz zu legitimieren (Honegger 1991). Bereits Jean-Jacques Rousseau erhob die körperliche Unterlegenheit von Frauen zum Naturgesetz, wonach die Frau eigens dazu geschaffen sei, dem Manne zu gefallen (Lembke 2008, S. 8f.). Die heteronormative Logik knüpft Weiblichkeit an die Abwesenheit von Stärke, wodurch muskulöse Frauenkörper als Infragestellung der männlich-physischen Hegemonie provozieren.
Von ‚zarter Weiblichkeit‘ zu 45er-Oberarm
Neben politischen Umbrüchen wirkte das Frauenbodybuilding ab den 1970ern als radikaler Bruch mit dem vorherrschenden Frauenbild. Zwischen dem Fitness-Hype um Jane Fonda und dem Bodybuilding nach dem Vorbild Arnold Schwarzeneggers entstand ein neuer Typus: die Bodybuilderin (Dobbins 2016). Als stoffliche Verdichtung von Kraft und Disziplin provoziert sie bis heute, da ihre extreme Physis frontal mit der Vorstellung einer ‚zarten‘ Weiblichkeit kollidiert.
Getragen von der zweiten Welle der Frauenbewegung und dem damit einhergehenden Streben nach körperlicher Selbstbestimmung entstand das Frauenbodybuilding als radikaler Gegenentwurf zur Miss-America-Wahl, blieb jedoch anfangs in ästhetischen Konventionen verhaftet (Dutton/Laura 1989, S. 30): 1978 traten Athletinnen noch in High Heels und mit Tanzposen auf (Schwarzenegger 1998, S. 45). Erst in den 1980er-Jahren emanzipierte sich die Disziplin mit einer völlig neuen „Hyper-Muskulösität“ (Bunsell 2013, S. 27, 120). Diese Entwicklung sorgte innerhalb der Verbände für Unbehagen. Ben Weider, Mitbegründer des Weltverbands IFBB, betonte 1983 die Verantwortung der Gewinnerinnen für die Wahrnehmung von Weiblichkeit, da sie einen neuen Standard vorgäben, an dem sich alle anderen Athletinnen fortan messen lassen müssten (Aoki 1999, S. 26).
Um verschiedene Körperbilder zu integrieren, differenzierte sich der Sport in Klassen wie Bikini oder Physique aus (Bunsell/Shilling 2009, S. 128f.). Diese Kategorien sollten moderatere Muskelmasse mit ‚Weiblichkeitsnormen‘ in Einklang bringen (Wedemeyer-Kolwe 1996, S. 80). Doch diese Entwicklung schwächte das klassische Bodybuilding und löste eine bis heute anhaltende Debatte aus: Wie viel Muskelmasse ‚darf‘ eine Frau haben?
‚Hyper-Weiblichkeit‘ als strategische Maskerade
Im Profibodybuilding wird der Körper zum Schauplatz dieser Auseinandersetzung. Die Verbände definieren genau, wie viel Muskulatur als ‚angemessen‘ gilt; bei Überschreitung muss die Athletin damit rechnen, schlechter bewertet zu werden (DBFV 2024). Um dies zu umgehen, greifen Athletinnen zu einer extremen Inszenierung sozialer ‚Weiblichkeitsmarker‘ (Butler 2021, S. 167). Glitzernde Bikinis, Make-up und stilisierte Posen dienen als performative Praktiken, um die muskuläre ‚Maskulinität‘ zu kompensieren. Der Bikini markiert die Athletin dabei eindeutig als Frau und macht sie gesellschaftlich wieder ‚lesbar‘ (Butler 1995, S. 24ff.). Diese Re-Feminisierung verdeutlicht gemäß Butler, dass Weiblichkeit kein naturhaftes Attribut, sondern das Produkt kultureller Inszenierung ist (Butler 2021, S. 200f.). Butler spricht von einer „Parodie der Geschlechter“ (ebd., S. 203): Durch die maskenhafte Überzeichnung entlarvt sich Weiblichkeit als Konstrukt ohne biologische Substanz (Butler 1995, S. 18f.).
In diesem Kontext verdeutlicht Brownmiller den Konstrukt-Charakter von Weiblichkeit, indem sie den materiellen und ästhetischen Aufwand beschreibt, der erforderlich ist, um ‚echte Weiblichkeit‘ sichtbar zu machen:
„Female impersonation, however, relies on a suitcase full of special effects: a wig, a dress, a brassiere and a set of falsies, jewelry for the arms, neck and ears, a makeup kit with lipstick, rouge, eye shadow and false lashes, a girdle, nylons and a pair of high heels.“ (Brownmiller 1984, S. 174)
Räume für Subversion
Das Posing im Frauenbodybuilding ist daher weit mehr als eine Präsentation von Muskeln; es ist eine Form der Reartikulation (Butler 1995, S. 187). In der Selbstinszenierung auf der Bühne bringt sich die Athletin performativ als geschlechtlich codiertes Subjekt hervor (Aoki 1999, S. 35). Besonders deutlich wird dies im sogenannten I- oder T-Walk: Diese Choreografien orientieren sich am Catwalk klassischer Schönheitswettbewerbe und vereinen athletische Körperbeherrschung mit stilisierter Eleganz (GNBF 2023).
Kraft und Weiblichkeit werden so in ein visuell kohärentes Narrativ überführt (DBFV 2024). Gleichzeitig eröffnet das zusätzliche Posing gerade in den muskelintensiveren Klassen Räume für Subversion, wenn etwa traditionelle Posen des Männerbodybuildings mittels gezielter femininer Akzentuierung (e.g. einer bewussten Hand- und Hüftstellung) umcodiert werden. Hierbei wird die Demonstration von extremer körperlicher Stärke bei gleichzeitig sehr geringem Körperfettanteil untrennbar mit der Betonung einer ‚weiblich-sinnlichen‘ Ausstrahlung verknüpft. Das Posing avanciert damit zum zentralen Instrument, um die Grenzen der herrschenden Geschlechterordnung aktiv zu verschieben (IFBB 2026).
Hybridisierung von Weiblichkeit
Die Bodybuilderin muss Weiblichkeit ständig neu ‚produzieren‘, um in einer Welt anerkannt zu werden, deren Normen sie gleichzeitig radikal unterwandert. Dabei reicht das eigene Selbstverständnis ‚als Frau‘ nicht aus, um einen muskulösen Körper auch als weiblich zu legitimieren – vielmehr wird dieser durch den Verlust oder die bewusste Hervorhebung bestimmter Geschlechtsmarker fortwährend infrage gestellt (Butler 2021, S. 49). Im Frauenbodybuilding kommt es somit zu einer Hybridisierung von Weiblichkeit, die konventionelle Inszenierungen nutzt, um sie gleichzeitig zu unterminieren. Weiblichkeit erscheint hier nicht mehr als binäres Konzept, sondern als dynamisches Spektrum. Damit ist Bodybuilding ein gesellschaftliches Experimentierfeld, auf dem Körper jenseits starrer Kategorien neu gedacht und transformiert werden.
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (Beauvoir 1992, S. 334). Dieses berühmte Diktum von Simone de Beauvoir findet im Frauenbodybuilding seine Bestätigung. Denn Weiblichkeit ist ein mühsam ausgehandelter Prozess aus Performance und Disziplinierung. Ein Körper ist nicht ‚an sich‘ weiblich, sondern wird erst durch den gesellschaftlichen Blick als solcher lesbar. Der Sport bewegt sich dabei in einer Widersprüchlichkeit zwischen der Unterwerfung unter Verbandsregeln und der subversiven Kraft von Körpern, die kulturelle Grenzen sprengen.
Obwohl die Bodybuilderin die heteronormative Geschlechterordnung aufweicht, kann sie sich dem quasi-panoptischen Einfluss der modernen Medienwelt nicht entziehen. Ihre Präsenz im Rampenlicht macht sie zum Objekt ständiger Regulierung. Daher handelt sich um eine unvollständige Emanzipation: Solange Weiblichkeit biologistisch aufgeladen und über ihre Funktion für das männliche Begehren definiert wird, verharren weibliche Autonomie und Stärke innerhalb der Grenzen männlicher Schönheitskonzeptionen.
Literatur
Aoki, Douglas Sadao: Posing the Subject: Sex, Illumination, and "Pumping Iron II: The Women", in: Cinema Journal, 38(4), 1999, S. 24–44. Abrufbar unter: https://www.jstor.org/stable/1225661 (zuletzt: 02.04.2026).
Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Hamburg 1992.
Brownmiller, Susan: Femininity. New York 1984.
Bunsell, Tanya; Shilling, Chris: The female bodybuilder as a gender outlaw. Qualitative Research in Sport, Exercise and Health, 1(2), 2009, S. 141–159. https://doi.org/10.1080/19398440902909009
Bunsell, Tanya: Strong and Hard Women: An ethnography of female bodybuilding, Oxfordshire 2013.
Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main 2021.
Butler, Judith: Körper von Gewicht, Frankfurt am Main 1995.
Deutscher Bodybuilding- und Fitness Verband e.V. (DBFV e.V.): Aktuell gültige Wettkampfregeln, 2024. Abrufbar unter: https://www.dbfv.de/wettkampfregeln/ (zuletzt: 02.04.2026).
Dobbins, Bill: Why aesthetic female muscle is important, #20407, August 2016. Abrufbar unter: https://billdobbins.me/2016/08/12/why-aesthetic-female-muscle-is-important/ (zuletzt: 02.04.2026).
Dutton, Kenneth R.; Laura, Ronald S.: Towards a history of bodybuilding, in: Sporting Traditions, 6(1), 1989, S. 25–41.
German Natural Bodybuilding & Fitness Federation e.V. (GNBF): Klassen- und Wertungskriterien: Women’s Figure. Stand: 19.02.2023. Abrufbar unter: https://gnbf.net/klassen-wertungskriterien/womens-figure/ (zuletzt: 02.04.2026).
Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib (1750–1850), Frankfurt/New York 1991.
International Federation of Bodybuilding and Fitness (IFBB) Professional League: Pro Rules, 2026. Abrufbar unter: https://www.ifbbpro.com/rules/ (zuletzt: 02.04.2026).
Lembke, Ulrike: Vis haud ingrata – die „nicht unwillkommene Gewalt“. Die kulturellen Wurzeln sexualisierter Gewalt und ihre rechtliche Verarbeitung, Vortrag im Rahmen des FRI exchange No. 11, Humboldt-Universität zu Berlin, 18. April 2008, S. 1–28. Abrufbar unter: https://www.feministisches-studienbuch.de/download/u-lembke-sexualisierte-gewalt.pdf (zuletzt: 02.04.2026).
Schiebinger, Londa: Skeletons in the Closet: The First Illustrations of the Female Skeleton in Eighteenth-Century Anatomy, in: Catherine Gallagher / Thomas Laqueur (Hrsg.): In the Making of the Modern Body: Sexuality and Society in the Nineteenth Century, Berkeley: University of California Press 1987, S. 42–82. https://doi.org/10.2307/jj.5973121
Schwarzenegger, Arnold: The New Encyclopedia of Modern Bodybuilding: The Bible of Bodybuilding, Fully Updated and Revised, mit Bill Dobbins, New York: Simon & Schuster 1985/1998.
Wedemeyer-Kolwe, Bernd: Starke Männer starke Frauen. Eine Kulturgeschichte des Bodybuildings, München 1996.
Zitation: Jessica May : Hybridisierung von Weiblichkeit: Frauenbodybuilding zwischen Norm und Subversion , in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 12.05.2026 , www.gender-blog.de/beitrag/hybridisierung-frauen-bodybuilding/ , DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260512
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