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Headergrafik: Berezko/istock

#Ididnotreadthat – Humoristisch-dekonstruktivistische Interventionen aus dem Wissensprekariat

29. Mai 2018 Nina Kathmann Heidi Süß

Wohl kaum ein anderer Forschungsbereich wird derzeit kontroverser diskutiert als die Geschlechterforschung. Als noch junges und interdisziplinär angelegtes ‚Fach‘ bedeutet doing gender studies für die Akteur_innen auf diesem Feld einen ständigen Kampf um (akademische) Anerkennung, die auch den privaten Raum nicht unberührt lässt. Es gilt, sich unermüdlich zu positionieren, zu rechtfertigen und vor allem möglichst fundiert argumentieren zu können, um Zusammenhänge auch für Außenstehende erklär- und verstehbar zu machen. All das ist nicht nur höchst mühsam, es bedeutet auch, sich einen enormen Umfang an Wissen zu erarbeiten. Butler, Foucault, Derrida, Haraway und Irigaray allein machen noch keinen Kanon, sondern sind verwoben in ein schier unüberblickbares historisches Diskursnetz das über Marx, Hegel, Freud, Nietzsche und Kant letztlich zurückreicht bis hin zur aristotelischen Politik.

Aber was müssen wir wirklich wissen als Geschlechterforscher_innen? Was können wir überhaupt nur wissen in Anbetracht von Alter und sozialer Position innerhalb unserer noch jungen wissenschaftlichen Karriere? Wollen wir überhaupt wissen, was es da vermeintlich zu wissen gilt? Und wird all das, was da in Seminaren, Doktorandenkolloquien und auf Tagungen quer durchs Land als gewusst performiert wird, auch wirklich gewusst?

#Ididnotreadthat – Einzig das Unmögliche kann geschehen

Als geschlechtertheoretisch informiertes, stipendienfinanziertes Wissensprekariat stehen wir bereits selbst mit einem Bein im Feld der Wissenschaft, dessen Entwicklung wir zwar kritisch beäugen, das zu verändern und proaktiv mitzugestalten wir uns aber nicht entziehen wollen. Inspiriert von einem Netzphänomen aus dem Jahr 2014, in dem eine unbekannte Person auf ihrem Instagram-Account unter dem hashtag #youdidnoteatthat die Essgewohnheiten normschöner Menschen in Frage stellte [1], richtet sich #Ididnotreadthat im Kontext hochschulpolitischer Ökonomisierungsprozesse gewissermaßen an uns selbst.

©Nina Kathmann/Heidi Süß, https://www.instagram.com/ididnotreadthat/

Gleichwohl noch nicht gänzlich von den Zwängen des universitären Feldes in die Mangel genommen, sehen wir uns angesichts des unüberblickbaren Kanons der Geschlechterforschung schon jetzt vor eine schier unlösbare Aufgabe gestellt: Was muss (?) ich gelesen haben? Warum? Und Wann? Als Performierung von Nicht-Wissen stellt #Ididnotreadthat hochschulpolitische Ökonomisierungsprozesse infrage und kritisiert die Verknappung der Ressource Zeit. Es bedeutet den Mut und den Willen, auf strukturelle Schieflagen im universitären System hinzuweisen, diese greifbar und am Beispiel eines Selfies sichtbar zu machen, sie zu materialisieren.

Empowerment, Hegemoniekritik oder Selbstexklusion?

Gleichzeitig stellt #Ididnotreadthat für uns einen empowernden Akt dar, bedeutet Dissertieren doch ein ständiges Messen am (vermeintlich immer größeren) Wissen der Anderen im Kampf um akademische Anerkennung. Der Hashtag wird dadurch auch als kritische Infragestellung des Theorie-Kanons lesbar. Gleichzeitig – mit Blick auf die prekäre Lage der Geisteswissenschaften, die nicht erst seit jüngster Zeit unter dem Druck stehen, ihre Existenz legitimieren zu müssen und insbesondere vor dem Horizont der sich verhärtenden Anti-Genderismus Fronten – ist es möglicherweise gewagt, am eigenen Stuhl zu sägen? Ja, sicherlich ist es das. Aber gerade die Geschlechterforschung ist prädestiniert für eine Befragung der Verfasstheit der Institution Universität, ihrer herrschaftlichen In- und Exklusionen, in die das junge Fach längst selbst eingebunden ist, stellt doch sowohl die Kritik am System der Wissenschaft als auch die kritische Überprüfung der eigenen Involviertheit eine ihrer wichtigsten Säulen dar. Hartgesotten hegemoniekritisch eben.

Die Form des Denkens als Befragung: Butler und Derrida im Schulterschluss

Also gehen wir mit Denkerinnen und Denkern, deren Theorien uns die Geschlechterwissenschaften an die Hand geben (und die wir tatsächlich auch schon gelesen haben) auf Spurensuche nach dem, was Derrida die Unbedingte Universität genannt hat. Es geht Derrida dabei nicht um einen statischen Ort einer manifestierten unbedingten Universität, sondern um die gewisse unmögliche Möglichkeit vom Ereignis zu sprechen. Es gibt eine Grenze, an der Universität verhandeln kann, diese Grenze des Unmöglichen, des vielleicht, des wenn, sei, so Derrida (2001:76), der Ort in der die Universität in der Welt sei, an dem sie den „Kräften des Draußen“ ausgesetzt ist. Und genau an dieser Grenze sollte sie ein Wagnis eingehen: Durch die subversive Praxis des Bekennens, das Ereignis des Widerstandes stattfinden zu lassen.

©Nina Kathmann/Heidi Süß, https://www.instagram.com/ididnotreadthat/

Auch wissenschaftliche Normen sind Beschränkungen, die man entweder besser nicht hinterfragt, will man die akademische Freiheit bewahren, oder – und für diese Möglichkeit optiert Judith Butler – man muss sie eben gerade befragen. In der Tradition der Aufklärung, eines „Ethos der Moderne“ (ebd.: 39) und durchaus auch in Anlehnung an Foucault, der im Jahr 1984 in seiner Essay Sammlung Ästhetik der Existenz mit den beiden Aufsätzen Was ist Aufklärung? und Was ist Kritik? eine Rückbesinnung auf Kants Projekt der Aufklärung einforderte, stellt Butler die Frage nach einem philosophischen, sich am Subjekt ausrichtenden Ethos: „Was muss ich machen? Wie muss ich leben?“ Und meint damit nicht zuletzt auch die Freiheit zum Dissens, die als wesentlicher Teil einer Idee der Demokratie (eben auch in der Wissenschaft) verstanden werden sollte (ebd.: 49f.).

Die unbedingte Universität hat ihren Ort eben nicht zwangsläufig und ausschließlich „innerhalb der Mauern dessen, was wir heute Universität nennen“ und sie wird auch nicht notwendig oder exemplarisch „durch die Gestalt des Professors vertreten“ (ebd.: 77). Sondern „sie findet statt“ (ebd.). Mit unserem Vorhaben fordern wir somit im Sinne Derridas nicht nur Professor_innen auf, sich am Wagnis zu beteiligen, sondern wollen diesen Widerstand mit allen Beteiligten stattfinden lassen.

Ein Ort innerer Kämpfe

Dabei lässt sich nicht leugnen, dass ein derartiges Unterfangen, sowohl in seiner praktischen Umsetzung als auch in seiner theoretischen Provenienz, kein Einfaches ist. Denn der Ort Universität ist nicht nur in äußere Kämpfe, in die Forderung nach wissenschaftlicher Freiheit verstrickt, sondern er ist eben auch, wie Sabine Hark für die Frauen-und Geschlechterforschung herausarbeitet, in die Dynamiken des Ortes Wissenschaft verwickelt, der mit seinen Regeln und Routinen Wissen und Handeln konfiguriert. Dieser Ort, dessen Herrschafts- und Regierungsgeschichte u. a. von Gramsci, Foucault oder Rancière aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wurde, ist bei aller eingeforderten Emanzipationsmöglichkeit ein pädagogischer Ort, der kontinuierlich Subjektvorstellungen und damit pädagogische (wie auch politische und philosophische) Verhältnisse (re)produziert. Es ist ein Ort, an dem das politisch-pädagogische Verhältnis nicht zuletzt durch die Angst geprägt ist, „beim Nichtwissen ertappt zu werden“ (Sternfeld 2009: 15).

Auch wenn sich Rancière durchaus vehement gegen eine Politisierung der Pädagogik stellt, können wir nicht anders, als an dieser Stelle den Protagonisten des Unwissenden Lehrmeisters, Jean Joseph Jacotot und die sich daraus ergebenen Überlegungen Rancières zum Prinzip der Gleichheit anzuführen. Jacotots Experiment an einer niederländischen Universität des 19. Jahrhunderts zeigte, dass Lernen auch ohne die permanente Reproduktion von Überlegenheit und Unterlegenheit, ergo von Wissen und Nichtwissen, möglich ist. Dabei lässt sich dieses Experiment gleichwohl an die Überlegungen Derridas, Butlers oder Foucaults anschließen, denn die scheinbare Unmöglichkeit des von Jacotot anvisierten Verhältnisses, legte den Grundstein für die Möglichkeit einer Veränderung.

Werden Sie ein Teil der Bewegung

©Nina Kathmann/Heidi Süß, https://www.instagram.com/ididnotreadthat/

Um den Kreis zu schließen, geht es um eben jenes vielleicht, wie Nora Sternfeld expliziert, um das Verhandeln an der Grenze, um einen Raum der Kritik, der die Differenz von Autonomie und Heteronomie aufhebt, indem dieser Raum gleichsam offengehalten wird. „Ein Raum für die Möglichkeit des Scheiterns, der Erfahrung und der Veränderung“.

Werden Sie Teil dieser wichtigen Debatte und unterstützen Sie uns mit ihrem Selfie. Mit Angaben zu dem/der Autor_in, ihrer Institution und Forschungsschwerpunkten einfach als Mail an nina.kathmann@uni-hildesheim.de oder suessh@uni-hildesheim.de. Oder veröffentlichen Sie ihr Selfie mit dem hashtag #ididnotreadthat einfach selbst.

 

[1] Die kritisierten Instagram-Fotos zeigen normschöne Lifestyle-Blogger_innen und Models kurz vor dem Verzehr verschiedener kalorienhaltiger Lebensmittel.

 

Headergrafik: Berezko/istock

Nina Kathmann

Nina Kathmann ist Doktorandin des Interdisziplinären Graduiertenkollegs „Gender und Bildung“ an der Stiftungsuniversität Hildesheim. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kunst - und Literaturwissenschaft (interdisziplinäre Forschung), Diskurse zur Intermedialität, Verhandlungen von Bild/Raum/Subjekt sowie Feministische und Gender Theorien.

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Heidi Süß

Heidi Süß ist Doktorandin des Interdisziplinären Graduiertenkollegs „Gender und Bildung“ an der Universität Hildesheim. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind HipHop Studies, (Jugend)Szenen, Sozialisations- und Identitätstheorie, Geschlechter-, insbesondere Männlichkeitstheorie an der Schnittstelle von Kultur- und Sprachwissenschaft sowie Soziologie.

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