Skip to main content
Headergrafik: New Africa/stock.adobe.com

Gesehen Gehört Gelesen

„Kein Land für Niemand“? Fragen an die Migrationspolitik der EU

13. Januar 2026 Ajshe Qerkinaj

„Wann hat die EU ihre Menschlichkeit verloren?“ Diese Frage stellt sich Migrationsaktivist Tareq Alaows. Er ist eine von zahlreichen Stimmen, die im Dokumentarfilm Kein Land für Niemand. Abschottung eines Einwanderungslandes die Erfahrungen mit der europäischen Migrationspolitik auf ihrer Flucht nach Europa beschreiben. Gemeinsam mit weiteren Aktivist*innen setzt er sich für Aufklärung über die prekären Bedingungen für Schutzsuchende ein und gibt ihnen eine Stimme. Diverse Personen aus Politik, Zivilgesellschaft und verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen teilen im Film ihre Standpunkte und Bewertungen zu den Entwicklungen der europäischen Migrationspolitik. Der Film zeigt verschiedene Perspektiven, von Seenotrettungen auf dem Mittelmeer und Diskussionen im EU-Parlament bis hin zu Stimmungsbildern im deutschen Bundestag und der Zivilgesellschaft, zurück zu wissenschaftlich fundierten Erklärungen zum Thema Migration.

Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie geschlechterspezifische Perspektiven dabei sichtbar oder unsichtbar werden. Denn es sind insbesondere Frauen und andere marginalisierte Gruppen, die auf der Flucht überdurchschnittlich häufig von Gewalt betroffen sind (Phillimore et al. 2022: 716).

Der Blick auf den Tod im Mittelmeer

Der Film zeigt Aufnahmen eines überfüllten Boots, welches im Mittelmeer treibt. Es ist zu erkennen, wie ein Baby in einem vollen Boot verzweifelt hochgehalten wird. Seenotretter*innen beginnen mit der Evakuierung der Menschen an Bord. Kurz vorher erhalten sie eine Drohung der libyschen Küstenwache: ,,We might attack you‘‘ ist im Film zu hören. Einige Menschen überleben die Rettungsaktion nicht, die libysche Küstenwache schaut tatenlos zu. Ein Überlebender aus Syrien schildert, er habe auf seinem Weg nach Europa einen Pushback durch die griechische Küstenwache überlebt. Der junge Mann beschreibt, wie die Küstenwache das Boot zum Kentern brachte und den Tod hunderter Menschen verantwortete. Er erklärt, er sei geflohen, um zu leben, doch auf der Flucht sei er dem Tod begegnet. Dieses verunglückte Boot wurde von der europäischen Grenzagentur Frontex Stunden vor dem tragischen Unglück im System gesichtet. Das Ertrinken hunderter Menschen hätte verhindert werden können.

Eine solidarische Union, die ihre Grenzen schützt

Der Blick auf die Europäische Union präsentiert ein anderes Narrativ. Mitglieder des Parlaments diskutieren darüber, wie viele Migrant*innen Europa aufnehmen sollte. Die Aufnahmen im Film zeigen die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, sie schüttelt lächelnd die Hände von Partner*innen aus Drittstaaten. In der EU scheinen die Mitglieder einig: Migration muss reguliert und reduziert werden. Einblicke in die Inhalte der Reformpapiere des europäischen Asylsystems zeigen, dass Grenzschutz und interne Sicherheit zunehmend an Bedeutung für die EU gewinnen, während Seenotrettung und der Schutz von Menschenrechten für Flüchtende an Relevanz verlieren. Die Dokumentation beschreibt diese Entwicklung als klaren Paradigmenwechsel. Während vorher Leid und Gewalt gezeigt werden, präsentiert der Film die distanzierte und pragmatische Perspektive der EU. In der geschlechter- und migrationspolitischen Forschung wird beobachtet, dass die EU mit ihrer restriktiven Asylpolitik systematisch zu den schwierigen Lebensbedingungen für Asylsuchende beiträgt. Ihre Maßnahmen verursachen eine politisch erzeugte Prekarität und erhöhen strukturell das Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt für ohnehin vulnerable Gruppen wie Frauen, Mädchen und queere Personen (Tastsoglou, Petrinioti & Karagiannopoulou 2021: 2).

Migration als deutsches Konfliktfeld

Auch in Deutschland entwickeln sich zunehmend restriktive Maßnahmen, um Zuwanderung zu reduzieren. Der Film verdeutlicht, wie verschiedene deutsche Politiker*innen über die vermeintlichen Gefahren und Probleme von Migration sprechen. Die Meinungen und Diskurse aus Politik und Medien erwecken den Eindruck, man könne keine weiteren Schutzsuchenden aufnehmen, das sei weder möglich noch gewünscht. Die Debatten rund um das Thema Migration scheinen in der deutschen Politik von keiner politischen Partei aus geschlechtersensibler Sicht beachtet zu werden – jedenfalls wird diese Perspektive im Film nicht sichtbar –, obwohl geschlechtsspezifische Gewalt ein anerkannter Verfolgungsgrund im Asylrecht ist. Das Ausblenden vergeschlechtlichter Fluchtursachen und -erfahrungen ignoriert damit strukturelle Unterschiede und Diskriminierungen, die entscheidend für die Gewährung von Asyl sein können (Çelebi, Braun & Conrad 2025: 4).

Die Wissenschaft und das ,,Problem‘‘ der Migration

Die gezeigten Interviews mit Wissenschaftler*innen bekräftigen, dass Migration nicht den negativen Effekt auf Gesellschaften hat, den Medien und Parteien häufig suggerieren. Die Politologin Natascha Strobl warnt: Die deutsche Haltung im Umgang mit Migration ist entscheidend für die gesamte EU. Deutschlands Positionierung sei essenziell für das gesamteuropäische Verständnis und den Umgang mit Zuwanderung. Rutsche die deutsche Politik nach rechts, dann werde sich dies auf das Werteverständnis der EU auswirken. Ebenfalls kritisch wertet der Soziologe Aladin El-Mafaalani die zunehmend restriktive Haltung der EU. Viele der Änderungen im europäischen Asylsystem seien unrealistisch, zu kurz gedacht und stellenweise widersprüchlich.

Die Aussagen der Wissenschaftler*innen unterstreichen das zentrale Anliegen des Films, einen humanen Umgang mit Schutzsuchenden in Politik und Gesellschaft einzufordern. Eine fundierte Sicht der Geschlechterforschung in Hinblick auf Migration bleibt unausgeführt, ist an dieser Stelle jedoch von großer Bedeutung: Ungefähr die Hälfte aller Geflüchteten weltweit sind Frauen, sie bilden mit Kindern und queeren Personen eine vulnerable Gruppe. Frauen sind besonderen Gefahren auf irregulären Fluchtrouten ausgesetzt. Sie werden häufig zu sexuellen Handlungen gezwungen, um an Nahrung zu gelangen oder Wege auf ihrer Flucht überqueren zu dürfen. Dies bezeichnet man in der Forschung auch als ,,transactional sex‘‘ (Phillimore et al. 2022: 716ff.).

Migration muss intersektional betrachtet werden

Die Forschung zeigt eindeutig, dass Flucht stark von Geschlecht, sexueller Orientierung oder sozialen Positionen abhängt (Tastsoglou, Petrinioti & Karagiannopoulou 2021: 2). Auch die Women’s Refugee Commission betont die hohen Zahlen sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt gegenüber Frauen entlang ihrer Flucht. Gleichzeitig werden die langfristigen Folgen geschlechtsspezifischer Gewalt während der Flucht sowie mögliche Präventivmaßnahmen seltener in der Politik und Wissenschaft berücksichtigt. Die Dokumentation macht auf die katastrophale humanitäre Lage an Europas Außengrenzen aufmerksam. Eine differenziertere Beobachtung geschlechterspezifischer Fluchtursachen und Gewalt gegen Schutzsuchende hätte die strukturellen Unterschiede weiter herausgearbeitet. Die Benennung der Herausforderungen von Frauen oder LGBTIQ+-Personen auf der Flucht muss mitgedacht und berichtet werden. Neben bekannten Gründen wie Krieg sollte man die diversen Fluchtursachen von weiteren vulnerablen Gruppen einschließen. Frauen und Minderheiten erleben Flucht oft anders und fliehen aus anderen Gründen. Ihre Perspektiven hätten dem Film noch mehr Tiefe und Diversität verliehen.

Deutschland und die EU – Kein Land für Niemand?

Der Dokumentarfilm zeigt, dass Migration auch zehn Jahre nach dem Sommer der Migration zu den politisiertesten Themen in der Bundesrepublik zählt. Debatten werden häufig auf populistischer Ebene geführt und berücksichtigen Fakten und rechtlich bindende Vorgaben immer seltener. In den 106 Minuten des Films wird deutlich, dass die europäische und deutsche Politik Migration weitreichend problematisiert und Flucht zunehmend illegalisiert wird, aber keine effektiven Lösungen geboten werden. Die Illegalisierung von Flucht trifft dabei ohnehin benachteiligte Gruppen wie Frauen oder andere marginalisierte Personen besonders.

Aufgrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit hat Deutschland das Grundrecht auf Asyl in seiner Verfassung garantiert. Heute gefährdet der neue Koalitionsvertrag der Bundesregierung dieses Recht. Restriktive Politik wird Flucht nicht verhindern. Sichere und legale Fluchtwege sowie eine solidarische Politik sind essenziell. Sie müssen geschlechterspezifische Risiken und strukturelle Ungleichheiten mitdenken, um die humanitäre Katastrophe an Europas Außengrenzen zu beenden und die verloren geglaubte Menschlichkeit Europas zurückzugewinnen.

Der Film Kein Land für Niemand. Abschottung eines Einwanderungslandes wird an verschiedenen Standorten gezeigt. Die nächsten Vorführungen sind hier einsehbar.

Literatur

Çelebi, Dilken; Braun, Rebekka & Conrad, Catharina (2025). Geschlechtsspezifische Bedarfe und die GEAS-Reform. VerfBlog, 11.06.2025, verfassungsblog.de/geas-schutz-vulnerabler-gruppen. https://doi.org/10.59704/3df650d30dc4b3ab 

Phillimore, Jenny; Block, Karen; Bradby, Hannah; Ozcurumez, Saime & Papoutsi, Anna (2022). Forced Migration, Sexual and Gender-based Violence and Integration: Effects, Risks and Protective Factors. Journal of International Migration and Integration 24(2): 715–745. https://doi.org/10.1007/s12134-022-00970-1 

Tastsoglou, Evangelia; Petrinioti, Xhanthi & Karagiannopoulou, Chara (2021). The Gender-Based Violence and Precarity Nexus: Asylum-Seeking Women in the Eastern Mediterranean. Frontiers in Human Dynamics 3:660682. https://doi.org/10.3389/fhumd.2021.660682 

Zitation: Ajshe Qerkinaj: „Kein Land für Niemand“? Fragen an die Migrationspolitik der EU, in: blog interdisziplinäre geschlechterforschung, 13.01.2026, www.gender-blog.de/beitrag/kein-land-fuer-niemand-geschlechterfragen/, DOI: https://doi.org/10.17185/gender/20260113

Beitrag (ohne Headergrafik) lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz Creative Commons Lizenzvertrag

© Headergrafik: New Africa/stock.adobe.com

Ajshe Qerkinaj

Ajshe Qerkinaj studiert im Master Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Interessensschwerpunkte liegen in der Friedens- und Konfliktforschung sowie im Themenfeld Migration. Dabei beschäftigt sie sich insbesondere mit Fragen von Geschlechterungleichheiten. Sie ist als wissenschaftliche Hilfskraft in der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung tätig.

Zeige alle Beiträge

Schreibe einen Kommentar (max. 2000 Zeichen)

Es sind max. 2000 Zeichen erlaubt.
Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden von der Redaktion geprüft und freigegeben.