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Headergrafik: IFFF Dortmund+Köln (Ausschnitt aus dem Film Ariane).

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Kompliz*innen im Film: die 40. Ausgabe des Internationalen Frauenfilmfestivals 2023

18. April 2023 Malina Klueß

Die Geschichten von vergangenen Filmheld*innen weiterzählen und sich über die Zeit hinweg solidarisieren – das können Zuschauer*innen der Filme des diesjährigen Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund+Köln vom 18. bis zum 23.04.2023 tun. Rund 130 Filme werden hauptsächlich in Dortmund und mit einem Auswahlprogramm im Filmhaus Kino in Köln gezeigt. Es handelt sich um die 40. Ausgabe des ältesten Forums für Frauen in der Filmbranche und steht dieses Jahr ganz im Zeichen der „Kompliz*innen“.

Schon seit der Gründung stärkt das Internationale Frauenfilmfestival den Einfluss von Regisseur*innen, Bildgestalter*innen, Produzent*innen, Drehbuchautor*innen, Komponist*innen und Schauspieler*innen in der Filmbranche und präsentiert deren herausragende Filme. Aber wie ist der Einsatz für die Gleichberechtigung von Frauen im Film entstanden?

Frauen und Film

Seit jeher sind Frauen an der Produktion von Filmen beteiligt, ob vor oder hinter der Kamera, als Schauspielerinnen, Drehbuchautorinnen oder Kamerafrauen. Dennoch sind Frauen in der Filmbranche bis heute unterrepräsentiert und aufgrund ihres Geschlechts von Diskriminierungen und sexualisierter Gewalt betroffen (hierzu #MeTooBewegung). Vor 50 Jahren entschieden Filmemacherinnen, sich mit dem Problem theoretisch auseinanderzusetzen. Sie verbanden Film mit einer feministischen Sicht und so gründete Helke Sander 1974 in Berlin die erste feministische filmtheoretische Zeitschrift Frauen und Film (FuF). „[W]ir wollen die Wirkungsweise des SEXISMUS in den massenmedien [sic] untersuchen und, soweit wir sie schon kennen, beschreiben“ (Sander 1974: 12), so Sander in der ersten Ausgabe der FuF. Den Frauen ging es vor allem um das politische Anliegen, die patriarchalen Strukturen der Filmbranche zu untersuchen.

Wichtig für den Beginn der feministischen Filmtheorie war der Aufsatz „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ von Laura Mulvey aus dem Jahr 1975, in dem die Autorin den Begriff des „male gaze“ (männlicher Blick) formulierte. Mulvey analysiert mit Rückgriff auf die psychoanalytischen Theorien von Sigmund Freud und Jacques Lacan die Geschlechterdifferenz im Film und stellt fest, dass die Repräsentation von Frauen im Film durch den männlichen Blick bestimmt ist. Protagnistinnen seien nur vom Blick des Kameramannes, des männlichen Protaginsten und des Zuschauers geprägt, ohne eine eigene Subjektivität auszudrücken (Klippel 2019: 104). Das Resultat sind Filme, die patriarchale Machtstrukturen widerspiegeln. Seitdem haben viele feministische Filmemacherinnen vielfältigere Blicke auf Frauen im Film geschaffen: Dazu gehören u. a. die Arbeiten von Agnes Varda, Lina Wertmüller, Chantal Ackermann, Nelly Kaplan oder auch Greta Gerwig. „Gerade jetzt, in einer Zeit, in der Frauen in der Filmbranche mehr Platz einfordern und alte Strukturen langsam zu bröckeln beginnen, ist es wichtig, standhaft zu bleiben“ so Maxa Zoller, künstlerische Leiterin des Frauenfilmfests, im Vorwort des Programmhefts (IFFF 2023: 2).

Die Anfänge des Internationalen Frauenfilmfestivals

Den Grundstein für das 40-jährige Bestehen des ältesten Frauenfilmfestivals legte eine Gruppe von Studentinnen aus den Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften der Uni Köln im Jahr 1983 mit der Gründung der Feminale. Schon ein Jahr später fand die erste Ausgabe der FrauenFilmFest Feminale mit Filmen und Videos von Frauen aus der Region statt. Gleichzeitig entstand 1986 im Ruhrgebiet der Verein femme totale e. V. mit dem praxisbezogenen Anspruch: „Wir wollten machen, was die FuF ‚Frauen und Film‘ schreibt“ (IFFF o. J.: o. S.). Der Verein machte es sich zur Aufgabe, den Frauenanteil in der Filmindustrie sichtbar zu machen, und veranstaltete 1987 erstmals das Internationale Frauenfilmfestival in Dortmund.

2006 erfolgte schließlich die Fusion der Kölner Feminale und femme totale. In den nächsten Jahren entwickelte sich das Programm, das sich bis heute mit einem breiten Spektrum feministischen Filmemachens beschäftigt und zur Förderung von Frauen im Film beiträgt. So präsentieren die einzelnen Sektionen des Festivals geschlechterrelevante Themen. Dazu zählen: „begehrt! – filmlust queer“, „Panorama“, „IFFF packt aus“ und „Spot on, NRW!“. Zusätzlich werden vier Preise verliehen, der Internationale Spielfilmwettbewerb für Regisseurinnen, ECFA Short Film Award, Shoot und der Publikumspreis.

Von „bildlichen Gegenwelten“

Laut Mission Statement soll das Festival langfristig dazu beitragen, Diskriminierung und Unterrepräsentation von Frauen im Film sichtbar zu machen, und „bildliche Gegenwelten“ unabhängig von patriarchalen Mustern aufzeigen (IFFF o. J.: o. S.). So steht das Festival für die Gleichberechtigung von Frauen in allen Bereichen der Branche und die Verantwortlichen sprechen sich für eine Quotenregelung bei der Besetzung von Positionen aus. Es werden vor allem Filme mit selbstbestimmten Protagonist*innen gezeigt, fernab des immer noch vorherrschenden „male gaze“. Alternative Erzählmodelle und das Aufbrechen gängiger Mechanismen des populären Kinos sollen Zuschauer*innen der Filme als Vorbild dienen und alternative Erzählungen aufzeigen, wie Film gelingen kann – so auch in diesem Jahr unter dem Motto „Kompliz*innen“.

Das Kernstück: der Internationale Spielfilmwettbewerb

Im Rahmen des Festivals werden rund 130 neuerschienene und archivierte Filme aus allen Genres und Stilrichtungen gezeigt. Dabei soll sich auf Spurensuche nach vergangenen Kompliz*innen begeben werden. Kompliz*innen möchten die Festivalbetreiberinnen aber auch selbst sein, da sie zum zehnten Mal den mit 15.000 Euro dotierten Internationalen Spielfilmwettbewerb ausschreiben, bei dem etablierte Regisseurinnen und Filmemacherinnen ihre aktuellen Arbeiten präsentieren. Er stellt das Kernstück des Festivals dar und seine Jury ist mit Schauspielerin Maria Furtwängler, Schauspielerin und Produzentin Sara Fazilat sowie Regisseurin Helke Sander prominent besetzt.

Zu den acht nominierten Spielfilmen gehört u. a. Angry Annie (FR 2022) von Blandine Lenoir über eine Frau im Jahr 1974 in Frankreich, die Fabrikarbeiterin, verheiratete Mutter und ungewollt schwanger ist. Sie trifft auf Aktivist*innen, die illegal Abtreibungen vornehmen, und erfährt von ihnen eine bisher unbekannte Solidarität. Mother and Son (FR 2022) von Léonar Serraille spielt 1989 und erzählt die Migrationsgeschichte der alleinerziehenden Mutter Rose, die mit ihren zwei Söhnen nach Paris zieht. Das bereits ausgezeichnete Werk von Júlia Muart Rule 34 (BR/FR 2022) gibt Einblick in die Welt von Simone, die sich zwischen Sphären der Gewalt und Erotik bewegt, da sie als Pflichtverteidigerin gegen Femizide kämpft und privat online Sex gegen Geld anbietet.

Vergangene Kompliz*innen für die feministische Praxis

Die Sektion „Fokus“ des Festivals soll Möglichkeiten bieten, sich mit Kompliz*innen über Generationen hinweg zu solidarisieren. Mit fünf langen Spiel- und Dokumentarfilmen, drei Kurzfilmprogrammen, der Langen Filmnacht und einem Vortrag von Irit Neidhardt über Pionier*innen des arabischen Kinos werden Geschichten über die Selbstermächtigung von Frauen im Film erzählt. Die radikal-anarchischen Held*innen aus den Zeiten des Stummfilms in den 1910er-Jahren sind zum Beispiel in Filibus (IT) von 1915 über die genderfluide Baronin Troixmond als futuristische Superschurkin zu sehen. Aber auch in den Archivschätzen des Kurzfilmprogramms Kompliz*innen im frühen Stummfilm finden sich progressive Erzählungen von Geschlechterkonstruktionen aus dem frühen letzten Jahrhundert. Die Stummfilme werden dabei musikalisch begleitet von Gunda Gottschall an der Violine und Mariá Portugal am Schlagzeug. Auch die Geschichte der jungen und lebenslustige Exilrussin Ariane Kusnetzowa wird im deutschsprachigen Film Ariane (DE 1931) gezeigt, die ihr freiheitsliebendes Herz unglücklich verschenkt. Aus der jüngeren Vergangenheit wird das Porträt der Filmemacherin Helke Sander, Aktivistin und Mitbegründerin der Filmzeitschrift Frauen und Film, Aufräumen (DE 2023) von Claudia Richarz gezeigt und feiert auf dem Festival Weltpremiere.

Plakat des Frauenfilmfestivals

©Ten Ten Team, Dortmund & Marina
Weigl, Köln.

Seit den 1980er-Jahren wirken die Macher*innen des Internationalen Frauenfilmfestivals der Unterrepräsentation von Frauen im Film entgegen und schaffen es jedes Jahr, mit einem breiten Spektrum innovativer Filmarbeiten den Blick der Zuschauer*innen für Welten fernab des Mainstreams zu öffnen.

Die 40. Ausgabe des Frauenfilmfests findet vom 18. bis zum 23.04.2023 in den Dortmunder Programmkinos Roxy, Schauburg, sweetSixteen und CineStar sowie online statt. Das gesamte Programm findet sich unter: https://frauenfilmfest.com/unser-programmheft-2023-ist-da/

Literatur

Internationales Frauenfilmfestival Dortmund | Köln e. V. (IFFF) (o. J.): Mission Statement. Zugriff am 13.04.2023 unter https://frauenfilmfest.com/festinfo/mission-statement/.

Internationales Frauenfilmfestival Dortmund | Köln e. V. (IFFF) (2023): Programmheft. Dortmund: Ten Ten Team. Zugriff am 13.04.2023 unter https://frauenfilmfest.com/wp-content/uploads/2023/03/IFFF_Programmheft_2023_WEB_final-1.pdf.

Klippel, Heike (2019): Feministische Filmtheorie und Genderforschung. In: Groß, Bernhard/Morsch, Thomas (Hrsg.), Handbuch Filmtheorie, Wiesbaden: Springer VS, S. 101–119.

Sander, Helke (1974): nimmt man dir das schwert, dann greife zum knüppel. In: Frauen und Film (1), 12–48. https://www.jstor.org/stable/43500085

Zitation: Malina Klueß: Kompliz*innen im Film: die 40. Ausgabe des Internationalen Frauenfilmfestivals 2023, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 18.04.2023, www.gender-blog.de/beitrag/internationales-frauenfilmfestival-2023/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20230418

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© Headergrafik: IFFF Dortmund+Köln (Ausschnitt aus dem Film Ariane).

Malina Klueß

Malina Klueß ist studentische Hilfskraft in der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Sie studiert Soziologie an der Universität Duisburg-Essen.

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