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Käthe Beutler, eine jüdische Kinderärztin aus Berlin

17. September 2019 Barbara Degen

Die Lebensspanne der Kinderärztin Käthe Beutler (1896–1999) aus Berlin umfasst das gesamte 20. Jahrhundert und damit sowohl die Katastrophe des Holocausts für die jüdische Bevölkerung als auch Erfahrungen, dass es trotz allem beglückende Zeiten in der eigenen Lebensgeschichte gab. Sabine Hildebrandt hat beides in ihrer Biografie von Käthe Beutler berücksichtigt.

Biografiegeschichte als jüdische Erinnerungskultur

Sie strukturiert die Biografiegeschichte in drei Phasen: Das „erste Leben“ von Käthe Beutler von 1896 bis 1936, die Zeiten der Kindheit, Jugend, Ausbildung und der ersten Erfahrungen mit Verfolgung, Flucht und Emigration; das „zweite Leben“ von 1936 bis 1962, die Zeit des Einlebens in das Emigrationsland USA, den damaligen Alltag; und das „dritte Leben“ von 1963 bis 1999, die Zeit nach dem Tod des Ehemannes und Internisten Alfred Beutler (1892–1963), als alte Frau.

Die Autorin beschreibt ein facettenreiches Bild des Frauenlebens und begibt sich mit ihrem Portrait auf die komplizierte Spurensuche nach den Toten und den Überlebenden. Mord, Vertreibungen und Enteignungen zwingen viele jüdische Überlebende nach dem Holocaust, den versprengten Familienschicksalen nachzugehen und die losen Fäden wieder zu neuen Mustern zu verweben. Die Fäden der Familie Beutler und ihrer Herkunftsfamilien Italiener/Rothstein auf Käthe Beutlers Seite und Beutler/Finder auf Seiten ihres Ehemannes waren über die ganze Erde verteilt. Die Spuren der Toten und Verschwundenen reichen von Theresienstadt, Auschwitz, Mauthausen, Buchenwald bis nach Solibor. Exilorte waren Palästina, England, Frankreich, Südafrika und Südamerika. „Kaum einer verblieb in Deutschland“ oder kehrte dorthin zurück (S. 95 ff.)

Das Leben in Berlin

Buchtitel

Käthe Beutler kam ebenso wie ihr Ehemann aus wohlhabenden Familien, für die eine intensive intellektuelle und musischen Kultur, wie Hausmusik, zum Alltagsleben gehörten. Sie wurde geprägt durch einen regen Austausch mit Familienmitgliedern, Nachbarn und anderen Ärzten, vielen Intellektuellen und mit einer sorgfältigen Erziehung der Kinder. Sie selbst konnte Medizin studieren, eine Familie gründen, drei Kinder erziehen und eine eigene Praxis als Kinderärztin betreiben. Dabei half ihr nicht nur die Unterstützung ihres Ehemannes, sondern auch das notwendige Hilfspersonal, wie Haushaltshilfen und Kindermädchen. Die Jahre bis zu ihrem 34. Lebensjahr schildert Sabine Hildebrandt als eine wahr gewordene Hoffnung auf ein erfülltes Leben. Käthe und Alfred Beutler legten in der Erziehung ihrer Kinder besonderen Wert auf frühe Kreativität und einen möglichst weitgehenden Schutz vor antisemitischen Angriffen.

 

Das Leben in Milwaukee

Als sich mit Hitlers Machtantritt die gewohnte Welt über Nacht veränderte, war es Käthe Beutler, die frühzeitig die Gefahren für die Existenz der Familie erkannte. Umsichtig bereitete sie die Emigration vor und leitete sie in die Wege. Auf Wunsch des Ehemannes emigrierte die Familie 1935 nach Milwaukee, einer Stadt im ländlichen Bundesstaat Wisconsin der USA. Hier konnte Alfred Beutler trotz der anfänglichen Sprachschwierigkeiten und des großen bürokratischen Aufwandes schnell eine eigene und gut gehende internistische Praxis eröffnen, die seiner Frau, den beiden Söhnen Ernest und Fred und der kleinen Tochter Ruth das finanzielle Überleben sicherte. Während Alfred Beutler – scheinbar mühelos – an seine berufliche Tätigkeit in Berlin anknüpfen konnte, sah die Situation für Käthe Beutler völlig anders aus.

Geschlechtsspezifische Exilerfahrungen

Sie hatte nunmehr keine Hilfe mehr im Haushalt und bei der Kinderziehung. Obwohl sie ebenfalls eine eigene Kinderarztpraxis betrieb, wussten ihre Kinder, Enkelkinder und Urenkel später nicht, wie umfangreich und erfolgreich diese Praxis war. 1941 holten Alfred und sie ihre Schwiegermutter Elisabeth zu sich und sicherten damit deren Überleben. Hinter der Erinnerung an die überlebensnotwendige Sorge als Mutter, Hausfrau und Organisatorin der Familienangelegenheiten verschwand in der Exilzeit die Erinnerung an ihre Arbeit als erfolgreiche und durchsetzungsfähige Ärztin. Auch in der Ehe setzten sich traditionelle Verhaltensmuster aus der Zeit des Kaiserreichs durch und verdrängten die gleichberechtigte Anfangsphase ihrer Beziehung. Gleichwohl hatte diese Zeit gleichberechtigter Beziehung Käthe Beutler geprägt und sie stärker und entscheidungsfreudiger gemacht. Manchmal allerdings mischten sich ihre Erfahrungen mit Resignation: „Die brauchen nicht noch mehr Ärzte hier, und schon gar keine weiblichen.“ (S. 71) Und wie bei vielen jüdischen Überlebenden verband sich der Stolz auf eine erfolgreiche Überlebensarbeit im Exil mit der beunruhigten Frage, ob sie bei einer Verwandten, die in Gurs/Südfrankreich inhaftiert war, nicht mehr hätte helfen können. Als Witwe widmete Käthe Beutler sich vor allem der Sorge um ihre Kinder, Enkel und Urenkel und der Erinnerungsarbeit.

Exemplarische Geschichtsschreibung

Es ist das Besondere an der Biographie von Sabine Hildebrandt, die unterschiedlichen Lebenslinien eines Ehepaares vor und im Exil so herausgearbeitet zu haben, dass nicht nur das individuelle Schicksal, sondern auch verallgemeinernd die frauenfeindlichen und sexistischen Grundlagen der NS-Herrschaft deutlich werden (S. 6–78).

Damit entsteht bei ihrer Art der Biografieforschung ein „Mehr“ an Erkenntnis, ein sinnlicheres Bild über die Beziehungsgefüge im 20. Jahrhundert. Die anschauliche Sprachbegabung der Autorin, ihre umfangreichen Recherchen und ihr großes historisches Wissen ermöglichen das lebendige Portrait eines ganzen Jahrhunderts. Aufmerksam macht das Buch auch auf die Probleme von Reden und Schweigen gegenüber den Nachgeborenen und auf die Frage, welche Erinnerungen und Erfahrungen im Alter in der Vordergrund rücken. Schließlich erweitert die Autorin auch den Opferbegriff und zählt die Zurückgelassenen, Alten, oft Vereinsamten zu den Opfern des Holocaust. Die Schmerzen, die Trauer und die Widersprüche des Exils sind von der Darstellung der historischen Fakten und Zusammenhänge nicht zu trennen.

Käthe Beutler in der Charité

Stolperstein für
Dr. Käthe Beutler

Den Stolz auf die eigenen Lebensleistungen von Käthe Beutler, einer Matriarchin, wie sie die Autorin nennt, spiegelt sich auch in den Gegenwartsbezügen des Buches wider. Zu den vielen gelungenen wissenschaftlichen Karrieren der nachfolgenden Generationen gehört der Nobelpreis für Medizin für einen Enkel des Ehepaars Beutler, Bruce Beutler 2011. Ein Symposium zu Ehren der Familie Beutler 2016 und die Verlegung von Stolpersteinen zeigen die Wirkung sowie den Wert jüdischer mündlicher und schriftlicher Erinnerungskultur. Nach Käthe Beutlers Tod am 5. März 1999 wurde ein Forschungsgebäude der Charité nach ihr benannt. Sabine Hildebrandt schließt ihr Buch mit den Worten: „Es hätte sie gefreut“.

Den hoffentlich vielen Leserinnen und Lesern des Buches ist zu wünschen, dass sich diese Freude und der Optimismus – „trotz alledem“ – auch auf sie überträgt.

Literatur

Sabine Hildebrandt: Käthe Beutler (1896–1999). Eine jüdische Kinderärztin aus Berlin. Berlin, Leipzig: Hentrich & Hentrich 2019. 119 Seiten, 14,90 EURO

Bildnachweise

Sabine Hildebrandt: Käthe Beutler (1896–1999). Eine jüdische Kinderärztin aus Berlin. Berlin, Leipzig: Hentrich & Hentrich 2019.

Stolperstein, Käthe Beutler, Theodor-Heuss-Platz 2, 14052, Berlin-Westend, Deutschland, OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0.

Zitation: Barbara Degen: Käthe Beutler, eine jüdische Kinderärztin aus Berlin, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 17.09.2019, www.gender-blog.de/beitrag/kaethe-beutler/

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© Headergrafik: Uta C. Schmidt

Dr. Barbara Degen

Dr. Barbara Degen, geb. 1941, Bonn, Juristin und Frauengeschichtsforscherin, langjährig als Anwältin für Gleichstellungsrecht und gegen sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz tätig. Mitbegründerin des Feministischen Rechtsinstituts e.V. Bonn/Hamburg und des Vereins Haus der FrauenGeschichte e.V. Bonn. Publikationen u. a.: „Das Herz schlägt in Ravensbrück“ – Die Gedenkkultur der Frauen (Reihe: „Schriften aus dem Haus der FrauenGeschichte“). Leverkusen, Berlin: Barbara Budrich Verlag 2010.

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