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Das Kapitalverhältnis als Herrschaftsverhältnis in der Theorie von Karl Marx

24. März 2020 Adelheid Biesecker Uta von Winterfeld

Karl Marx (1818–1883) lebte und schrieb in einer Zeit, in der sich der Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit immer weiter zuspitzte und die Arbeiter begannen, sich in Gewerkschaften und Parteien zu organisieren. Die Arbeiterbewegung war von vornherein international ausgerichtet. Marx war in vorderster Front dabei. Gemeinsam mit Friedrich Engels und Wilhelm Wolff gründete er 1847 in London den Bund der Kommunisten und schrieb für diesen gemeinsam mit Engels das „Manifest der kommunistischen Partei“, das 1848 in London veröffentlicht wurde. Die 1864 gegründete Internationale Arbeiterassoziation, 1. Internationale genannt, ist stark von der im Kommunistischen Manifest entfalteten kommunistischen Weltanschauung geprägt.

Dieses politische Engagement ist die eine Seite der Aktivitäten von Marx für die Entstehung und Stärkung der Arbeiterbewegung. Die andere Seite sind seine theoretischen Arbeiten. Darauf konzentriert sich unser Beitrag. Wir wollen wissen: Schließt Marx, wie seine Vorgänger Adam Smith und David Ricardo, mit seiner kapitalismus-kritischen Weiterentwicklung der Werttheorie nach wie vor den Bereich der weiblichen unbezahlten Arbeiten aus, oder bekommen sie eine aktive, d. h. eine wertbildende Rolle? Dazu untersuchen wir das Spezifische der Marx’schen Werttheorie. Denn auch Marx betrachtet die Werttheorie als Kern:

„Die Grundlage, der Ausgangspunkt der Physiologie des bürgerlichen Systems – des Begreifens seines inneren organischen Zusammenhangs und seines Lebensprozesses – ist die Bestimmung des Werts durch die Arbeitszeit.“ (Marx 1967 [1863]: 163).

Die Marx’sche Werttheorie

Die Marx’sche Werttheorie ist einerseits eine Weiterentwicklung der Werttheorie von David Ricardo. Denn Marx löst das Dilemma der Nichterklärung des Profits auf, indem er Profit als Erscheinungsform einer Wertkategorie erklärt – des Mehrwerts. Mithilfe der Anwendung der Werttheorie auf die Arbeitskraft als Ware (die Marx als historische Form vorfindet) kann er zeigen, dass der Produktionsprozess der Waren gleichzeitig ein Wertentstehungsprozess ist: In dem Maße, in dem die Arbeitenden mehr arbeiten als zu ihrer eigenen Reproduktion nötig ist, wird ein unbezahlter Wertteil hervorgebracht, der Mehrwert.

Der Wertbildungsprozess wird zum Verwertungsprozess für das eingesetzte Kapital. Nur diesen Mehrwert hat der Kapitalist im Auge, wenn er die Ware Arbeitskraft kauft: Er zahlt, gemäß dem Wertgesetz, ihren Tauschwert, den Lohn, und nutzt den Gebrauchswert der gekauften Ware, die Arbeitsfähigkeit der Arbeitenden. Dass er diese über die Zeit hinaus arbeiten lässt, in der die Arbeiter die Waren für die eigene Reproduktion herstellen, ist sein (kapitalistisches) Recht. Profit, diese zentrale Kategorie der ricardianischen Theorie, erweist sich so als Ausbeutungskategorie.

Hier wird die andere Seite der Weiterentwicklung der Werttheorie durch Marx deutlich: Er benennt die doppelte Herrschaftsförmigkeit, die in der Wertbildung steckt. Damit zerstört Marx das Bild der Theorie von Adam Smith und David Ricardo, das eine Ökonomie zeichnet, in der alle Beteiligten gleiche und freie Warenbesitzer sind. Marx macht deutlich, dass diese Gleichheit und Freiheit aller nur oberflächlicher Schein sind, der in dem Moment zerstört wird, in dem „der Arbeiter“ nach Verkauf seiner Arbeitskraft an „den Kapitalisten“ diesem in die Produktionsstätte, die Fabrik, folgt:

„Beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Zirkulation oder des Warentausches … verwandelt sich, so scheint es, schon in etwa die Physiognomie unserer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andere scheu, widerstrebsam, wie jemand, der seine eigene Haut zu Markt getragen und nun nichts anderes zu erwarten hat als – die Gerberei.“ (Marx, 1972 [1867]: 191).

Aus den beiden gleichen und freien Warenbesitzern, die soeben Gleiches gegen Gleiches getauscht haben – Geld gegen Ware gleichen Tauschwerts – sind zwei Personen in einem Ungleichheitsverhältnis geworden. Ihre Beziehung ist jetzt eine herrschaftliche Beziehung, denn in der Fabrik herrscht der Kapitalist, der Arbeiter ist ihm unterworfen. Kapital ist nicht nur eine Geldgröße, sondern auch ein abstraktes Herrschaftsverhältnis – in dem zugleich die Arbeiterin hinter dem Arbeiter verschwindet.

Zum Zusammenhang von Wert und Herrschaft

Die Warenform der Produkte und der Warenaustausch unter scheinbar gleichen Warenbesitzern verdecken, wie Rosa Luxemburg schreibt, den Umschlag „von Eigentumsrecht in Aneignung fremden Eigentums, Warentausch in Ausbeutung, Gleichheit in Klassenherrschaft“ (Rosa Luxemburg 1981 [1913]: 397).

Der werttheoretische Kern dieser Klassenherrschaft ist das Wertgesetz, das in der Marx’schen Weiterentwicklung selbst herrschaftsförmig ist: Marx macht deutlich, dass der Tauschwert der Waren nur die Erscheinungsform von etwas anderem ist – die Erscheinungsform des Werts, der nicht die je konkret verausgabte Arbeitszeit zur Warenproduktion angibt, sondern die im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendige Zeit. Welche das ist, erweist sich erst im Warenaustausch am Markt. Diese Wertbestimmung erfolgt im gesellschaftlichen Prozess, „hinter dem Rücken der Produzenten“ (Marx 1972 [1867]: 59).

Aus dem Doppelcharakter der Ware als Gebrauchs- und Tauschwert ist somit die Herrschaft des Werts über den Gebrauchswert geworden. Kapital als Geldsumme ist eine quantitative Größe ohne Qualität, die immer mehr werden soll. Dass dafür Gebrauchswerte produziert werden müssen, ist notwendiges Übel. Auf deren Qualität kommt es nicht an, sie sind nur Träger des Mehrwerts, der im Verkauf der Waren realisiert wird. In der Herrschaft des Werts über den Gebrauchswert steckt somit die Herrschaft des Mehrwerts bzw. seiner Erscheinungsform, des Profits.

Neue Formen der Ein- und Ausgrenzung

Auf der Jagd nach Profit trifft der Kapitalist auf die Konkurrenz vieler anderer. Diese Konkurrenz wird über die Warenpreise geführt. Um sie zu senken, werden die Produktivkraft der Arbeit sowie die Arbeitsintensität immer weiter erhöht, wodurch viele Arbeitskräfte überflüssig werden. Sie werden hinausgestoßen und bilden die industrielle Reservearmee, die ständig bereitsteht, andere Arbeiter zu ersetzen.

Mit der kritischen Werttheorie von Karl Marx erhält die Werttheorie zwei neue herrschaftliche Facetten: Erstens die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter und zweitens die Herrschaft des Werts über den Gebrauchswert. Dieses doppelte Herrschaftsverhältnis erzeugt zugleich neue Formen der Ein- und Ausgrenzung, der Internalisierung und der Externalisierung. Denn trotz des Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital sind die Arbeitenden in das System einbezogen, sind Teil von ihm, Zugehörige. Aber geraten sie in die Arbeitslosigkeit und werden Teil der „industriellen Reservearmee“, so sind sie ausgegrenzt. Sie werden, vorübergehend oder beständig, zu einem wertlosen Anderen, demgegenüber die Beschäftigten als wertvoll erachtet werden, weil sie Mehrwert schaffen. So entsteht die paradoxe Situation, dass, keinen Ausbeuter zu finden, dramatischer ist, als ausgebeutet zu werden. Zugleich sind die wertlosen Anderen nicht nur Arbeitslose, sondern auch all diejenigen, die außerhalb der nun zentralen Sphäre der Fabrik arbeiten – oft im Haus oder im häuslichen Umfeld für Andere sorgend.

Frauen schaffen keinen Mehrwert

Unsere feministisch inspirierte Kritik an Karl Marx setzt an einer Abstraktion in der Marx’schen Theorie an: Marx betrachtet die Menschen nicht als komplexe lebendige Wesen, sondern als „Personifikation ökonomischer Kategorien, […] Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen“ (Marx 1867/1972: 16). In dieser Abstraktion sind alle Arbeiter Einbezogene. Ausgegrenzt aber ist, wie schon bei Smith und Ricardo, die überwiegend von Frauen verrichtete unbezahlte Sorge- oder Reproduktionsarbeit. Diese Arbeit von Frauen ist zwar Voraussetzung kapitalistischer Produktion, schafft aber keinen Wert und Mehrwert (zur Kritik vgl. die frühe Hausarbeitsdebatte, z. B. Kontos/Walser 1979).

Für den von Karl Marx herausgearbeiteten marktlichen Funktionsmechanismus ist keine staatliche Gewalt nötig. Diese wird jedoch gebraucht, um die Bedingungen für die Kapitalverwertung zu schaffen: um Menschen in Lohnarbeiter zu verwandeln und dem (nationalen) Kapital Märkte und Rohstoffe zu erschließen und zu sichern. Hierzu schreibt Rosa Luxemburg:

„Hier herrschen als Methoden Kolonialpolitik, internationales Anleihesystem, Politik der Interessensphären, Kriege.“ (Rosa Luxemburg 1981 [1913]: 397)

Somit wird zur Begründung, Aufrechterhaltung und Expansion der doppelten ökonomischen Herrschaftsstruktur politische Gewalt benötigt – und die Frage nach Wert und Herrschaft erschöpft sich nicht und geht nicht auf im scheinbar demokratischen Verhältnis freier und gleicher Marktteilnehmer*innen (siehe hierzu auch Gerstenberger 2018).

Der Beitrag knüpft an den Artikel „Wert und Herrschaft. Feministische Perspektiven auf die erzählte und nicht erzählte Geschichte der Wertbildung“ (Biesecker/Winterfeld 2020) an, der in Heft 1/2020 der Zeitschrift GENDER erschienen ist. Unsere ideengeschichtliche Analyse endet dort mit David Ricardo, sodass dieser Artikel zugleich eine Fortführung darstellt.

Literatur

Biesecker, Adelheid & Winterfeld, Uta von (2020). Wert und Herrschaft. Feministische Perspektiven auf die erzählte und nicht erzählte Geschichte der Wertbildung. In: GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 12(1), 111–126.

Gerstenberger, Heide (2018). Markt und Gewalt. Die Funktionsweise des historischen Kapitalismus (2. korr. Aufl.). Münster: Westfälisches Dampfboot.

Kontos, Silvia & Walser, Karin (1979). Weil nur zählt, was Geld einbringt – Probleme der Hausfrauenarbeit. Offenbach: Burckhardthaus-Laetare Verlag.

Luxemburg, Rosa (1981 [1913]). Die Akkumulation des Kapitals. In Gesammelte Werke (Band 5, Ökonomische Schriften). Berlin: Dietz.

Marx, Karl (1972 [1867]). Das Kapital. Bd. 1. In Marx Engels Werke (Band 23). Berlin: Dietz.

Marx, Karl (1967 [1863]). Theorien über den Mehrwert Teil 2. In Marx Engels Werke (Band 26). Berlin: Dietz.

Zitation: Adelheid Biesecker, Uta von Winterfeld: Das Kapitalverhältnis als Herrschaftsverhältnis in der Theorie von Karl Marx, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 24.03.2020, www.gender-blog.de/beitrag/kapitalverhaeltnis-als-herrschaftsverhaeltnis/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20200324

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Prof. Dr. Adelheid Biesecker

Adelheid Biesecker, *1942. Bis 2004 Professorin für Ökonomische Theorie am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Universität Bremen. Arbeitsschwerpunkte: Geschichte ökonomischer Theorie, Mikroökonomik aus sozial-ökologischer Perspektive, Ökologische Ökonomik, Feministische Ökonomik und Zukunft der Arbeit. Mitglied im Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften, in der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ) u. im wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland.

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Prof. Dr. Uta von Winterfeld

Uta von Winterfeld, Prof. Dr., Professorin für Politische Ökologie an der Universität Kassel und Projektleiterin in der Abteilung Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen am Wuppertal Institut. Arbeitsschwerpunkte: Naturbeherrschung und gesellschaftliche Naturverhältnisse, Nachhaltigkeit und Gender, Partizipation, Governance und Demokratie.

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