21. Oktober 2025 Marziyeh Bakhshizadeh
Muslimische Frauen machen in einigen mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern mitunter bessere Erfahrungen hinsichtlich ihrer Selbstbestimmung und körperlichen Autonomie als innerhalb muslimischer Communities in europäischen Gesellschaften, insbesondere in Deutschland. Ein Teil dieses Unterschieds erklärt sich durch die Sorge muslimischer Gemeinschaften, ihre religiöse Identität in der Mehrheitsgesellschaft zu verlieren, weshalb oft defensiv an traditionellen Normen und Rollenbildern festgehalten wird. Diese defensive Haltung erschwert nicht nur Veränderungen oder kleinere Reformen innerhalb der Community, sondern führt auch dazu, dass Frauen, die eigenständige Entscheidungen über ihren Glauben, ihren Körper oder ihr persönliches Leben treffen, häufig von ihrer eigenen Gemeinschaft ausgegrenzt werden.
Aufbauend darauf lenke ich in diesem Beitrag – gestützt auf eine qualitative Studie zu den Lebensrealitäten muslimischer Frauen in Deutschland (Bakhshizadeh 2026 i. E.) – die Aufmerksamkeit auf eine bisher wenig beleuchtete Dimension: die innergemeinschaftlichen Spannungen und Einschränkungen, denen viele Frauen innerhalb ihrer eigenen muslimischen Communities ausgesetzt sind.
Konservative Werte in europäischen muslimischen Communities
In vielen europäischen muslimischen Communities sind konservative Werte nach wie vor stark verankert und prägen Predigten sowie religiöse Unterweisungen, in denen traditionelle Rollenbilder und Normen häufig unverändert bestehen bleiben. Diese patriarchalen Strukturen schränken die Autonomie von Frauen ein und begrenzen ihre Freiheit, eigenständige Entscheidungen über Körper, Glauben und Leben zu treffen.
Dies wird auch durch die Aussagen von Frauen deutlich, die ich im Rahmen meiner Forschung interviewt habe (Bakhshizadeh 2025). Eine Teilnehmerin, die sich entschieden hatte, ihr Kopftuch abzulegen, berichtete
„Alle waren schockiert, und einige fragten mich sogar, ob mit mir psychisch etwas nicht stimme. Nach meiner Scheidung wurde ich von Männern aus der Community als abschreckendes Beispiel benutzt. Sie behaupteten, dass Frauen nicht zu viel Freiheit bekommen dürften, weil sie sonst anfangen würden, sich scheiden zu lassen oder den Hijab abzulegen. Viele verboten ihren Ehefrauen sogar, weiterhin Kontakt zu mir zu haben. Der Imam der Moschee, der mich zuvor gebeten hatte, seiner Tochter Nachhilfe zu geben, beendete die Zusammenarbeit. Schließlich sah ich mich gezwungen, mich von dieser Community zu distanzieren und versuchte, neue Beziehungen zu nicht-muslimischen Freund:innen aufzubauen – auch wenn mir das sehr schwerfiel.“ (redigierte Übersetzung eines persischen Interviews mit einer 36-jährigen Frau aus Afghanistan)
Dieses Beispiel verdeutlicht, dass Selbstbestimmung und körperliche Autonomie muslimischer Frauen innerhalb ihrer eigenen Communities häufig nicht anerkannt werden. Selbst religiöse Autoritäten, deren Aufgabe eigentlich die Vermittlung ethischer Werte ist, hinterfragen traditionelle, meist konservative Normen nur selten. Frauen, die sich diesen patriarchalen Erwartungen nicht unterordnen, werden oft ausgegrenzt oder als „nicht mehr muslimisch“ bezeichnet.
Eine Möglichkeit, diesen Einschränkungen zu begegnen, ohne dass die religiöse und islamische Identität der Frauen beeinträchtigt wird, besteht darin, sie mit dem Konzept des islamischen Feminismus vertraut zu machen und dessen Prinzipien sichtbar zu machen.
Islamischer Feminismus im Kontext von Reformbewegungen
Islamischer Feminismus ist ein eigenständiger Ansatz innerhalb feministischen Denkens, der patriarchale Strukturen aus religiöser Perspektive kritisch hinterfragt. Er stützt sich auf die Prinzipien von Gerechtigkeit und Menschenwürde, wie sie im Koran und in der Sunna des Propheten verankert sind, und stellt die Rechte und Würde von Frauen in den Mittelpunkt (Mir-Hosseini 2015). Die historischen Wechselwirkungen zwischen muslimischen Gesellschaften und Europa – einschließlich kulturellen Austauschs, komplexer Beziehungen und kolonialer Einflüsse – lieferten wichtige Impulse für eine Neubewertung der Rolle der Frau im Islam. Während westliche Kolonialmächte häufig den Islam für die Unterdrückung von Frauen verantwortlich machten, entwickelten Reformer wie Muhammad Abduh und Rashid Rida moderne, fortschrittliche Auslegungen des Korans und rückten Frauen erstmals ins Zentrum theologischer und juristischer Diskussionen (Mubarak 2022).
Islamische Feministinnen betonen, dass die Konzepte von Geschlechtergleichheit und Gerechtigkeit, wie wir sie heute verstehen, moderne Begriffe sind und zur Zeit des Propheten nicht in der heutigen Form anwendbar waren. So geht etwa Fatima Mernissi davon aus, der Prophet habe sich innerhalb seiner gesellschaftlichen Realität bemüht, Gerechtigkeit auf eine praktikable Weise zu verwirklichen, und habe Gesetze und Praktiken in Bezug auf Frauen reformiert, um Fairness im Kontext seiner Zeit zu gewährleisten (Mernissi 1991). Diese Reformen wurden niemals als absolute Gerechtigkeit betrachtet; Gerechtigkeit wird vielmehr als offener, dynamischer Prozess verstanden, der sich je nach historischen und sozialen Bedingungen verändert.
Gerechtigkeit auf Basis heutiger gesellschaftlicher Bedingungen
Aus Sicht islamischer Feministinnen besteht die Aufgabe jedes Muslims darin, den Geist des Widerstands gegen Ungerechtigkeit am Leben zu erhalten – so wie es der Prophet vorlebte – und nicht historische Regelungen unkritisch zu bewahren.
Im Laufe der Zeit ignorierten allerdings viele religiöse Autoritäten in patriarchal geprägten Gesellschaften die ethische Botschaft des Propheten und dessen Ziel, Gerechtigkeit zu etablieren. Stattdessen betonten sie die Unveränderlichkeit der Scharia und patriarchaler Werte jener Zeit. Islamische Feministinnen hinterfragen diese Rechtsauslegungen, um Gerechtigkeit auf Basis heutiger gesellschaftlicher Bedingungen neu zu definieren. Gerechtigkeit wird als flexibles, historisch situatives Konzept verstanden, das durch soziale, politische und epistemische Veränderungen geformt wird. Wird Gerechtigkeit als zentrales Ziel und Kern des Islam betrachtet, ist Geschlechtergerechtigkeit heute ein wesentlicher Bestandteil umfassenderer sozialer Gerechtigkeit.
Die Rolle des islamischen Feminismus in muslimischen Communities
Die Bekanntmachung und kritische Diskussion der Prinzipien des islamischen Feminismus in muslimischen Communities ist entscheidend, um Wege zu mehr Gerechtigkeit und Teilhabe aufzuzeigen. Insbesondere können durch Foren, Seminare und Dialogveranstaltungen muslimische Feministinnen, Imame sowie Verantwortliche für die Ausbildung von Imamen zusammengebracht werden, um praxisnahe Strategien zur Umsetzung von Gerechtigkeit innerhalb der Communities und darüber hinaus in der Mehrheitsgesellschaft zu entwickeln. Solche kontinuierlichen Debatten- und Dialogformate machen die Relevanz gegenwärtiger religiöser Denkansätze für die Lebensrealitäten muslimischer Frauen sichtbar. Diese Maßnahmen sind besonders in migrantischen Communities von großer Bedeutung, da Frauen dort häufig an komplexen Schnittstellen zwischen Tradition, religiöser Identität und modernen Lebensrealitäten navigieren müssen. Durch die Förderung einer kritischen Auseinandersetzung können praxisorientierte, kontext-sensitive Ansätze entwickelt werden, die den Prinzipien von Gerechtigkeit und Inklusion im islamischen Diskurs besser gerecht werden und die gesellschaftliche Teilhabe von Frauen nachhaltig stärken.
Literatur
Bakhshizadeh, Marziyeh. 2026 (im Erscheinen). Muslim Women in the Intersection of Religion and Secularism: Challenges in Identity and Integration. In Matthias Ehmann & Michael Schroth (Hrsg.), Minority as a Key Perspective on Religious Diversity. Structure and Interpretation of Religious Life and Communities in European Sociological Minority Settings with a Special Emphasis on Germany. Cham: Palgrave Macmillan.
Mernissi, Fatima. 1991. Women and Islam an Historical and Theological Enquiry. Oxford: Basil Blackwell.
Mir-Hosseini, Ziba. 2015. What is Islamic Feminism. CILE Seminar on Ethics and Gender at the University of Oxford, CILE Center: Research Center for Islamic Legislation and Ethics -Official Account. Zugriff am 10.09.2025 unter https://www.youtube.com/watch?v=Fzf2D43wcTc.
Mubarak, Hadia. 2022. Rebellious Wives, Neglectful Husbands. Controversies in Modern Qurʾanic Commentaries. Oxford: Oxford University Press.
Zitation: Marziyeh Bakhshizadeh: Islamischer Feminismus und Frauen-Agency in muslimischen Communities, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 21.10.2025, www.gender-blog.de/beitrag/islamischer-feminismus/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20251021
Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative
Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz