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Inklusive sexuelle Bildung als Herrschaftskritik

19. Mai 2020 Elke Kleinau Julia Kerstin Maria Siemoneit

Sexualpädagogische Konzepte adressieren überwiegend Menschen ohne Behinderungen, die heterosexuell begehren, sich in die geschlechterbinäre Ordnung einfügen können, Weiß [1] und lesestark sind. Hinzu kommt, dass auch angehende Pädagog*innen auf die sexualpädagogischen Aufgaben, die mit der Arbeit in der pädagogischen Praxis einhergehen, nicht vorbereitet werden. So entsteht ein unzureichendes Angebot in der sexuellen Bildung sowohl für die (zukünftigen) Pädagog*innen als auch für die Adressat*innen pädagogischer Arbeit – und das, obwohl Menschen von Anfang an über die ganze Lebensspanne hinweg als sexuelle Wesen gelten (vgl. Schmidt 2004).

Wir diskutieren im Folgenden sexualpädagogische Konzepte in ihrer Verbindung zu herrschaftskritischen Ansätzen und stellen das Kölner Praxisprojekt Inklusive sexuelle Bildung für angehende Pädagog*innen vor. Einer inklusionssensiblen sexuellen Bildung geht es nicht nur um Toleranz- oder Akzeptanzbildung, sondern sie setzt stets an der Kritik von Wissen und Herrschaftsverhältnissen an, wie wir anhand der Differenzlinien Begehren und Geschlecht sowie Migration und People of Colour (PoC) exemplarisch zeigen.

Sexualpädagogische Konzepte und Wissenskritik

Einem weiten Inklusionsbegriff folgend lässt sich fragen, wie bestimmtes Wissen, das bedeutsam für die eigene Gesundheit und Lebensqualität ist, so aufbereitet und vermittelt werden kann, dass Menschen mit unterschiedlichen physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder sonstigen Voraussetzungen einen möglichst barrierearmen Zugang gewinnen können (vgl. Saalfrank/Zierer 2017: 32ff.). Auch das Wissen, das durch sexualpädagogische Diskurse selbst produziert wird, ist kritisch zu betrachten: Welche geschlechterbezogenen, klassistischen, rassistischen Zuschreibungen und Fixierungen sind darin enthalten, oder – ganz im Gegenteil – welche dieser Differenzkategorien werden de-thematisiert und unsichtbar gemacht? Vor dem Hintergrund einer Geschichte der Sexualität, die mittels Psychiatrisierungs- und Pathologisierungsdiskurse über vermeintlich gute und schlechte, gesunde und kranke Sexualitäten richtete (vgl. Foucault 1983 [1977]), können anhand herrschaftskritischer, feministischer Perspektiven Zuschreibungs- und Verkürzungspraktiken sichtbar gemacht werden.

Verbesonderung, Abwertung und (Un-)Sichtbarkeit 

Bereits in der programmatischen Methodensammlung „Sexualpädagogik der Vielfalt“ (Tuider et al. 2012) wurden unterschiedliche Differenzlinien aufgegriffen: So werden im Rahmen einzelner sexualpädagogischer Methoden Geschlecht (Frauen, Männer, Transgender), Herkunft, Alter, Begehren und Dis/Ability berücksichtigt. In Bezug auf die Bearbeitung gleichgeschlechtlichen Begehrens wurde wiederholt kritisiert, dass Homosexualität „additiv“ (Hartmann 1998: 26) als Spezialform von Begehren verbesondernd bearbeitet werde, aber nicht in den ‚allgemeinen‘ Teilen – in denen immer Heterosexualität Ausgangspunkt ist – von Sexualpädagogik berücksichtigt wird. Dadurch wird Heterosexualität wiederum als Norm gesetzt. Eine inklusive sexuelle Bildung würde im Sprechen fortlaufend sowohl verschiedene Begehrens- als auch Beziehungsformen mitdenken, ohne einzelne besonders herauszustellen. Wenn Zuschreibungs- und Ausschlussformen wegfallen, erübrigt sich auch bestenfalls die explizite Bearbeitung dieser Themen durch gesonderte Methoden zur Akzeptanzförderung.

Rassismuskritische Ansätze konnten zeigen, dass der sexualpädagogische und sexualwissenschaftliche Diskurs mit Zuschreibungen und Stereotypisierungen zur Sexualität von Menschen ‚mit Migrationshintergrund‘ und/oder PoC arbeitet (vgl. Voß 2018). Zum Beispiel werde deren Sexualität als defizitär im Hinblick auf ihre Einstellungen zu Homosexualität und Frauenbild markiert. Dies zöge eine besondere Sexualpädagogik für Menschen mit Migrationshintergrund und/oder PoC nach sich. Während in den Methodensammlungen türkische Namen etwa für Fallgeschichten von sexualpädagogischen Methoden fehlen, fallen sie plötzlich in Zusammenhang mit Antidiskriminierungsarbeit zu sexueller Orientierung unter besonderer Berücksichtigung von Religion (vgl. Tuider et al. 2012: 115; s. auch KjG 2011: 76). So werden nicht nur implizit Weiße Heranwachsende kategorisch als liberaler und kompetenter als Migrant*innen und/oder PoC eingeordnet. Zudem erfährt mit dem türkischen Namen auch der Islam als Religion eine besondere Problematisierung gegenüber christlichen Religionen, deren mitunter deutliche Abwertung gleichgeschlechtlichen Begehrens weniger sichtbar gemacht wird (vgl. Reimers 2007; Røthing/Svnendsen 2010; Voß 2018; Dietze 2019).

Das Kölner Projekt

Das Kölner Projekt Inklusive sexuelle Bildung für angehende Pädagog*innen (InseB) antwortet auf diese Leerstellen in konzeptioneller und ausbildungsstrategischer Hinsicht. Zunächst wurden anhand eines inklusionssensiblen Ansatzes intersektionale Zuschreibungs- und Ausschlusspraktiken im sexualpädagogischen Wissensdiskurs kritisch in den Blick genommen. In den genutzten Materialien und Methoden zur Aufklärungsarbeit und auch in Aufklärungs- bzw. Unterrichtspraktiken, z. B. im Sprachgebrauch, finden sich zahlreiche soziale Zuschreibungen und Ausschlüsse. Modifizierte oder selbst hergestellte, neue Materialien wurden durch Studierende im Rahmen sexualpädagogischer Workshops an einer inklusiven Gesamtschule (5. und 6. Klassen) sowie jeweils einer Förderschule für körperlich-motorische (9. und 10. Klassen) und sozial-emotionale Entwicklung (6. Klasse) erfolgreich eingesetzt.

Auf der ausbildungsstrategischen Ebene sollte sexualpädagogisches Wissen durch die Studierenden selbst im Peer-to-Peer-Verfahren verstetigt werden. Das Projekt wurde deshalb in eine studentische Initiative überführt, die ehrenamtlich sexualpädagogische Workshops für pädagogische Einrichtungen anbietet und die sexualpädagogische (Aus-)Bildung der nächsten Studierendenkohorte übernimmt.

Sowohl die Leitung sexualpädagogischer Workshops mit Heranwachsenden als auch die Aufgabe der sexualpädagogischen (Aus-)Bildung im Peer-to-Peer-Verfahren erforderte eine umfassendere Vorbereitung der Studierenden. In der auf zwei Semester angelegten Seminarreihe für die erste Studierendenkohorte wurden ein kritischer Sexualitätsbegriff und Kenntnisse zur psychosexuellen Entwicklung vermittelt. Es erfolgte eine textbasierte herrschaftskritische Auseinandersetzung mit den sexualpädagogischen Methoden und Materialien sowie eine inklusionssensible Reflexion und Anpassung. Auch Elemente sexualbiografischer Reflexionsarbeit waren Bestandteil der Vorbereitung.

Universität meets sexualpädagogische Praxis

Insgesamt haben Studierende seit 2018 auf Anfrage pädagogischer Einrichtungen aus Köln und Umgebung gut 40 sexualpädagogische Workshops für knapp 500 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene durchgeführt. Sie setzten sich inklusionssensibel und herrschaftskritisch mit vorhandenen sexualpädagogischen Materialien auseinander, modifizierten diese oder erstellten neue Materialien: So wurden für die Workshops Menschenkörper(-teile) gezeichnet, plastiziert oder genäht, die unterschiedliche Körperformen, Geschlechter, Hautfarben oder Körper im Rollstuhl zeigen. Mit Salzteig konnten vielfältige Formen von Geschlechtsorganen dargestellt werden, über die Heranwachsende dankbar in Gespräche einstiegen, zumal diese Vielfalt etwa in pornografischen Filmen, die in diesen Altersgruppen bereits breit konsumiert werden, nicht unbedingt sichtbar wird.

Für Heranwachsende mit besonderem Gesprächsbedarf wurden sexual- und beziehungsrelevante Geschichten geschrieben und in Comicstrips  illustriert. Für autistische Heranwachsende wurden klarere Kommunikationsstrukturen in den Methoden und Materialien berücksichtigt, um Missverständnissen in der romantischen oder intimen Kommunikation vorzubeugen und sexuelle Einvernehmlichkeit zu ermöglichen. Um auf das jeweilige intellektuelle und kognitive Spektrum in einer Klasse einzugehen, wurde mitunter auf reizarme Visualisierungen geachtet und Erklärungen wurden in leichte Sprache übersetzt.

Die verschiedenen beobachteten Zuschreibungs- und Ausschlusspraktiken wurden durch die Gestaltung der Workshops und Materialien reduziert. Zusätzlich werden diverse Geschlechter, Begehrens- und Beziehungsformen sowie Menschen mit Migrationshintergrund, PoC und Menschen mit Behinderungen positiv repräsentiert.

Wie geht es weiter?

Derzeit sind 15 Studierende weiterhin als Peer-Educators und Workshop-Leitungen aktiv. Mittlerweile fragte auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die studentische Expertise für die überarbeitete Neuauflage hauseigener Materialien an. Zudem kommen die Studierenden bei Engpässen für pro familia e. V. zum Einsatz, oder sie unterstützen bei exit e. V. sexualpädagogische Programme für junge Frauen in Haft. Im Gegenzug konnte pro familia e.V. auch für sexualpädagogische Fortbildungsveranstaltungen und für die Bereitstellung von Praktikumsplätzen gewonnen werden.

Die Studierenden aus dem Projekt Inklusive sexuelle Bildung für angehende Pädagog*innen können zur Durchführung sexualpädagogischer Workshops über inseb-koeln@uni-koeln.de angefragt werden.

 

[1] In Anlehnung an postkoloniale Theorie verstehen wir Weißsein als ‚Rassen’konstruktion, die an „kulturelle, soziale und politische Kriterien gebunden sind“ (Dietrich 2014: 387) und damit das Weißsein als Konstruktion und Herstellungsleistung zur Aufrechterhaltung von Weißer Herrschaft versteht. Diese Positionierung wird in der Schreibweise von Weiß markiert.

Literatur

Dietrich, Anette (2014): Critical Whiteness Studies als Ansatz zur Analyse und Kritik von Rassismus? In: Nduka-Agwu, A.; Hornscheidt, A. L. (Hrsg.): Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen (2. Aufl., S. 387–395). Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel.

Dietze, Gabriele (2019): Sexueller Exzeptionalismus. Überlegenheitsnarrative in Migrationsabwehr und Rechtspopulismus. Bielefeld: transcript. https://doi.org/10.14361/9783839447086

Foucault, Michel (1983 [1977]): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Hartmann, Jutta (1998): Die Triade Geschlecht-Sexualität-Lebensform. Widersprüchliche gesellschaftliche Entwicklungstendenzen und neue Impulse für eine kritische Pädagogik. In: Hartmann, J./Holzkamp, Ch./Lähnemann, L./Meißner, K./Mücke, D. (Hrsg.): Lebensformen und Sexualität. Herrschaftskritische Analysen und pädagogische Perspektiven (S. 29–41). Bielefeld: Kleine.

Katholische junge Gemeinde (2011): Erste allgemeine Verunsicherung. Sexualpädagogik in der KjG. Düsseldorf: KjG Bundesstelle. Abrufbar unter: https://kjg.de/fileadmin/user_upload/kjgfolder/was_wir_tun/bildung/sexualpaedagogik/2012-02-02_kjg_sexualpaed_arbeitshilfe_Aufl2_web.pdf.

Reimers, Eva (2007): Always Somewhere Else – Heteronormativity in Swedish Teacher Training. In: Martinsson, L.; Reimers, E. Reingardé, J. & Lundgren, A.S. (Hrsg): Norms at Work: Challenging Homophobia and Heteronormativity (S. 54–68). Stockholm: Transnational cooperation for equality.

Røthing, Åse; Svendsen, Stine & Helena Bang (2010): Homotolerance and Heterosexuality as Norwegian Values. Journal of LGBT Youth, 7(2), 147–166. https://doi.org/10.1080/19361651003799932

Saalfrank, Wolf-Thorsten & Zierer, Klaus (2017): Inklusion. Paderborn: Ferdinand Schönigh.

Schmidt, Gunter (2004): Kindersexualität – Konturen eines dunklen Kontinents. Zeitschrift für Sexualforschung, 17(4), 312–322.

Tuider, Elisabeth; Müller, Mario; Timmermanns, Stefan; Bruns-Bachmann, Petra & Kopperman, Carola (2012): Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit (2. überarb. Aufl.). Weinheim, München: Beltz Juventa.

Voß, Heinz-Jürgen (2018): Sexualwissenschaft und rassistische Stereotype. FORUM Wissenschaft. Abrufbar unter: https://www.linksnet.de/artikel/47539.

Zitation: Elke Kleinau, Julia Kerstin Maria Siemoneit: Inklusive sexuelle Bildung als Herrschaftskritik, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 19.05.2020, www.gender-blog.de/beitrag/inklusive-sexuelle-bildung-herrschaftskritik/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200519

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Prof. Dr. Elke Kleinau

Elke Kleinau ist Professorin für historische Bildungsforschung mit dem Schwerpunkt Gender History am Department für Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Universität zu Köln. Sie ist als Vertreterin der Humanwissenschaftlichen Fakultät im Rat von GeStik (Gender Studies in Köln). Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen u. a. in der Bildungs- und Erziehungsgeschichte, der Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie der Geschichte von Kindheit, Jugend und Familie.

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Dr. des. Julia Kerstin Maria Siemoneit

Julia K. M. Siemoneit ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der sexuellen Bildung für angehende Pädagog*innen/Lehrer*innen, auch unter Berücksichtigung von Heterogenität, Macht und Gewalt in Pädagogik, sexuelle Gewalt und Familienforschung. Promotion in Erziehungswissenschaft über Bearbeitungsweisen von Sexualität im Kontext Schule. Approbation als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

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