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Identität ist Politik ist Identitätspolitik? Ein Zwischenruf

01. Oktober 2019 Henrike Bloemen

Alle reden (mal wieder) über Identitätspolitiken. In den vergangenen Wochen und Monaten wurden die Debatten aufgeheizt, in den sozialen Netzwerken und den zahlreichen Feuilletons der Bundesrepublik wird der schillernde Begriff der Identitätspolitiken ins Zentrum aktueller Gegenwartsdiagnosen gestellt: „Egal, wogegen oder wofür da gestritten wird, ob es um kulturelle, persönliche oder geschlechtliche Identität geht: Jeder meint mitreden zu können und zu müssen“ konstatieren Rebekka Reinhard und Thomas Vašek (2019) im Juli 2019 auf Zeit Online. Dabei vermag der Begriff nicht nur zu glänzen, sondern sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass „Identitätspolitik Partikularinteressen von Minderheiten zulasten eines – unterschiedlich gefassten – Allgemeinen vertrete“ (Van Dyk 2019: 26) und dadurch nicht nur zur Zersplitterung der Gesellschaft beitrage (u. a. vgl. Fukuyama 2019; Lilla 2019), sondern gar „den Aufstieg der Rechten und den Niedergang der Linken zu verantworten“ (Susemichel & Kastner 2018: 11) habe.

Dass dieser Vorwurf nicht nur nicht haltbar ist, sondern durch die Ausblendung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen die Unterschiede zwischen diametral gegenüberliegenden Identitätspolitiken (begrifflich) verwischt, möchte ich in diesem Zwischenruf deutlich machen.

Das Allgemeine war schon immer partikular

Um sich einen Weg durch das Dickicht der aktuellen Debatten um den Begriff der Identitätspolitiken zu bahnen, ist es zentral, zu verstehen, dass das Allgemeine schon immer die Hegemonie einer bestimmten Partikularität war. Lassen wir dies außen vor, wird die entscheidende Abgrenzung emanzipatorischer Identitätspolitik von herrschaftsförmiger Identitätspolitik vernebelt (vgl. Hark 2019). Wir müssen uns dazu erst klarmachen, was es mit dem Begriff der Identitätspolitiken auf sich hat: Prominente Beispiele, die in der Debatte um Identitätspolitiken aufgeführt werden, reichen von #NiUnaMenos bis hin zu Black Lives Matter oder die Ehe für Alle. Seien es indigene Frauen*, die gegen Femizide demonstrieren, Schwarze Arbeiter*innen, die gegen Racial Profiling und Polizeigewalt auf die Straße gehen oder lesbische Paare, die für ihr Recht auf Eheschließung kämpfen. Gemeinsam ist allen, dass sie im Kollektiv gegen Marginalisierungsbestrebungen und Prekaritätserfahrungen aufbegehren, die ihnen anhand der identitären Differenzlinien race, class, gender widerfahren.

Doch wenn es konkrete Politiken gibt, in deren Zentrum Identitäten stehen, dann müsste es doch auch Politiken ohne Identitäten geben? 

Identitäten sind performative „Nahtstellen“

Die Antwort hierauf ist nein, denn Identität ist immer Politik und Politik ist immer Identität, und zwar nicht nur, wenn sie im Namen Schwarzer lesbischer Frauen* gemacht wird, sondern auch wenn es um „alte weiße Männer“ (Passmann 2019) geht. Dass dies im Dunkeln bleibt, ist eine machtvolle Verwischungs-Taktik: Denn schauen wir aus einer machttheoretischen und herrschaftskritischen Perspektive auf Identitäten, sind die Verflechtungen von Identitäten und Politiken nicht zu entwirren. Aus machttheoretischer Perspektive bringt jede Politik durch „Erzählungen“ (Hark 2006) spezifische Identitäten hervor und diese Erzählungen über Identitäten sind in jeder Politik umkämpft. Dieser dauerhafte Kampf führt dazu, dass Identitäten immer prozesshaft bleiben und nie vollendet sind.

Identitäten haben daher keinen festen Kern, sondern sind vielmehr lockere „Nahtstellen“ (Hall 1994: 30), die innerhalb der politisch umkämpften Erzählungen gebildet werden. Dies hat zur Folge, dass Identitäten immer wieder performativ hervorgebracht werden müssen, sie müssen immer wieder wiederholt werden. Identitäten sind also „[k]ein Wesen, sondern eine Positionierung. Daher gibt es immer eine Identitätspolitik, eine Politik der Positionierung“ (ebd.), welche sich entlang der machtvoll aufgeladenen Differenzlinien wie race, class, gender schlängelt. Aufgrund dieser Positionierungspolitik sind Identitäten nicht immer eine selbstgewählte Positionierung, also etwas, was ich selbst hervorbringe – sondern eben auch etwas, was mich hervorbringt, ich werde positioniert, kollektive Identität wird erzählt und damit wird eben doch ein spezifisches Wesen gewaltsam festgeschrieben. Ich werde so auf meinen Identitätsplatz „verwiesen durch Herrschaft“ (Hark 2019).

„Identität als solche ist Macht“

Die Artikulation von Identitäten ist daher immer „ein Akt der Macht; ja Identität als solche ist Macht“, wie Ernesto Laclau (1990: 31) konstatiert. In eben diesen Positionierungspolitiken werden nicht alle Identitäten – wie die des alten weißen Mannes – auch als Identitäten hervorgebracht. Vielmehr ist es das Ergebnis machtvoller Aushandlungen um die Erzählungen, die manche Identitäten als Identitäten unsichtbar machen. Dies geschieht, indem manche Erzählungen den bereits aufgeführten Differenzlinien race, class, gender in ihrer binären Kodierung von ‚weiß‘ und ‚Schwarz‘, ‚Besitzenden‘ und ‚Besitzlosen‘, ‚Mann‘ und ‚Frau‘ machtvolle Bedeutungen zuschreiben. So kann das eine – weiß, besitzend und männlich – als unmarkierte Norm und damit als das rein Menschliche hervorgebracht werden. Weiblich, besitzlos und Schwarz kann hingegen als das konstitutiv Andere, als die Abweichung der Norm markiert und damit vermeintlich ‚sichtbar‘ gemacht werden. Die Privilegien des rein Menschlichen – ergo des alten weißen Mannes als universeller Maßstab des Menschlichen – bleiben unsichtbar (vgl. Susemichel & Kastner 2019; Van Dyk 2019). Es ist jedoch eine wahrhaft machtvolle Position, „Privilegien im Namen der Universalität“ (Van Dyk 2019: 28) verteidigen zu können und alle anderen Positionierungen als Partikularitäten abzutun und sie durch ihre Abweichung von der Norm nicht als allgemein Menschliches zu verstehen, sondern zu Identitäten zu machen (vgl. Czollek 2019: 168).

Identitätspolitik ist Identitätspolitik?

Wird die Hegemonie des Partikularen (z. B. weiß, männlich) durch eben dieses Erzählen vermeintlicher Universalismen verschleiert, so wird auch ausgeblendet, dass Macht- und Herrschaftsverhältnisse konstitutiv für das Erzählen von Identitäten sind. Verdeckt werden kann dadurch aber auch, „wer spricht“ (Hark 2019), also welche Identitäten von wem erzählt werden – sei es eben in emanzipatorischer Weise ‚von unten‘ oder in herrschaftsförmiger Weise ‚von oben‘ (vgl. Hark 2019). Und nur, wenn wir ‚oben‘ und ‚unten‘ – also auch die Herrschaftsförmigkeit des Erzählens bzw. des Erzählt-Werdens deutlich machen und damit aufzeigen, dass Identitätspolitiken nicht gleich Identitätspolitiken sind, wird deutlich, dass Identitätspolitiken immer im Dienste bestimmter hegemonialer oder widerständiger Politiken stehen. Und diese Unterscheidung ist essenziell, wie Max Czollek verdeutlicht: Durch hegemoniale Politiken kann die „Position der Ausgeschlossenen und Diskriminierten kontrollier- und konsumierbar gemacht“ (Czollek 2019: 169) werden, doch durch das Erzählen der „Nicht-Identität der eigenen Position mit der Dominanzkultur“ (ebd.) besteht die Chance, „die Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne eines höheren Maßes an sozialer und materieller Gerechtigkeit effektiver voranzutreiben“ (ebd.).

Literatur

Czollek, Max (2019): Gegenwartsbewältigung. In: Aydemir, Fatma; Yaghoobifarah, Hengameh & Salzmann, Marianna (Hrsg.), Eure Heimat ist unser Albtraum (S. 167–181). Berlin: Ullstein fünf.

Fukuyama, Francis (2019): Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Hall, Stuart (1994): Kulturelle Identität und Diaspora. In ders.: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2 (S. 26–43). Hamburg: Argument Verlag.

Hark, Sabine (2019): Wer spricht hier über wen? Zeit Online, 31.07.2019. Zugriff am 02.09.2019 unter https://www.zeit.de/kultur/2019-07/identitaet-identitaetspolitik-diskriminierung-aktivismus-philosophie.

Hark, Sabine (2006): Frauen, Männer, Geschlechter, Fantasien. Politik der Erzählungen. In Dietze, Gabriele & Hark, Sabine (Hrsg.), Gender kontrovers. Genealogien und Grenzen einer Kategorie (S. 19–45). Königstein/Taunus: Helmer.

Laclau, Ernesto (1990): New Reflections On the Revolution of Our Time. London und New York: Verso.

Lilla, Mark (2017): The Once and Future Liberal. After Identity Politics. New York: Harper.

Marchart, Oliver (2018): Cultural Studies. München: UVK Verlag.

Passmann, Sophie (2019): Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch. Köln: KiWi-Taschenbuch.

Reinhard, Rebekka & Vašek, Thomas (2019): Identität ist Bullshit. Zeit Online, 29.07.2019. Zugriff am 01.08.2019 unter https://www.zeit.de/kultur/2019-07/sprache-identitaet-begriff-verwendung-diskriminierung-philosophie/komplettansicht?print.

Susemichel, Lea & Kastner, Jens (2018): Identitätspolitiken. Konzepte und Kritiken und Kritiken in Geschichte und Gegenwart der Linken. Münster: Unrast.

Van Dyk, Silke (2019): Identitätspolitik gegen ihre Kritik gelesen. Für einen rebellischen Universalismus. Aus Politik und Zeitgeschichte: Identitätspolitiken, 69(9-11), 25–32.

Zitation: Henrike Bloemen: Identität ist Politik ist Identitätspolitik? Ein Zwischenruf, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 01.10.2019, www.gender-blog.de/beitrag/identitaetspolitik/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20191001

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Henrike Bloemen

Henrike Bloemen ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der WWU Münster, sie forscht und lehrt zu Feministischer Politischer Theorie am dortigen Zentrum für Europäische Geschlechterstudien (ZEUGS).

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