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Wenn weder Rosa noch Blau passt. Zum Erleben von Eltern intergeschlechtlicher Kinder

07. September 2021 Anike Krämer

Seit Beginn der überlieferten Geschlechtsschreibung gilt Geschlecht – in der Ausprägung männlich und weiblich – als Konstante und unhinterfragbares und auch unhintergehbares Faktum (Gildemeister/Wetterer 1995: 201). Zweigeschlechtlichkeit strukturiert unseren Alltag. Es gibt sportliche Wettbewerbe für Männer und für Frauen, Männer- und Frauentees, Rasierer und sogar geschlechtsspezifisches Duschgel. Die Genitalien gelten als deutliches Unterscheidungsmerkmal (Kessler/McKenna 1978). Wenn der Körper aber keinen Aufschluss über das Geschlecht eines Menschen gibt, führt dies zu Verunsicherung. So auch bei Eltern intergeschlechtlicher Kinder. In meiner qualitativen Studie zum Alltagserleben von Eltern intergeschlechtlicher Kinder habe ich Eltern zu ihren Erfahrungen interviewt. Im Folgenden möchte ich die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit vorstellen.

Inter* als soziale Konstruktion

Inter* als soziale Kategorie (Gregor 2015) unterliegt – wie andere soziale Kategorien – einem stetigen Wandel und kann immer nur zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort definiert und verstanden werden. Der ‚uneindeutige‘ Geschlechtskörper wurde je nach Ort und Zeit unterschiedlich wahrgenommen, erklärt, diskursiviert und untersucht. Während es etwa im 18. und 19. Jahrhundert im deutschen Raum rechtliche Regelungen für ‚Zwitter‘ gab, wurden diese mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches 1900 gestrichen (Klöppel 2010). Hieran zeigt sich eine gewisse Anerkennung von intergeschlechtlichen Körpern, die dann Anfang des 20. Jahrhunderts einer Verleugnung wich. Mit dem gesellschaftlichen Wandel änderten sich auch die Begriffe. Spricht man in der Antike noch vom ‚Hermaphroditen‘, wird es in der frühen Neuzeit der ‚Zwitter‘. Im 20 Jahrhundert wird dann Intersexualität zum gebräuchlichen Begriff, der sich einerseits – im medizinischen Kontext – zu DSD (disorders/differences of sex development) und andererseits – im gesellschaftlichen Kontext – zu Intergeschlechtlichkeit oder Inter* wandelte. Sozialwissenschaftlich lässt sich Inter* – zumindest im westlichen Kulturkreis – als körperliche Verfasstheit eines Menschen beschreiben, dessen geschlechtlich attribuierte Merkmale wie Chromosomen, Gonaden, Hormone und das äußere Genital von Geburt an nicht eindeutig in das biologisch-medizinische System von ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ eingeordnet werden können (Krämer/Sabisch 2019).

Wenn der Alltag durchbrochen wird

Die von mir interviewten Eltern haben alle im ersten Lebensjahr von der Intergeschlechtlichkeit ihres Kindes bzw. ihrer Kinder erfahren – manche direkt nach der Geburt, andere nach einer Leistenbruchoperation, bei der Hoden im Bauchraum des vermeintlichen Mädchens gefunden wurden. Die Nachricht, dass ihr Kind intergeschlechtlich ist, beschreiben die Eltern als Schock, auch weil das Thema für die meisten Eltern ein neues ist. Sie wissen nicht, was dies für das Leben ihres Kindes oder für ihres eigenes bedeutet. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft und fragen sich, ob ihr Kind Ausgrenzung und Mobbing erfahren wird, ob es eine*n Partner*in findet, ob es stabile soziale Beziehungen hat etc. Auch die Unsicherheit bezüglich einer möglichen biologischen Elternschaft oder Mutterschaft treibt die Eltern um sowie die Trauer, dass diese Erfahrung ihren Kindern vielleicht versagt bleiben könnte. Auch Scham und Schuld spielen – mindestens zu Anfang – eine Rolle in der Auseinandersetzung. Scham darüber, anders zu sein als andere Familien und schuldig, dass sie, als Mutter, verantwortlich für diese Andersheit sind – etwa, wenn sie genetische Überträgerin einer Inter*-Variation sind. Diese Ängste, Sorgen und Emotionen gehen auf eine (vorgefertigte) Vorstellung davon zurück, was ein erwartbares und ‚normales‘ Leben ausmacht. Doch auch die Erfahrungen im medizinischen System wirken auf das Erleben der Eltern ein.

Diagnosestellung – keine einfache Angelegenheit

Da eine Inter*-Diagnose immer in einem medizinischen Rahmen stattfindet, ist dies für viele Eltern der erste Bezugsrahmen für die Auseinandersetzung mit Intergeschlechtlichkeit. Für die Diagnose sind Mediziner*innen die ausgewiesenen Expert*innen. Sobald die körperlichen Aspekte geklärt sind, in manchen Fällen auch gesundheitliche Fragen, sind jedoch vor allem die sozialen für die Eltern relevant. Dabei geht es um Dinge wie die (geschlechtsspezifische) Erziehung, den Umgang mit dem sozialen Umfeld oder auch um die Kommunikation mit dem Kind selbst.

Die Aufklärungs- und/oder Diagnosegespräche mit Mediziner*innen werden dabei als nicht besonders hilfreich beschrieben. Kritisiert werden vor allem die medizinische Fachsprache, undifferenzierte Kommunikation und eine fehlende Sensibilität gegenüber den Belangen der Eltern. Manche Eltern berichten auch von deutlichen Grenzüberschreitungen, die sie im Krankenhaus erlebt haben. Die Untersuchungen und die Gespräche mit verschiedenen Mediziner*innen – häufig an verschiedenen Orten im ganzen Bundesgebiet – sowie der Sozialraum Krankenhaus werden in keinem Fall als positiv beschrieben, sondern als mehr oder weniger belastend (vgl. auch Krämer/Sabisch 2017).

Über den (medizinischen) Tellerrand hinaus

Vor allem alltagsweltliche Fragen der Eltern werden von der Medizin nicht beantwortet. Daher suchen die Eltern nach anderen Informationsquellen und finden diese vor allem in der Selbsthilfe. Hier können sie von anderen Eltern und von intergeschlechtlichen Menschen lernen. Handlungsstrategien können so beobachtet und dann übernommen oder auch verworfen werden. „Jede Erfahrung von Betroffenen ist gut für mich,“ sagt etwa eine Mutter. Hieran zeigt sich auch die Zäsur, die die Intergeschlechtlichkeit im Alltag der Eltern darstellt. Denn Eltern fehlt es nicht nur an Wissen über Inter*, es fehlt insbesondere an Vorbildern und Handlungsoptionen, die dazu beitragen, dass der Alltag positiv bewältigt werden kann und die im besten Falle eine glückliche Zukunft für das Kind möglich erscheinen lassen. Denn dies ist das erklärte Ziel der Eltern und ihre größte Angst, dass das Kind unglücklich werden könnte. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen von intergeschlechtlichen Menschen und anderen Eltern führt auch zu einer Auseinandersetzung mit Vielfalt. Zum Teil wird auch die eigene Geschlechtlichkeit reflektiert oder politische Debatten rund um das Thema Geschlecht mehr verfolgt und neu bewertet.

Neue Normalitäten

Die Hoffnung auf eine offene und frei gestaltbare Zukunft des Kindes macht es notwendig, den ersten Schock zu überwinden. In diesem Prozess eignen sie sich Wissen an, das ihnen dabei hilft, das Thema zu enttabuisieren und neue Handlungsoptionen auszuprobieren. Über die Intergeschlechtlichkeit zu sprechen – sowohl in dem geschützteren Rahmen eines Selbsthilfetreffens als auch im Gespräch mit Freund*innen und Bekannten – ist ein wichtiges Instrument der Enttabuisierung und es hilft dabei, die eigene Position zu finden. Durch die neuen Erfahrungen und die offene Thematisierung rückt die Intergeschlechtlichkeit in den Hintergrund und eine neue Normalität entsteht. Die Geschlechtlichkeit des Kindes verliert an Alltagsrelevanz, weil sie nicht mehr als problematisch erlebt wird, auch wenn Ängste, Unsicherheiten und Unklarheiten bestehen bleiben.

Renaturalisierung von Geschlecht

Festzuhalten ist, dass durch die Auseinandersetzung mit Intergeschlechtlichkeit die Genitalien an Aussagekraft über das Geschlecht des Kindes verlieren. Für die Eltern wird die Geschlechtsidentität – ob bereits ausgebildet oder nicht – das ausschlaggebende Merkmal für die Geschlechtlichkeit des Kindes. Wird eine eigene Zuschreibung von Seiten des Kindes noch nicht formuliert, wird versucht, eine geschlechtskonforme Erziehung zu vermeiden. Kann das Kind schon eine eigene Zuordnung oder Identifikation formulieren, wird sich an dieser orientiert. Die Geschlechtsidentität wird als biologisches Faktum konstruiert, was es nur zu entdecken gilt. Wie und wo die Geschlechtsidentität im Körper verortet wird, ist unterschiedlich und für die Eltern auch unklar – manche machen Hormone, manche Chromosomen dafür verantwortlich. Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass sich das Alltagsverständnis, also der common sense von Geschlecht, wie in Kessler und McKenna (1978) beschrieben, bei den Eltern ändert. Geschlecht manifestiert sich in der Identität des Kindes und kann nicht anhand von Chromosomen oder Genitalien abgeleitet werden, dennoch bleibt Geschlecht für die Eltern ein natürliches und biologisch begründetes Merkmal des Menschen.

Zurück zum Alltag

Eine Inter*-Diagnose ist für die Eltern eine Zäsur, die als Wirklichkeitskrise beschrieben werden kann, da die fraglos gegebene Welt, in der es Männer und Frauen gibt und diese sich körperlich klar unterscheiden lassen, ins Wanken gebracht wird. Um diese Wirklichkeitskrise zu überwinden, bedarf es neuen Wissens, welches insbesondere die sozialen und gesellschaftlichen Aspekte der Intergeschlechtlichkeit umfasst. Nur so können neue Handlungsstrategien entworfen und die Tabuisierung abgebaut werden, um auf das Ziel einer glücklichen Zukunft hinzuarbeiten. Dazu gehört neben der Enttabuisierung auch, vielfältige Körper anzuerkennen. Unklarheiten, Unsicherheiten und Ungewissheiten bleiben zwar bestehen, sind vor diesem Hintergrund aber besser zu bewältigen.

Das Buch von Anike Krämer „Geschlecht als Zäsur. Zum Alltagserleben von Eltern intergeschlechtlicher Kinder“ ist 2021 in der Reihe Wissen, Kommunikation und Gesellschaft bei Springer VS erschienen.

Literatur

Gildemeister, Regine/Wetterer, Angelika (1995): Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung. In: Knapp, Gudrun-Axeli/Wetterer, Angelika (Hg.): Traditionen.Brüche. 2. Auflage. Freiburg i. Br.: Kore, S. 201–254.

Gregor, Joris (2015): Constructing Intersex. Intergeschlechtlichkeit als soziale Kategorie. Bielefeld: transcript [veröffentlicht unter Anja Gregor].

Kessler, Suzanne J./McKenna, Wendy (1978): Gender. An Ethnomethodological Approach. Chicago & London: University of Chicago Press.

Klöppel, Ulrike (2010): XXOXY ungelöst. Hermaphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin. Bielefeld: transcript.

Krämer, Anike/Sabisch, Katja (2017): Intersexualität in NRW. Eine qualitative Untersuchung der Gesundheitsversorgung von zwischengeschlechtlichen Kindern in Nordrhein-Westfalen. Essen: Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Zugriff am 07.09.2021 unter https://www.netzwerk-fgf.nrw.de//fileadmin/media/media-fgf/download/publikationen/netzwerk_fgf_studie_nr_28_f_web.pdf.

Krämer, Anike/Sabisch, Katja (2019): Inter*: Geschichte, Diskurs und soziale Praxis aus Sicht der Geschlechterforschung. In: Kortendiek, Beate/Riegraf, Birgit/Sabisch, Katja (Hg.): Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Wiesbaden: Springer VS, S. 1213–1222.

Zitation: Anike Krämer: Wenn weder Rosa noch Blau passt. Zum Erleben von Eltern intergeschlechtlicher Kinder, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 07.09.2021, www.gender-blog.de/beitrag/intergeschlechtlich-eltern-kinder/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20210907

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Dr. Anike Krämer

Anike Krämer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Geschlechterstudien der Universität Paderborn sowie Dozentin am Bildungszentrum Erziehung und Soziales der rebeq. Sie ist zudem Mitherausgeberin der Zeitschrift Psychologie und Gesellschaftskritik. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Inter* Studies, der Naturalisierung von Geschlecht und der qualitativen Sozialforschung.

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